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Jüdische Zeitung · 1915-12-03 · 48 (3.12.1915) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
48 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 ODfSCHE ZEITUNG Seite 3 die Opfer an Gut und Blut, die freiwilligen und erzwungenen, hoch so groß sein, — den Haß haben sie nicht gedämpft. Ich fürchte, — dieser Haß ist im Kriege noch furchtbarer geworden, als er ohnehin schon war. Gegen diesen Haß, der im Kriege durch allerhand Kriegszwang gebändigt wurde, müssen wir uns irgendwie rüsten, gut rüsten. Der Krieg wird hoffentlich in nicht allzulanger Zeit zu Ende sein. Und man weiß es heute schon ganz klar, und sicher, wer als Sieger den Frieden und die Neugestaltung Europas diktieren wird. Die Zentralmächte, die als Staaten im Judentum beinahe der ganzen Welt bis zur Selbstaufopferung ergebenen Bundesgenossen gehabt haben, werden es zweifellos — wiederum als Staaten — für ihre Ehrenpflicht halten, diesen Bundesgenossen tatkräftigst zu helfen. Man erzählt ja schon heute, teils unverbindlich', teils sogar offiziös-verbindlich, daß die Zentralmächte es aut ihr Programm geschrieben haben, das Los der Juden in den Ländern der Unterdrückung, in Rußland und anderswo, zu lindern. Ich bin optimistisch genug, zu vermuten, daß hinter diesen Lancierungen in der Tat .ein ehrlicher Wille der Mächtigen dieser Staaten steckt. Und - daß ist sicherlich viel, so «viel, daß man ein gut Stück von Hoffnung für die Zukunft darauf setzen darf. Indessen die ganze Liquidierung des Krieges soll und darf das jüdische Volk 'dieser Zusicherung, selbst wenn sie in klaren und ausdrücklichen Worten gegeben werden würde, nicht überlassen. Es muß irgendwie sein Geschick selbst in die Hand nehmen. 'Es muß selbst sagen, was es für sich haben will, 'zum Leben haben muß. Es muß, mit einem Worte, ein Komitee einsetzen, dao jetzt die Liquidierung des Krieges vorbereiten una seinerzeit auch durchführen wird. Nun bestehen ja da ,und dort verschiedene Komitees die alS'„negotiorum gestores“ verlassener und herrenloser Güter auftreten, sich sehr breit spreizen und im Namen des — Judentums sprechen. Besonders anfechtbar erscheint mir eine Vertretung des Ostjudentums von Seiten eines etwa ausschließlich aus Westjuden zusammengesetzten Gruppe von Menschen. Den besten Willen bei ihnen vorausgesetzt, bleibt noch immer für Möglichkeiten von Irrtümern und Fehlgriffen aus Unkenntnis der Personen und Verhältnisse ein weiter Spielraum. Und auf dem Spiele stehen so große Sachen, dab man in ihnen gar nicht genug behutsam, vorsichtig, klug und gut beraten sein kann. Ich möchte darum der jüdischen Oeffentlichkeit folgenden Vorschlag unterbreiten: Sämtliche jüdische Organisationen in Deutschland und Oesterreich-Ungarn treten zusammen und wählen aus ihrer Mitte je 2—3 Mitglied der aus jeder Organisation und setzen auf diese Weise ein Kriegsliquidierungs-Komitee zusammen. Ich denke an folgende Organisation: 1) die Zionistische, 2) die iBnai-Brith, 3) die Israelitische. Allianz, 4) der deutsche Hilfsverein und 5) hiesige Großgemeinden, wie Berlin, Wien, Budapest, Lemberg, Krakau. Den Zentralsitz soll dieses Komitee in Berlin haben, aber Exposituren in Galizien und Polen. Von diesen soll das Tatsachenmaterial gesammelt und eventuell auf zweckentsprechende Vorschläge ausgearbeitet werden. Ich glaube, dab es auf den ersten Blick einleuchtend ist, von welcher Autorität nach außen und innen ein solches Komitee sein wird. Nach innen Wird es noch den ungeheuren Vorzug haben, daß es jede Reibung zwischen den verschiedenen Parteien auf ein Minimum reduzieren iund im Innern austragen wird. nicht von jeher gewohnt gewesen, die Ehre dem augenblicklichen Nutzen vorzuziehen? Wäre es für euch eine Ehre, wenn ich, e u e1 r Sohn, meinem Geburtsorte untreu würde?! Berge Judäas, Hügel, Gefilde und Täler! Wecket nicht gegen mich aus ihren Gräbern meine Väter! Und wenn es mir bestimmt sein sollte, daß mein Blut eure Steine bespritze und mein Leichnam sich auf eurem Boden (Wälze, dann verweigert mir nicht ein Grab, denn ich bin ein Soldat und kämpfe für eure Ehr e.“ Nach dieser Zwiesprache mit den Bergen kehrte Nogahasch ins Lager zurück und führte sein Heer ins Innere des Landes. Doch Antiochus hatte ihn viel zu spät hingeschickt. Die Hasmonäer hatten bereits die Syrer aus Jerusalem vertrieben und Lysias hatte mit Schmach sein Heil in der Flucht suchen müssen. Nogahasch mußte sich daher in einen befestigten Platz zurückziehen und sich belagern lassen, was seiner früheren Gewohnheit ganz widersprach. Lange Zeit verteidigten er und seine kleine Schar mii wunderbarem Heldenmut seine Festung, bis ihnen schließlich die Nahrungsmittel ausgingen. Da nun schickte er mittels einer Brieftaube folgende Meldung an seinen König: „Den Staub des Bodens wollen wir essen, (aber die Fahne des syrischen Königs werden wir in Ehren halten. Schicke uns möglichst rasch Proviant und eine Armee zu unserem Entsätze.“ Doch die Syrer wollten keineswegs ihre Söhne in den Krieg schicken, denn sie sagten Gewaltige Aufgaben und ungeheure Möglichkeiten liegen vor .uns. Sehen wir zu, daß wijr ihnen gegenüber nicht unvorbereitet und ungerüstet dastehen sollen. Privatdozent Dr. Harry Torczyner. Zur jüüisrfien Sifiuilrage.*) Die Neuordnung der politischen Verhältnisse der von Oesterreich und Deutschland besetzten russischen Provinzen beschäftigt mit Recht auch die jüdische Presse aufs angelegentlichste. Bildet ja das jüdische Eiement einen sehr ansehnlichen Bruchteil der Bevölkerung jener Gebiete, groß genug, daß seine Stellung als national zusammengehörige Volksgruppe, die Erschließung der in ihr ruhenden wirtschaftlichen und nationalen Kräfte, wie die Schaffung von Bürgschaften für ihren nationalen Bestand jedem Juden am Herzen liegen muß. Und da der Einfluß der numerisch und politisch stärkeren Völker, die das Land rrfitbewohnen, unaufhörlich an der Schwächung unseres Volkstums arbeitet, und das zu erwartende Erstarken des polnischen bezw. ukrainischen Nationalismus auch die auf Assimilation der Juden gerichteten Tendenzen steigern dürfte, so verlangt der historische Augenblick von unseren Wortführern scharfes Erfassen der Lage, der Möglichkeiten, die sich für und gegen uns eröffnen, und: ein ziclbewußtes Ergreifen aller Mittel, die der Sicherung der nationalen Zukunft unserer Brüder in Polen dienen können. Unter diesen Mitteln steht die jüdische Schu-i le, die nationale Erziehung unserer Jugend obenan. Die Schaffung autonomer jüdischer Schulen muß der erste Punkt unseres nationalen Programmes sein. Cie jüdische Schule wird unsere Kleinen mit einer nationalen Atmosphäre umgeben, ihren jungen entwicklungsfähigen Geist mit Liebe zu ihrem Volke, mit dem Stolz auf seine ruhmvolle Vergangenheit, der Ehrfurcht vor seiner geistigen Bedeutung erfüllen und ihnen damit die festeste Rüstung gewähren gegenüber der feindlichen Beurteilung seitens der anderen, aus der so Viele Juden der Gegenwart von ihrer Kindheit an sich selbst verachten lernten. Was wir ihnen geben wollen an allgemeiner wie an nationaler Bildung, muß wahr und echt sein, soll es sie befähigen, im Leben, im Wettkampf mit den anderen sich selbst und ihre Ideale zu erhalten. Darum muß von der jüdischen Schule verlangt werden, daß pie an allgemeiner Bildung soviel gebe wie die Schule der höchststehenden Völker Europas. Auch in der Beherrschung der Landessprache dürfen unsere Kinder hinter denen des Nebenvolkes nicht zurückstchen, wie auch dessen Geschichte ihm nicht unbekannt sein soll. Durch Beschränkung auf das Tatsächliche darin wird Sich aber viel Zeit gewinnen lassen, die dem jüdischen Unterrichte zugute kommen wird. Denn der Geis t, der den jüdischen Unterricht durchweht, die Seele in ihm muß jüdisch sein. Und dann ist es selbstverständliches, unerläßliches Postulat, daß die Sprache des Unterrichts, worin das Kind denken lernt, die ihm lieb und gewohnt bleiben soll durchs Leben, aus deren Literatur es auch als Mann Belehrung schöpfen soll, unsere nationale Sprache allein Sein darf, die zu einem Bande für alle zerstreuten Teile unseres Volkes werden soll. *) Wii bringen diesen Aufsatz als Fortsetzung der in Nr. 43 unseres Blattes begonnenen Veröffentlichung von Meinungsäußerungen zur Schulfrcge unc. werden die Diskussion fortsetzen. (Anm. d. R. sich: „Wenn Nogahasch siegt, dann steigt das Ansehen der Juden.“ Und dieser Möglichkeit zogen sie eine Niederlage ihres Heeres vor. Philipp ließ daher dem jüdischen Feldherm folgende Antwort zukommen: „Wir können dir nicht früher neue Truppen zu Hilfe senden, bevor du nicht deiner Frau .und deiner Tochter befiehlst, deine jüdische Abstammung öffentlich zu verleugnen.“ Darüber geriet Nogahasch in Zorn — doch als er die auf der Festung flatternde, beschämte Fahne seines Königs erblickte, konnte er nicht umhin sich folgendes zu sagen: „Ich muß und will alles .tun, um meinem König Ehre und Sieg zu bringen!“ Sofort schrieb er seiner Frau und seiner Tochter, öffentlich bekanntzugeben, daß er nie Jude gewesen und die Juden ebenso hasse, wie es die Syrer tun. Die Tochter führte den Auftrag ihres Vaters aus und fügte noch selbst folgende Worte hinzu: „Unsere Vorfahren in ihren Gräbern werden in ihrer Ruhe durch die verleumderischen Gerüchte, daß sie Juden gewesen seien, gestört.“ Der Kronprinz Eupater aber, der dies hörte, verlor seine Zuneigung zu Wardiah und mied ihre Gesellschaft. Nun kamen ausgerüstete syrische Heere dem Nogahasch zu Hilfe, wurden aber noch vor ihrer Vereinigung mit den Belagerten von Juda Makkabi vollständig geschlagen und vernichtet. Die erbeuteten und unbrauchbar gemachten Schwerter der Gefallenen schickte Juda dem Nogahasch Welches unsere nationale Sprache ist — darauf brauche ich wohl nicht erst zu antworten. Bestreiten ja selbst jene, die aus realen Gründen das Jidische propagieren, nicht, daß das Hebräische allein die Sprache unseres Volkes war,' als dieses unter normalen Verhältnissen auf seiner Scholle lebte, dab in jener Sprache die Werke geschrieben sind, die durch Jahrtausende unser Geschick bestimmten und daß in keinem' Augenblick der Jude aufgehört hat, diese Sprache als die seine zu betrachten.*) Und wenn gegen die hebräische Sprache im Unterrichte Einwände erhoben werden, so stützen sie sich darauf, daß die praktische Durchführung dieses Gedankens auf Schwierigkeiten stößt, die manchem unüberwindlich erscheinen. Zu oft ist es uns von gelehrten Nichtjuden und Juden gesagt worden, daß die hebräische Sprache tot sei, als daß wir an ihr Leben glauben könnten trotz der augenscheinlichen Tatsache, daß die hebräische Sprache niemals wirklich tot war, daß sie als Sprache der Literatur, als Verständigungsmittel zwischen Juden aus verschiedenen Ländern, als Sprache des Gebetes, ja z. B. bei den Juden Jemens als neben dem Arabischen wirklich gesprochene Sprache niemals zu leben aufgehört hat, wie sie in der Tat in Palästina aus Gründen, die in den Verhältnissen gegeben waren, zu neuer Blüte erwacht ist und gezeigt hat, daß sie an Lebenskraft nicht verloren hat. . t . Aber auch im Rrinzip beruht die Ansicht, das Hebräische sei qnd bleibe eine tote Sprache auf falschen Vorstellungen vom Wesen der Sprache überhaupt. Die Sprache ist das gesprochene Wort des Menschen. Eine Sprache stirbt, wenn sic der' Mensch nicht spricht; sie kann aber gleichwohl wieder leben, sobald wir es nuwollen. Nur Jivenn das Hebräische verloren gegangen wäre,, sodaß wir uns seine Kenn*, nis nicht mehr aneignen könnten, nur dann könte die Sprache'totgesägt werden. Nun aber da Wortschatz und Gedanken des Hebräischen in einer gewaltigen Literatur, seine Aussprache in mancherlei Dialekten in Nord und Süd und West und Ost sich lebendig erhalten haben, ist nicht die Sprache tot, sondern wir sind stumm, da wir unseres Volkes' Muttersprache nicht kennen. Die hebräische Sprache schläft und an uns ist es, sie zu erwecken. Und noch dies: wenn der Schatz der hebräischen Sprache auch reich und .groß ist an uralten Wörtern,' so mag es doch manchem1 scheinen, daß dies Erbteil aus der Väterzeit nicht ausreiche zur Bezeichnung all der neuen Begriffe, welche die raschschreitende Entwicklung unserer Zeit erst“ geprägt. Auch dieser Umstand verkennt das Wesen der Sprache und ihrer Entwicklung. Keind Bezeichnung irgend einer Sprache drückt von vornherein alle Seiten des Begriffes aus, für-'den sie gebraucht wird. Ein Wort wie „Bogen“ etwa sagt von der Waffe, vom Papier nur aus daß sie (es) (ge)bogen ist; „Kreuz“ nur daß etwas’ „kreuz“ (quer) gelegt ist u. dgl. m. Was wir int speziellen unter einem' Wort zu verstehen haben, das ergibt sich erst aus der Uebung, dies öder jenes Wort für einen genauer bestimmten Begriff zu gebrauchen. Erst *) Vergleiche die ebenso objektive als gründliche Prüfung dieser Frage durch Achad Haam in seinem Aufsatze „Riw leschonot“ („Ein Sprachenstreit“), der in dem demnächst erscheinenden zweiten Bande von „Am Scheidewege“, Jüdischer Verlag, Berlin, auch in deutscher Uebersetzung zugänglich sein wird. mit folgenden Worten: „Behalte, treuloser Bruder, was dir gehört! Ich mag deine Schwerter nicht. Auch was man dir an Lebensmitteln geschickt, habe ich aufbewahrt und werde euch damit nach eurer Bezwingung verpflegen.“ ln der Festung gab es nun keinen Proviant mehr. Da griff Nogahasch zu einer Kriegslist. Im Bereiche des befestigten Platzes lag ein Kalkberg. Er befahl seinen Soldaten,, sich einen Krug mit Kalk zu füllen und an das Tor der Festung zu treten. Dort nun 'ließ er sie ihre Krüge mit Wasser überschütten. Der siedende Kalk verbreitete einen dichten Rauch und verhüllte so das syrische Heer vor den Augen der Belagerer. Die unsichtbaren Syrer plünderten nun die Vorräte der Juden und kehrten mit reichem Proviant in die Festung zurück. So verstand es Nogahasch, immer durch neue Listen den Belagerern Trotz zu bieten und zähen Widerstand zu leisten. Die Belagerung aber zog sich in die Länge und der Hunger kehrte . wieder in die Festung ein. Das syrische Heer liebte und verehrte seinen Feldherrn und ein bloßer Zuruf des Nogahasch an seine Soldaten: „Gott grüß-euch, meine Tapferen!“ genügte, um sie für längere Zeit in die beste Stimmung zu versetzen. Doch der Hunger ward immer stärker und stärker. Die Soldaten versammelten .sich eines Tages, ohne ein Wort zu sprechen, um ihren geliebten Führer. Er wußte ganz genau den Grund tihres Kommens. Bange Zweifel stiegen in ihm auf. Vielleicht haben seine Zähigkeit und Ausdauer und sein ver-

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