Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 46 (19.11.1915)
- Date
- 1915-11-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 ÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Trotz aller dieser Schwierigkeiten in der Aufrechterhaltung unserer Organisation haben wir die Propaganda und die Verbreitung unserer Idee gegenüber der Außenwelt nicht vernachläßigt. In einer großen Reihe bekannter Zeit-. Schriften sind Artikel über den Zionismus erschienen. Besondere Aufmerksamkeit hat der Aufsatz Kurt Blumenfeids in den „Preußischen Jahrbüchern“ gefunden. _Auch die Tagespresse war mehr denn je bereit, von unserer Arbeit und unseren Bestrebungen Notiz zu nehmen. An Versuchen unserer Gegner, unsere Arbeit zu stören, hat es Weder in Deutschland noch in Palästina .gefehlt. Die gesamte zionistische Presse Deutschlands hat uns_in der Abwehr dieser Angriffe wirksam unterstützt. Verantwortungsvolle Jahre stehen uns allerdings bevor. In Palästina werden wir manches wieder aufzubauen haben, was jetzt darniederliegt. Neue Schwierigkeiten, Wie sie sich aus der veränderten politischen Lage ergeben müssen, sind zu beseitigen. Allergrößte Anstrengungen werden nötig sein, um die politische Lage zu unserem Gunsten zu gestalten und ,die hierfür geleisteten vielfachen und wertvollen Vorarbeiten auszunutzen. All diesen Schwierigkeiten wird unsere Bewegung gewachsen sein, wenn unsere Leitung auf den Willen jedes Zionisten zur Selbsthilfe, auf die Entschlossenheit der Organisation zuf Mitarbeit rechnen kann. In der Bereitschaft der Zionisten liegt die Gewißheit des Erfolges. Hus 9er allgemeinen Presse. Im Heft „Rußland von Innen“ der „Süddeutschen Monatshefte“ (Juli 1915) erschien ein lesenswerter Aufsatz von Kaplun-Kogan unter dem Titel: „Die Lage des jüdischen Proletariats“.. — In den „Sozialistischen Monatsheften“ schreibt Dr. Seligmann über Perez. — In der „Newvorker Staats-Zeitung“ vom 18. Juli d. J. gibt Dr. S. M. Melamed in einem sehr interessanten Aufsatz „Die osteuropäische Judenfrage und der Krieg“ eine Darstellung des Schicksals der östlichen Juden und ihrer gegenwärtigen Stellung und Zukunft. — In der „Internationalen Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik“ schreibt der bekannte Literarhistoriker Oskar Walzel in einem Aufsatz mit dem1 Titel „Kriegsdichtung“ über Hugo Zuckermanns Reiterlied: „Ein Lied ist uns schon geschenkt worden, das durch seine Stimmung und auch durch .seine Form dem Oesterreicher ein Volkslied werden kann. ... Es bleibt fraglich, ob dem Deutschen Reich in diesem Krieg schon ein Lied geschenkt worden ist, das dem Gefühl seines Volks gleich urverwandten und echten Ausdruck gewährt.“ Ein uns ebenfalls sympathischer, ernster Aufsatz ist in Nr. 39 des von Georg Cleinow herausgegebenen „Grenzboten“ veröffentlicht. Der Verfasser, der unter dem Pseudonym Paphnutius schreibt, kommt nach manchen Auslassungen über die Judenfrage Zu einem andern Schlüsse als Grabowsky. Während letzterer die Lösung der Ostjudenfrage in der Festigung ihrer nationalen Position in ihren Wohnländern sieht, erwartet Paphnutius nur von der Auswanderung jene Lösung. Er geht vom Zionismus aus, von dem; •er wohl überschätzend Sagt, er mache die russische Revolution durch die Entziehung der Juden als Führer unmöglich. Aber, meint er, „Palästina ist ein kleines und leidlich kultiviertes Land, dessen Boden in festen Händen ist.“ Dagegen hätte die Türkei ein großes Interesse, durch jüdisches Kapital Mesopotamien bewässern zu lasfeen und dort sollen die Millionen' der JudenmasSen angesiedelt werden. Für uns ist allerdings dieses Projekt weder neu noch zur Diskussion reif. „Die Bedeutung der Jidden für das Deutschtum“ betitelt sich ein Aufsatz von R. W;. ,R. in der „Wage“ Nr. 42—43, in dem historisch Richtiges und thematisch Krauses durcheinandergeworfen wird. Neu sind für uns nur die Wahrheiten : „Der ursprüngliche Zionismus mit seinen beiden Träumen (Palästina und Hebräisch) ist im Verscheiden“ und daß „die jiddisch Nationalen den Zusammenhang ihres Volksbewußtseins mit dem deutschen ahnen“. Man erinnert sich bei diesen Gedankengängen an die eines gottseligen Assimilanten, des Hofrates von Gomperz. Als nämlich die Vertreter aller Nationalitäten der Bukowina vor einigen Jahren beschlossen hatten, eine jüdisch-nationale Wahlkurie einzuführen, da beteuerte jener in der „Neuen Freien Presse“, daß es eine jüdische Nationalität nicht gibt; „Beweis“: wenn eine solche anerkannt Würde, so täte dies dem liberalen Deutschtum in Oesterreich bedeutenden Abbruch. Allerdings im Gegensatz zu jenem Hofrat „erkennt“ R. W. R. vieles Tatsächliche an. Aber die Juden sind ihm embryonale Deutsche — „Daitsche“ würde ein Spötter sagen. flns 9er jü9isdien Welt. In der Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes vom 14. November d. J. wurden auf Vorschlag des Präsidenten Dr. Stern in den Kultusvorstand kooptiert: k. k. Hofrat Dr. Josef Löwner, Heinrich Mendel, Dr. Wilhelm Pappenheim, Louis Freiherr von Rothschild, Dr. Rudolf Schwarz-Hiller. * - Sonntag, den 14. d. M. sind die ersten fünf Geiseln aus russischer Gefangenschaft nach Wien zurückgekehrt, unter ihnen der Czernowitzer Bürgermeister Dr. Weihseiberger und Gg. Dr. Philipp Menczel. Eine mehrtausendköpfige Menschenmenge bereitete ihnen am Bahnhöfe einen herzlichen Empfang. Die aus weitester Ferne eingelangte Zeichnung auf die dritte Kriegsanleihe dürfte die eines in Java lebenden Oesterreichers, des kaiserlichen Rates Loebl sein, der bei der Anglobank den Betrag von 50.000 K gezeichnet hat. Der über Holland eingelangte Betrag war fast zwei Monate unterwegs. Am 7. und 8. d. M. fand in G a l a t z die Jahreskonferenz der rumänischen Zionisten statt. Die Konferenz War Sehr gut beschickt. Es be-i teiligten sich an jhr fast sämtliche älteren bekannten Parteiführer Rumäniens. Auch die zionistische Jugend war stark vertreten. Der Konferenz wohnte auch Herr Dr. V. Jakobsohn in Vertretung des E. A. C. bei. Samstag, am 30. v. M. verschied in Prag der hebräische Schriftsteller M. S. Goldbäum aus Lemberg, der dort als Kriegsflüchtling weilte. Der Verblichene ist der Verfasser von zwei Gedichtbänden „Sefer-Haschirim“, die er vor drei Jahren herausgab. Die Gedichte umfassen eine- Epoche von fünfzig Jahren. Außerdem veröffentlichte Goldbaum eine Tragödie, ebenfalls in hebräischer Sprache, betitelt „Jedidia der Essäer“. Goldbaum war am 21. Dezember 1836 in Lemberg geboren. Im 19. Lebensjahre war er nach JaSsy ausgewandert, wo er durch mehr als drei Jahrzehnte tätig war. Viele Jahre war er Präsident der „Alliance Israelite“ in Rumänien und es gelang seinen Schritten, die er gemeinsam mit . Cremieux unternahm, für die rumänischen Juden manche politische Rechte zu erringen. Durch etwa dreißig Jahre fungierte er als Richter im österreichischen Konsulate in Jassy. Das Ansehen, das er genoß, äußerte sich u. a. darin, dab er zweimal als Abgesandter der Oesterreicher in Rumänien zur Kaiserhuldigung ausersehen wurde: Im Jabjre 1868 zur Krönung in Budapest und 1879 zur silbernen Hochzeit unseres Kaisers in Wien, wobei er vom Kaiserpaar durch Ansprachen ausgezeichnet wurde. Goldbaum stand auch mit hohen Persönlichkeiten des Balkans in Berührung, so u. a. mit König Milan, von dem er mit dem Komturkreuz des Takowa-Ordens ausgezeichnet wurde. Mitte der Achtziger Jahre zog er sich nach Lemberg in den Ruhestand zurück. Dr. Benzion Mo Spinsohn, der Direktor des hebräischen Gymnasiums in Jaffa, wurde bekanntlich seiner russischen Staatsbürgerschaft wegen aus Palästina ausgewiesen und weilt gegenwärtig in der Schweiz. Der Kopenhagener „Jüd. Volksstimme“ zufolge, wurde Dr. Mossinsohn zum Privatdozenten für jüdische Geschichte und Literatur an der Universität Bern vorgeschlagen. Nach derselben Zeitung soll Dr. Mossinsohn in Bälde nach Amerika abreisen, umdort für das palästinensische Schulwerk zu agitieren. Die Londoner „Times“ benutzt einen ihrer Armenierartikel zu verschiedenen Ausfällen gegen die . . . Juden. Es heißt dort unter anderem: „Die Versuche des amerikanischen Botschafters, das Los der Armenier zu verbessern, sind einstweilen erfolglos geblieben. Nach der Meinung guter Beobachter hat Herr Moigenthau zuviel diplomatische Energie zugunsten der Zionisten in Palästina, denen kein Massakre drohte, verwendet, um irgendwelche Kraft für andere Zwekke übrig zu haben.“ Der Verband der „echten Russen“ hat einen neuen Erfolg zu verzeichnen. Auf seinen Protest hin ist die auch von uns mitgeteilte Wahl deS Großindustriellen G. Weinstein in den russischen Reichsrat für ungültig erklärt worden. Voraussetzung der Wahl in den ReichSrat sei die Zugehörigkeit zum christlichen Bekenntnis. Diese Bestimmung stammt von — Kaiser. Nikolaus J. Es soll uns gar nicht wundem, wenn nächstens in Rußland in der Behandlung der- Juden auf die Verfügungen Iwan des Grausamen zurückgegriffen wird. * Soweit sich bis heute feststellen ließ, ist die jüdische Bevölkerung von Wilna in gleicher Stärke wie in Friedenszeiten geblieben. Wohl wanderten in den letzten Tagen der russischen Herrschaft viele der Wohlhabenden aus, dagegen haben aber große Flüchtlingsschaaren aus der Provinz hier ihren Aufenthalt genommen, so daß das jüdische Leben hier ununterbrochen weiter pulsiert. Das Vemichtungswerk der Russen war nicht gründlich durchgeführt. Die Polizei hat beim Verlassen der Stadt 500 Männer mitgeschleppt. Sie fiel aber samt den Mitgeschleppten in die Hände der Deutschen. Mit dem Einzug der letzteren und der Uebernahme der Verwaltung ist auch hier sofort die Gleichberechtigung der Juden in kommunalpolitischer Beziehung eingeführt worden. Die Rücksichtnahme der deutschen Behörden auf den jüdischen Bevölkerungsteil zeigt sich unter anderem auch darin, daß sämtliche Bekanntmachungen der Behörden nicht nur in deutscher, polnischer und litauischer, sondern auch in jüdischer Sprache zur öffentlichen Kenntnis gebracht werden. * ,;Hajnt“ meldet, daß viele jüdische Flüchtlinge gegenwärtig Warschau verlassen. Viele heimatlose Juden öffneten dort letztens Geschäftsläden, die sie jedoch jetzt, infolge der 'herrschenden Stockung, liquidieren mußten. In einer Woche verließen Warschau 800 jüdische Familien, d. h. ca. 4000 Seelen. » Der russische Senat bestätigte das vom Smo- Iensker Gericht erlassene Urteil, demzufolge der berüchtigte Judenfresser und Anführer der „echtrussischen Leute“, Dr. Dubrowin, der Redakteur der „Russkoje Snamja“, zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt wird, weil er die jüdische Frau Pinkus eines Ritualmords beschuldigte. Der Senat kennzeichnete die Handlungsweise Dubrowins als eine „gewissenlose Verleumdung“. In das Rigaer Polytechnikum, welches nach Moskau evakuiert wurde, sind bei Semesterbeginn 700 jüdische Studenten, eine große Zahl über die gesetzliche Norm, aufgenommen worden. In Petersburg fand dieser Tage eine Sitzung der „Speziellen Kommission zur Unterstützung der Flüchtlinge“ unter Vorsitz des Vize-Ministers des Innern, Plehwa, statt. Der jüdische Vertreter, Rechtsanwalt Sliosberg, unterbreitete der Kommission im Namen des jüdischen Hilfskomitees ein Gesuch, man möge zwei Millionen Rubel zur Unterstützung der in große Not geratenen jüdischen Flüchtlinge bestimmen. Es wurde der Beschluß gefaßt, vorläufig eine Million Rubel für einen Monat zugunsten der jüdischen Flüchtlinge auszuwerfen und dem jüdischen Komitee einen Vorschuß von einer halben Million Rubel zu gewähren. Aus diesen Zahlen läßt sich ein