Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1915-12-03 · 48 (3.12.1915) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
48 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438521-2438568--4613-2444503
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 48 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Adolf Böhm. Oer Krieg und die Gage des Zionismus. Alsl Theodor Herzl den Regierungen der Großmächte zurief: „Die Judenfrage ist eine Frage Europas“, da fand er fast überall taube Ohren. Auch das bis’chen freundliche Entgegenkommen, das man ihm hier und idort erwies, war mehr dem1 Eindruck zu. verdanken, den seine Persönlichkeit sowie der gewaltige Emst und die politische Reife seiner /Darlegungen aut Männer machte, die gewöhnt waren, die große Politik zu führen und die daher den Blick dafür hatten, daß ihnen in Herzl kein Schwärm'er, kein Utopist, sondern ein wirklicher Staatsmann gegenüberstünde. Nach einigen großen Anläufen, den Zionismus auf die Tagesordnung der europäischen Politik zu setzen, mußte Herzl erfahren, daß dies vergebliche Mühe sei und dieser Mißerfolg War für ihn von niederdrückendster Wirkung. Es war ihm1 leider dicht gegönnt, noch zu erleben, wie der politische Zionismus, nach diesem Mißlingen seines ersten Debüts in der großen Politik, den Weg innerer Konzentration beschritt, wie in einem1 Jahrzehnt emsiger, stiller Arbeit eine völlig regenerierte, von frisch pulsierendem Leben erfüllte Organisation erstand, die einen viel aktionsfähigeren und auf zahlreiche erarbeitete reale Positionen sich stützenden politischen Faktor darstellt, als jene, die Hej-zl zu Gebote stand. Diese Organisation ist in den Stürmen1 des Weltkrieges, wo viel stärkere Mächte zusammengebrochen sind, unerschüttert geblieben, und sie sieht sich einer Situation gegenüber, in der für ihr politisches Handeln gnazf andere und bessere Voraussetzungen gegeben sind, als' zur Zeit Theodor Herzls. Heute sind die Mächte gezwungen, mit der Judenfrage, soweit sie eine politisch-volkliche ist, ob sie wollten oder nicht, ganz ernsthaft zu rechnen. Das Ostjudenproblem, das früher nur in den engen Zirkeln der Zionisten und Jüdisch-Nationalen eifrig diskutiert wurde, steht heute in seiner ganzen Schwere als Lösung erheischende Frage vor den Schöpfern eines! neuen Europa. Deutsche wie polnische Staatsmänner una Politiker sind in einem Grade m'jt ihr (beschäftigt, wie nujc mit irgend einer Frage von erstrangiger Bedeutung. Nie zuvor War daS Wort Herzls, dab die Judenfrage eine europäische Frage sei, so sehr zur Tatsache geworden, wie heute. Wir erleben wieder einmal, wie Schon oft, wie die große weitausschauende Konzeption Herzls der Entwicklung vorausgeeilt war und wenn wirklich Politik „Voraussehen“ heißt, dann hat sich neuerdings Herzl alä der große jüdische Politiker erwiesen, aljs der er immer in unseren Kreisen galt. Das Instrument, das er in seiner Voraussicht geschaffen, die zionistische Organisation, findet nun endlich auch jenes äußere Betätigungsfeld, für das Herzl sie anwenden wollte: Unsere Organisation ist die Wortführerin des jüdischen Volkes gegenüber den großen Mächten geworden, sie hat für die Lösung der Judenfrage nicht nur vorgedacht, sondern auch tüchtig vorgearbeitet und kann heute Ideen, Männer und reale Werte in die Wagschale der Verhandlungen werfen. Wie nach außen, so ist auch nach innen die Position! des Zionismus eine gefestigte: Rings in all der Gärung und der Zielunklarheit, die sich ebenso bei den Assimilanten des Westens, wie im Ostjudentum findet, stellt der Zionismus mit seinem klaren, unverrückbaren Programm der Schaffung einer jüdischen ,Vollzukunft als Volkszukunft etwas Ganzes, Großes und Letztes auf. Hier ist kein Schwanken in den Forderungen, keine Unklarheit der Auffassung über Möglichkeiten und Wirklichkeiten, keine Unbestimmt - heit in der Wahl der Alittel: Ziel, Weg und Mittei — alldies ist festgelegt, in jahrelanger Arbeit geklärt und in den Anfängen schon errungen; hier handelt es sich nicht mehr um das was, wie und ob, sondern nur um Quantitatives, um Tempo und Ausdehnung. Vielleicht liegt darin ein Teil der Erklärung für die Erscheinung daß nicht nur die am Krieg beteiligten, sondern fast alle Juden instinktiv den Zionismus mit anderen Augen ansehen, als je zuvor. Daß die Zionisten selbst, die in dem großen Ringen überall sehen, wie jedes Volk für seine Größe und Zukunft in noch nie dagewesener heroischer Anstrengung das Letzte opfert, gehobener Stimmung sind, wenn sie empfinden, daß endlich auChi für sie als Juden ein Weg zur Befreiung gefunden ist, mag ja selbstverständlich sein. Sichtlich kommen aber auch die nichtzionistischen Kreise, wie es sich bei den vielen politischen Komitees und den Sammlungen zeigt, langsam zum Bewußtsein, daß in der zionistischen Idee, die ihnen früher als eine Phantasie unreifer Schwärmer oder als eine reaktionäre .Marotte erschienen war, deren Entstehung einem durch den Antisemitismus hervorgerufenen, dem Judentum durchaus fremden Chauvinismus zu verdanken wäre, — daß in diesem wunderlichen Gebilde, „Zionismus“ genannt, etwas steckt, was als ein fester Kern zur politischen Konzentration und zur Führung der Juden aus dem Chaos der vielfältigen Judenfragen taugt. Diese Aenderung in den Anschauungen der Judenheit über den Zionismus verdankt dieser nur unserem unerschütterlichen, kompromißlosen Festhalten an den wenigen, aber klaren und eindeutigen Grundgedanken, die uns Herzl gegeben hat. So steht unsere Bewegung heute vor einer entscheidenden Situation. Als politisch denkende Menschen wissen wir Zionisten zwar sehr gut, daß bedeutsame Entwicklungen im Leben eines Volkes Zeit brauchen und daß es da keine Sprünge gibt. Aber wir sehen klar, welch große Möglichkeiten durch die heutige Lage gegeben sind, namentlich in Bezug auf Erleichterung unserer Arbeit in Palästina und in der Diaspora, sowie einer Klärung unseres Verhältnisses zu den maßgebenden Faktoren. WaS aber noch mehr bedeutet: wir fühlen, wie die Führung der Judenheit, die Herzi für den Zionismus immer reklamiert hat, uns jetzt tatsächlich zufallen muß. Während wir bisher dazu gezwungen waren, gleich einer Sekte zu leben und unsere Arbeit wie eine Familienangelegenheit zu betreiben, werden wir durch diese Aenderung der Lage dorthinaus getrieben, wohin Herzi die Bewegung gleich am Anfang stellen wollte: aut die Bühne der großen politischen Entscheidungen. Schmerzlicher als je empfinden wir in dieser Situation, dab uns der große Führer entrissen wurde, aber wir wollen deshalb nicht undankbar gegen unsere neue Leitung sein, wir fühlen vielmehr deutlich, daß das große Erbe Herzls in ihren Händen nicht verwaist ist. Die Festigung und innere Kräftigung der Organisation, deren in alle Welt verstreute Teile heute stärker als je zuvor zum Zentrum tendieren, ist das Werk einer unermüdlichen jahrelangen Arbeit unserer neuen Leitung. Nie sind ihre Verdienste um die Führung der Bewegung deutlicher zutage getreten, als im1 Verlauf des Weltkrieges, in welchem die Organisation wohl die schwerste Belastungsprobe zu bestehen hatte, die überhaupt vorstellbar ist. Wir hegen daher das volle Vertrauen-, daß unsere Leitung, die fortwährend bestrebt ist, den innigsten Kontakt mit allen! Teilen der Organisation aufrechtzuerhalten und flkf uelle SdiFiften zopJudenfrage: Jüdischer Nationalkalender 5676 Herausgegeben von Otto Abeies u. L. Batö. 200 Seiten stark. — Leichtes Feldpostformat Preis K 2.40 M 2.—. Dr. Nathan Birnbaum« Den Ostjuden ihr Recht! K —.80. Der Verfasser will die Öffentlichkeit über das Wesen der »sogenannten* russischen u. polnischen Juden, der Ostjuden, neu orientieren, um die Vö'ker und Maßgebenden zu einem entsprechenden Verhalten zu veranlassen. Mieses Math., Die Entstehungsursache der jüdischen Dialekte. (Soeben erschienen!. K 5.-. Tritsch Davis, Juden und Deutsche. Eine Sprach- und Interessengemeinschaft. K 1.40. Vielleicht die bedeutendste jüdische Kriegsschrift! R. Löwit Verlag Wien, I. Rotenturmstraße 22. all den schwierigen Fragen, die der Lösung harren, auf den Grund zu gehen, sich aut der Höhe ihrer Aufgabe befinden wird, wenn die Zeit gekommen sein wird, im' richtigen Sinne zu handeln. S. Meiseis. Der Krieg fürs Heiligtum. Eine Chanukkah-Betrachtung Die ruhmvollen Schlachten, die die kleine Heldenschar der Makkabäer lieferte, standen im Zeichen des Krieges fürs Heiligtum. Gott marschierte an ihirer Spitze, wie es in ähnlichen Fällen biblisch-bildlich heißt; die große Idee war es, die tatenweckende, die den Wenigen den Mut gab, gegen die Vielen zu kämpfen, und denj Schwachen die Kraft, die Starken zu besiegen. Der von den Makkabäern geführte Krieg fürs Heiligtum paßt nicht in die durchgängige Form des heiligen Krieges, wie er sich uns in der Geschichte darstellt. Der Krieg füits Heiligtum ist von dem heiligen Krieg nicht allein dadurch verschieden, daß die Beweggründe des einen denen des andern entgegengesetzt sind, daß der Krieg fürs Heiligtum 'mehr der Liebe zur eigenen Sache, der heilige Kjrieg mehr dem Haß gegen die Andern entspringt; auch in der Zweckbestimmung und in der Wahl der zweckdienlichen Mittel gehen diese beiden Kriege vielfach auseinander. Der eine verfolgt nur den heiligen Zweck, der andere bedient sich geheiligter Mittel. Das Judentum besitzt kein äußerlich sichtbares Zeichen, das seinen innern Gehalt symbolisierte. Das Judentum kennt nur die Tat und das Werk und die symbolische Handlung, aber es kennt kein — Signum. Nur die lebendige Idee gibt dem Judentum Kraft und Dauer und birgt in sich das Geheimnis seiner Lebenszähigkeit. Im Altertum hatte das Judentum neben der Idee auch etwas, das diese Idee sozusagen objektivierte: das Heiligtum. In den Zeiten der Makkabäer besaßen die Juden ihr Jerusalem und den Tempel auf dem Zionsberg. Das war das Zentrum, worauf aller Augen gerichtet waren, EameUiMC Schuhe in. allen. Ausführungen und. Pp ei Slawen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.