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Jüdische Zeitung · 1916-01-28 · 4 (28.1.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 •JÜDISCHE ZEITUNQ Nr. 4 zutragen sollen oder zugetragen haben sollen, mit solch apodiktischer Gewißheit auf, daß man bei Vergleich von Angabe und Wirklichkeit mehr, wesentlich mehr zu erwarten berechtigt wäre, wie ohne Zweifel an Hand der drei Beispiele gezeigt wurde. Das auszusprechen ist, gerade in einer Zeit, wo das jüdische Volk tatsächliche Hilfe benötigt und nicht mit leeren Worten abgespeist werden darf, doppelte Pflicht N. W. Ein „sogenannter Pole Ober Oie „sogenannte jüSisAe Frage“. Während die ernste Presse Deutschlands, die periodische wie die Tagespresse, die jüdische Frage allseitig und eingehend erörtert, schweigt sich die österreichische Presse darüber gründlich aus und auch die polnische Presse hat seltsamerweise für diese Frage nicht viel übrig. Von polnischer Seite wird hinsichtlich der jüdischen Frage Vogelstraußpolitik getrieben und wenn irgend jemand aus diesem Lager sie en passant streift, so ist diese für ihn nur die „sogenannte jüdische Frage“. Diese „sogenannte jüdische Frage“ berührte auch der Reichsratsabgeardnete Prof. Dr. Alfred von H a 1 b a n ün einem Referate über „Polen im Rahmen Oesterreich-Ungarns, das in der letztwöclligen Nummer ( 56 ) der hier erscheinenden Wochenschrift „Polen“ abgedruckt ist. Da der Nachdruck desselben .verboten ist, müssen wir von einer wörtlichen Wiedergabe absehen und uns auf eine kurze Inhaltsangabe beschränken. Prof. H a 1 b a n tritt natürlich für ein f r e ies, selbständiges Polen im Rahmen des Habsburger Reiches ein. Die Zentralmächte dürfen nicht <,,in den Fehler mechanischen Verschlingens“ verfallen, denn „die Verwertung von Kräften erfolgt nicht durch Fesselung oder Zersplitterung, sondern nur durch freie Zusa mmenfassung“. „Ein Volk — meint Prof. Halban— kann nur dann einer höheren konstruktiven Einheit Dienste leisten, wenn es weiß, daß es auch für Sich tätig ist.“; Nach Erörterung der 'Beziehungen zu den übrigen Ländern der habsburgischen Krone, die sich' aus der Vereinigung {Galiziens mit Kongress-Polen ergeben würden, bespricht Prof. Halban auch den nötigen {zeitgemäßen Ausbau der inneren Struktur und die Regelung des Verhältnisses (zu den Ruthenen huf Grund einer Kombination nationaler und territorialer Autonomie und gelangt schließlich auch Zur „sogenannten jüdischen Frage“. Hinsichtlich dieser letzteren, die offiziell nur als konfessionelle Frage betrachtet werden könne, kämen bei der jetzigen Verfassungskonstruktion Unterschiede lediglich vom Gesichtspunkte der Gewährung oder Verweigerung gleicher bürgerlicher und politischer Rechte in Betracht. „Für die Verquickung des Rassenmomentes mit dem konfessionellen fehlt jedes juristische Kriterium; es fehlt also auch die Möglichkeit staatsrechtlicher Berücksichtigung“. Man vermag praktisch unmöglich gewisse Gruppen als nationale Einheiten anzuerkennen, {selbst wenn sie sich als eigene Rasse betrachten, aber sich den handgreiflichen nationalen Merkmalen nicht unterordnen“. („Die einzige Lösung— meint Prof. Halban — bildet die Gleichberechtigung der Staatsbürger und die Gewährung von Korporationsrechten an die konfessionellen Organisationen in dem allgemein üblichen Ausmaß e“. Prof. Halban äst aber Realpolitiker genug, um einzusehen, (daß „die Sogenannte jüdische Frage“ damit nicht erschöpft ist, weil sie auch Imponderabilien umfasst, die das Ergebnis jahrhundertelanger Entwicklung sind. Diese sozial-wirtschaftlichen und kulturell-psychologischen Erscheinungen bewirken, daß staatsrechtliche Mittel in mancher Hinsicht versagen“. „D i e Wiederkehr zu einer Absonderung, mag diese auch von einem Teile der Juden gewünscht werden, wäre gewiß verfehlt. Dagegen wendet sich aber auch1 die Intuition jener Juden, die durch Uehernalime voller Pflichten nicht nur volle Rechte, sondern auch volle Wertschätzung anstreben“. Prof. Halban befürwortet also die Gewährung staatsbürgerlicher Gleichberechtigung an die Juden und es erscheint ihm nicht ratsam, die Bahn russischer Ausnahmsbehandlung zu betreten. „Wohl aber — schließt Prof. Halban — ist man sich bei uns der Schwierigkeiten bewußt, die unser auf diesem Gebiete harren. Gilt es doch gerade, die bisherige russische Sonderbehandlung der Juden zu überwinden und die chrisliche Bevölkerung für den Wegfall der bisher die Juden beschränkenden Normen zu gewinnen. Dem stel.en sicherschwerende Hindernisse entgegen. Vor allem die große Zahl der Juden, deren voller Eintritt in alle Gebiete des öffentlichen Lebens eine für die Bevölkerung Kongress-Polens ungewohnte Erscheinung bilden wird. An der Bewältigung dieser Schwierigkeiten müssen die Juden selbst redlich mitarbeiten und da wäre wieder die Idee {irgendeiner Sonderstellung das unrichtigste Mittel“. \ Wir haben hier die leitenden Gedanken des Prof. Halban in der „sogenannten jüdischen Frage“ wiedergegeben, nicht um uns mit ihnen auseinander zu feetzen, sondern um zu zeigen, welche Wünsche die polnischen politischen Kreise in;Bezug auf die Juden beseelen. Allerdings bilden die Auslassungen eines Prof. Halban nicht den richtigen Maßtab hiefür, da der heutige polnische Prof. Halban, der ehemalige Jude Rosenstock ist. Daß gerade der Täufling Halban berufen ist, die polnischen Wünsche una Ansichten in der Judenfrage zum Ausdrucke zu firingen, ist für die polnische Gesellschaft bezeichnend. Ebenso bezeichnend ist es für Prof. Halban, wenn ausgerechnet er in der Judenfrage den konfessionellen Standpunkt unterstreichen zu müssen; glaubt. „Die sogenannte jüdische Frage ist damit nicht erschöpft“ betont Prof. Halban^ig, ist aber damit einer "Lösung auch nicht nähergebracht. Denn über eines müflen Sich die maßgebenden polnischen Kreise klar sein: die schlechtesten Interpreten ihrer Gedanken und Wünsche hinsichtlich der Juden und die für die Herbeiführung einer Verständigung zwischen Polen und Juden am meisten ungeeigneten sind und bleiben — die Getauften und Halbgetauften. M. H. Zur jüüisdien Sdiuluns Spradui: frage. In Nr. 38 der Krakauer „Nowa Reforma“ ist folgende von Verschiedenen Gesichtspunkten interessante Notiz;zu lesen: „Auf die |am 30. September v. J. seitens der jüdischen Gemeindevorstehung in Warsc li a u der dortigen Deutschen Zivilvenvaltung überreichte Eingabe betreffs Einführung des Polnischen als VortragsSprache in den jüdischen Schulen, ist der Gemeindevorstehung unterm 14. Dezember V. J. folgende 'Antwort Ides Warschauer Polizeipräsidiums zugekomm’en: Per § 13 der Schulverordnung bestimmt, daß in den jüdischen Schulen. Deuts* die Vortragssprache ist. ln Anbetracht dessen, daß unter der jüdischen Bevölkerung des Okkupationgebietes der lebhafteste Streit darüber herrscht, welche Sprache die Vortragssprache bilden soll, liegt kein Grund zur Abänderung jener Bestimmung vor. Dennoch kann Zugegeben werden1, daß eine gewis'se Schicht unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung {sich sprachlich und kulturell in bedeutendem Maße den Polen assimilierte und daß von Seiten dieser Schichte Schulen mit polnischer Unterrichtssprache gewünscht werden. Um den Kindern derjenigen jüdischen Familien, bei denen zu Hause nicht Jargon, sondern polnisch gesprochen Wird, den Unterricht in ihrer Muttersprache zu ermöglichen, und um übermäßig beschwerliche und sehr ernste Aenderungen in den Unterrichte^lauen und im1 Lehrkörper zu vermeiden, (wird weiterhin der Gebrauch der polnischen Unterrichtesprache in denjenigen jüdischen Schulen Warschaus gestattet, in denen diese noch {vor Verlautbarung der erwähnten Verordnung eingeführt War und die unsere Schulaufsichtsorgane hinsichtlich der Lehrkräfte als entsprechend anerkennen Werden. Diese Schulen werden im Sinne der Verordnung als pol n ische Schulen betrachtet werden. Das Verlangen nach Volksschulen für die polnischsprechenden jüdisch* Kinder ist jedoch durch die (schon bestehenden jüdischen Schulen mit polnischer Unterrichtssprache in hohem Masse befriedigt, zumal die höhere jüdische Schicht die Kinder nicht in die Volksschule schickt. Andererseits mangelt |es stark an jüdischen Schulen überhaupt. Die Schulverwaltung wird dafür {soi-gen, daß die städtische Verwaltung {eine größere Anzahl jüdischer Schulen mit der Unter ri ch tssp ra ch e im Jargon, folglich in deutschem Dialekte, (eröffne. Dies ist unumgänglich nötig, da die Muttersprache der Mehrheit der jüdischen Kinder der Jargon ist. Dadurch Wird die Verwaltung die Wünsche der breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung berücksichtigt haben. Ueberdies will die Verwaltung während der Okkupationszeit das Schulwesen nicht einseitig, gemäß den Wünschen bloß eines Bruchteiles, regeln, um nicht dadurch bei der übrigen jüdischen Bevölkerung Empörung find Unzufriedenheit hervorzurufen. Auch muß während der Okkupation dem entgegengewirkt Werden, daß in nationaler Hinsicht irgend eine Beeinflußung der jüdischen Bevölkerung, die zum größeren Teile sprachlich und kulturell nicht polnisch is t, a usg eüb t Werde. Daraus würde eine Quelle Von Streitfragen entstehen, was während der Okkupation unbedingt verhütet werden muß. Uebrigens Wird der Unterricht der polnischen Sprache auch in jenen Schulen eingefuhrt werden, in Welchen der Jargon die Vortrags spräche bildet, denn (es gibt keine zweierlei Meinungen darüber, daß die jüdische Jugend die Landessprache erlernen soll.“ * * * Die „Wiener Allgemeine Zeitung“ (6 Uhr Blatt) vom 24. d. M. bringt eine Aeußerung. des Generalgouvemeursl v. D i 11 e r, die er in einer Unterredung mit dem Kriegsberichterstatter des „A Vilag“ über die Zustände im österreichischen Okkupationsgebiete getan hat. Danach soll v. Diller inbezug auf die Juden und das Jidisclie folgendes gesagt haben: „Das Niveau der hiesigen Judenschaft ist ein viel niedrigeres als das der Galizianer. Sie beunruhigen mit allerlei Schreckensnachrichten die Bevölkerung, damit sie von den Bauern um einen geringen Preis1 Getreide erhalten können. Sie betreiben auch Schmuggelhandel aus den unter deutscher Verwaltung "stehenden Teilen Polens. Der jüdische Nationalismus ist verschlossener Natur und v indiziert nationale Rechte für den Jargon, der keinerlei Recht s’basis hat und vom Zweckmäßigkeits- Gesichtspunkt nicht zu verteidigen ist. Mit der Erteilung der vollständigen bürgerlichen Rechte wird aber auch eine wohltätige Wirkung auf diesem Gebiet ausgeübt werden.“ Einiges zum Ostjuöenproblem. Von Gouverneur v. Puttkamer. Gouv. von Puttkammer veröffentlichte im „Tag“ vom 23. Dezember 1915 einen sehr bemerkenswerten Artikel lunterm Titel „Eine Kulturfrage im Osten“, worin er auf die große Bedeutung der Ostjudenfrage hinwies. In Nr. 11 des „Tag“ (v. 14. Jänner 1916) äußert sich derselbe neuerdings folgendermaßen zum Ostjudenproblem : Nachrichten, die aus Polen zu uns herüberdringen, bestätigen immer mehr, wie wichtig es! ist, in den von uns besetzten Gebieten schon jetzt geeignete Maßregeln zum1 Schutz der dort lebenden nationalen Minoritäten Zu treffen. Maßregeln, welche geeignet sind, die praktische Durchführung der beabsichtigten und durch die künftige Verfassung festzusetzenden Sicherungen zu ermöglichen. Der großen Bedeutung dieser besonders im -Hinblick auf die jüdische Bevölkerung überaus schwierigen Frage hat die Reichsregierung dadurch Rechnung getragen, daß sie bereits1 vor längerer Zeit einem bekannten jüdischen Reichstagsabgeordneten das Referat über jüdische Kultus - und Schulangelegenheiten beim Generalgouvernement Warschau anvertraut hat. Es slcheint aber dies noch1 nicht zu genügen; einmal übersteigt die mit der Aufgabe verbundene Arbeit entschieden die Kräfte eines1 einzelnen; sodann aber kommen außer Kultus-und Schulsachen Wnoch eine ganze Menge anderer unendlich wichtiger Dinge in Frage, wie Vereins-und allgemeine Wohlfährtsangelegenheitern .Beschaffung und Verteilung billiger Lebensmittel, Volkshygiene, Verteilung und Besiedlung von Land, Anlage von Gärten Zum Anhaue von Gemüse u. dgl. Dies alles und noch manches andere ist nötig, um die Lage der jüdischen Bevölkerung zu einer erträglichen zu machen, die Leute im Lande festzuhalten und gie kulturell zu heben. Und zwar tut Eile not, wenn größtes' Unheil verhütet werden soll. Was Warschauer Zeitungen berichten und Privatnachrichten bestätigen, ist nicht allzu erfreulich. Wenn man dein Gedanken an eine etwa mögliche Wiederkehr der Russen, die natürlich ein jüdisches Massengemetzel mit sich bringen würde, nicht ernstlich aufkommen läßt, so hört man doch {vielfach die Ansicht, daß es’ speziell den dortigen Juden unter der russischen Herrschaft gerade ‘ini Polen {wirtschaftlich eigentlich besser ergangen sei als jetzt. In vielen Gegenden des Landes scheinen die Zustände allerdings entsetzlich zu Isein, insbesondere Verpflegung und Hygiene nahezu Jalles zu wünschen übrig zu lassen. In leinzelnen Gegenden ist die Kindersterblichkeit ungeheuer — Kinder unter fünf Jahren sieht man kaum noch. Frauen und Kinder müssen oft 25 Kilometer weit zu Fuß gehen, um in der jüdischen Volksküche der nächsten Stadt eine warme Suppe zu erhalten. Zwar fehlt es nicht an pinem Hilfskomitee in Warschau, dem1 zur Linderung der schlimmsten Not bis jetzt .etwa 11 Millionen Rübel(der sogenannte Tatjana-

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