Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 3 (21.1.1916)
- Date
- 1916-01-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 •JÜDISCHE ZEITUNO Nr. 3 Ilnilfili Mitteilungen des „Jüdischen Kriegsarchivs“. Bisher erschienen: Heft 1 und Doppelheft 2—3. JUOIwUl«* ttl iKlIV« Demnächst erscheint Doppelheft 4—5. Illustriert (Original-Aufnahmen aus Russisch-Polen.) Aus dem Inhalte: Galizische Juden als Befreier österr.-ungarischer und deutscher Gefangener. — Die Ausrottung der Judenschaft Rußlands. — Zur Tragödie der russischen Juden in Frankreich. Auszeichungen österreichisch-ungarischer jüdischer Offiziere und Soldaten. Preis des einfachen Heftes 60 Heller (50 Pfennig), mit Porto 80 Heller (60 Pfennig). Preis des Doppelheftes K l.— (80 Pfennig), mit Porto K 1.20 (M 1.—). zurücksandte und eine Woche später im wissenschaftlichen Organ der ungarischen Juden eine im Fiakerton gehaltene Replik von sich gab. Jn dieser hieß es, die jüdische Oeffentlichkeit gehen die Gelder (nichts an. Die Regierung habe die Verrechnung gesehen und damit Schluß! Nach dem Tode des bekannten jüdischen Gelehrten Dr. Wilhelm Bacher, ging das Budapester Rabbinerseminar daran, an seine Stelle einen namhaften Gelehrten zu berufen. Bevor jedoch dies geschah, ernannte das Kuratorium in .aller Eile einen der Professoren zum Rektor "und begann sodann Unterhandlungen mit ausländischen Gelehrten, So namentlich mit Prof. Büchler in London und Prof. Kraus in Wien, mit denen selbstverständlich — da sie sich doch allesamt einem (viel jüngeren Rektor nidit unterordnen konnten, keine Einigung erz ielt werden konnte. Es war ja auch nur eine Formalität, da der Kandidat in der Person eines blutjungen, soeben absolvierten (Rabbiners mit Rücksicht auf gewisse Familienbeziehtmgen von der Vorsehung für diesen Posten bereits ausersehen war. Auch dies hat die „Zsido Szemle“ aufgedeckt. Zuerst etgegneten die offiziellen Kreise mit energischen Protesten, jetzt hüllen sie sich in tiefes Schweigen, da der junge Professor bereits in Amt und Würden ätzt. Solche und ähnliche Fälle gibt es in Hülle und Fülle. Wir haben nur einige herausgegriffen, um den Stand der Dinge zu bei leuchten. Der Korruption im jüdischen Leben gilt der Kampf der ungarischen Zionisten. Jn unserer Heimat — schreibt Zsido Szemle in ihrer letzten Nummer '— gliedert sich die Judenheit in zwei Parteien und die Gegensätze zwischen den Parteien werden immer tiefer und schärfer. Jnnerhalb dieser Parteirahmen schläft das jüdische Leben. Jn Ungarn gibt es Neologe und Orthodoxen, nur Juden, Bekenner des Gesamtjudentums, gibt es nicht. Die ungarische Judenheit hat den Zusammenhang ttnit dem ganzen Judentum verloren. Wie (wäre es sonst möglich, daß eine Million Juden, (die einen Großteil ihrer bürgerlichen Rechte (erreicht hlahen, dort, wo es1 um die Sache des Gesamtjudentums geht, so wenig, nichts zu sagen haben. Der Mangel der jüdischen Volksidee verursacht diese schändlichen Zustände. Die zionistische Partei ist fest entschlossen, den Kampf weiterzuführen, jede Lüge, jede Korruption im jüdischen Leben zu brandmarken, die Juden des Landes aus ihrer Blasiertheit, aus ihrem Jndifferentistnus aufzurütteln und eine jüdische öffentliche Meinung zu schaffen. Ohne Schaffung einer jüdischen Meinung ist an eine erfolgreiche zionistische Propaganda in Ungarn gar nicht zu denken. * Die unangenehmen Gäste. •Dem sattsam bekannten Budapester Assimilantenblatt „Egyenlöseg“ hat unsere Notiz über das Geständnis des Abgeordneten. Vazsonyis über seine Mithilfe an der Ausweisung galizischer Juden sehr mißfallen und es geht nun daran, seine Gesinnungsgenossen rein zu waschen. Es beginnt mit dem überaus bezeichnenden Satze: „ Jn, der Eile sind wir nicht in der Lage festzustellen, ob Vazsony es so gesagt hat., Jm Uebrigen gibt uns das Blatt den wohlgemeinten Rat, vor der eigenen Tür zu kehren. Jeder, der unser Blatt kennt, weiß, daß wir niemanden geschont haben, der den Flüchtlingen etwas zu Leide tat. Soweit es die Zensur erlaubte, haben wir jedem — vom Bürgermeister Weißkirchner bis zu den jüdischen Advokaten in der Kammer, die gegen die Zulassung galizischer Advokaten stimmten, — offen und ehrlich unsere Meinung gesagt Wir haben daher das Recht erworben, überall gegen die Feinde unseres Volkes aufzutreten, selbst dann, Wenn sie im Kreise einflußreicher Magyaren israelitischer Konfession zu suchen (sind und dem „Egyenlöseg“ nahe stehen. Vazsonyi dürfte die Wucherer gemeint haben, fügt schließlich schüchtern das Budapester Blatt hinzu. Mit den Wucherern hat die Sache nichts zu tun. Vor den Gerichten standen in diesem Kriege Wucherer aller Nationen und Konfessionen. Sie zu verteidigen, Wird es wohl keinem anständigen jüdischen Blatte einfallen. Wir müssen uns aber auf das entschiedenste dagegen verwahren, daß die Ausweisung der galizisdien Juden damit in Zusammenhang gebracht werde. So etwas kann nur in einem Assimilantenhim entstehen, dem jeder Schimmer jüdischer Würde abgeht Plenarsitzung des Zentralkomitees Oer Zionistischen Vereinigung für Deutsdiland. Am 9. d. M. fand in Berlin eine Plenarsitzung des Z. K. der Zionistischen Vereinigung für Deutschland statt, an der vier Mitglieder des Geschäftsführenden Ausschußes und 17 Mitglieder des Z. K. persönlich teilnahmen. Sieben Z. K.- Mitglieder waren durch Vollmacht vertreten. Der Vorsitzende, Herr Dr. Hantke, eröffnete die Sitzung vormittags 10 Uhr mit einer Gedenkrede auf die während des Krieges gefallenen Mitglieder, '(sowie auf den verstorbenen Präsidenten der Organisation David W o 1 f fsohn und das verstorbene Mitglied des Zentralkomitees Dr. Karl 'Jeremias und erstattete sodann ein Sehr ausführhichies Referat über die Lage der zionistischen Gesamt- Organisation, die Lage in Palästina und die Pläne des engeren Actions - Comitees für die Zukunft. An den Bericht knüpfte sich eine Sehr umfangreiche Debatte, an der sich auch das Mitglied des E. A. C., Herr Dr. Jacobson beteiligte. Die Debatte schloß mit der Annahme folgender Resolution : 1. Das' Zentralkomitee erklärt sich mit der vom Engeren Actionskomitee befolgten Politik einverstanden und spricht dem Engeren Actions- Comitee sein volles Vertrauen aus. 2. Das Zentralkomitee fordert, daß alle deutschen Zionisten ihre zionistische Tätigkeit allein auf die Politik des Engeren Actions-Comitees einstellen und verwirft jede zionistische Sonderaktion. 3. Das Zentralkomitee erklärt sich mit der Tätigkeit des Geschäftsführenden Ausschusses einverstanden und fordert alle deutschen Zionisten auf, den Geschäftsführenden Ausschuß mit allen Kräften zu unterstützen. Die Sitzung wandte sich dann einigen Einzelaufgaben der Zionistischen Vereinigung für Deutschland selbst zu, insbesondere der Jugendarbeit nnd der „Jüdischen Rundschau“. Der Redaktion der „Jüdischen Rundschau“ wurde der Dank des Zentralkomitees ausgesprochen. Die Sitzung schloß abends um 11 Uhr. Stefan Zweig über Perez’ „Die Mt aut dem alten narbt“. Ober das im Verlage R. L 5 w 11 in Wien kürzlich erschienene bibliophile Werk „Perez, Die Nacht anf dem alten Markt“ in der Übersetzung von Hugo Zuckermann, urteilt Stefan Zweig in dem jüngsten Jahrgang des Deutschen Bibliophen -Kalenders: Der Name des' Nachdichters ist heute der berühmtere. Hugo Zuckermann (hat, ehe der Krieg ihn zu den vielen anderen nahm, die heute verloren und schon fast vergessen sind, mit einem Gedichte von den vielen, die seine Jugend schuf, sich Unsterblichkeit gerettet. .'Sein „Oesterreichisches Reiterlied“ hält seinen Namen nun über die fließende Zeit, ein schlichtes Denkmal aus drei Strophen, aber eingeschrieben Schon in vieler Gedächtnis. Doch der für Oesterreich fiel, wirkte mit seiner besten Kraft für sein anderes Volk, fürU äs Judentum, und eine der vielen Bemühungen, die er Schöpferisch, agitatorisch1, dichterisch unternahm, ist diese Uebertragung des größten jidischen Dichters, J. L. Perez, den das gleiche Jahr uns genommen. Es ist ein Traum- Spiel, spukhaft und doch' Sinnvoll, ein Spiel zwischen Mitternacht und dem ersten Hahnenschrei, erfüllt vom Geheimnis der Nacht und dem1 leisen Raunen der dumpfen Dinge. An Wyspianskis „Hochzeit“ gemahnt res leiSe in seinem Willen, den Sinn und die Bestimmung eines Volkes im1 lyrischen Symbol zu fassen und, unfähig sich dramatisch in Gestalten zu verdichten, löst es sich in Stimmen und Musik melodisch1 auf. Ein weicher, ganz leist Schwingender Ton klingt aus der Seele eines Volkes, und Zuckermann hat diese weiche Wehmut wundervoll wiedergegeben., die Zartheit und süße Einfältigkeit des Todes vortrefflich bewahrt. Schattenhaft wie ein Marionettenspiel gleitet das Spiel vorbei, seine, Spur ist nur Musik, ein Lichtglanz von Wehmut und sanfter Melancholie. Was daran so reizhaft lieh loszulösen (sein: die dichterische Fähigkeit J.L. Perez', die man aus seinen Novellen ist, Wird kaum aus diesler neuen Formung ursächschon kannte, Figuren sinnvoll zu beseelen, die Atmosphäre von Fremdheit und Melancholie, die wie ein farbiger Dämmer über dem1 ganzen Volke liegt, aus seiner Wärme gezeugt und sanft erglänzend im Schimmer des Wortes, die Feinfühligkeit des Dichters — alle Elemente greifen hier harmonisch ineinander, ein kleines Kunstwerk besonderer Art zu schaffen. Kaum konnte die jüdische Liebhaber-Bibliothek glücklicher eingeleitet werden als durch dieses Buch, das von Martin Buber mit bedeutenden Worten präsentiert wird und das m für Oesterreich ganz außerordentlich geschmackvoller Weise hergestellt ist. lieber jüdinbe RriegsMatnren. Die sogenannten „jüdischen Witze“ und Karikaturen, in denen Sich gewiße Kabaretts und humoristische Blätter besonders gefallen und die . die verächtlichen Eigenschaften jüdischer Individuen als Typen der Gesamt judenheit Schildern, haben durch den Krieg eine Bereicherung erfahren. Die Preistreiberei, der LebenSmittehvueher und die Lieferungss'chwindeleien werden häufig ausschließlich auf das Konto der Juden gesetzt;und andererseits wird oft der jüdische Krieger karikiert. Das beschämendste hierbei ist, daß dies auch jüdische Darsteller, des lieben Beifalls gewisser Elemente wegen, mitmachen und daß auf diese Wjeise das Judentum vonden „Eigenen“ verletzt und verspottet wird. Wir möchten hier nur die „Budapester“, dieses .jüdisehe Ensemble* von der Prat . i straßeinWien erwähnen, das zum Gaudium der Antisemiten die Juden häufig karikiert und beschimpft. Während aber die Juden diese „pikanten“ jüdieschen Witze über sich gedankenlos ergehen lassen oder daran gar Vergnügen finden, wächst ein Herr Eisenbach, dank eben diesen „jüdischen Witzen“, zu einer Autorität auf dem Gebiete des „Jidischen“ heran, der sogar vom Gerichte als Expertefür die jidiSche Sprache zitiert wird. Angesichts dieser Umstände wirkt es wohltuend, wenn Ron seiten einer Fachzeitschrift gegen die „jüdischen Witze“ Stellung genommen (wird. Wir haben nämlich einen Artikel Leonhard Leuner’s, Breslau, in einer der letzten Nummern des hiesigen Blattes „Das Organ der Variete w e 11“ im Auge, in dem folgendes ausgeführt wird: „So wenig jemand so geschmacklos sein wird, „katholische“ oder „evangelische“ Witze zu bringen, darf .er so geschmacklos sein, das Gefühl der Juden verletzende „jüdische“ Witze zu bringen. Der Jude darf (sich -eine Verspottung, seiner Tapferkeit verbitten, nachdem bisher allein Schon in diesem Kriege 5000 deutsche Juden das Eiserne Kreuz erhalten haben und bereits 600 Juden zu preußischen Offizieren befördert sind. Er braucht sich keine Anspielungen auf „Schmutzigkeit“ mChr gefallen zu lassen, weil ja der gebildete Mensch wissen muß, daß allein schon die Religionsvorsdhriften der Juden eine Sauberkeit fordern, die erst in den sanitären Anforderungen der Jetztzeit ein Gleichnis findet. Der Jude verbittet Sich jede Anzweiflung Seiner finanziellen Vaterlandsliebe und verlangt, daß Sich auch die Vortragskünstler als gebildete Menschen informieren, in welch hervorragender Weise Juden bei allen Sammlungen usw. beteiligt sind. Ebenso verlangt der Jude, daß ein Humorist als gbildeter Mensch folgende Tatsachen kennt und berücksichtigt: ■Der Jude ist nicht der „typische Betrüger“; 99 Prozent aller Betrugsfälle kommen im „Handel“ vor und fallen Juden wie Christen gleichmäßig zur Last; ahn ich Steht es mit dem' Wucher, Wobei jeder wissen sollte, daß solcher durch die Sitten- und Staatsgesetze der Juden in Palästina streng verboten War, ihnen aber in Deutschland im- Mittelalter durch fürstliche Erlasse als Beruf vorgeschrieben, Wurde, damit ihre „Herren“ mehr Einnahmen von den Juden hätten. Die Juden „furcht e n“ sich nicht vor dem Flugsport, das sollten schon die Namen im jetzigen Kriege ausgezeichneter Flieger beweisen, und der Erfinder des ersten lenkbaren Luftschiffs, David Schwarz, war ein Jude, auch der erste Observator am Königl. Aeronautischen Observatorium, Professor Arthur Berson, ist jüdischer Herkunft.*) Was die Juden (Einige der hier ange- *) Auch Otto Lilienthal, einer der ersten Begründer der Flugtechnik ballonloser Apparate (geb. 1848, gestorben 1896 an den Folgen eines Absturzes bei einem Fluge) war Jude. (Anm. d. Red. d. „Jüd. Ztg.“).