Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1915-12-03 · 48 (3.12.1915) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
48 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438521-2438568--4614-2444504
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 48 woraus sich alle Fäden des nationalen und religiösen Lebens bis in die entferntesten Gegenden, in denen die Kinder Israels wohnten, ohne Unterlaß fortspannten. Damals trugen sie neben der Idee auch das Bild des Heiligtums in ihrem Herzen. Es wat der Born ihres höheren Lebens, deshialb ihres Lebens überhaupt. Sie waren damit unzertrennlich verwachsen, In den ivtakkabäerbüchern können wir lesen, daß alle Taten der tmakkabäischeu Heldenscharen nur mit Beziehung darauf getan wurden. Immer wieder hören wir der Makkabäer Parole: Für das Volk und dessen heiligsten Güter! Der Feind kannte den Zentralpunkt, an dem das Judentum, einmal verwundet, heillos verbluten müßte. Auf diesen Punkt richtete er denn auch seine verheerenden Waffen. Er wollte die Juden zwingen, ihr ureigenes Selbst zu verleugnen, allen Fremden sich anzupasesn und die nationalen Güter preiszugeben. Wenn man des Bacchus Fest beging, mußten die Juden in Kränzen von Epheu dem Bacchus zu Ehren einhergehen. Und es war großer Jammer in Israel. Da gürteten die Makkabäer das Schwert um ihre Lenden und zogen in den Krieg fürs Heiligtum. — — — Der Makkabäer Krieg war ein Kampf für die heiligster. Güter des Volkes. Die Makkabäer kannten keine Rajahs und keine Giaurs, die sie mit ihrem Haß verfolgt hätten; die Makkabäer hätten gern mit ihren Nachbarn in Frieden gelebt, wie sie denn auch mit mehreren Völkern Friedensbündnisse schlossen. Allein es waren böse Nachbarn, die Israel nidht in Frieden leben ließen. Sie bedrängten das jüdische Volk, demütigten es und zwangen es zum Abfall. Sie verwüsteten die heilige Stadt und stellten Götzenbilder auf im Tempel des Einig-Einzigen. Als das Volk all diese Schmach sah, zerriss es seine Kleider, streute Asche aufs Haupt und wehklagte und betete. > Juda Makkabi aber wußte, daß man mit Beten und Wehklagen keine Schlachten schlagen, keine Feinde besiegen kann. Sein Weckruf erging daher an die Getreuen, sich 'zum Kampfe zu rüsten. Er stellte sich als Führer an die Spitze und die Getreuen schlossen sich ihm mit Begeisterung an. Da folgte Heldentat auf Heldentat, Sieg auf Sieg. Die Makkabäer befreiten das Volk und gaben Jerusalem seinen früheren Glanz wieder. Aber — als der Feind besiegt war, da war das Werk noch lange nicht vollbracht. Auch' im Siegesjubel vergaßen die Makkabäer nicht, daß es die große Idee war, für die sie gekämpft, daß es die heileigen nationalen Güter waren, die sie verteidigt hatten; nun galt es, auch das! Friedenswerk in den Dienst der Idee und den nationalen Sache zu stellen. Im Frieden begannen 'sie von neuem und pijit frischer Kraft an dem Bau des nationalen Heiligtums zu arbeiten und es seiner Vollendung entgegenzuführen. Deshalb zogen sie — Wie die Bücher der Makkabäer schlicht und ergreifend erzählen — siegesfreudig und dankerfüllt gen Jerusalem. Und bauten das Heiligtum wieder und das Inwendige des Hauses und iveiheten die .Vorhöfe. Und ließen neue heilige Gefäße machen, den güldenen Leuchter, den Rauchaltar und den Tisch; und brachten sie Wieder in den Tempel. Und trugen Maien und grüne Zweige herbei und schmückten das Haus. Und zündeten die Lampen auf dem' Leuchter an, daß sie im Tempel leuchteten. Und hielten das Fest der Weihe acht Tage lang mit Gesang und mit Pfeifen, Harfen und Zymbeln. Und lobten Gott, der ihnen Sieg und Frieden gegeben hat, auf daß sie von neuem dem Volke sich widmen, für seine Gegemvart und seine Zukunft wirken können .... B. Locker. Znm UieOerauibau Galiziens. Wir wollen unsere Ausführungen nicht mit dem üblich gewordenen Hinweis auf die großartige Aktion des preußischen Staates für den Wiederaufbau Ostpreußens beginnen, sondern bloß festhalten, daß der Wiederaufbau des unvergleichlich schwerer heimgesuchten Galiziens über die ersten tastenden Schritte noch nicht hinausgelangt ist. Wir wollen auch gleich gestehen, daß wrir nicht 'zu den „Informierten“ gehören und über die Aktion nur soviel wissen, als durch offizielle und offiziöse Mitteilungen der breiteren Oeffentlichkeit bekanntgegeben Wurde. Und das genügt gerade, um zur Ueberzeugung zu gelangen, daß es höchste Zeit ist, daß die jüdische Oeffentlichkeit dieser Angelegenheit ihre vollste Aufmerksamkeit schenkt Bisher sind für die Zwrecke des Wiederaufbaues von Galizien bloß zwei großzügige Institutionen ins Leben gerufen worden: die „Galizische Kriegskreditanstalt“ und die „Galizische Kriegshandelszentrale“, beide mit dem vorläufigen Sitze in Krakau. Es würde zu Weit führen, hier des längeren auf die statutarischen Bestimmungen beider Anstalten einzugehen. Es genüge die Feststellung, daß die Galizische Kriegskreditanstalt schon nach ihrem Statute hauptsächlich für die Landbevölkerung bestimmt ist. Für die Stadtbevölkerung kommen nur in Betracht Kreditgewährungen: a) an Kreditinstitutionen zur Deckung ihrer Verpflichtungen aus ihren Emissionskoupons und aus. Einlagen (nicht aber für neue Kreditoperationen ); b) für Handels- und Gewerbetreibende, Industrielle und Hauseigentümer zum Zwecke der Wiederherstellung von Wirtschafts- und Wohngebäuden, der Verbesserung oder Neuanschaffung von Werkzeugen, Maschinen und Inventar, nicht aber für Betriebs-Kapital, Wareneinkaut, Schulden- und Steuerzahlung usw'. Diese Beschränkungen treffen natürlich in erster Linie die jüdische Bevölkerung, die doch vorwiegend eine Stadtbevölkerung ist und gewerblichen und kommerziellen Berufen nachgeht. Aber auch innerhalb dieser eng gezogenen Grenzen ist durch die Bestimmungen über die Vermittlung von Kredit durch das den Juden nie gewogene Gewerbepatronat des Landesausschusses, durch die gewöhnlich judenreinen städtischen Sparkassen oder durch bei der Landesbank akkredidierte Kreditgenossenschaften der jüdischen Bevölkerung der Zutritt zur Kreditanstalt fast ganz abgeschnitten. Dazu kommt noch, daß die Direktion der Kriegskreditanstalt ganz judenrein ist, im Aufsichtsrat zwar ein Jude, Herr Dr. Fruchtmann von der Hypothekenbank sitzt, diese Körperschaft aber einerseits auf die konkrete Verwaltung fast gar keine Ingerenz hat, andererseits Herr Dr. Fruchtmann sich selber gewiß nicht als Vertreter jüdischer Interessen betrachtet wissen möchte. Zur Illustration des. Ernstes dieser Sache sei noch angeführt, daß das Stammkapital der Gal. Kriegskreditanstalt 25 Millionen Kronen beträgt (davon gab die Regierung 23 Millionen Kronen, der Landesausschuß und die Landesbank je 1 Million Kronen) und daß dieselbe berechtigt ist, im Reeskomptwege das Dreifache dieses Betrages bei der Oesterr. - ung. Bank Zu beanspruchen. Laut Bericht des Direktors Dr. Steczkowski bei der Sitzung der Wirtschaftskommis sion des Polenklubs Werden Inwestitionskredite mit 3 Prozent, andere Jmit 5 Prozent verzinst und sind in 10 Jahren vomMomente des Friedensschlusses zurückzuzahlen. Bis zum 7. November sind 1040 Kreditgesuche eingelaufen aut einen Gesamtbetrag von fast 84 Millionen Kronen; es wurden Promessen auf {Kredite im Betrag von 39,127.360 Kronen und Darlehen im Betrag von nahezu 15 Millionen Kronen ausgegeben. Die Investitionsdarlehen werden als V o r(s c h ü s s e auf die voraussichtlich ,auf gesetzlichem Wege zu bestimmende Kriegsentschädigung betrachtet. Ganz judenrein ist .auch die „Galizische Kriegshandelszentrale“, eine unter Aufsicht und mit Hilfe der Regierung arbeitende Genossenschaft mit beschränkter Haftung, als deren Genossenschafter die Kriegskreditanstalt, der Landesausschuß, die Landesbank, die Zentralkasse für Spar- und Kreditgenossenschaften, die Stadtgemeinden Lemberg und Krakau, der Verband der 30 größeren Städte Galiziens und eine ganze Anzahl kooperativer, landwirtschaftlicher und gewerblicher Institutionen figurieren. Diese Kriegshandelszentrale hat die Aufgabe, die kommerzielle Seite des Wiederaufbaues zu leiten, insbesondere obliegt ihr die Versorgung des Landes mit Baumaterialien, landwirtschaftlichen und gewerblichen Produktionsmitteln, Lebensmitteln und täglichen Verbrauchsgegenständen sowohl durch Vermittlung als auch durch eigene Geschäftsführung. Es sollen spezielle Abteilungen für Baumaterialien, Kohlen, Lebensmittel, landwirtschaftliche und gewerbliche Angelegenheiten eröffnet werden. Die Kohlenabteilung ist schon im Betrieb. Ist es picht bezeichnend, daß gerade ip einer solchen Institution auf die Mitwirkung der Juden, die doch in kaufmännischen Dingen quasi auch was verstehen, ganz verzichtet wird? Man kann sich vorstellen, was die jüdische' Bevölkerung und insbesondere der jüdische Handels- und Gew'erbestand von dieser Anstalt bei der Uebergabe von Lieferungen, bei der Vermittlung von Geschäften, bei der Verteilung der Rohmaterialien usw. zu erwarten hat. Daß hier kein Zufall vorliegt, beweist noch die Tatsache, dab zu deT; vom Landesausschusse Ende Oktober abgehaltenen Enquette über die J-age der Handwerker. und Gewerbetreibenden und über deren Wünsche und Forderungen in bezug auf den Wiederaufbau kein Jude eingeladen Wurde. Dabei soll nicht übersehen werden, daß die Juden im galizischcn Gewerbe eine hervorragende Rolle spielen, daß sie in manchen Zweigen sogar die Mehrheit bilden. Und das tut derselbe Landesausschuß, der erst vor 5 Jahren eine Enquette über das jüdische Eiend in Galizien veranstaltet hat, bei welchem als eines der wichtigsten Alittel zur Linderung, dieses Elends die gleiche Behandlung der Juden mit den Nichtjuden vorgeschlagen ■wurde! Allerdings hat sich ■inzwischen eine Kleinigkeit ereignet, der Krieg und die russische Invasion. Da mag sich ja so manches zum.Besseren geändert haben und alle Skrupel sind wieder überflüssig. Doch genug davon. Das Gesagte dürfte genügen, wenn es1 noch eines Beweises bedurfte, daß wir etwas tun müssen, -um (nicht „überrascht“ zu werden. Was ist also zu tun? Ich glaube, es ist notwendig, daß eine Institution geschaffen wird, die sich mit allen Fragen des Wiederaufbaues vom Gesichtspunkte der jüdischen Bevölkerung betaßt, sagen wir ein jüdisches Bureau für den Wiederaufbau Galiziens1 (und der Bukowina). Diesem Bureau, das in allen Orten des von der Invasion heimgesuchten Gebietes Zweigkomitees gründen müßte, würde die Wahrung der gesamten Interessen der jüdischen Bevölkerung obliegen. Wie sehr die jüdische Bevölkerung besonders in den kleineren Orten, die meist von allen offiziellen Vertretern verlassen sind, einer Repräsentanz bedarf, die ihr mit Rat pndTat zur Seite stellt, den Uebergriffen allzu eifriger untergeordneter Verwaltungsorgane nach Möglichkeit entgegentritt und wo notwendig, eventuelle üble Nachwirkungen der Invasion im Verhältnis der einzelnen Bevölkerungsteile zu beseitigen sucht, wird jeder wissen, (der die Verhältnisse nur einigermaßen kennt. Aber diese ad hoc- Vertretungen hätten in erster Linie Aufgaben wirtschaftlicher Natur zu erfüllen. Nicht nur die Organisierung des Unterstützungswesens (bekanntlich hat das Lemberger Rettungskomitee auf diesem1 Gebiete schon Verdienstvolles geleistet) sondern hauptsächlich die so dringende Wiederaufbauarbeit. ln den nächsten Wochen müßten diese Komitees sich vornehmlich der Schadenerhebungsaktion widmen, da schon am 31. Dezember 1915 der für die Schadenerhebungen bestimmte Termin abläuft. In den Bezirksschadenerhebungskonimissionen und in der Landeskommission sitzt kein einziger Vertreter der Bevölkerung. Die Gutachten der beizuziehenden Sachverständigen sind für die Kommission nicht bindend. Es ist also notwendig, daß die Bevölkerung Wenigstens jemanden hat, der sie belehrt, eventuell vor der Kommission vertritt und nötigenfalls bei der Landeskommission, der die Ueberprüfung der Schätzungen obliegt, die entsprechenden Schritte vornimmt. Natürlich ist eine der behördlichen parallel laufende und Womöglich tnit derselben kooperierende Schadenerhebung von größter Bedeutung. Wir müssen, wenn es zur endgültigen Regelung dieser Fragen kommt, ein genaues Material über den wirklichen Umfang des ökonomischen Ruins der jüdischen Bevölkerung in Händen haben. Das in Wien existierende Schadenerhebungsbüro hat bereits ein Rohmaterial von Tausenden Erhebungen, nur muß die Arbeit fortgesetzt und ausgebaut Werden und die breite Oeffentlichkeit müßte recht bald etwas1 mehr zu hören bekomjmen ials — an sich leider allzu [berechtigte — Klagen über die Verheerungen, die der schreckliche Krieg und die Invasion angerichtet haben. Diese ganze Arbeit .müßte, Wie gesagt von einem (bei den gegebenen Verhältnissen in Wien amtierenden) jüdischen Schadenerhebungsbüro geleitet Werden, das sich aus Männern zusammensetzen müßte, welche die nötige Erfahrung und die entsprechende Energie besitzen, die, Arbeit auch zu leisten. Es müßte eine ganze Anzahl von Kräften ins Land herauSgeschickt werden, die an Ort ,uncl Stelle die Lage Zu studieren und die lokalen Komitees oder Büros zu gründen hätten. Das Lemberger Rettungskomitee hat (allerdings nur auf dem rein philantropischen Gebiet) auch in dieser Beziehung, schon die ersten Schritte gemacht und die Arbeit könnte ja auch koordiniert werden. Das Büro hätte die Aufgabe, den1 Gang der Wiederaufbauaktion immer genau im1 Auge zu behalten und einerseits die jüdische Bevölkerung auf dem Laufenden zu halten, andererseits der Regierung und den anderen Faktoren gegenüber die Interessen der jüdischen Bevölkerung zur Geltung zu bringen. Wer etwas Tüchtiges leistet, erzwingt sich schließlich auch unter den ungünstigsten Umständen Achtung und Anerkennung. Und vor allem könnte das Büro die jüdischen Abgeordneten (und unter denen natürlich in erster Linie die Polenklubmitglieder) daran erinnern, daß es noch so etwas wie eine jüdische öffentliche Meinung gibt. Die Juden im Polenklub scheinen gar nicht das Bedürfnis*zu haben, der von ihnen vertretenen Bevölkerung zu sagen, wie es um JiiOisdies Rrdiiv Preis des einfachen Heftes 60 Heller (50 Pfennig), mit Porto 80 Heller (60 Pfennig). Im Dezember erscheint Doppelheft IV und V mit sehr interessantem Inhalt (a.: A. Die galizischen Juden als Gefangenen-Retter.)!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.