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Jüdische Zeitung · 1915-12-03 · 48 (3.12.1915) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
48 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNQ Nr. 48 durch den Gebrauch' erhalten die Wörter ihre gelegentliche spezielle Bedeutung, die ihnen nicht von vornherein eignet, die wir mit ihnen zu verknüpfst uns aber gewöhnen, sobald sie öfter in diesem Sinne angewendet werden. Auch die Lampe, das Schiff, das Buch' von heute Sind von jenen Dingen verschieden, die einst so hießen und doch haben wir es gelernt, diese Wörter in unserem modernen Sinne zu verstehen. Auch im Hebräischen werden demnach manche Termini und fachliche Bezeichnungen .von vornherein fehlen; aber eben nur Solange als wir sie nicht brauchen. Mit dem Augenblick aber, wo das Hebräische in weiterem Umfang auf. die Vorstellungswelt der Gegenwart wird angewendet werden, werden die alten Wörter als neue Termini verstanden werden. Daß die hebräische Sprache lebensfähig, daß sie reich genug ist, um1 die Grundlage für einen Unterricht zu bilden, der allen Forderungen, die an moderne Jugendbildung gestellt werden dürfen und müssen, genügt, hat in der Tat die Entwicklung unseres Schulwerkes in Palästina gezeigt, die ich als den Lesern dieser Zeitschrift bekannt voraussetzen darf. Was wir dort an hebräischen Kindergärten und Volksschulen für (die Kleinen, an höheren Schulen wie den beiden Gymnasien und Mädchenlyzeen, den Lehrer- und Lehrer mnehbildungsanstaltej m Jaffa zur (Vorbereitung für das Universitätsstudium wie Zur Heranbildung geeigneter Unterrichtskräfte bereits besitzen, ist (ein Tatsachenbeweis, der nicht widerlegt Werden kann. Auch in der Diaspora würde es dort, wo Juden in solcher Anzahl wohnen, daß sie die Forderung nach Errichtung jüdischer Schulen erheben dürfen, möglich1 sein, das Hebräische zur Grundlage des Unterrichts, zur Vortragssprache aller Disziplinen außer dem Unterrichte in der Landessprache oder anderer fremder Sprachen zu machen, für die, soweit praktische Beherrschung erwünscht ist, sich deren Gebrauch' im Vorfrage empfiehlt. Die inneren Schwierigkeiten, die sich' dem Hebräischen als Unterrichtssprache außerhalb Palästinas entgegenstellten, sind rein praktischer Natur und lassen sich in die Frage zusamnrenfassen, ob es möglich sein Wird, in einer Sprache zu unterrichten, die vorläufig, wenigstens das Kind weder im1 Eltern hause ,und noch weniger auf der Straße hört, ohne daß dadurch der Wert dieses Unterrichtes leidet. Aber auchdiese Frage ist anderwärts längst durch die Praxis in positivem1 Sinne entschieden. Ich brauche nur an die zahlreichen Missionsschulen erinnern, die oft und oft mit ansehnlichem Erfolge durch den Untjerricht ihrer Sprache Eingang und Verbreitung geschaffen haben bei Völkern, denen diese völlig wesensfremd ist, während unS unbestreitbar der Geist der hebräischen Sprache niemals ganz entfremdet war. Und haben wir eS nicht selbst am eigenen Leibe erlebt, wiesehr die Schule ihre Sprache gegen die Umgebung durchzusetzen vermag, da heute noch einige jüdische Kolonien in Palästina unter dem fremden, in diesem1 Falle französischen Geiste zu leiden haben, den eine falsche französierende Schulpolitik in sie hineingetragen, trotz der sie umgebenden arabischen Landbevölkerung. Auch in Palästina war die hebräische Sprache im Beginn ihrer Siegesbahn nur die Sprache der Schule, des Kindergartens, während im1 Eltemhause russisch, deutsch, jüdisCh-deutschj spaniolisch, französisch, englisch etc., aut der Straße arabisch gesprochen' wurde. Aus der Schule erst ist das Hebräische allmählich ins Leben eingedrungen, von den Kleinen haben’s die Großen ten stark genug ist, der Sprache der Umgebung zu trotzen und den Kleinen eine eigene jüdische Welt zu errichten, deren Geist sie wappnen wird fürs Leben. Das Hebräische kann recht wohl die Sprache unserer Schule Sein und es ist dies vom Standpunkte desl Unterrichtszieles, in welchem1 die Kenntnis des Hebräischen und seiner Literatun jedenfalls eine Hauptrolle spielen muß, weit ökonomischer, als wenn dafür eine andere Sprache wie z. B. das Jidische verwendet wird, das gegenwärtig die Sprache wohl der meisten polnischen Juden ist. Aber nicht nur unökonomisch wäre dies, sondern prinzipiell falsch und müßte den ganzen Wert des Unterrichtes in Frage stellen. Die .Unterrichtssprache ist nicht nur das Idiom in welchem gelehrt wird, sie ist vielmehr selbst mit ein Unterrichtsgegenstand und zudem einer der wichtigsten. Die Sprache des Unterrichtes muß der Schüler nicht nur verstehen und sprechen, sondern in ihr muß er eigentlich erst sprechen, schreiben und was noch wichtiger ist, denken lernen, an ihren Klassikern muß er seinen Stil bilden, an der Regelmäßigkeit der Schriftsprache muß das ungeregelte, logisch undurchdachte Geplauder des Marktes und der Kinderstube Ordnung, Zucht und feste Form gewinnen, Kürze und Bestimmtheit statt des ungeordneten Sichgehenlassens des Volksmunds, wie andrerseits Reichtum und Vielfarbigkeit der Darstellung aus der Literatur statt des ärmlichen Wort- und Vorstellungsschatzes seines engen Horizonts. Macher wir das JidiSche zur Sprache der Schule, dann dürften wir dabei nicht stehenbleiben; dann müßten wir hiefür vorerst eine Schriftsprache mit den festen Regeln schaffen, die es nicht gibt, eine allgemein gütige, picht nur für Polen lind Litauen, sondern auch für Galizien, Ungarn, Böhmen, Mähren, Amerika etc. Die nötige Literatur in dieser Schriftsprache müßte erst geschrieben, die entsprechenden Klassiker erst geboren werden, aus deren Werken nur das Beste für die Jugend eben gut genug wäre. Und geschähe das Wunder, (daß in absehbarer Zeit Werke von bleibendem’ dichterischen Werte geschaffen würden, es wäre Unrecht und dreimal Unrecht, wenn wir die Zeit, die den Erziehung unserer Jugend gewidmet werden soll, diesen Werken widmen, auf Kosten jener hebräischen literarischen Denkmäler, worin jedes Wort zugleich einen ewigen historischen, einen unvergänglichen nationalen Wert besitzt, den kein Werk der Gegenwart jemals wird erreichen können. Freilich, die hebräische Sprache in der Schule muß erst gelernt werden. Aber das ist und soll eben der Zweck der Schule sein und die aufgewendete Mühe wird durch die Schätze reichlich gelohnt, deren Zugang die Kenntnis der hebräischen Sprache erschließt. Das Jidische brauchte freilich nicht erst gelernt zu werden und es gibt darin — außer für Sprachforscher — nichts zu lernen. Darum1 eb.en aber gehört eS in die Schule nicht. Auch bei anderen Völkern wird dort, wo die Schriftsprache von der Volkssprache — wie z. B. beim1 Plattdeutschen, beim Arabischen — derart abweicht, daß der Kenner der Volkssprache die Schriftsprache nicht versteht, doch letztere dem Unterrichte zugrunde gelegt. Freilich muß auch sie erst erlernt werden, aber diese Mühe hat sich stets nodhi gelohnt, erst gelernt und von hier aus dringt es mit dem heranwachsenden Geschlecht schrittweise wohl und mit Widerständen kämpfend aber stetig vor. Und auch’ außerhalb Palästinas (wird es sich zeigen, daß auch die hebräische Schule wie die französischer oder anderer Missionsgesellschaf - Und ich — und mit mir wohl manche andere — habe das Empfinden, daß ,es auch durchaus nicht dem Volkswillen entspricht, das Jidische zum Gegenstände und zu einem der Zwecke des Unterrichts zu machen und vom jüdischen Standpunkt aus seine Kenntnis zu verlangen. Wohl darf der Umstand, daß wir Juden allein in polnischer und russischer Umgehung einen deutschelsässischen Dialekt erhalten haben, der losgelöst aus seiner Umgebung, unter slavischem und hebräischem Einfluß eine eigenartige 'Entwicklung durchgemacht hat, als Beweis für die Widerstandskraft und Eigenartigkeit des jüdischen Volkes ebenso in Anspruch genommen Werden, wie das Spaniolische bei den Juden des Orients. Aber eine dieser Sprachen zu unserer Nationalsprache zu erklären, das kann .nicht geschehen, ohne die Konsequenz, daß alle die diese nicht sprechen, sie nie gesprochen ha bien, nicht zu dieser Nation gehören, nicht ohne die Tendenz, eine jidische Nation zu schaff en, die inv Namen des jüdischen Nationalismus alle Juden des Südens unü des Orients (ausschließt. Reale Politik ist jene, die ,die realen Tatsachen für ihre idealen Ziele ausjiützt. Die realen Tatsachen; weil Sie — wie das Jidische als Volkssprache — nun einmal bestehen, wie sie auch sein; mögen mit der Gloriole des Ideals zu umgeben, heißt Politik erleiden, nicht machen. An reale Tatsachen anknüpfen wollen auch wir, die wir die hebräische Schule (wollen und es gibt solche, auf die wir (uns berufen können. So wird die Tatsache, daß die hebräische Sprache in der jüdischen Liturgie eine große Rolle spielt und manche umfangreiche Gebete einem großen Teil der Juden geläufig sind, die Erlernung des Hebräischen erleichtern. Um dies ausnützen zu können, wird es geraten sein, die im Gebete übliche Aussprache hier beizubehalten, natürlich unter Beachtung der oft vernachläßigten Gesetze der Betonung. Auch die hebräischen Termini im Jidischen werden von vielen nicht erst gelernt werden müssen. Aber auch jenen Schutz, den das Jidische — aber nur in nicht- Üeutscher Umgebung — gegen die Assimilation an die Umgebung gewährte, wird das Hebräische, wenn es nach und nach an Seine Stelle treten wird, weit sicnerer gewähren, weil .es in seiner Kultur Werte enthält, die vor der Kultur der Fremden besser bestehen können. Dagegen erleichtert die Annahmle des Jidischen die Assimilation an das Deutsche, die ebenso mit der Aufgabe unseres Ichs verbunden ist, wie etwa die an die Polen. Auch darin müssen wir den Tatsachen Rechnung tragen, daß wir uns gestehen, daß die hebräische Schule nicht mit einem Schlage überall wird durchgeführt werden können. Das ist aber auch nicht nötig (und wäre auch bei Einführung des Jidischen nicht möglich1. Denn woher sollten z. B. sogleich' die Lehrer für alle diese Schulen genommen werden? Aber das wird wohldurchgesetzt werden können, daß wir vorläufig einige wirklich jüdische Schulen auf hebräischer Basis errichten; im übrigen mag der Status quo aufrecht erhalten bleiben. Die E(r-, folge der hebräischen Schule aber, die nicht ausbleiben können, (weil sie allein das wirkliche Ziel nationaler Erziehung im’ Auge ‘hat und auf direktem’ Wege diesem Ziele zustrebt, sie werden ihr in allen Lagern tätige Freunde gewinnen und damit der Erkenntnis von ihrer Notwendigkeit den Boden bereiten, die trotz aller widrigen Verhältnisse sich Wird durchsetzen müssen. geblicher Widerstand gegen einen Stärkeren die Vermehrung seines eigenen Ansehens und nicht die Rücksichtnahme auf die Fahne feemes Königs zur Triebfeder! Vielleicht habe er gar nicht das Redht, seine braven und treuen Soldaten den Schrecklichsten Qualen für eine fast verlorene Sache auszusetzen? Er wußte nicht mehr, was er tun solle. Indessen hatten sich während der langen Zeit der Belagerungin Antiochien wichtige Ereignisse abgespielt, von denen Nogahasch nichts erfuhr. Der ruchlosle Philipp hatte seinen Plan zur Ausführung gebracht, hatte den König ermorden lassen und sich selbst der Herrschaft bemächtigt Den Eupater hatte er in den Kerker werfen lassen und ihn gleichfalls beseitigen wollen. Doch die Juden Antiochiens! hatten mit Gewalt den Thronerben befreit und ihn jn Sicheihieit gebracht. Lysias erreichte die Nachricht von diesen Vorgängen auf seinem Mansche gegen Jerusalem. Sofort kehrte er zurück, tötete den Philipp und setzte Eupater, den die Juden gerettet hatten, zum' König ein. Am nächsten Tage nach' der Thronbesteigung des Eupater brachte eine königliche Brieftaube folgenden Brief dem heldenmütigen .Verteidiger der Festung: „Heil dir, Nogahasch, und Heil deinen Soldaten! Wisse, daß nicht immer am1 Sieg allein sich' Heldenmut zeige. Es gibt Fälle, wo der Fliehende einen größeren Sieg (erringt als der Verfolger. An dir liegt es nun, dies durch die •Tat zu beweisen. Ich befehle euch, Helden meines Landes, Beschützer meines Thrones, keinen weiteren Widerstand zu leisten. Wenn ihr mir von dort nur ein einziges ganzes Schwert bringet, so werde ich' euch) Dank wissen! Nennet dies nicht eine Fluteht! Nennet dies einen ehrenvollen Rückzug! Eupater“. Nogahasch' laS dies Schreiben seinen Soldaten vor. „Meine Tapferen,“ rief ier ihnen zu, „Seid ihr bereit? Jeder einzelne von euch' vergesse seine Pflicht nicht, ein ganzes Schwert seinem jungen König zu bringen!“ „Wir sind bereit“, schallte es fluni entgegen. Auf ein; gegebenes Zeichen ihres Feldherrn stürzten' sie sich hinaus. Es kam1 zu einer fürchterlichen Schlacht. Judenblut und Syrerblut mengte sich und bildeten einen reißenden Strom. Nogahasch selbst kämpfte mit Juda Makkabi. „Weh dir, du E'hrlosör!“ brüllte ihn Juda mit seiner Löwenstimme an. „Halt ein, du Held!“ antwortete ihm Nogahasch, mich' nennst du ehrlos? Ich1 bin dir an phre überlegen! Du kämpfst nur für dein Land, ich’ — für daS Land meines Herrschers und für die Ehre meines Volkes! Nun laß uns dem1 Kriege ein Ende machen! Kreuzen wir beide im Zweikampf unsere Schwerter und vergießen wir nicht umsonst das Blut unserer Krieger! Doch eine Bedingung laß mich' dir stellen: Wennl ich' auch entseelt vor dir hinfalle, nimm mir nicht mein Schwert. Uebergib eS meinen Soldaten, daß feie es meinemi König ganz überbringen.“ — — — — Der Kampf begann und schien langte Zeit unentschieden. Schließlich sprang Juda nach' rückwärts und durchhieb seinen Gegner in zwei Teile. Auf Bitten des Syrerkönigs gab ihm; der Mak, kabäer den halben Leichnam des Nogahasch und die a n d je r e Hälfte ließ Juda in Palästina begraben. Lange Zeit trauerte Eupater um Nogahasch. — So oft Wardiah zu ihm1 kam, ivieS er sie ab mit folgenden Worten: „Geh du fremdes Mädchen! Ich kannte die Jüdin Wardiah. Ih'r habe ich ewige Treue geschworen. Hast du nicht öffentlich in Abrede gestellt, daß deine Vorfahren jemals Juden gewesen? Fremd bist du mir. Wardiah, die Jüdin, ist für mich tot (und wird nie mehr zurückkehren'. Ich aber will niemals mehr eine andere Frau kennen! Erst nach dem Tode deS Nogahasch erkannten die Syrer seine Größe, besängen Seine Taten in Liedern und Setzten ihm ein herrliches Denkmal. Im Laufe der Zeit aber verfiel das Denkmal und geriet in Vergessenheit. Die jüdischen Kinder aber errichteten dem1 tapferen Feldherm ein Denkmal, das man nie vergessen wird. Sie schrieben auf die vier Steifen ihrer Chänukah-Kreisel („Trenderl“) die Buchstaben (Nogahasch) Wenn einst der Messias kommt, werden wir alle unsere Kreisel Zusammenschmelzen und aus ihnen an der Grenzt Eirez Israels dem jüdischen Helden des Golus ein Denkmal errichten.

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