Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JODISCHB ZEITUNG! Nr. 4 Aus öen öeufscfien Obbupafionss gebiet. Ein LehrermStitut; das die Vorbereitung jfrd. ReligionSleörer für Mittelschulen zum Ziel hat, ist vor kurzem in Warschau ins Leben gerufen worden. An der Spitze des Instituts steht der bekannte Gelehrte Rabb. Dr. S. A. Posnansky. Außer dem Leiter der über Bibel und jüdische Geschichte lesen wird, besteht das Lehrpersonal aus den Herrn Ing. Einhorn (Hebräisch und hebräische Literatur), Goldsobel (Polnisch und polnische Literatur) und Dr. j. Weinberg (Geschichte und Deutsch). Unter der Leitung des Pädagogen und Schriftstellers Sch. L. G o r d o n sind in Warschau im Gebäude des jüdischen Gymnasiums „Höhere Kurse zur Vorbereitung von Lehrern und zur Vervollständigung in hebräischen Lehrgegenständen“ eröffnet worden. Als Dozenten sind genannt: Sch. L. Gordonfür jüdische Geschichte, hebräische Grammatik und Geschichte; Hillel Zeitlin für Geschichte des Talmud u. Religionsphilosophie; F. Lachower für mittelalterliche Poesie und neueste Literatur; Dr. Hin des für Anatomie und Physiologie; Ing. Einhorn für Physik; Ing. Zemach für Botanik und Zoologie. Alle diese Vorlesungen werden in hebräischer Sprache gehalten. Außerdem wurden noch Vorlesungen über deutsche Sprache und Literatur, polnische Sprache lund Literatur veranstaltet. * Ch!. A. Rubinow erhielt die Genehmigung, Vorlesungen über Talmud, talmudische Philosophie und Ethik in Warschau zu halten. * Die Verwaltung der „ Abendkurse für Arbeiter“ beschloß die Eröffnung eines neuen Massenkurses für etwa 500 Hörer, außer den bereits bestehenden 20 Abendschulen für jüdische Arbeiter, deren Hörerzahl ebenfalls ca. 500 beträgt. Es Wurde auch eine Erweiterung des Unterriditsprogramms beschlossen, so daß künftig außer Polnisch, Jidisch, Deutsch, Naturkunde, jüdische Geschichte und Gesundheitslehre auch Hebräisch, Kulturgeschichte, allgemeine Geschichte und Nationalökonomie an den Abend- Schulen für Arbeiter unterrichtet werden soll. * Aus der Chronik einer Freitag-Nummer der „Hazefirach“ entnehmen wir die folgenden Anzeigen der am Sonnabend Abend stattfindenden Vorträge und Versammlungen, die einen Einblick in das rege gesellschaftliche und geistige Leben des jüdischen Warschau bieten. In der Vorstadt Praga findet die Gründungsversammlung der „Jüdischen Literatur -Gesellschaft“ statt. Im „Verein jüdischer Lehrer“ liest der Pädagoge J. Schapiro über die „Methoden des Bibelunterrichts“. In der Gesellschaft „Chowewe Sfath' Ewer“ hält der Ing. Agronom’ Sch. Zemach einen Vortrag über „Die Juden jn Palästina“. Auf einem dramatisch-musikalisch. Abend im1 Schweiz ertal“ referiert Wladimir Medem über „Das jüdische Theater und das jüdische Publikum“. Im zionistisch-orthodoxen Verein „Hascha ch ar“ spricht der Schriftsteller Hillel Zeitlin über „Die Leiden der chassidischen Jugend“. Im „Hasamir“ liest Dr. J. Wjelikowsky über „Kulturjuden und Judenkultur“. Im Jugendverein „Merkas“ spricht Sch. Stupnitzky über das1 „Jüdische Rassenproblem“. Alle diese Vorträge haben öffentlichen Charakter und hängen nicht mit den geschlossenen Zyklen zusammen, die in den verschiedenen Vereinen und Lehranstalten über jüdische Literatur, Geschichte mjs.w. meistens an Wochentagen abgehalten werden. Den Konzentrationspunkt der nationalen und zionistischen Jugend Warschaus bildet gegenwärtig der „Merkas hazeirim“, wo sich jeden Abend (mehrere hundert jüdische junge Leute zusammenfinden, um Sich die freien Stunden durch Vorlesungen, Sprachstudium und Veranstaltungen künstlerischer Art zu verkürzen. Der „Merkas“ wird in immer steigendem* Maße zum Sammelpunkt der nationaljüdischen. Jugend Warschaus. Im gesellschaftlichen (Leben der jüdischen Jugend Warschaus nimmt auch der „Jüdische Studentenverein“ einen bedeutenden Raum ein. Zahlreich und groß waren die Schwierigkeiten und Hindernisse^ die der Gründung dieses .verheißungsvollen Vereines in den Weg gelegt wurden. Nun aber sind alle HemnisSe überwunden. Auf jüdischnationalem Boden stehend, ist dieser Verein doch unparteiisch. * Das seit dem 17. Dezember in Bjalistok in deutscher und polnischer Sprache erscheinende offizielle Amtsblatt“ wird vom 15. Januar d. J. ab auch in jiddischer Sprache erscheinen. Mit der Redaktion des jiddischen Teiles würde Herr Herschberg betraut. Das „Amtsblatt“ erscheint einige Male Wöchentlich1 und enthält neben amtlichen Verordnungen und Bekanntmachungen auch Artikel publizistischer Natur. JQOisdie Kriegslanöspende. In Nummer 1 der unter der Redaktion Adolf Damaschke's erscheinenden Halbmonat r Schrift „Bodenreform“ ist unter obigem Titel folgende Würdigung der Aktion Zu Gunsten der Kriegs landspende zu lesen: „Eine Interessante Parallelaktion zur Kriegerheimstättenbewegung, die erfreulicherweise nun auch in Oesterreich an Boden gewinnt, ist die vom Jüdischen Nationalfonds in Lemberg und Wien eingeleitete Sammlung für eine Kriegslandspende. Der „jüdische Nationalfonds“ ist eines der Geldinstitute der zionistischen Bewegung und verfolgt den wohl allen Bodenreformen! sympathischen Zweck, Grund und Boden als unveräußerliches Volkseigentum in Palästina zu erwerben (vgl. die neueste Auflage von Damaschkes „Bodenreform“ S. 244). So knüpfen die Zionisten an die soziale Gesetzgebung Mosis an, die niemand eindringlicher als Damaschke selbst verherrlicht hat. Durch den Krieg nun ist dem Nationalfonds eine neue Aufgabe erwachsen. Zahllose Familien in Galizien und Bukowina sind um ihre Existenz gebracht, ihr (Hab und Gut zerstört. Statt der Auswanderung nach' Amerika, die ohnedies bald gesperrt Werden 'dürfte und die auch vom politischen Standpunkte der Zentralmächte Weniger (erwünscht ist als eine Auswanderung in die verbündete erstarkende Türkei, soll diesen armen Kriegsopfern die Arisiedlung in Palästina ermöglicht werden. Das Land wird in Erbpacht, also nach bodenreformerischen Prinzipien, ausgegeben. Ein Dunam Land(etwa ein Fünftei Joch) kostet in Palästina 50 K. Wer nur einen Dunam oder einen Bruchteil spendet, trägt Schon Zur Schaffung einer wirtschaftlichen Grundlage für feine Flüchtlingsfamilie erheblich bei.— Bedenkt man, daß schon jetzt (in mehreren1 reicksdeutschen Broschüren die Angst vor den ostjüdischen Arbeitern, die den Lohnsatz drucken könnten, und überhaupt vor .einem starken Einströmen der russischen und polnischen Juden •nach' dem Westen zum Ausdruck kommt, so muß man auch’ Von diesem Standpunkt ausl die Kriegslandspende als Verminderung eines solchen Druckes vom Osten her begrüßen. Neben die Sorge um eine vernünftige Auswanderung, die das Volk statt zur Proletarisierung in Großstädten zur Gesundung auf eigenem Boden führt, muß natürlich die Stützung der wirtschaftlich lebensfähigen Elemente in Galizien resp. Russisch-Polen treten. Die Kriegslandspende soll also nicht etwa Auswanderung erzeugen, sondern die auch schon vor dem Kriege bestandene und nach dem Kriege sich notwendig steigernde Auswanderung in ein vom menschlichen, zentral staatlich en und jüdischen Standpunkt richtigeres Bett leiten.“ Es wäre zu wünschen, daß dieser Aktion auch jüdischerseits ein solches Verständnis entgegengebracht Werde. Ein jüdisches Rottudi. In diesen Tagen wurde dem Internationalen sozialistischen Bureau im Haag vom Bureau der Poale-Zion eine Schrift überreicht, die große Beachtung verdient, nämlich eine Sammlung von Dokumenten über die Lage der Juden in den kriegführenden Ländern mit einer begleitenden Denkschrift. Es ist dies die erste Sammlung dieser Art, wenn auch* die Herausgeber im Vorwort bemerken, daß sie nich lückenlos ist. Sie enthält wertvolle Dokumente und Kundgebungen. Der erste Teil der Sammlung ist „Rußland und die Juden“ bezeichnet. Er enthält eine Reihe von Verfügungen des großfürstlichen Generalissimus und seiner Unterführer, die den Zweck hatten, die Gesamtheit der Juden Rußlands Und Galiziens (zur Zeit der Okkupation) offiziell des organisierten Verrats an der russischen Armee zu beschuldigen. Die Legende sollte einerseits die jüdische Bevölkerung der Willkür der Soldateska preisgeben und die buchstäbliche Ausrottung der Juden im Gebiete der Operations-Armee einleiten und zugleich die fortgesetzten Niederlagen des Heeres rechtfertign. Es folgen die drei bedeutendsten Reden über das Martyrium1 der Juden Rußlands, die von der Tribüne der Reichsduma gehalten wurden. Die groß angelegte Rede von Fried mann und die bemerkenswerten Ansprachen von Tschcheidse und Dsulinsky enthalten einen Bruchteil der bekannt gewordenen. Tatsachen von Grausamkeiten an den russischen Juden. Der 2. Teil der Sammlung ist den Beziehungen von Juden und Polen1 gewiedmet, (und der 3. Peil charakterisiert die Lage der Juden in der Türkei bezvV. in Palästina. Die Poale-Zion richten einen Appell an (die internationale Arbeiterschaft, zur Judenfrage im ginne des nationalen Selbststimmungsrechts Stellung (zu nehmen und durch Schaffung einer jüdischen Sektion ihre Achtung vor der (nationalen Jndividualität der Juden zu bekunden. Hns 9er jüdischen Heit. Wie die Budapester jüdischen Zeitungen berichten, sind Viele jüdische Gemeinden in Ungarn infolge der Einrückung der bei den Landsturmmusterungen geeignet befundenen Gemeindemitglieder vollständig entvölkert worden. Aus einer orthodoxen Kultusgemeinde, welche nicht einmal zu den kleinen gehört, und zwar aus Nagybanya, kam der Bericht, daß diese Gemeinde vor dem Krieg 200 steuerzahlende Mitglieder zählte, von denen ungefähr 150 als Reservisten und als geeignet befundene Landsturmmänner bereits eingerückt sind, Während 33 am 15. Dezember (einrückten. > * Aus Nischi wird berichtet, daß sich der Präsident der jüdischen Gemeinde in Belgrad, Benjamin Boully, als ein aufopferungsvoller Freund der in serbische Kriegsgefangenschaft geratenen österreich.-ungarischen (Soldaten erwiesn hat. Die serbische Regierung Widersetzte sich trotz wiederholter Bitten der Nischer Jndustriellen und Kaufleute der Heranziehung der Kriegsgefangenen zu den Arbeiten in Werkstätten, gewerblichen Betrieben, Fabriken und Bureaux, wodurch die (bessere Verpflegung der Gefangenen ermöglicht und Zugleich auch, dem Mangel an Arbeitskräften in Serbien abgeholfen werden sollte. Erst nach längerem' Zögern gestattete die Regierung den Kriegsgefangenen, ihr Lager zu verlassen und |jn der Stadt Dieniste zu verrichten; Sie tat es jedoch nur unter der Bedingung, daß jeder der Kriegsgefangenen täglich zugunsten des Aerars eine Steuer von leinern Dinar entrichte. Die Gefangenen, (insbesondere die vom Mannschaftsstande, hatten indes keinen Heller, um1 diesen Tribut zu leisten. Der Präsident der jüdischen Gemeinde in Belgrad, Benjamin. Boully, deponierte nun größere Geldbeträge zu dem. Zwecke, damit für die österreichischen-ungarischen Kriegsgefangenen die Steuer erlegt werde. So oft der, Fonds im Abnehmen begriffen war, wurde derselbe immer wieder von Boully ergänzt, sodaß ständig ungefähr 25 000 Dinar unseren arbeitsuchenden Gefangenen zur Verfügung standen. Es gab Tage, am denen in dieser Weise für tausende Kriegsgefangene das Lösegeld gezahlt und das harte Los der im Gefangenenlager Mißhandelter erträglicher gestaltet Wurde. * Nach einer Newyorker Meldung soll die holländische Regierung eine Verordnung erlassen haben, der zufolge nur 5°/o der an den holländischen Universitäten Jnskribierten Russen sein dürfen. Diese Beschränkung 'würde sich’ selbstverständlich in erster Linie gegen die Juden richten. * Dem jüdischen „Warschauer Tageblatt“ zufolge bestehen in Rußland und in Polen insgesamt ca. 24500 Chedarim mit 343000 Schülern. Die Zahl der jüdischen Schüler in der allgemeinen und in den jüdischen Privatschulen in Rußland und Polen beträgt kaum 80000. Das Kaiserlich* Deutsche Arbeitsamt in Warschau hat bisher 7000 Arbeitern Beschäftigung in Deutschland verschafft, davon war die größere Hälfte Fabriksarbeiter. Für Bergwerke wurden 3000 Personen verpflichtet. Die Arbeiter werden dreimal wöchentlich1 nach Deutschland befördert. Eine Fabrik (in Deutschland, deren Besitzer ein Jude ist, verpflichtete 600 Arbeiter, ausschließlich Juden. Laut Mitteilungen englischer Zeitungen wurden auf einem Massen-Meeting, das in Newyork am 22. Dezember v. J. abgehalten wurde, und an dem Augenzeugen über das Elend der durch den Krieg betroffenen Juden berichteten, 250.0 00 Pfund für das Jüdisch-Amerikanische Hilfskomitee gezeichnet. * . In den Vereinigten Staaten hat Rev. Dr. Stephen S. Wise, Mitglied des Amerikanisch-Jüdischen Hilfskomitees, einige Vorträge zugunsten der Palästina-Hilfsaktion gehalten, deren Ergebnis mehr als 55.000 Dollars betrug. Er besuchte Los Angelos, San Francisco, Sacramento, Portland and Seattle, wo er in großen Versammlungen sprach. Das Petrograder Jüdische Hilfs-Komitee wandte sich an die Regierungs-Kommission wegen Bewilligung einer Unterstützung für die Flüchtlinge in der Höhe von Rubel 1,300.000. Das Geld sollte zur Bekleidung und Beschuhung der Flüchtlinge verwendet werden. Nach einer Diskussion, an der sich auch die Repräsentanten des Finanzministeriums beteiligten und den Antrag unterstützten, beschloß die Regierungs - Kommission, eine Million Rubel für den genannten Zweck zu bewilligen._