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Jüdische Zeitung · 1916-01-28 · 4 (28.1.1916) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 -JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Fonds) 'zur Verfügung standen, die auch unter der Aufsicht des Erzbischofs von Warschau zur Verteilung gelangt sind. Obwohl aber etwa 2 1/2 Millionen dieses Betrages von jüdischer Seite aufgebracht wurden, befindet sich doch kein Jude im Komitee, und nur 150 000 Rubel sind den Juden für Hilfszwecke übergeben worden, was allgemein Erbitterung tind Bestürzung erregt hat und auch kaum zu rechtfertigen ist in Anbetracht des Umstandes, daß 15 v. H. der Gesamtbevölkerung Polens Juden sind. Das Schlimmste von allem ist die Unsicherheit der Lage im allgemeinen. Dies .Würde Sich mit einem' Schlage bessern, Wenn [die Regierung heute schon mit einem festen Programm' für die Zukunft auftreten könnte, das mag jedoch aus politischen Gründen noch nicht möglich sein und entzieht Sich jedenfalls der öffentlichen Besprechung. Wie die Dinge liegen, haben die Juden Furcht vor den Polen und noch kein rechtes Vertrauen zur deutschen Regierung. Wie sollte auch dies seit Jahrhunderten geknechtete und geschundene Volk Vertrauen haben! Man darf nicht vergessen, daß ein unerhört grausames Schicksal die polnischen Juden zu dem gemacht hat, was sie heute sind — eine geängstigte und gequälte Masse, in der das Ringen um die Existenz vielfach auch eine unerfreuliche moralische Verwilderung hervorgerufen hat. Um hier Wandel zu schaffen, um vor allem1 Vertrauen herzustellen, gibt es nur einen Weg. Man sollte nicht nur den Kreis der mit den Verhältnissen und Imit der Eigenart der jüdischen Masse vertrauten Beamten erweitern, sondern auch den unmittelbaren Verkehr mit dem Volk durch Anstellung von Vertrauensmännern auch in der Provinz und auf dem Lande erleichtern. Dies dürfen natürlich’ keine Eingeborenen sein, sondern reichsdeutsche Juden von zuverlässiger Gsinnung, die gleichzeitig aber auch gute Beziehungen im Lande haben und die Bedürfnisse und den Charakter der Leute kennen, demnach imstande sind, sich auch deren Vertrauen zu gewinnen. Auf diesem Wege, der hier nur angedeutet sein soll, wird es gelingen, einerseits die Scheu vor der Behörde, das angeborene Mißtrauen zu (überwinden, andererseits das lästige und zudringliche Ueberlaufen der vielgeplagten Beamten mit keinen Anfragen und allerhand Lappalien zu verhüten und somit menschenwürdige Zustände Wenigstens anzubahnen. Rus Palästina. Die wirtschaftliche Lage in Palästina wird immer schlimmer. Die Regenperiode setzte dieses Jahr erst am 29. November ein, sodaß die Pflanzungen unter der langen Trockenheit litten. Im ganzen Lande fehlt es an Geld, besonders den Farmen der Privatgesellschaften, wie Ruchama, Kerkur und Kfar-Urie. Verschiedene Kolonien konnten Eukalyptusbäume verkaufen, sodaß sie wenigstens einige Einnahmen hatten. Die Kolonie Petach Tikwah verkaufte eine beträchtliche Anzahl dieser Bäume für 12.000 Francs, die Gesellschaft „Pardess“ verkaufte 7000 Bäume, die einen Wert von 40.000 Francs darstellen, an die Eisenbahnverwaltung. In der Jaffaer Volksküche werden jetzt täglich 100 Personen unterhalten, wovon 40 unentgeltlich und 60 gegen Zahlung von 2—21/2 Mettalik (10—15 Cent) gespeist werden. Auch inSaffed und Tiberias sind die Volksküchen von wohltätiger Wirkung. * Einem Bericht vom 6. Dezember v. J. aus Jaffa entnehmen wir folgendes: Sonnabend, den 4. Dezember veranstalteten die Schüler der hiesigen Musikschule eine musikalische Aufführung, die glänzend verlief. Unter den Anwesenden befanden sich auch der deutsche und österreichische Botschafter, sowie viele türkische Offiziere. Der Reinertrag des Abends, der das in Anbetracht der herrschenden Krise ansehnliche Resultat von 350 Francs erzielte, wird zur Bekleidung und Beschuhung armer Kinder verwendet. Die unter der Leitung des Herrn H'openko stehende Musikschule wies vorzügliche Leistungen auf. Das Schulorchester wurde von Fräulein Amsel dirigiert. Besonderen Beifall fand die hervorragende Wiedergabe des Mendelssohn-Konzerts durch Fräulein Deborah Rahinowitz und die äußerst lobenswerte Darbietung des Chopin’schen Scherzos durch Fräulein Berger. * Am 19. und 20. Dezember v. J. wurden in Jerusalem wieder große Schwärme einer neuen Heuschreckenart gesichtet. Die Heuschrecken übertrafen die früheren an Körpergröße und wiesen matt-rote, fast schwärzliche Färbung auf. Es wurden zahlreiche Einwohner in die Umgebung der Stadt geschickt, um die neuen Schädlinge zu vernichten. * Am 4. Dezember v. J. fand in den Räumen der Alliance-Schule in Jerusalem ein von der Hebräischen Töchterschule in Jerusalem veranstalteter Chanukah-Abend statt Der große Saal war überfüllt Neben den angesehensten jüdischen Bürgern der Stadt waren auch viele hohe Regierungsbeamte anwesend, u. a. der Direktor des Vakufs Djemil Bey, der Adjutant Djemal Paschas, des Oberbefehlshabers in Syrien. Auch der griechische und spanische Konsul wohnten der Feier bei. Der Abend wurde mit einem Chorgesang der Schüler und Schülerinnen der Jerusalemer hebräischen Schulen eingeleitet Es wurden Stücke von Lewandowski, Haydn, Rubinstein, Händel, Verdi, Beethoven, Schumann u. a. zu Gehör gebracht. Der „Bezalel “-Meister Herr Strich führte lebende Bilder biblischen Inhalts vor, die mit großem Beifall aufgenommen wurden. Zum Schlüsse wurde ein symbolisches Friedensbild unter den Klängen der von einem unsichtbaren Chor gesungenen Friedensverkündungen Jesaias: „Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden“ enthüllt. Der Ertrag des Abends war zum besten der Schulküche bestimmt Auch in den hebräischen Kindergärten Jerusalems fanden erhebende Chanukahfeiern statt. Es wurden von den Kleinen theatralische und turnerische Darbietungen zum besten gegeben. * In der letzten Zeit wurde in Haifa eine Schneider-Kooperative für Herrenkonfektion begründet, die von seiten des amerikanischen Hilfsfonds ein Darlehen erhielt. Dank dem Haifa’er Arbeiterheim wurde dort eine Arbeiterleihkasse ins Leben gerufen. * Die Poale-Zion setzen ihre kulturelle Tätigkeit im Lande fort Seit der behördlichen Einstellung ihres Organs „Ha’achduth“ haben sie bereits zwei Sammelbücher unter dem Titel „Bein Hamzarim“ herausgegeben, die verschiedenen Fragen des palästinensischen und des Arbeiter-Lebens gewidmet sind. Binnen kurzem soll auch ein drittes Sammelbuch erscheinen. Brief aus Galizien. Der Lehrmeister Krieg dürfte die galizischen Juden auch über den tatsächlichen Wert der vielen „Volksfreunde“ verschiedenster Kouleur belehrt haben. In Friedenszeiten, als die Juden Mandate zu vergeben hatten, buhlten die diversen Karrierenjäger um ihre Gunst und usurpierten sich die Führung und Vertretung derselben in allen Vertretungskörpem, um sie in den Tagen schwerster Not um so rascher zu verlassen. Die Mutigeren unter diesen Vertretern wiesen ihre hilfesuchenden Volksgenossen schlankweg ab und diejenigen, die den nötigen Mut hiezu nicht aufzubringen vermochten, verkrochen sich in unauffindbare Verstecke. Die Judenheit Galiziens war ihrem unsäglich traurigen Schicksale während der ganzen Invasionszeit überlassen und ist es auch jetzt noch, wo sie unter den Einwirkungen des Krieges und den Nachwirkungen der Invasion stark zu leiden hat Die einzigen, die sich der von den offiziellen Vertretern verlassenen Juden annahmen und noch weiter annehmen, das sind die Zionisten. Mit besonderer Genugtuung kann konstatiert werden, daß zur Zeit der Russeninvasion fast überall die wenigen zurückgebliebenen Parteigenossen es waren, die inmitten der ungeheuren Gefahren unter den schwersten Opfern charitative und soziale Institutionen ins Leben riefen, die Hilfstätigkeit organisierten und leiteten und ihren bedrängten Brüdern in jeder möglichen Weise zu Hilfe kamen. Es ist bekannt, welche wichtigen Funktionen die Zionisten im zentralen „Jüdischen Rettungskomitee“ in Lemberg ausübten, das lediglich ihrer Führung und Mitarbeit die Möglichkeit der Entfaltung einer so segensreichen, weitverzweigten Hilfstätigkeit verdankte. Und auch an den gegenwärtigen Rettungsarbeiten dieses unter dem Vorsitz des kaiserl. Rates Herrn Jakob Stroh stehenden Rettungskomitees haben unsere Gesinnungsgenossen den Löwenanteil. S i e hauptsächlich sorgen für die Herbeischsffung der Mittel, sie bereisen die Provinz, um das Elend der Juden in den Provinzorten aus eigener Anschauung kennen zu' lernen und die Hilfsarbeit an Ort und Stelle zu organisieren. Auf diesem Gebiete haben sich die Gg. Dr.Hausner, Dr. Landau und D. Ru.benzahl besondere Verdienste erworben. Neben dieser Hilfstätigkeit lassen sich unsere Parteigenossen in Galizien auch die Wahrung der sonstigen jüdischen Lebensinteressen angelegen sein. So z. B. traten sie als die ersten mit der nachdrücklichen Forderung einer wirklichen jüdischen Repräsentanz im Lemberger Gemeindebeirate in die Oeffentlichkeit. eine Forderung, für die sie weitere jüdische Kreise zu interessieren wußten. Bekanntlich wurden gelegentlich der Ernennung eines aus 18 Mitgliedern bestehenden Gemeindebeirates den Juden der galizischen Hauptstadt, die gemäß der Volkszählung vom Jahre 1910 27-80/0 der Bevölkerung ausmachen, 4 Vertreter zuerkannt, von denen jedoch einer als Geisel in Rußland weilt, der zweite in Wien sich aufhält, der dritte die Ernennug nicht angenommen hat und der vierte krank war und inzwischen auch gestorben ist Bis nun hatte der Beirat in manchen Sitzungen über wichtige Fragen, die die jüdische Bevölkerung Lembergs sehr angehen, zu beraten und zu ent¬ BudMIung R. Göwit, Wien I. Rotenturmstraße 22 Zwei neue Bücher von Martin Buber Vom Geist des Judentums Reden und Geleitworte. — Erscheint Anfang Februar. —Subskriptionspreis (bis 31. Januar) K 5.25. Nach Erscheinen K 6.75. Die jüdische Bewegung Reden und Aufsätze.— Erscheint Ende März. Subskriptionspr. (bis 15. März) K 6.—. Nach Erscheinen K 6.75. Soeben ist erschienen: Friedemann A., Dawid Wolffsohn K —.60. Die erste Wolffsohn-Biographie aus der Feder des bekannten Herzlbiographen. Hugo Zuckermann, Gedichte. Zweite Auflage. Kartoniert K 2.40, in Leinen gebunden K 3.60. Liebhaber-Ausgabe (10U numerierte Exemplere) in Ganzleder gebunden K 12.—. Nur noch wenige Exemplare vorhanden. Hugo Zuckermanns Gedichte gehören in jedes jüdische Haus. scheiden, bei we'chen jedoch jüdische Vertreter fehlten. Es ist nun das ausschließliche Verdienst unserer Parteigenossen, wenn nunmehr der Einzug zweier, eventuell dreier Juden in den Beirat bevorsteht Als kürzlich eine zionistische Deputation unter Führung des P.ofessors Bromberg in dieser Angelegenheit beim Regierungskommissär Grabowski vorgesprochen hatte, verlangte derselbe die Namhaftmachung zweier Kandidaten. Unsere Gesinnungsgenossen beriefen daraufhin eine Versammlung aller jüdischen Parteien ein, in der eine Einigung hinsichtlich der zu nominierenden Kandidaten erzielt wurde. Interessant und in gewisser Hinsicht charakteristisch war das in der erwähnten Versammlung abgegebene Bekenntnis Dr. Sokals, der zu unseren heftigsten Gegnern gehörte und den zionistischen Vertretern im Lemberger Kultusrat oft entgegengetreten war. Er anerkannte rückhaltlos die Leistungen und Verdienste oer Zionisten für das jüdische Volk während und nach der Invasion, die ihn die Ueberzeugung verschafften, daß dort, wo es sich um das Wohl der jüdischen Gemeinschaft handelt, die Zionisten die Haupt- oder richtiger die einzigen Arbeiter sind, und die ihn zum Eintritt in das „Jüdische Rettungskomitee“ veranlaßten, das von ihnen geleitet wird. Er werde auch fernerhin gemeinsam mit den Zionisten für das Wohl der Judenheit arbeiten. Bei dieser Gelegenheit sei noch auf die Bedeutung des „Lemberger Tagblatt“ hingewiesen, das gegenwärtig die einzige jüdische Zeitung im Lande ist Durch das Wiedererscheinenlassen dieses Blattes sofort nach der Befreiung Lembergs ermöglichte unsere Parteileitung einigermaßen die Wiederherstellung eines Kontaktes zwischen der Judenschaft im Lande und die Reaktivierung einer jüdischen öffentlichen Meinung, was bei den desolaten Zuständen nach der Invasion sonst ganz ausgeschlossen gewesen wäre. Zum Schlüsse möge noch über die nunmehrige Wiedereröffnung der jüdischen Toynbeehalle in Lemberg, die während der Invasion geschlossen war, berichtet werden. Am 15. Januar fand der erste Vortragsabend statt, auf dem Professor Dr. Hausner über „Kriegswaisenschutz“ sprach. Am 19. Januar hielt Dr. M. Bickeles über „Die Maßnahmen gegen Pocken“ einen Vortrag. Das Programm für die nächsten Tage ist bereits festgesetzt Es werden sprechen: Dr. Israel Rath über „Agadah“, Dr. Mund über „Die Kriegssteuer“, Dr. Bickels über „Die Schöpfungen Perez’“, D. H. Ti eg er über „Die Juden Polens im 17. Jahrhundert“, Frau Pomeranz-Melzer über „Die Katastrophe des Galuth-Judentums“ und M. Tenenblatt über „Die neuhebräische Literatur“. Zioni. Die »Jüdische Zeitung“ ist im Einzelverschleiß in der Buchhandlung R. Löwit, I. Rotenturmstraße 22 und in dem Zeitungsbüro Goldschmiedt, I. Woüzeile 11 erhältlich. Geldsendungen für Schekel, Zentralfonds und Palästina-Hilfsfonds sind an das Zionistische Zentralbüro, Wien, II. Zirkusgasse Nr. 33, Postsparkassenkonto Nr. 47.11 , zu richten.

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