Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1915-12-03 · 48 (3.12.1915) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
48 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438521-2438568--4615-2444505
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 48 JÜDISCHE ZEITUNli Seite 7 ihre Interessen beim .Wiederaufbau besteht ist. In den Berichten über die Sitzungen des Polenklubs finden wir oft die Namen Kolischer, Groß, Rauch usw., aber hvir suchen in den Anträgen und Ausführungen vergeblich auch nur nach einem direkten Hinweis auf die jüdische Bevölkerung. Die Herren Kolischer und Groß sind sogar Mitglieder der 'wirtschaftlichen Kommission, warum verheimlichen sie vor der jüdischen Oeffentlichkeit den wirklichen Stand der Dinge? Wir haben als weitere Aufgabe des zu gründenden Büros die Informierung der jüdischen Oeffentlichkeit bezeichnet. Diese Aufgabe ist im weitesten Sinne aufzufassen. Vor allem müßte das Büro die jüdische Presse über den jeweiligen Stand der Wiederaufbauaktion informieren, ihr Notizen und Artikel 'zukommen lassen usw. Ferner sind ganz populär geschriebene, für die Massenverbreitung bestimmte Broschüren über die Wiederaufbaufragen in jüdischer Sprache notwendig, beispielsweise über die bereits vorhandenen oder später zu entstehenden Wiederaufbauinstitutionen, über die Notwendigkeit und Möglichkeit genossenschaftlichen RohstoffundWa-, reneinkaufs, über gemeinsame Lieferungsüber - nahmen, gemeinsame Herstellung von Gewerbeerzeugnissen für den Wiederaufbau, über die modernen Erfordernisse des Wohnungswesens, kurz technische, juridische, kommerzielle und sonstige Belehrung. Vielleicht könnte dafür auch ein kleines Organ herausgegeben werden. Von nicht minderer Wichtigkeit wäre allerdings ein deutsches Organ zur Informierung der Regierung und anderer Faktoren über die Bedürfnisse und Wünsche der jüdischen Bevölkerung und insbesondere zur Erweckung und Wachhaltung des Interesses der westjüdischen Kreise, die gerade jetzt durch ihre Mittel und ihren Einfluß Ersprießliches leisten könnten. Dasselbe gilt von Amerika, das gewiß viel mehr und systematischer arbeiten möchte, wenn von hier aus etwas. Energie und Tatkraft sich zeigen würde. Ich will nicht weitere Aufgaben eines solchen zentralen Wirtschaftsbüros aufzählen. Ich mache mir auch keine Illusionen über die Frage von Personen und Mitteln. Aber ich glaube, in solchen Dingen kommt vom Zweifeln und Zögern immer sehr wenig heraus. Wir sind bei aller Bescheidenheit in keiner Beziehung so arm, wie wir vielleicht selber glauben. Es gilt nur, die Apathie zu überwinden und den ersten Schritt zu machen. Als diesen allerersten Schritt würde mir am besten eine Konferenz der Kultusgemeinden und sonstigen Institutionen zusprechen, die sich vielleicht zu einer gemeinsamen großzügigen Aktion vereinigen könnten. Eine solche Konferenz könnte nicht nur das vorgeschlagene Wiederaufbaubüro ins Leben rufen und ohne jede Schwierigkeit das nötige Budget für dessen ungestörtes Funktionieren bewilligen, sie könnte in entsprechender Form den Wünschen der jüdischen Bevölkerung Ausdruck geben .und vielleicht sogar auf Grundlage der gemeinsamen Kreditfähigkeit der in den Gemeinden organisierten Gesamtheit und mit Hilfe, westlicher und äusländischer Gegemeinden und Körperschaften irgendwelche selbständige Wiederaufbauinstitutionen ins Leben rufen. Die Beschränkheit des Raumes gestattet nicht, in Weitere Delails einzugehen. Aus demselben Grunde bin ich puch auf die pilgern einen P r i n z i p i e n,‘nach denen der Wiederaufbau vor sich gehen soll, insbesondere auf die Grundsätze der Kriegsentschädigung 1 (Ist nur Sachschaden als Schaden zut behandeln, oder auch Verdienstentgang und daraus resultierende Ueberschuldung des Proletariers?) nicht eingegangen. Zweck dieser Zeilen ist bloß, auf die Gefahr aufmerksam zu machen und auszusprechen, daß wir endlich in dieser Lebensfrage der jüdischen Massen in irgend einer Form uns wieder als Gesamtheit zeigen müssen. Dr. Z. F. Finkeistein. Die luden Amerikas im Uelliiriege. Im amerikanischen Judentum vollzieht sich derzeit eine tiefgreifende Wandlung. Während in Europa der Weltkrieg Millionen jüdischer Existenzen in den Abgrund eines unbeschreiblichen Elends hinabstürtzt, beginnen die jüdischen Massen in Amerika gerade jetzt den eigentlichen Prozeß der nationalen Wiedergeburt. Der von der Heimatscholle des Ostens entwurzelte Wanderjude rafft sich plötzlich zur sittlichen Höhe eines sozial und geistig vollwertigen Mitgliedes des ganzen Volkes auf. Große jüdische Organisationen, wie Orden Brith Abraham mit 200.000 Mitgliedern, Orden Brith Schalom mit 50.000 Mitgliedern und der Verband den galizischen Juden mit 40.000 Mitgliedern schlossen sich allein im letzten Jahre der jüdisch-nationalen Organisation an und die 300 Massenmeetings in allen jüdischen Zentren Amerikas, die Millionensammlungen für die Opfer des Krieges, der riesige Aufschwung der jüdischen Presse und der einmütige, stolze bewußte Geist, der alle Juden Amerikas beseelt, sprechen am deutlichsten für das Erwachen des Solidaritätsgefühls und des sozialen Gewissens im amerikanischen Judentum. Dem Zerrütteten und durch das europäische Flammenmeer in blutige Fetzen zerrissenen Volke tritt mit echt amerikanischer Großzügigkeit ein neuer Genosse an die Seite. Der bewußte, wohlorganisierte und vom tiefen Solidaritätsgefühl durchdrungene Jude Amerikas besinnt sich auf seine Pflichten und schließt sich dem Gesamtjudentume an. Die Tragödie einiger Monate wirkt mächtiger als Jahrhunderte gemeinschaftlicher Ueberliefcrung und gemeinschaftlichen Leidens. * * Daß sie vor allem die planmäßige Zusammenschmelzung aller Juden Amerikas in eine Gesamtorganisation in Angriff nehmen, erbringt den besten Beweis ihrer weisen berechnenden Voraussicht. Auch hier dürfte der Krieg ihr Lehrmeister gewesen sein. Die unerhörte Desorganisation des Gnlusvolkes in Europa, bot ihnen wohl das erschiitternstc Schauspiel im blutigen Völkerringen. * * * Es sind nicht die reichlichen Spenden, durchweiche die Juden Amerikas unsere Not zu lindern versuchen, nicht die Protestversammlungen und flammenden Reden, durch welche sie unseren Jammer in die Welt hinausschreien möchten. Es ist das glühende Solidaritätsgefühl, das' so ungestüm erwachte und alle politischen und sozialen Gegensätze durch das Banner nationaler Ideale zum Schweigen brachte. Nicht ein Burgfriede ist’s, der erzwungen wird zur Abwehr nationaler Gefahr, sondern der Beginn einer neuen Epoche. Man könnte behaupten, das jüdisch-soziale Gewissen in Amerika geht soeben vom* Stadium einer latenten Energie zur Aktivität über. Mit dem Zusammenbruch unserer staatlichen Existenz Avurde auch das normale harmonische Zu-. Eine Ueberraschung. Eine der vielen, die uns der Krieg bescherte, aber eine der wenigen, die erfreulich sind und schicksalsschwer auf freudigere Zukunft deuten. Gestehen Avir es freimütig! Der amerikanische Jude galt uns nie pls ebenbürtig. Wenigstens dem Typus eines modernen, schaffenden und um neue Werte ringenden Juden gegenüber. Der jüdisch-amerikanische Bussinesjäger konnte kaum als Element der jüdischen Zukunftsbauer in Betracht kommen. Am wenigsten als Zu - kunftsträumer. Diese erblühten vielleicht irgendwo wie verborgene Veilchen in Whitechapel, aber niemand vermutete sie unter den Wolkenkratzern der amerikanischen Judenbezirke. Kühl bis ans Herz, nüchtern und marktschreierisch — dies Avar für uns der durchschnittliche Jude Amerikas. Die Verkörperung einer alten Zivilisation, die in dem Schlamm1 des anglo-sächsischen Kulturmorastes gewaltsam ertränkt Avurde. Mit Sorge verfolgten xvir diesen Entwicklungsgang. Die aus dem fernen Osten verpflanzten Massen verloren schon nach einigen Jahrzehnten den Zusammenhang mit der ursprünglichen Umgebung. Die jidische Sprache blieb zwar wie früher als herrschende bestehen, die jüdische Presse und Literatur xvuehs ins Riesenhafte, — dabei ging aber der echtjüdische Geist allmählich zugrunde. Es erblühte eine verzerrte Parasitenkultur an Stelle der urwüchsigen östlich-jüdischen. Gordin, Pinski, Morris Rosenfeld — lauter Importeure der jüdischen Kultur aus dem Osten verkümmerten allmählich unter der Einwirkung dies-, r anormalen Verhältnisse. Je mehr sie sich vom ursprünglichen Milieu entfernten und dem amerikanischen Einflüsse freien Lauf ließen, desto flacher, robuster, beinahe trivial Avurde ihre Schöpfung. Ein in die Augen Springendes Beispiel : Morris Rosenfeld, der geniale Schneiderlehrling aus Rußland und Rosenfela der amerikanisierte Globetrotter der letzten Jahre!. Die mächtige Industrie, die erdrückende Wucht des amerikanischen Großkapitals, das fürchterliche Elend der jüdischen Massen und die Tragödie des ewigen Wanderlebens Avirkten nicht nur hemmend, sondern geradezu erdrückend auf die freie Entwicklung der jüdischen Individualität. Zum Glücke war es nur ein Schein, der uns über den wahren Sachverhalt hinwegtäuschte. Denn im VolksbeAvußtsein schlummerte der Wille zu einer individuellen nationalen Eigenart, ein Trieb, der erst durch die gewaltige Flut des* Weltkrieges aufgerüttelt wurde. Epstein, Brandeis, Louis Lipsky, Magnes und die anderen, die sich an die Spitze des erwachenden Judentums Amerikas stellten, sind schon ein deutlicher Ausdruck der neuen Entwicklung. Es sind bewußte, stolze Individualitäten, die das Ghettoprctzentum der Einwanderer durch großzügige Eigenart eines ansäßigen Kulturvolkes zu ersetzen wissen. sammenwirken aller sozialen Organe zum gemeinschaftlichen Zwecke zur Unmöglichkeit. Die Diaspora von vielen Jahrhunderten erstickte jede Regung eines allgemeinen, den Gesamtorganism-us des Volkes umfassenden Sotidaritätsaktes. Die höhere Prophetie des Opfermutes des Individuums für die Gesamtheit, die im jüdischen Staate zum Element des sozialen Bewußtseins wurde, ist im Ghetto zum unproduktiven Aszetismus von Bußepredigern verzerrt worden. Die äußeren Umstände bewirkten wohl die physische Konzentration der jüdischen Masse, jedoch bei weitem nicht die moralische. Das gemeinsame Leiden und der Selbsterhaltungstrieb hielten im Ghetto- Volke das Solidaritätsgefühl aufrecht, aber nicht das schöpferische, zur Tat bereite, sondern das dumpfe, passive, beinahe tierische. Während das tätige Solidaritätsgefühl eines Volkes zur Triebkraft der fortwährenden Entwicklung xvird und des Opfermutes eines Einzelnen fürs Ganze, gestaltet sich das passive nur latent und unproduktiv. Der Zionismus Avar der erste grandiose Versuch der Umwandlung des passiven Solidaritätsgefühls im Judentum in ein dynamisches Bewußfsein, das schaffend und organisierend alle Teile dem Ganzen unterordnet. Auch das Erwachen des national-sozialen Gewissens in den Juden Amerikas bedeutet eben einen weiteren Schritt zur UmAvandlung des dumpfen Instinktes der Masse in eine schöpferische Triebkraft eines Volkes. Es dürfte ihnen dies vielleicht leichter gelingen, da sie eher am Wege sind, in sich den Goius zu überwinden. Da sie es von ihrer Umgebung gelernt haben, alte Scheinwerte in Trümmer zu legen. Das Erzieherische jedoch dieses Beginnes scheint uns am bedeutendsten zu sein. Während wir im lähmenden Entsetzen den Orkan des Krieges hilflos über uns ergehen lassen, erschallt uns aus dem weiten Weltenraume ein dröhnendes 1 Echo mitfühlender Millionen. Ein Echo, das heute noch Avie ein Mysterium der Schöpfung zarte! Gewebe des sozialen Mitempfindens über den! Ozean zu uns hinüberspinnt, morgen vielleicht! mit gewaltiger Wucht in unsere Zerstörung ordnend und helfend eingreifen wird. Erhebend wirkt das Beispiel und erzieherisch auf das ganze Volk. Allenfalls ists ein echtes Golusspiel! In der Zeit, in der Millionen Juden Europas im Todesi schauer eines Weltkrieges erzittern, erwacht in dem Judentum Amerikas ein neuer Ruf des Lebens und tönt wie ein rauschendes Wiegenlied ewiger Hoffnungen .... Nachschrift der Redakti on: Bei aller Freude über das seitens der amerikanischen Judenheit in der letzten Zeit geäußerte Solidaritätsgefühl und bei aller Würdigung der jüngsten Erscheinungen des dortigen jüdischen Lebens glauben wir, daß es vielleicht doch unzutreffend wäre, gerade die Kriegszeit als „Beginn einer neuen Epoche“ zu bezeichnen. Zunächst kann man das Erwachen des alljüdischen Ver- . antwortlichkeitsgefühls in der amerikanischen Judenheit etwas weiter zurückdatieren. Ist ja be- Safe deposits CESKYCH SPORITELEN DER BÖHM. SPARKASSEN Filiale in Wien, I. Schottenring 1 — Schotteng. 10. Wechselstuben: I. Schottenring 1 und I. WipplingerstraBe 22. auf Sparbücher. Einlagen in laufender Rechnung laut Vereinbarung. Grösse Jährlich I K 6.- II K 10.- III K 20.- IV K 30.— V K 40.— VI K 50.- Kassastunden von %9 bis Uhr vormittags und von y23 bis 5 Uhr nachmittags. DieRentenst.trä.-t die Bank aus F.ii. Posieilag-ch. grat. 77

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.