Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 3 (21.1.1916)
- Date
- 1916-01-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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NHTIGNFIL -JUDI5CHE5 ORGAN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 3. Wien, Freitag, den 21. Jänner 1916 — 16. Schebat 5676. X. Jahrgang. Juden Oesferreidis! In ernster Zeit tritt der „Jüdische Nationalverein in Oesterreich“ an die österreichischen Juden mit dem Mahnrufe heran, sich zu sammeln und zu organisieren. Die alte Habsburgermonarchie wird nach siegreicher Überwindung ihrer äußeren Feinde an ihren inneren Umbau zu einem modernen Völkerstaate schreiten müssen. Anläßlich dieses historischen Momentes werden alle Nationalitäten und Klassen mit ihren Forderungen herantreten. Berücksichtigung werden aber nur jene finden, hinter welchen starke Organisationen als Machtfaktoren stehen. Die 1 */2 Millionen Juden der Westhälft e der Monarchie werden dann trotz ihres, während des Krieges mit den größten Opfern von Blut und Gut betätigten österreichischen Patriotismus einen harten Kampf für die Gleichberechtigung als Nation, Religion und Staatsbürger führen müssen. Der „Jüdische Nationalverein in Österreich“, der auf reichstreuer und volkstreuer, demokratischer und sozialreformatorischer Grundlage fußt, will diesen Kampf für das jüdische Volk energisch führen, wenn Ihr Juden Österreichs durch Massenbeitritt ihm dies ermöglicht. Der mindeste Jahresbeitrag beträgt nur 1 Krone. Juden Österreichs! Wollet Ihr in dem werdenden Neuösterreich einen Anwalt Euerer politischen und wirtschaftlichen Interessen, wollet Ihr die Zusammenfassung aller Juden des Reiches, dann schaffet durch Beitritt zum „Jüdischen Nat i o nal v er ei n für Oesterreich“ eine starke politische Reichsorganisation. Für den Ausschuß: I ngen i eur Robert Stricker, Obmann. D r. S. Kassner, Obmannstellvertreter. Beitrittserklärungen sind an das Vereinssekretariat: W i e n, II. Z i r k u s g a ss e Nr. 3 3, zu richten. Die Fürsorge für Sie Waisen Oer jiiöisdien Kriegsopfer. Der Krieg und seine Begleiterscheinungen haben der österreichischen Judenschaft verschiedene wichtige Aufgaben gestellt, an deren Lösung sie früher oder später wird herantreten müssen. Eine dieser Aufgaben ist zweifellos die Fürsorge für die Waisen der jüdischen Kriegsopfer. Wir besitzen zwar noch keine Daten über die Zahl dieser Waisen in Galizien und Bukowina, wir wissen aber, daß sie erschreckend hoch ist. Zur Illustration reproduzieren wir nachstehend aus dem im Drucke befindlichen Doppelhefte IV—V des „Jüdischen Archiv“ einen Bericht des Herrn Dr. Maximilian Adler in Nikolsburg über die „Flüchtlingswaisen“, der sich lediglich auf die Zustände in den böhmischen und mährischen Barackenlagern bezieht Im Anschlüsse daran möchten wir noch darauf "hinweisen, daß die neulich stattgehabte Konferenz der .zionistischen Vertrauensmänner aus Oesterreich sich auch mit dieser Angelegenheit befaßte und „die Fürsorge für die Waisen der jüdischen Kriegsopfer als eine der wichtigsten und dringendsten Aufgaben“ erkannte.! Herr Dr. Adler führt! in dem erwähnten Berichte folgendes aus: Die österreichische Regierung hat große Teile Galiziens für die Wiederbesiedlung freigegeben und die Rückkehr der meisten jüdischen Flüchtlinge dorthin angeordneL Dadurch ist eine Frage brennend geworden, die bei der Evakuierung noch nicht aufgetaucht war oder in dem allgemeinen Jammer der Flüchtlinge sich nicht hatte Gehör verschaffen können: „Was soll mit den armen Kindern geschehen, deren Väter nicht als Soldaten gefallen, sondern von den Russen; erschlagen oder verschleppt worden und in weifer Ferne elend zugrunde gegangen sind? Mit den armen Kindern, denen Mutter oder Vatlr auf der Flucht oder in einem Barackenlager des westlichen Oesterreich infolge von Krankheit und Beschwerden gestorben sind? Oder gar mit den Aermsten der Armen, die schon als Halbwaisen aus der östlichen Heimat ausgezogen sind und nun, auch des andern Elternteiles beraubt, in der Fremde gänzlich verlassen dastehen?“ Eine Aktion für diese Kinder, welcher der Nikolsburger Rabbiner Dr. Lewin rastlos seine Arbeitskraft widmet, hat folgende Zahlen zu Tage gefördert: Bis jetzt sind 986 Waisen im Alter von 1 bis 14 Jahren (zu denen überdies noch 23 Fünfzehnjährige kommen) bekannt geworden, die als Flüchtlinge in Böhmen und Mähren leben und im Falle der Rückbeförderung nach der Heimat, in welcher die Gemeindeverbände aufgelöst sind und der Private für sich selbst um den nötigsten Lebensunterhalt zu kämpfen hat, vor dem Nichts stehen und dem leiblichen und seelischen Untergang entgegengehen. Davon sind 473 Knaben und 513 Mädchen’ gänzlich elternlos sind 88 Kinder, vaterlos 643f mutterlos 205; bei 27 ist es zweifelhaft, ob sie beide Eltern, bei 23 ob sie den Vater verloren haben, weil ein Elternteil verschollen ist Bezüglich des Alters ergeben sich folgende Daten: Alter in Jahren 1 2 3 4 5 6 7 8 Zahl der Waisen 11 18 30 42 33 66 60 89 Alter in Jahr«, n 9 10 11 12 13 14 15 Zahl der Waisen 79 92 84 129 146 107 23 Gesamtzahl der Waisen 1009. Ist auch während des Krieges der Wert des einzelnen Menschenlebens gesunken, so sind doch wiederum die Verluste so schreckliche und die Verwüstung namentlich in Galizien so groß, daß mi der Erziehung von über tausend verwaisten Kindern nicht bloß eine „völkische Forderung“ erfüllt, sondern auch eine soziale und vaterländische Aufgabe gelöst wird. Aus Ungarn. Der Kampf der ungarischen Zionisten. Seit Jahr und Tag stehen die Zionisten in Ungarn im heftigsten Kampfe gegen die offizielle Judenschaft. Sie führen den Kampf trotz des furchtbaren Krieges ,und trotz des „Burgfriedens“ da die Assimilanten ihr wüstes Treiben nicht gemildert haben, im Gegenteile sie treiben es jnoch ärigor als sonst, da sie diel Blicke der jüdischen Oeffentlichkeit durch die Kriegsereignisse abgelenkt wähnen. Eigentlich geht es gar nicht an, in Ungarn von einer jüdischen Oeffentlichkeit zu reden. Eine solche gibt ,es nicht. Es gibt zwei große Parteiungen: die aeotoge und orthodoxe und innerhalb dieser festzusammenhaltende Klüngel, die die Stellen und Würden verteilen und eä als eine gemeine Stänkerei bezeichnen, wenn sie einmal zur Rechenschaft gezogen werden. Den eigentlichen Anlaß zum Kampfe gab die Frage der gaiizischen Flüchtlinge. Mit Abscheu erfuhr 'die jüdische Welt, daß die Ausweisung dieser Aermsten aus Ungarn auf Veranlassung einflußreicher jüdischer Kreise erfolgt ist. Diese Machenschaften sind von der zionistischen Partei aufgedeckt worden. Sie hielt es auch den offiziellen jüdischen Vertretungen vor, daß sie sich der bedrängten Volksgenossen gar nicht oder in ganz unzureichendem Maße angenommen habe. Der Vizepräsident der neologen Landeskanzlei kön. Rat Franz Mezey, erklärte hierauf, die ungarischen Orthodoxen hä Ten von der Wiener Allianz eine größere Summe für die Flüchtlingsfürsorge erhalten, „von einer Verrechnung wollten sie jedoch nicht hören“. „Ferner sei jede weitere Aktion wegen der Orthodoxen zu niciite geworden“, da „die orthodoxen Nullen aus Angst vor der Last der Kontrolle“ mit der neologen Landeskanzlei nicht Zusammenarbeiten wollten. Jn jedem anderen Lande hätte die angegriffene orthodoxe Kanzlei diese Anwürfe mit Entrüstung zurückgewiesen und der Oeffentlichkeit zur eigenen Deckung eine Verrechnung der erhaltenen öffentlichen Gelder vorgelegt, umsomehr, da dies a. uch vom zionistischen Blatte „Zsido Szemle“ in einem offenen Briefe verlangt wird. Herr 'Abraham' Frankl, Vorsitzender der orthodoxen Landeskanzlei izog es jedoch vor zu schweigen. Nach Wochen wurde er von einer anderen Seite interviewt und da ließ er sich herab, zu erklären, daß ihn die Angriffe des Dr. Mezey nicht interessieren. Mit Recht fragt Zsido Szemle, was eigentlich für Herrn* Frankl von Jnteresse sei. „Wahrscheinlich 'hätte ihn interessiert, wenn (man seinen vorjährigen Ethrog als fehlerhaft bezeichnet hätte“. Aber ihm anvertraute öffentliche Gelder.'. Nun möchte man gtauben, daß vielleicht die Gegenpartei, die Offiziellen aus dem neologen Lager, mehr Ehrgefühl im Leibe haben. Das zionistische Organ hatte Schon vor einem Jahre nachgewiesen, daß die Führung der Geschäfte durch die Leitung der neologen Landeskanzlei gesetzwidrig sei, da sie [bereits seit Jahren nicht wiedergewählt wurde, 'daß ferner die Schaffung der Würde eines Vizepräsidenten, die für den oben erwähnten Dr. Mezey kreiiert wurde, ebenfalls dem Gesetz widerspreche. Jm Uebrigen verlangte es eine Verrechnung über die der neologen Kanzlei anvertrauten jüdischen öffentlichen Gelder, wie die des jüdischen Schulfonds, etc., die noch nie veröffentlicht wurde und die Juden des Landes interessieren avürde. Die Antwort hierauf war, daß Herr Mezey die betreffende Nummer des Blattes der Redaktion mit Entrüstung