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Jüdische Zeitung · 1915-12-21 · 50-51 (21.12.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
50-51 (21.12.1915)
Date
1915-12-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 •JÜDISCHE ZEITUNQ Nr, 50/51 Ein Volk kann man nur heben, wenn man ihm seine nationalen Ideale läßt, unter deren Antrieb — wie der Weltkrieg es neuerlich zrigt— die'höchsten Leistungen zustande kommen. Jeder Versuch der Entnationalisierung bringt die häßlichsten Erscheinungen zutage. Freuen wir uns, daß die so sehr geknechteten und verelendeten Ostjuden die Kraft zu einem neuen großen Ideal, der Wiedergeburt in ihrem alten Heimatlande, gefunden und durch zahllose Opfer an Gut und Blut (in Palästina bewiesen haben, daß sie diesem Ideal heroisch zu dienen fähig sind .... Nach dem Kriege werden die Ostjuden mit ihren Forderungen auf den Plan treten und dann werden alle wohlmeinenden Kreise des Westens zu zeigen haben, ob sie gewillt sind, die größte aller „Judenfragen“ zu beseitigen durch Schaffung einer wahren Gleichberechtigung und einer freien Entwicklungsmöglichkeit für die jüdischen Massen, die dann aus eigener Kraft ihr letztes, großes Ziel — das zionistische — verwirklichen werden. Adolf Böhm. Prinz Hohenlohe unü hie luden.; Von Dr. Sa 1. Kassner. Ein freiheitlich gesinnter Mann ist jetzt Minister des Innern. Es ist klar, daß die Juden Oesterreichs nun einige Hoffnung hegen können, gehört zu werden, wenn feie gleich den übrigen Völkern Wünsche und Beschwerden Vorbringen. Inwieweit sich diese Hoffnung schon während des Krieges erfüllen wird, läßt sich aus der bisherigen Amtswirksamkeit des neuen Ministers vermuten. Prinz Hohenlohe war Landespräsident der Bukowina. Er hat sich als solcher glänzend bewährt und wer dies zustandegebracht, hat das Reifezeugnis für einen aufrechten österreichischen Minister in der Tasche. Für die Juden Oesterreichs War es stets von großem Nachteile, daß die österreichischen Staatsmänner jüdischen Fragen vollständig fremd gegenüberstanden. Ein österreichischer Minister kam selten in die Lage, jüdische Forderungen auf ihre Berechtigung und . Zweckmäßigkeit aus eigenei; Anschauung prüfen zu können. Er verließ sich in der Regel auf politische Fachreferenten aus den Kronländem, diese wieder auf unmaßgebliche Gutachten von unorientierter, mitunter sogar übehvolj lender Seite, und das Ergebnis war (sachlich stets verfehlt, für die Juden ein unbefriedigendes1 und in den meisten Fällen auch dem Staatsinteresse j völlig zuwiderlaufend. Prinz Hohenlohe urteilt und handelt selbständig. Als er vor 12 Jahren nach der Bukowina kam, fand er ein politisches Trümmerfeld. Alle authoditonen Nationen standen im heftigsten Kampfe gegeneinander. In der Aera Bourguignon wurde auch die Regierung, die jedesmal anderen Einflüsterungen Gehör schenkte, im Landtage im Kampfe der Parteien arg zerzaust Der Landeschef mußte weichen. Prinz Hohenlohe brachte Ordnung in die verworrenen Verhältnisse. Er machte aus den „Rebellen“ Mitarbeiter und schuf einen Arbeitslandtag, in dem alle Nationen in einem Verbände vereinigt (waren. Es schien, als ob eirf neuer Völkerfrühling jin der Bukowina erwacht sei. Rumänen, Ruthenen, Juden und Deutsche reichten sich die Freundeshand und geeint zogen die authochtonen Nationen in den Wahlkampf. Die auf den kurulischen Stühlen erbgesessenen Bojaren wurden von ihren eigenen Volksgenossen gestürmt. Der alte Landeshauptmann, Exzellenz und ehemaliger .Vizepräsident des Abgeordnetenhauses,fiel im Wahlkampfe gegen einen schlichten Bauer und betrat niemals mehr den Bukowinaer Landtag. Die rumänische demokratische Richtung gewann in der Wählerschaft die Oberhand. Die Ruthenen, die eine verschwindende Minderheit im Landtage waren, wurden gleichfalls Führer der Majoritätspartei. Juden und Deutsche, die sich in der heftigsten Weise zuvor befehdeten, traten einander wieder näher und auf dem christlichdeutschen Hause klebte als sinnfälliges Zeichen der Verständigung ein jü d i sch es Wahlplakat. Jn dieser allgemeinen Völkerverbrüderung gelangte auch ein Sozialdemokrat in den Landtag und der Wahlsieg wurde jn allen Sprachen gefeiert. Die Bauern und Juden marschierten in gemeinsamen Fackelzügen. Jeder Hader war vergessen. Die Volksstimmung riß hin, wurde tonangebend und selbst der Großgrundbesitz begann derselben Rechnung zu tragen. Ein Landespolitiker, der Zuvor in seinem Blatte einen antisemitischen Artikel veröffentlicht hatte, wurde von den Vertretern a 11 e r Nationen aufs schärfste verurteilt Jnterpellationen wegen Bedrückungen der Juden fanden Gehör auf der Regierungsbank. Die Juden Wurden Mitglieder der Majoritätspartei im Lande und die neue Wahlordnung ergab im Landtage in der Folge für die Juden 10 Mandate! Wer diesen Umschwung damals im1 Lande hervorgezaubert? Prinz Hohenlohe. Er war der erste Landesschef, der der Bukowina freie Wahlen gab. Er bot allen Völkerschaften ungehinderte nationale Entwicklungsmöglichkeit und alle anerkannten dankbarst, daß die deutsche Universität, die Macht deutschen Wissens ihnen die Segnungen westlicher Kultur vermittelt und das einigende Land bildet. Ein Resultat, das noch in keinem Kronlande einem Landeschefgelungenist. Prinz Hohenlohe beseitigte alle Mißstände in der Verwaltung und inaugurierte eine Aera der Gerechtigkeit und peinlichsten Objektivität. Die Grundsätze der Gleichberechtigung aller Nationen und Konfessionen setzte er wirksamst in die Tat um, indem er allen Landeskindern den Zutritt zu den öffentlichen Aemtem erschloß. Er selbst ging hiebei mit gutem Beispiele voran und nahm! jüdische Konzeptsbeamte jn die Landesregierung auf, die sich auch trefflich bewähren. Allen Nationen des Landes War er gleich zugetan, alle priesen ihn als ihren Schutzgeist und noch heute wird sein Name im ganzen Lande, sowohl in der kleinsten Judengasse, als auch im entferntesten Gebirgsweiler der Bukowianer Karpathen, rühmend genannt. Von bestrickender Liebenswürdigkeit und von ernster Energie erfüllt, wirkte er auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens der Bukowina schöpferisch. Als der damalige Ministerpräsident K ö r b e r die Bukowina mit seinem. Be- . suche beehrte und die Eröffnung des jüdischen* Waisenhauses in Czemowitz vornahm, —ein Programmpunkt der Feierlichkeiten des lifricles > aus Anlaß des Ministerbesuches - da zollte Prinz- Hohenlohe den kulturellen Schöpfungen der Juden Lob und Anerkennung und alle jüdischen Landesbewohner wurden sich klar, daß sie gleichwertige Bürger sina und neben, nicht hinter den Nationen des Landes stehen. So wirkte Prinz Hohenlohe in der Bukowina. Er ließ sich durch Unkenrufe aus dem Westen nicht beirren. Ein Wiener Hetzblatt bezeichnete die Völkerversöhnung in der Bukowina spöttisch als Zirkumzisionsfeier, bei der Prinz Hohenlohe den durchlauchtigsten ^,Mohil“ abgebe. Er ging über solche Flegeleien zur Tagesordnung und arbeitete mit rastloser Energie an dem schönen Werke weiter. Er löste während kurzer Zeit in dem buntsprachigen Kronlande [Bukowina, Welches wegen seines Völkerkonglomerätes Kleinösterreich genannt wird, die Aufgabe eines Landesschefs in glänzendster Weise und wirkte vorbildlich für den Gesamtstaat. Seine Judenfreundlichkeit war nur eine Folge wohlwollender Gesinnung allen Völkerschaften gegenüber und das Ergebnis freiheitlicher Anschauung, welche Staatsbürger zwei, ter Klasse nicht kennt. Prinz Hohenlohe machte in der Bukowina österreichische Politik, wie sie das Staatsinteresse und das Gesamtwohl erfordert. Jm Rahmen einer solchen kann in einemi Lande, in dem Juden wohnien, die (stets1 ein kulturelles und hervorragend patriotisches Element bilden, nur der Grundsatz' vollster Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit betätigt werden. Prinz Hohenlohe wies in Uebereinstimmung mit dem damaligen Ministerpräsidenten Korber die Wege, die jn Oesterreich gewandelt werden müssen. Er Iblieb leider in der Bukowina nun kurze Zeit -April 1913 bis September 1914 - und sein schönes Werk blieb dort unvollendet. Eine lange Amtstätigkeit des Prinzen Hohenlohe als Minister wird für Oesterreich von großem Segen sein. Es Steht zu erwarten, daß dann auch den Juden die verdiente Beachtung und Anerkennung ihrer Postulate nicht versagt werden wird, im Interesse Oesterreichs, für dessen Ruhm und Größe kein Volkstamm der Monarchie heißer kämpft, als gerade die Juden, die leider die meisten Staatsmänner, durch Verhetzung irregeleitet, verkennen oder überhaupt nicht kennen. Prinz Hohenlohe kennt die Juden und schon deshalb löst seine Berufung Freude und berechtigte Erwartung aus. Der wirtschaftliche Wiederaufbau der östlichen, vom Feinde besetzt gewesenen Gebiete, wo die meisten Juden wohnen, wird in dem neuen Minister 'des Innern ,einen sachkundigen und warmen Fürsprecher finden und Maßnahmen, die Prinz Hohenlohe fechon während des Krieges treffen wird, werden niemals gegen einen österreichischen Volksstamm, auch nicht gegen die Juden, gerichtet sein. H2rmann Cohen unä seine neueste Schrift. Von Zeit zu Zeit tritt dieser So hochbedeutsame Führer der neukantischen Schule aus der Enge seiner Studierstube heraus, um von der Höhe seiner philosophischen Anschauungen aus, zu den Hauptfragen -des deutschen oder jüdischen Lebens Stellung zu (nehmen. In der großen Auseinandersetzung über die deutsche Zukunft und im Grunde des europäischen Schicksals überhaupt hat sich nun Herrn an Cohen in seiner Schrift „Deutschtum und Judentum“ (bei Alfred Töpelmann in Gießen 1915) in einer Weise geäußert, daß auch wir Nationaljuden dazu uns äußern müssen. Eigentlich verbietet schon die Persönlichkeit und die Bedeutung des anerkannten Gelehrten ein Stillschweigen, denn es ist für uns eine innerlich notwendige Rechtfertigung, in diesen Gedankenkreis einzugehn und unseren Standpunkt ihm gegenüber festzulegen, wenngleich schon vorausgesetzt Werden muß : Herman Cohen ist ein typischer Sprecher eines großen Teiles der deutschen Judenheit und uns österreichischen Juden mehr symptomatisch wichtig. Wir müssen immer festhalten, daß der deutsche Jude noch viel weiter von seinem Judentum; - im' indifferenzierten Sinn gemeint - entfernt ist als der Typus des westösterreichischen Juden; denn gerade diese Hochschätzung der Orthodoxie ist ein Zeichen für die fast gefahrvolle Distanz, da sie nicht dem lebendigen, ununterbrochenen Zusammenhang mit dem Volkssinn entspringt, sondern der kühlen Ueberlegung des Verstandes, dem Losgesprengten, in fremder Umwelt lebendem' Jndividuum einen Rückhalt und einen Wurzelboden zu bieten. Herman Cohen gehört zu der nun allmählich1 aussterbenden Generation von Denkern, die trotz ihrer jüdischen Jugenderziehung und ihrer Beziehung zu der geistigen Tätigkeit, Wie sie sich seit der Begründung der Wissenschaft des Judentums in Deutschland entwickelt hatte, eigentlich vollständig im deutschen Geistesleben standen und von hier aus die sie mit dem Judentum1 noch verbindenden Fäden einer fast objektiven Zergliederung unterziehen konnten. Gerade die letzte Schrift zeigt beinahe eine Zusammenhanglosigkeit, eine Kühlheit der Betrachtung, die nur noch persönliche Bande Sozialer Art und die nicht auszulöschenden Jugenderinnerungen ahnen lassen. Man könnte bei Besprechung dieser Schrift tiefer schürfen und Cohens Auffassung des Judentums zur Erklärung heranziehen. Für ihn ist dieses verständlicherweise lediglich Religion und dieseeine Vorstufe zur Ethik. So darf man die Sittlichkeit als das Ziel bezeichnen, zu dem die Religion fortschreitet: dieses anlässlich des 5. Weltkongresses für freies Christentum und religiösen Fortschritt 1910 in Berlin ausgesprochene Bekenntnis hatte bereits in einem früher erschienenen Buche „Religion und Sittlichkeit“ eine breitere Unterlage erhalten. Das größte Hindernis für diese Gleichsetzung aber ist nach ihm der Mythos, der das Fortschreiten von Religion zur Sittlichkeit verhüllt. Aus solchen Anschauungen heraus erklärt sich der tiefe Gegensatz Cohens zu Spinoza und seine entschiedene Ablehnung. Der Jünger Kants, der seinem Meister gerade durch seine jüdische Denkschärfe nahe gekommen ist trägt den jtü- •dischen Sittlichkeitsbegriff in nackter Fassung an die reine Vemunftlehre des Königsberger Philosophen heran. Aber er besitzt kein Organ für die im tiefsten Grunde jüdische Lehre Spinozas, der mit aller mathematischen Methode einzig die Metaphysik des Juden zu formulieren strebt.; dazu hat es Wahrlich nicht erst Dunin-Borkowskis Ergebnisse gebraucht. Den gleichen Fehler aber den seinerzeit Cohen Moriz Lazarus zu Vorwurfe machte, er systematisiere die Ethik des Judentums durch die Kategorien der Herbartschen Psychologie, begeht er immer wieder bei seiner Beurteilung des Judentums; kaum jemals so deutlich wie in seiner letzten Schrift, wo er die inneren Beziehungen zwischen Judentum und Deutschtum bloß zu legen sucht. Die Wesentliche Verwandtschaft des mosaischen Gottesbegriffes mit idem1 deutschen Idealismus Wie er /mit Kepler erweckt worden und in Kant seinen Höhepunkt erreichte, ist der Anfang Beines Vergleichs und die Feststellung, daß der deutsche Staatsgedanke ob seiner Reinheit und innem Berechtigung als Vorstufe zum Staatenbunde den rechten Weg zur Erfüllung der messianischen Idee zeige, ist der Endpunkt dieser wirklich tiefen Nebeneinanderstellung. Es sind gar viele Dinge hier berührt, die uns nachdenken machen und uns zwingen, tiefer zu graben. Denn Cohen spricht bei dieser Auseinandersetzung mit der ganzen Gewalt |der durchdringenden Verstandesschärfe, sosehr wir auch oftmals argwöhnisch aufhorchen. Doch1 wo von der innem Verwandtschaft der beiden innern Volksgeister die Rede ist, darf eine def größten Leistungen für das deutsche Geistesleben nicht verschwiegen werden: der Beitrag Spinozas ist sein Lessing so wuchtig, wie irgendeiner, man mag an Goethe denken oder an Richard Wagner als Letzten der Romantik. Aber Cohen hat mit Recht nur von Judentum und Deutschtum gesprochen, denn die Beziehungen, die aufgedeckt werden, sind (einzig Fäden zwischen den beiden Volkstümern, wobei wir wohl noch das starke Treiben des deutschen Geistes als lebendigen Organismus fühlen, der von einem Judentum befruchtet wird, von dem1 nur Bücher und Lehren da Sind, keineswegs aber Menschen als Schöpfer dieser Bücher und Träger dieser Lehren. Zur deutschen Zukunft wird das Buch wohl vieles sagen, zur jüdischen gar nichts. Und so formuliert sich die jüdische Arbeit Cohens überhaupt als Durchforschung eines zu diesem Zweck zurechtgelegten Judentums in seinen Beziehungen und Leistungen zum gesamten menschlichen Fortschritt nach’ Kantischer Methode. Seien wir nicht undankbar, eS ist gar vieles Große dabei gesagt worden. Aber zum lebendigen Judentum, das um seiner selbst willen da ist und da sein wjill, spricht Cohen nicht; er kann es auch nicht. w. st.

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