Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 uns; kein Band mehr und darf uns nie eines verbinden“ -1— erklärt Dr. Cohn. Nie mehr — auch dann nicht, »wenn die Landesgrenzen ach einmal für den Weltverkehr wieder öffnen werden“. Herr Dr. Cohn wünscht also augenscheinlich die Fortsetzung der Feindseligkeiten bis in alle Ewigkeit und zwarjgegen die | u d e n, die den Krieg gar nicht verschuldet haben. Aber in wessen Namen verlangt er dies? Doch nicht im Namen des Judentums, nicht einmal des deutschen, das zwar in diesem Kriege allen möglichen Pflichten dem Vaterlande gegenüber bereitwilligst nachkommt, das jedoch im Kriege nicht Selbstzweck erblickt, vielmehr die dem blutigen Völkerringen folgende Periode des Friedens und des kulturellen Schaffens herbeisehnt, die auch die unter dem Zwang der Verhältnisse entstandene -Kluft überbrücken würde. - Allein nicht bloß die deutschen Juden, auch7die nationalgesinntesten Deutschen selbst ^.können einen ewigen Krieg, wie ihn Herr Dr. Cohn wünscht, -unmöglich wollen. Schon heute machen sich die „bedeutendsten Köpfe Deutschlands Gedanken darüber, wie die kulturellen Beziehungen zu den anderen Staaten sich künftig gestalten würden. So verbreiten jetzt z. B. namhafte deutsche Pädagogen;und Männer der Wissenschaft einen sehr bemerkenswerten Aufruf an Eltern, Lehrer und Er- . zäeher, der mit den Worten beginnt: „Säet keinen;Haß in die Herzen der Kinder!“ „Auf dem deutsch liegt der Schwerpunkt und soll er liegen.“ Zweifellos gilt dieser Grundsatz für dfe Urdeutschen wenigstens in dem Maße, wie für den Herrn Dr. Willy Cohn, und.dennoch dürften sich unter ihnen kaum welche finden, die . dessen Anschauungen akzeptieren; ' und noch weniger solche, welche die Verstiegenheit besitzen, mit derartigen Forderungen in die Oeffentlichkeit .zu beten. Auch unter den ehrlich denkenden .deutschen Juden ist, bei all ihrem Patriotismus und bei all ihrer Sorge für das Wohl des deutschen Judentums, für Ansichten von der Art' eines inneren und dauernden Grenzschlusses kein Platz. Zu . solchen unverantwortlichen und gefährlichen Ansichten ist eben nur ein „Israelit“ von der Gesinnung Dr. Willy Cohns fähig, der, sozusagen . den „UeberdeutsChen“ spielend, den Juden aller . Länder, die nicht nur nicht den Krieg, sondern auch gegen Deutschland nichts verschuldet haben» .den Krieg für immerwährende Zeiten erklärt und das durch verschiedene vieltausendjährige Bande geeinigte Judentum in viele Judentümer spalten möchte. Daß solche verderblichen Ansichten in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ Platz finden '— ist nur natürlich. M.Henisch. kümmertheit, stets bereit zu sein zur Tat, dem Trieb der reinen -Seele gehorchend. Diese seltene Lebensfreiheit machte Hugo. Zuckermann zum Dichter, sie ist es. aus der die Großen geformt - werden. Hugo Zuckermann war keiner von den -Menschen, deren Tat das Antlitz der Erde ver- . ändert; aber einer von denen, welche uns am . besten lehren, daß als Hüter an der Schwelle des neuen Seins nur die Reinen, Ganzen, Unbekümmerten stehen dürfen. Nur sie bahnen den Weg. . Darum schmerzt es tausendfältig, daß Hugo Zuckermann in diesem Kriege fiel. Die „große Welt“, welche jetzt seinen Namen nennt, wird ihn bald vergessen haben. Denn er gehörte ihr nicht zu. Aber' jenen gehört er, welche den reinen Willen haben, die neue Zeit sich zu schaffen, die ungefundene Zeit des neuen Lebens, von welcher Hugo Zuckermann’s Judendlieder singen und sagen: Mit ruhigen Augen schauen Wir dann ins glitzernde Land : Bis ferne, wo sich mit blauen Schatten der Himmel umspannt“ Wer den Dichter und den Menschen als Symbol verstehen lernt, der wird ihn lieben und an seinem heiligen Feuer, das in kleiner anmutiger Flamme erloderte, Wärme- und ahnende Freude finden für große Zeiten:; ... „Und fallen erst alle Hüllen Vor unserem entfesselten Blick, — . : Dann bäumen wir uns in die stillen Wunder des Dämmerns zurück,“ ,_c Wien, im Dezember 1915.2 '. ’ ~ ...... S.^Fr^ed. < •JÜDISCHE ZEITUNQ . f~~ Nr, 1 Bus Palästina. Nach den letzten authentischen Nachrichten aus Palästina hat sich die L ge der Kolonien sehr verschlimmert Solange der Krieg anhält und der Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten ist, wird die Lage der Kolonien immer kritischer werden. Aber.die Kolonien Galiläas, die auf dem. Getreidebau basieren, haben sich mehr oder weniger den augenblicklichen Verhältnissen anpassen können. Die Kolonien Judäas dagegen leiden während der Kriegszeit, insbesondere wegen des Vorherrschens von Spezialkulturen, deren Produkte zum Export bestimmt sind. Zu den Kriegsschwierigkeiten kam nun 'gerade für die Kolonien Süd-Palästinas der unerwartete Heuschreckeneinfall hinzu, von dem Galiläa nur in schwacher Weise betroffen wurde. Die Verluste durch die Heuschrecken belaufen sich auf ca. 2 Millionen Frcs. Davon beträgt der Verlust an Orangen 1.250.000 und an Weinpflanzungen 400.000 Frcs. Daß sich dadurch auch die ökonomische Lage der jüdischen Arbeiter im Lande erheblich verschlechterte, ist nur natürlich. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Galiläa und Judäa. Während nämlich in Galiläa die Arbeiter in unseren Farmen für ihre arbeitslosen Kollegen sich einsetzen und dort Notstandsarbeiten organisiert werden, um der Arbeitslosigkeit in den galiläischen Kolonien entgegen zu trelen, ist in Judäa der größte Teil der Arbeiter auf Privatkolonisten angewiesen, von denen ein großer Teil jetzt selbst ohne Arbeit ist Zurzeit gibt es in Judäa, mit Ausnahme der Farmen Benschemen, Hulda. Kfar Urie, Ruchama, der Arbeitergnippe in Ein-Chai und einigen wenigen Arbeitern, die in den kleineren judäischen Kolonien beschäftigt sind,-997 Arbeiier (einschließlich Jemeniten). Diese Arbeiter repräsentieren mit ihren Familien eine Bevölkerung von 1500 Seelen. Die Lage der Arbeiter ist äußerst kritisch. Barzahlung; erhalten sie nur selten, ln der Regel sind die Arbeiter gezwungen, die Schuldzetfel, die ihnen der Arbeitgeber anstelle des Barlohnes übergibt mit großem Verlust in den Geschähen gegen de allemotwendigsten Nahrungsmittel einzutauschen. Dazu kommt noch, daß die Lebensmittel von Tag zu Tag steigen, während die Arbeitslöhne gleichzeitig sinken. Es ist fast zur Regel gewprden, daß die Arbeiter ein oder zwei Tage in der Woche hungern. Die türkischen Behörden’ haben den Kolonisten von Ri schön le-Zion die Dünen längs ihrer Kolonie abgetreten. Diese Konzession wurde von den Behörden als- Zeichen der Anerkennung des Wertes der jüdischen Kolonien für das Land gewährt Die Abgrenzung der abgetretenen Dünen wird in den nächsten Wochen vorgenommen werden. Der Frauenverein in Jerusalem beschloß, einen Zyklus von Winteryorträgen über Geschichte, Naturwissenschaft und Kunst in Jerusalem zu veranstalten. Der Zyklus wird aus 20 Vorlesungen bestehen. Bis. jetzt haben die folgenden Vorlesungen stattgefunden: Schriftsteller A. M. Boruchow über Soziologie; Dr. A. Beham über die Entdekkungen des verstorbenen Prof. Ehrlich, und Prof. Boris Schatz über Antokolsky. Alle diese Vorträge. die in hebräischer. Sparche abgehalten wurden, zogen Scharen von Besuchern an, die mit Spannung den Vorträgen folgten. ' ... * Da'der Obekommandierende in Syrien, Djemal . Pascha, die Leitung des Palästinaamtes in Jaffa in die Hände eines ottomanischen Staatsangehörigen gelegt wissen wollte, hat Herr Dr. Arthur Ruppin die Leitung des Amts Herrn Dr. Jakob Thon übertragen. Herr Dr. Thon hat auch den Vorsitz des Verteilungskomitees des amerikanisch-jüdischen Hilfsfonds übernommen. * Aus Jerusalem kommt die betrübende Nachricht vom Ableben des kaum 29 Jahre alten aus G a 1 i‘z i e n stammenden Malers und Zeichners J. Stark. Der Verstorbene kam vor einigen Jahren nach Palästina, trat in den „Bezaiel“ als Schüler ein, woselbst er dann nach seiner Vervollkommnung eine Lehrerstelle bekleidete. Die künstlerischen Arbeiten Starks berechtigten zu großen Hoffnungen. Angeblich soll er in letzter Zeit materiell sehr gelitten haben. Er hinterließ eine völlig mitellose Frau" und ein Kind. . - * In Kürze erscheint unter der Redaktion des Dr. Arjeh Feigenbaum der hebräische Bericht über die in Palästina im Jahre 1914 stattgefundene Trachom-Konferenz. Der Bericht ist ein schweres Stück Arbeit, wenn man bedenkt, daß es wohl das erste oder eines der ersten medizinischen hebräischen Bücher für Ärzte ist. Dem Berichte, zirka 140 Seiten stark, sollen auch einige Zeichnungen beigefügt werden.. - Geldsendungen für Schekel, Zentralfonds und Palästina - Hilfsfonds sind an das Zionistische Zentralbüro, Wien, II. Zirkusgasse Nr. 33, Posts i s i i:::. i 1 < i , > 1 :. .; j , zu richten. * \ Bus Der jüdisdien Uett. Die Warschauer polnische Zeitung „Dziennik Pölski“ berichtet über eine (am 12. Oktober stattgefundene Beratung, des Warschauer?,Bürgerkomitees“ über Schulangelegenheiten, in der eine Resolution gefaßt Wurde, jn der es u. a. heißt: „Im Anbetracht des Umstandes, daß viele Juden ein polnisches Nationalgefühl besitzen, daß die gesamte jüdische *Masse sich1 in der polnischen Kultur, die ihr am nächsten pteht, eingelebt habe, — wäre es wünschenswert, daß in den jüdischen Schulen in polnischer Sprache unterrichtet Werde.“ Es wurde dabei — so berichtet das erwähnte Blatt Weiter — ein umfangreiches Material über die Bemühungen zur Po- Ionisierung der jüdischen Schulen vorgelegt. . In Lodz bestehen jetzt 15 städtische jüdische Elementarschulen!mit 67 Abteilungen, in bestehen 6 jüdische Schulen mit 18 Abteilungen und ebensovielen Lehrern. * Einer Meldung der „Rjetsch“ zufolge; soll der bekannte Antisemitenführer Zamislowski in allernächster Zeit die Ernennung als Chef der russischen Polizei erhalten. Zamislowski war bekanntlich eine Hauptfigur im Beilis-Prozesse. Erst neulich .schleuderte er während der Judendebatte in der Duma dem Kadettenführer Miljukow den Vorwurf zu, er habe sich Von den Juden bestechen - lassen. Zamislowski als Polizeichef ist ein ausgezeichnetes Seitenstück des neuen Ministers-des'Innern Chwostow. . *. Der Militärgouvemeur RusSki in Petersburg hat unlängst für das Gouvernement alle jüdischen und hebräischen Zeitungen verboten. Von diesem Verbot ist in erster. Reihe: das vor kurzem neugegründete'jidische „Petersburger Tagblatt“ betroffen. ... # Die Kopenhagener Jüdische Volksstimme“ berichtet über eine in Kiew abgehaltene Konferenz der russischen Geistlichen im Kiewer Gouvernement, auf der der Beschluß gefaßt wurde, die Gleichberechtigung der Juden zu bekämpfen. ' ' *• Das offizielle Zentralorgan des Zionistischen Sonderverbandes „Misrachi“, die hebräische Wochenschrift „Haibri“, die mit Ausbruch des Krieges ihr Erscheinen eingestellt hatte, wird vom 1. Januar ab unter,der-Leitung des . früheren Redakteurs. M. .Berlin in New-Vork erscheinen. •. - . .! : :! Die vor einigen Wochen in New-York eröffnete Ausstellung der Jüdischen Kunstgewerbeschule B ezal e 1 in Jerusalem erfreut sich in immer steigendem Maße der Gunst des jüdischen und nichtjüdischen Publikums. Die Ausstellung ist bereits von vielen Tausenden besucht und eine große Anzahl der ausgestellten Arbeiten ist bereits abgesetzt worden. .. Vom MitisAen UeihnadifstnarhL „Die teuren Christbäume. Eine Wiener Hausfrau schreibt uns: Es besteht die Gefahr, daß bei dem Mangel an'Christbäumen viele christliche Familien heuer keinen Christbaum haben werden, da ihnen die Bäume weglizitiert werden. Dieser Tage fragte ich auf einem Christbaumverkaufsplatz nach dem Preis eines mir zusagenden Baumes. Er war mir zu teuer und ich sagte der Verkäuferin, unter den obwaltenden Umständen müssen wir uns mit einem kleineren und minder schönen begnügen. Zwei Damen, welche ebenfalls hinzutraten, äußerten dieselbe Meinung, obwohl ihnen der Baum ebenfalls gefiel. Da kommen zwei Nichtchristinnen und siehe, diesen ist er nicht zu teuer.. Sie kaufen ihn. Und solche Fälle nahm ich dann mehrere wahr. Wir werden also augenscheinlich heuer das merkwürdige Schauspiel haben, daß die Christen auf den Schmuck ihres christlichen Festes, mit dem sie die Geburt ihres Heilands feiern, verzichten müssen, weil andere die Christbäume um jeden Preis aufkaufen können. Gibt es da keine Abhilfe? Wir bauen uns doch auch keine. Laubhütten und backen keine Mazzes!“ („Reichspost“.) „38 jähriger Kaufmann, Gesellschafter einer großen Provinzfirma, mit bedeutenderem Vermögen und Einkommen, sucht auf diesem nicht mehr, ungewöhnlichen Wege Bekanntschaft mit... Jüdin .. . mit größerem Vermögen . . . Zuschriften unter „Weihnachten 1915“ an.. . :“ („N. Fr. Pr.“) „Die Budapester jüdische Firma Julius Wolfrier & Co. .hat anläßlich der Weihnachten 500.000 Kronen zu einer Stiftung für Witwen und Waisen ungarischer Honvöd-Berufsoffiziere gespendet.“ _ („Allgem. Jüd. Ztg.“); Auf die Frage, welche ein jüdischer Börsenbes.ueher zur Weihnachtszeit an. einen christlichen Zeitungsberichterstatter an der Wiener - Börse stellte:- „Werden Sie auch einen.Weihnachtsbaom anzünden?“ erwiderte er: „Bin ich denn ein Jud’?“