Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1915-12-21 · 50-51 (21.12.1915) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
50-51 (21.12.1915)
Date
1915-12-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438521-2438570--4629-2444521
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JÜDISCHE ZeTUNG NRTIONRL -JUDI5CHE5 ORGAN »gg rurum Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: ' Wien, .11., 'Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nadimittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnemenstspreise: Für Oester- M ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr, K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschlands .Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcsr*15.—. Einzelexemplare 20 J». — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 43.325. ■ Nr. 50/51 Wien^ Dieiistagjj, icjen 21. Dezember 1015 —. 14. Tebeth 5676. IX. Jahrgang. ■■■■■■■■■■■■■■■.. 1 . ..»r:lSV r •# Wegen. Einrückung des Druckerei-Personals erscheint diese Nummer zu. unserem Bedauern verspätet. \ ’ Aus demselben Grunde kann die nächste Nummer erst Freitag, den 31. d. M. erscheinen. Die OsljuSenfrage.*) Durch den Weltkrieg ist die Ostjudenfrage, von deren Vorhandensein in Westeuropa außerhalb der zionistischen .Kreise kaum jemand eine Ahnung hatte, aktuell geworden. Eine ganze Literatur ist über sie entstanden, die allerdings namentlich von deutschnationalen, antisemitischen Autoren gespeist wird, für welche die ganze Frage nur Iden meinen Aspekt hat: Wie .verhindert man das 'Zuströmen von ostjüdischen Massen nach Deutschland?.. .. Die Revolutionierung der ostjüdischen Volksseele in den letzten 30 Jahren ist verursacht worden duch zwei politische Jdeen: die sozialistische und die zionistische. Beide 'hatten das Gemeinsame, ganz moderne politische Ziele in das ostjüdische Ghettomilieu zu tragen und die Jugend für Sie Zu gewinnen. Wie weit deren „Modernisierung“ der einen oder der anderen Jdee geschuldet ist, läßt glich gar nicht abmessen; so hatte die jungjüdische Selbstwehr in Rußland gegen ,’die 'Pogrome 1904-5 ihre Anregung Von (beiden Ideen erhalten. Wenn man schematisieren wollte, so könnte man Sagen, daß die sozialistische Jdee die soziale, die zionistische die nationale Befreiung der Ostjuden erstrebt, aber auch hier fließen die Grenzen ineinander; der jüdische sozialistische „Bund“, diese aktionskräftigste Gruppe der russischen Sozialdemokratie, ist gegen den Willen seiner anfänglichen Leiter bald gezwungen gewesen, immer nationaler zu werden und schließlich die Anerkennung der nationalen Rechte,,vor (allem der nationalen Sprache der Ost-, juden zu fordern, der Zionismus trat seinerseits schon von vornherein (nicht nur als nationale, sonn dem auch als soziale Wiedergeburtsidee auf, und da er das ganze Volk, also 'alle Klassen umfassen will, sehen (wir innerhalb Seines Rahmens zwei sozialistisch-zionistische Gruppen auftauchen und immer stärker werden. j , j j , | || *) Unser Gesinnungsgenosse Herr Adolf Böhm veröffentlicht in Nr. 48/49 der Wiener Wochenschrift „Die Wage“ den vorstehenden Aufsatz als Erwiderung auf einen in Nr. 42/43 derselben Wochenschrift erschienenen, „Die Bedeutung der Jidden für das Deutschtum“ überschriebenen Artikel, (der in Nr. 46 unseres Blattes bereits glossiert worden ist) Wir geben hiermit mit freundl. Erlaubnis des Autors und der Redaktion der „Wage“ auszugsweise die ungemein interessanten Ausführungen des H. Böhm wieder, die sich nicht bloß durch Sachkenntnis auszeichnen, sondern auch der Frage des Verhältnisses des Zionismus zur rein national-jüdischen Bewegung nähertreten. Die Redaktion. Die. rein* national-ostjüdische oder „jiddische“ »T?»rteħfe Ist erst im' Gefolge des Zionismus mit;.clfesen ^Stärkung des allgemeinen jüdischen Natiohalbewußtseins aufgetreten. Ueberall waren Zionisten, also Nationaljuden strengster Observanz, oder zumindest solche Juden, die durch den Zionismus zu Nationalisten geworden waren, die Führer und Förderer der „jiddischen“ Parteien. Es Wird für einen Außenstehenden, der mit den schwierigen Problemen des Ostjudentums nicht vertraut ist, nicht kla‘r sein, was;eine derartige Feststellung mehr sein soll, als etwa eine Grenzberichtigung zwischen „Nur-JiddiSchisten“ — welcher unschöne Ausdruck im Parteileben sich eingebürgert hat — und Zfonisten. Deshalb sollen mit wenigen Worten die Grundfragen gestreift werden. Sind auch die Ostjuden nach Abstammung, Religion, Gebräuchen, Sprache etc. ein Scharf charakterisiertes Volk L— und welcher vernünftige Mensch glaubt heute noch, daß diese Millionen Ostjuden, Russen oder, Polen mosaischer Konfession wären — so fehl,.'*ihnen zur Behauptung ihrer Volksindividualität doch eine wichtige Grundbedingung: die nationale Wirtschaft. Teils durch historischen Werdegang, teils durch noch bestehende Beschränkungen und schließlich infolge der einseitigen Begabung, die sich durch all diese Umstände herausbilden mußte, sind die Ostjuden auf Wenige Tätigkeitskreise: Handel, Gewerbe und „freie“ Berufe beschränkt, (in Osteuropa sind sie, im Gegensatz zum Westen, sehr stark, zu zirka 33°/o im Kleingewerbe vertreten). Jhnen fehlt die national geschlossene Wirtschaft, die sich selbst genügen könnte, mit der Landwirtschaft als Unterbau. Hiebei sei bemerkt, daß die förmlich als Axiom geltende, weit verbreitete Ansicht, daß die Juden ohnehin keinerlei Neigung zur Landwirtschaft hätten, vollkommen falsch ist, wie die Tatsache, daß in Südrußland, Wo ihnen Zar Nikolaus I einmal(1836) zur Ansiedelung Gelegenheit gab, ,1899 allem 10.700 ackerbauende Familien mit 70.000 Personen gezählt wurden und ferner der vorhandene, immer mächtiger werdende Zug zur Scholle in neuester Zeit beweist, in der eine nach Tausenden zählende jüdische Farmervereinigung in Amerika erstanden ist, in Argentinien sich 14.000, in Palästina zirka 12.000 jüdische Bauern .niedergelassen haben und in allen Teilen der Welt eine steigende Siedlungstätigkeit der Juden vor sich geht. Der Mangel einer national geschlossenen Wirtschaft, wie Sie alle anderen Völker der Welt aufweisen, die deshalb niemals entwurzelt werden können, ist die Gefahr, die dem nationalen Bestand der Juden droht. Gewiß könnte der Gedanke auftauchen, die Ostjuden zu russifizieren, zu polonisieren oder zu germanisieren, aber das wäre trotz der möglichen Aufdrängung der betreffenden Sprache in der Schule nicht einmal theoretisch denkbar, Wenn die Juden nicht bloß „in den Poren“ der Wirtschaft anderer Völker säßen, wie Marx es einmal ausgedrückt hat. Der Zionismus will nicht den „Judenstaat“, sondern er Will eine normale jüdische Gemeinschaft aüfbauen durch Schaffung einer jüdischen Siedelung mit dem Unterbau der Landwirtschaft und der Ermöglichung eines eigenen Kulturlebens durch das Medium der hebräischen Sprache-. Der Zionismus ist haher keine Marotte, sondern eine Bewegung, welche das Grundübel in der Situation der Juden beseitigen und diese wieder auf eigene Füße stellen will. Auch ihre Hebraisierung ist keine Verstiegenheit, sondern die neuhebräische Sprache hat sich von selbst in Palästina als Schul-und Literatursprache durchgesetzt; selbst in Osteuropa breitet sich ein immer dichteres Netz neuhebräischer moderner Sprachschulen aus (1913 in Galizien 55 Schulen mit zirka 7000 Schülern) und die namhaftesten ostjüdischen Dichter darunter der monumentale Bialik sowie Mendele (der „ostjüdische Gottfried Keller“) schaffen in dieser Sprache. Erst der Zionismus, der auf die Lösung der ganzen Judenfrage durch die schöpferische Tat der Juden ausgeht, hat das jüdische Nationalbewußtsein wieder erweckt. Erst durch sein Auftreten kam wieder Fluß und Bewegung auch ins Ostjudentum und entstanden „jiddische“ Strömungen. Der Zionismus mit seiner in jeder Hinsicht radikalen, aufs Ganze und Letzte gerichteten Forderung, ist fes, der den umwälzenden und stets vorwärtstreibenden Faktor im national - jüdischen Leben auch des Ostens bildet, der Jiddischismus, der sich selbst oft als sein Gegner aufspielt, ist nur möglich durch die Stütze und die Zukunftsaussicht, die dem Volke durch den Zionismus gegeben wird. Ein rein ostjüdischer Nationalismus hätte schon wegen des Mangels einer geschlossenen Wirtschaft der Ostjuden keine Zukunft. Nur mit dem Hintergrund der zionistischen Lösung der Judenfrage gewinnt der ostjüdische Nationalismus Rückhalt, Mittelpunkt und richtige Einstellung in das Gesamtjudenproblem. Der Westen, soweit er sich mit ostjüdischen Problemen befaßt •— und das wird jetzt, wo die Zentralmächte in den okkupierten Provinzen verwalten, Schulen errichten etc. immer mehr der Fall sein — wäre in großem Irrtum, wenn er die jiddische Bewegung als etwas anderes auffassen wollte, als einen Zweig der großen allumfassenden national-jüdischen Gesamtbewegung, in die schließlich alle die teilnationalen Strömungen führen. Bei den Ostjuden selbst ist z. B. die Neigung zu hebräischen Schulen stärker, als die zu jiddischen. Bezüglich der Frage: „wie die ,Jidden“ sich zum Deutschtum verhalten“, wäre dem Autor darin recht zu geben, daß die Ostjuden eine dem Deutschen verwandte Sprache sprechen, deutsche Bildung genossen haben und die Deutschen bei ihnen viele Anknüpfungspunkte finden können. Die„ Jidden“ könnten aber durchaus nicht germanisiert werden. Das wollen zwar die Großdeutschen selbst ntcht, es wäre aber auch nach anderen Ge sichtspunkten ein verfehltes Beginnen. Die Juden bilden eine kleine Minorität gegenüber den Polen (zirka 14 °/0). Sie könnten daher unmöglich bei einer etwaigen deutsch-polnischen Spannung irgendwie Partei ergreifen. Andererseits wollen sie das auch gar nicht Sie wollen Juden sein und bleiben, Juden der Nationalität nach, mit den freundschaftlichsten Beziehungen zu den zwei großen Nachbamationen Sie erwarten von den beideu Völkern nichts anderes“ als die Anerkennung ihrer Nationalität und das Selbstbestimmungsrecht in nationalen Fragen, vor allem in der Schulsprache.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.