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Jüdische Zeitung · 1916-01-07 · 1 (7.1.1916) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
1 (7.1.1916)
Date
1916-01-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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W.. 3.3 1?ßg£- Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATTONALFONDS ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden g| _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ refch-Ürigarri: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Garrzjähr. Mk. 10.—, iralbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Garrzjähr. Frcs. 15.—. Ektzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 1. Wien, Freitag, den 7. Jänner 1916 — 2. Schebat 5676. X. Jahrgang. Schon zum zweitenmale in diesem Kriege verspürte die in Berlin erscheinende »Allgemeine J Zeitung des'Judentums* das Bedürfnis, sich deutschchauvinistisch zti gebärden. Vor ungefähr einem Jahre glaubte der Redakteur jenes Blattes, Herr Professor Ludwig Geiger, in seinem Artikel »Krieg und Kultur“ es bezweifeln zu müssen, ob die deutschen Juden noch je den Willen haben werden, ihren russischen Brüdern zu helfen. Nun - bringt dasselbe Blatt in seiner Nr. 48 einen »Zukunftsfragen des deutschen Judentums“ betitelten Leitartikel des Dr. Willy Cohn, der einen noch - viel häßlicheren Hurra-Patriotismus an den Tag legt und in seiner Stellungnahme zu den Ostjuden noch weitgehender ist.*) Herr Dr. Cohn schreibt: »Der Durchschnittsjude des Ostens steht nicht auf dem Kulturstandpunkt des westlichen Juden. Kommt nun der Ostjude rasch zu Geld, so sucht er die Metropolen des Reiches und des Westens auf, ohne innerlich sich schon zu einem Vollkulturmenschen entwickelt zu haben, denn diese, Entwickelung-kann -sich nur -durch - Generationen taiig1sam vollziehen. Durch sein Geld nun nimmt er in jenen Orten eine bedeutsame Stellung ein,- setzt - aber die Gesamtentwickelung herab. Es ist das- - selbe Problem, das Georg Hermann in »Jettchen Gebert“ zur Darstellung gebracht hat. In die altjüdische Patrizierfamilie kommt der Jüngling aus dem Osten, der nur Geldmensch ist, und indem er das arme, aber hochstehende Jettchen heiratet, zieht er ihre Familie zu sich herab. Hier heißt *) Nach Dr. Cohn eröffnete in derselben Zeitung auch Professor Dr. Martin Philippson eine geradezu unerhörte Kampagne gegen die Ostjuden, auf die wir noch zurückkommen werden. FEUILLETON. Hugo Zutomann’s GeOidite. Bald rundet sich ein Jahr, seit sie einen Dichter zu Grabe trugen. Sie (die sogenannte „Welt“) hatten ihn nicht gekannt. Erst einige Wochen, ehe er durch dieses Krieges wütende Gewalten sein Schicksal erfüllen mußte, entdeckte man sein „Oesterreichisches Reiterlied“. Es war lange v o r dem Kriege entstanden, aber es wurde für diesen Krieg in Anspruch genommen, sozusagen mobilisiert, als der „echte Ausdruck dieser Zeit und ihres Empfindens“ bezeichnet Die Empfindungsmacher aber übersehen, daß ihre feiste dreiste Lüge dadurch zusammenfällt, daß Hugo Zuckermann „ihrer Zeit“ nichts, gar nichts bedeutet hat, daß sie nie etwas von dem oft und oft Gedruckten hörten, was sein liederreicher Mund sang. Er schaute und hörte und konnte r ein wiedergeben, was Auge und Ohr aufgenommen hatten. Denn er besaß die wunderbare Fähigkeit, stets Harmonien zu empfinden. Das Gegenständliche verblaßte dabei und das rein harmonische lebte hell und klingend in diesem Menschenkinde auf; und wenn er es geruhig faßte, entstand ein Lied. Wenn er es in die Fragen des Seins hineinwob, erstand Sein anmutiges und zugleich bewundernswertes Intuitiönsweltbild, das, unbeschwert von dem Zweifel ringenden Denkens, stets die harmonischeste Lösung des Seins darstellte. Aus dieser reinen Intuition kam Hugo Zuckermann, den Jugend lind Erziehung unbedingt anderswohin hätten verschlagen müssen, zum Judentum in seiner härmoni- . ... Verlegt bei R., LöwiL Herausgegeben von Otto Abeies. Wien. 1915. es einen Riegel v.orschieben zum Segen des deutschen Judentums, denn sonst ist alle Arbeit umsonst, die darauf hinäuszielt, das deutsche Judentum innerlich immer mehr zu heben. Die ungeheueren Menschenreservoire de3 Ostens gießen, falls sie nicht daran gehindert werden, Jahr für Jahr ihre Massen nach dem Westen aus. Wir wollen unsere jüdischen Glaubensgenossen des Ostens, die vielleicht durch diesen Krieg zu Deutschland in engere Beziehungen treten, in jeder Weise zu heben suchen, ihre Entwickelung, wo es immer geht, unterstützen und fördern, aber wir wollen und müssen auch zwischen ihnen und uns eine Scheidelinie errichten, wollen wir nicht das deutsche Judentum auf das empfindlichste schädigen. Sie in die Gemeinschaft des deutschen Judentums aufnehmen, hieße das Judentum zu einem undeutschen machen, und auf dem „deutsch“ liegt der Schwerpunkt und soll er liegen. Schwere Probleme birgt die Judenfrage des Ostens in sich; wenn wir ihre Lösung versuchen, so müssen wir immer in erster Linie unser deutsches Judentum in den Vordergrund treten lassen, wollen wir keinen Selbstmord an unserer Art begehen. Die Grenzen unseres deutschen Vaterlandes, für das unzählige deutsche Juden ihr Blut in diesem heiligsten aller Kriege geopfert haben und viele noch opfern werden, diese Grenzen sind für uns auch, innerliche.. Ueber sie wollen wir nIcht hina ussclifei6ü iiach' den Juden anderer Länder. Mag der jüdische Franzose Franzose sein, der jüdische Engländer Engländer, wie wir eben Deutsche und nur Deutsche sind. M i t jenen verbindet uns kein Band mehr und darf uns nie mehr eins verbinden. Was jetzt unter dem Zwang der Verhältnisse eingetreten ist, es muß auch bleiben, wenn die Landesgrenzen sich einmal für den Weltverkehr wieder öffnen werden.“ Also: „Einen Riegel vorschieben“ zwischen den „Nur-Geldmenschen“ aus dem Osten und dem „hochstehenden Jettchen“, dem deutschen Judentume; „eine Scheidelinie errichten“, um das deutsche sehen Entwicklung, der nationalen. Diese intuitiven Eingehungen liefen ihn für die wirrsten, verwinkeltsten Fragen der Zeit stets eine harmonische Lösung finden; sie war oft weltfremd, denn sie hatte nie das Gegenständliche in sich einbezogen. Stets aber war sie rein und aus echtem Empfinden herausgewonnen. Die Intuition war es, welche ihm selbst in seinem Berufe täglich neue Freude gab; sie bezwang das Relative, welches jedem Berufe anhattet. Durch sie wurde Hugo Zuckermann der sonnighelle Mensch, dessen Lied vom „seligen Sünder“ träumt. „Nachts, wenn der Gram Zu mir kam, Hab’ ich ihn wie ein Kind Gewiegt, Das im Fieber liegt Und bangt vor dem bösen Wind.“ Auch die Trübnis und der Schmerz lösten sich in ihm zu lindem Ebenmaß. Diese Gaben schufen den Dichter, der mit dem Menschen innig zusammenbängt Es gibt viele Dichter, deren Lied stärker, mächtiger, reifer klingt, wenige jedoch beherrschen einen reineren, lichteren Klang, einen Kiang, der echten Jubel, reiche Freude so innig tönte wie das Lied Hugo Zuckermann’s. Er ist der Dichter der sonnigen Tage, jener Tage „ohne Zusammenhang.“, in denen der Tod „wie ein trunkener Winzer“ liegt Die Lieder, in welchen das zweifelfreie Sein sich kündet, sind auch die reichsten; die Lieder von dem „Einst“ des Judenvolkes, wje es des Dichters weit über den Tag" sich schwingende Vorstellungskraft sieht: „Einst, einst, Wenn Du wieder scheinst, Segnende Sonne, auf unser Gestade Dann stehen taufrisch, kerzengerade Halme und Karren, daß Du sie bräunst, Einst.“ Judentum vor „empfindlicher Schädigung“ zu bewahren. Allein, bedeutet dies nicht etwa eine Forderung des Grenzschlusses, wie sie kais. Regierungsrat Fritz geltend machte und die von Seiten des ganzen deutschen Judentums eine so schroffe Zurückweisung erfahren hat? Und nicht bloß die Forderung, auch die Motive Dr. Cohns weichen von den Fritz’schen Motiven nicht weit ab. Gibt doch auch Fritz vor, das Interesse des deutschen Judentums wahrzunehmen, das vor einer „Massenzuwanderung kulturell ihnen fremder, tiefstehender Elemente“ bewahrt werden müsse, da dieselbe „den eigenen Kulturerwerb der deutschen Juden wegzuschwemmen drohe“.*) Dabei ist es charakteristisch, daß Fritz den deutschen Juden, die Dr. Cohn im Gegensätze zu den Nur-Geldmenschen aus dem Osten als die „alt-jüdische Patrizierfamilie“ bezeichnet, einen „auf das rein Nützliche gerichteten Materialismus“ vorwirft, welcher auf die verschiedenen Gebiete des deutschen Volkslebens einen verderblichen Einfluß ausübte.**) Obwohl für Dr. Cohn „der Schwerpunkt auf dem „deutsch“ liegt“, geht ihm die Sache des deutschen Judentums naturgemäß mehr zu Herzerr, als dem antisemitischen Regierungsrat Fritz. Und scheinbar deswegen sind auch die Wünsche Doktor Cohns bedeutend weitgehender, indem sie erstlich auch den inneren Grenzschluß involvieren, überdies aber solchen nicht bloß auf die Ostjuden, sondern auch hinsichtlich der westlichen Juden, oder wie er sich allgemein ausdrückt: der „Juden anderer Länder“, ausdehnen. „Mit jenen verbindet *) Georg Fritz: „Die Ostjudenfrage“. S. 44. **) dortselbst. S. 13. Wo Gegensätzliches in des Dichters Empfinden ersteht, wo die Dinge sich hart im Raume stoßen, dort ist Hugo Zuckermann’s Lied weit weniger reich. Da wird seine Lösung manchmal unfrei, wie etwa in der „Astarte von Dan“ oder in manchen Judenliedem seiner Jugendtage (denn früh schon formte sich ihm ein Lied auf den Lippen). Manchmal wieder bricht in diesen Gedichten aus schweratmendem Zweifel der helle Sonnenstrahl einer im Schauen entzückten Empfindung sieghaft hervor, wie etwa in dem sonst wenig glücklichen „Du wirst den Kindern heut die Lichter zünden“ alle beschwerende Reflexion in nichts versinkt vor dem einzig schönen Bilde: „Sag’ ihm, Jakob diente zweimal sieben Frohnjahre schwer als ein geringer Knecht Und immer wenn der Lenz ins Land gegangen, Trieb er die Schafe singend durch das Tal...“ Am glücklichsten war denn auch er und seine Dichtung dort, wo er Liebe, Größe, Stärke sich ganz erfüllen fühlte. Diesem Fühlen, das stets bereit war, sich von Irdischem, Begrenztem zu befreien, entsproß Hugo Zuckermann’s reine Begeisterung für seines Volkes Zukunft, die ihn selbst in Alltagsdingen der Parteien zum Dichter machte. . Der Klang ist verhallt Hugo Zuckermann ist tot Es ist nicht faßbar und ist doch schon ein Jahr lang wahr. Er starb am Kriege, in welchem er ein reines, wahres Menschenschicksal sah. Das war der Krieg, der einst in jenen Makkabäertagen, die uns Hugo Zuckermann’s schönstes Lied schenkten, das Lied von der Bereitschaft, von der Tat. In jenen Worten: „Eure Häuser, Eure Plätze Heischen wir und — Euer Leben! Euer Leben, daß nicht sterbe Väterart und Väterexbe“. in ihnen liegt der Lebenssinn Zuckermann’s, der ihn auch zum Kriege begeisterte: In freier Unbe-

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