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Jüdische Zeitung · 1916-01-28 · 4 (28.1.1916) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JLOGCHE ZEITUNG K-l-y. NRTIGNFIL -JUDI5CHE5 GRGRN WM rmmmm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ AWl ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgaase Nr. 33. — Sprechstunden | _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ ® reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjäte’. Mk. 5.—, vierteljähr. ™ H Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 4. Wien, Freitag, den 28. Jänner 1916 — 23. Schebat 5676. X. Jahrgang. Eine befremOenOe neue Ersdieinung im jüöisdien heben DeutsdilanOs. (Zur Entstehung der Deutsch-Israelitisch- Osmanischen Union.*) Seit etlichen Jahren macht sich bei einer mit viel Ansprüchen und großer Sicherheit auftretenden Organisation im Deutschen Reich ein Charakterzug geltend, der durchaus im Widerspruch zu den soliden Grundlagen der anderen gemeinnützigen Bestrebungen und Schöpfungen der deutschen Juden steht Es herrscht in einem bestimmten Kreise, dessen Spiritus rector Dr. Alfred N o s s i g ist, eine sonderbare Gründungswut, ausgestattet mit all den ihr eigenen Attributen, die geradezu anfängt, gefährlich zu werden. Wenn die deutschen Juden einmal erkannt haben, wie sehr sie dabei genasführt worden sind, muß dieses Spiel mit ihrer Vertrauensseligkeit dazu führen, sie kopfscheu, gleichgiltig und matt zu machen gegenüber den Aufgaben, die an sie im Namen des Gesamtjudentums herantreten. Allerdings wird man Dr. Nossig — es tut uns leid, uns mit seiner Person beschäftigen zu müssen, aber er ist das geschäftige Zentrum all der Dinge, die da waren und vor sich gehen — nicht allein dafür verantwortlich machen können. Die deutschen Juden nehmen an, daß sich zu den uneigennützigen Geschäften der Wohltätigkeit nur die Besten und Gescheitesten entschließen können. Er fand also eine gewisse Disposition vor, ein Gemisch von Indolenz und Gutgläubigkeit der Masse, die sich gern unkontrollierter Führung überließ in dem Wunsche, damit nicht weiter in Zeit und Wohlbehagen gestört zu sein. Diese schon zur erblichen Eigenschaft gewordene Gewöhnung gar vieler deutscher Juden wollte, wie uns scheint, Dr. Nossig für bessere Zwecke ausbeuten. Aber er besaß — und darin besteht die Tragik seines Wirkens — nicht die Fähigkeit, den von ihm geschaffenen Organisation formen organisches Leben einzuhauchen. Mögen also auch die Grundgedanken Doktor Nossigs zu Beginn seiner eigenmächtigen politischen Tätigkeit nicht schlecht gewesen sein, verborgene Energien zu wecken und brachliegende fruchtbar zu gestalten, die Durchführung scheiterte an der Größe der Schwierigkeiten. Dazu kommt, daß er von seinen engeren Mitarbeitern und der allgemein herrschenden Stimmung gegen den Zionismus — darin allein zeigt ein Teil der deutschen Juden echtes Temperament — auf Abwege gedrängt wurde. Man glaubte, mit der von Dr. Nossig ins Leben gerufenen A. J. K. O. dem unbeliebten und mißtrauisch angesehenen Zionismus, der immer weitere Schichten erfaßte, das Wasser von den Mühlen leiten zu können. *) In Nr. 45 unseres Blattes haben wir ein der jüdischen Presse zugegangenes offizielles Rundschreiben über die Bildung einer Osmanisch- Israelitischen und Deutsch-Israelitischen-Osmanischen Union wiedergegeben. Seither war es möglich, darüber nähere Informationen einzuholen, aus denen sich die jüdische Oeffentlichkeit selbst ein Bild von dem Wert und den Aussichten der neuen Gesellschaften machen kann. (Anm. d. Red.) Wir berühren diesen Punkt nur zu dem Zwecke, um dieses nicht unwichtige Glied für eine von der psychologischen Seite her zu erklärende 1 gwcllschaftliche Erscheinung, deren Urheber eine scharf umrissqgjje Persönlichkeit ist) nicht ungenannt zu lassen. Denn ein Politiker vom Schlage Dr. Nossigs wird sein Werk ungern auf-' geben, wenn er es auch vop anderen Willensphären beeinflußt sieht T Es ist begreiflich, daß die oben geschilderten Bedingungen imstande sind, Menschen, die nicht in jeder Faser ihres Wesens gegen Versuchungen widerstandsfähig sind, zu merkwürdigen Plänen zu verführen und zu Arbeitsweisen zu verleiten, die nicht mehr als einwandfrei gelten können. Endlich und nach langer Zeit der Zurückhaltung und des Schweigens ist es notwendig, auf die derart heraufbeschworenen Zustände im Interesse der jüdischen Oeffentlichkeit aufmerksam zu machen, damit den Beteiligten — etwas wenigstens — die Augen geöffnet werden. Dr. Nossig ist ein geschickter Arrangeur und weiß Konjunkturen ebenso gut zu verwerten wie die Gedanken anderer zu usurpieren. Er schuf die A. J. K. O., die „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation“, mit einer misslungenen Spitze gegen den allumfassenden Zionismus, und neuestens das „Z e n t r a 1-Hilfs— komitee für Palästina“ mit demselben Mißerfolg als beabsichtigten Trumpf gegen alle anderen Notstandsaktionen. Der Reihe nach hat Dr. Nossig die A. J. K. O., das Komitee „Roter Halbmond“, das Zentralhilfskomitee, die Israelitisch-Osmanische Union und die Deutsch-Israelitisch-Osmanische Union ins Leben gerufen. Wenn man näher zusieht, verschiedene Firmen für ein und dasselbe Ziel, immer gerade indem Augenblick aufgetan, wenn der frühere Name nicht mehr zog. Denn daß Dr. Nossig bisher trotz all seiner unverwüstlichen Geschäftigkeit keinen realen, handgreiflichen, nachhaltigen Erfolg gehabt hat, braucht heute ebenso wenig, dargelegt zu werden, wie es jedem Einsichtigen klar ist, daß er mit dem gesamten Inhalt seiner Pläne e i n Ziel verfolgt: Ansiedlung von Juden in der Türkei. Gegen diesen löblichen Zweck haben wir ja gar nichts einzuwenden. Wovor wir nur warnen müssen: vor der mit Bluffs arbeitenden, eingebildeten, sich besser dünkenden, marktschreierischen Art Dr. Nossigs, die jede fundierte Tätigkeit in der Türkei gefährden könnte. Die sogenannten Erfolge, die Dr. Nossig in Konstantinopel gehabt haben will — sie stellen sich regelmäßig als sehr übertrieben heraus — gehen u. a. darauf zurück, daß man dort drunten am Bosporus nicht zu erkennen vermag, wie wenig Stoßkraft die Organisation besitzt, auf die er sich beruft und stützt. Allmählich wird aber doch die Zeit kommen müssen, wo mit ihm zumindest hierzulande niemand mehr mitgeht Um sie heraufführen zu helfen, bleibt nichts anderes übrig, als von nun an sämtliche Erklärungen, die Dr. Nossig abgibt, unter die prüfende Lupe zu nehmen, womit wir heute beginnen wollen. Am 12. Dezember fand in Berlin eine Propagandaversammlung der als „Deutsch-Israelitisch- Osmanische Union“ auftretenden Stammkörperschaft A. J. K. O. statt, die für das angeblich neue Programm einer Annäherung zwischen Ottomanen und Juden werben sollte. Auf ihren Verlauf einzugehen, lohnt sich nicht, weil diese Bemühungen Dr. Nossigs ebenso ergebnislos bleiben werden, wie seine anderen. Es waren wie bei allen Nossigschen Veranstaltungen eine ganz große Anzahl von Männern mit Stand und Namen beisammen, nur nicht die versprochenen Vertreter von Regierungen. An Gewicht hat dadurch die Versammlung nicht zugenommen. Denn wie wahllos Dr. Nossig jedermann als Gefolgsmann annimmt, zeigt ein besonders krasser Umstand: der Sekretär der Osmanisch- Israelitischen — beileibe nicht Jüdischen — Union in Konstantinopel, Zia Bag Matalon, ist vor wenigen Wochen erst zum Islam übergetreten. Annäherung der Osmanen und Juden in der Türkei? Die ich rief die Geister, werd’ich nun nicht los... Das ist eine ebenso kompromittierend peinliche, wie bezeichnende ^Tatsache lür die Fahrlässigkeit; mit der Dr. Nossig vorzugehen pflegt. Denn daß er eine türkische Assimilation schaffen will, wollen wir denn doch nicht annehmen. Abgesehen von diesem unprogrammäßigen, peinlichen Vorfall seien mit aller wünschenswerten Deutlichkeit drei — Unstimmigkeiten richtig gestellt, die sich in den letzten von Dr. Nossig über die besagte Zusammenkunft der Presse zugegangenen Mitteilungen finden. 1. Das Statut der Osmanisch-Israelitischen Union in Konstantinopel enthält entgegen der aufgestellten Behauptung keinerlei Befugnisse, die die Grundlage einer irgendwie gesicherten Kolonisationstätigkeit in der Türkei darstellen können; 2. ist dieses selbe Statut — das Publikum so zu täuschen, setzt allem die Krone auf — von der ottomanischen Regierung überhaupt noch nicht bestätigt worden; 3. ist es keineswegs richtig, daß das „Zentral- Hilfskomitee“, das mit so viel Prätention eine umfangreiche Tätigkeit entfalten wollte, insbesondere in Oesterreich große Erfolge erzielt habe. Das Rundschreiben an die jüdischen Zeitschriften verschleiert den Mißerfolg des Zentral- Hilfskomitees mit folgender Redewendung: „Im weiteren Verlaufe rief das Komite „Roter Halbmond“ das „Zentral-Hilfskomite“ ins Leben, welches ein Fonds schaffen sollte usw.“. D. h. in klarem Ausdruck: daß zwar einen Fonds schaffen sollte, aber in der Tat nicht geschaffen hat Wie schön umgangen das glatte Eingeständnis des Fehlschlagens der Unternehmung auf der ganzen Linie ist, da das österreichische Landeskomitö, auf dessen Rührigkeit sich Dr. Nossig bezieht, nichts mit der A. J. K. 0. zu tun haben wollte und demgemäß die Ueberweisung seiner Sammlungen nach Palästina vollständig besorgte, ohne irgend eines der Nossigschen Komites in Anspruch zu nehmen. So bleibt von dem, was Dr. Nossig wie der berühmte kreißende Berg will, stets nur ein Mäuslein übrig. Und doch tritt er bei seinen Ankündigungen und Berichten von Geschehnissen, die sich erst

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