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Jüdische Zeitung · 1915-11-19 · 46 (19.11.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
46 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Soeben, erschienen: Hugo Zucltermanns Geflidite. Herausgegeben von Otto Abeies. Einfache Ausgabe K 2.40, In Leinwand: K 3.60. Io---Leder (Nr. 1—100) K 12.—. — Porto K —.30. Was dem Jungjuden der Dichter des berühmten -„Reiterliedes“ bedeutet, davon sollen diese ' , Gedichte zeugen. R. LÖWIT VERLAG, WIEN I. Rotenturmstr. 22 . Während dieses Krieges hofften die Feinde J Deutschlands, durch die Unterbindung der Zuj fuhr demselben die Herstellung gewisser, für die - Kriegstechnik unentbehrlicher chemischer Stoffe unmöglich zu machen und es so zu bezwingen. Unter den Chemikern, die durch ihre ForsdhUngsresultäte jenen Plan vereitelt haben, stehen in : erster Reihe die Juden Professor Fritz Haber, j Vorstand des Kaiser Wilhelm - Instituts, (der auf einmal vom Vicefeldwebel zum* preußischen Hauptmann avancierte) und Willsiätter. i Ein geistreicher, aktuell klingender Ausspruch ' dieses großen Forschers, den uns ein Freund . unseres Blattes zur Verfügung stellt, möge hier .mitgeteilt sein. Er schrieb (1913): „Der Natur-, forscher muß General und Spion in einer Person sein.“ Willstätter ist bekannt als aufrechter Charakter und darum aufrechter Jude. Die tage 9er Juden im österrei- Aisdien Okkupationsgebiete. Ein Verwaltungsmitglied der Gesellschaft zur .Unterstützung kriegsnotleidender Juden bereiste in letzter Zeit mehrere Städte im österreichischen Okkupationsgebiet in Polen. Dem von ihm der Evakuierungskommission der jüdischen Gemeindeverwaltung in Warschau erstatteten ausführlichen Bericht entnehmen wir folgende Schilderungen : Der erste Besuch des . Berichterstatters galt der Stadt Sosinowice. Vor dem Kriege lebten in dieser Stadt ca. 17.000 Juden, gegenwärtig zählt diese Stadt 13.000 jüdische Einwohner, die sich zum größten Teil mit Handel befassen. Ungeachtet der Tatsache, daß die Bevölkerung von Sosnowice infolge des Krieges eine starke Abnahme erfahren hat — mehr als die Hälfte der •christlichen Bevölkerung bestand aus Arbeitern, die nach der bei Kriegsausbruch erfolgten Schließung der Kohlengruben und Fabriken die Stadt verlassen haben, um nach Deutschland auszuwandem, oder in ihre Heimatsdörfer zurückzukehren — nimmt noch gegenwärtig diese Stadt eine wichtige Stellung, im Wirtschaftsleben ein. Sie ist der Stapelplatz für die aus neutralen. Ländern und vielfach auch aus Deutschland eingeführten Waren. Allein ungeachtet des großen Anteils der Juden an dem Handel ist die Armut unter der Sosnowicer jüdischen Bevölkerung sehr groß. Das geht aus der großen Zahl der Notleidenden hervor, die den dortigen WohltätigkeitsVerein in Anspruch nehmen. So gibt die städtische jüdische Notstandsküche bis 2000 Mittagsmahlzeiten täglich aus. Dieser Verein liefert auch an Bedürftige unentgeltlich oder zu billigen Preisen verschiedene Produkte, erhält ein Krankenhaus; usw. und verzeichnet eine wöchentliche Ausgabe von 1800 Rubel. Die Arbeit in den Sosnowicer Kohlengruben hat nun wieder begonnen. Auch ein Teil der Fabriken arbeitet wieder. Die zweite Stadt, die der Berichterstatter; besuchte, war Bend in. Die Einwohnerzahl dieser Stadt betrug vor dem Kriege 55.000, darunter 30.000 Juden. Gegenwärtig jsind nicht mehr als 48.000 Juden in der Stadt zurückgeblieben. Die Hauptbeschäftigung der Bendiner Juden War vor dem Kriege der Handel: die Versor-) gung der zahlreichen Arbeiterbevölkerung mit den verschiedenen Produkten. Ein Teil der jüdischen Bevölkerung War in der metallurgischen Kleinindustrie und im Handwerk beschäftigt. Die Zahl der in diesen zwei Berufszweigen beschäftigten jüdischen Familien beträgt etwa 700. Die meisten jüdischen Handwerker sind Schneider. Der Krieg hat besonders in der vLage der jüdischen Handwerker eine Verschlechterung herbei- •JODISCHE ZEITUNG Nr. 46 geführt. Die WohltätigkeitSgesellSchäft unterstützt etwa 850 Familien, von denen die Mehrheit dem" Handwerkerstand angehört.! Der Sanitäre Zustand der Stadt1 ist kein guter. Die Wohnungsverhältnisse sind jämm'erlich. I Infolgedessen herrschen verschiedene Krankheiten, 1 besonders die Tuberkulose und die „eng-; lische Krankheit“ unter den Kindern. | In B e n d i n gibt es ein besonderes jüdisches „Speisungs-Komitee“ (das allgemeine Komitee gewährt keine Unterstützung an Juden). Die gesamte Hilfsaktion Wird von der Wohltätigkeitsgesellschaft geleitet, deren Vorsitzender und rühriger Leiter der bekannte Politiker und ausge- zeichnete Organisator Dr. Weinzieher ist. Gleich nach Kriegsausbruch Wurde die Stadt in dreißig Reviere eingeteilt. Jedes Revier untersteht einem besonderen Vertrauensmann, der sich um die Bedürftigen seines Reviers zu kümmern hat. Die Gesellschaft erhält eine billige Notstands-, j küchc, die 2000 Portionen täglich austeilt, ferner i auch ein Kinderheim für 200 Kinder und' eine ' Schule, die von 900 Kindern besucht wird. Da-'! neben gibt es noch 700 Kinder im ßchulalter/ die infolge der Armut der Eltern gar .-keinen Schulunterricht erhalten. Die. Wohljätigkeitsge.- sellschaft erhält keinerlei Subvention von außen, sie ist ausschließlich auf ihre eigene Kraft an-, . gewiesen — ‘ und jlire Kräfte sind bald erj schöpft i;f! r i! Der Abgesandte stattete auch Petrikau einen Besuch ab. Die Zahl der Juden vor dem Kriege betrug, in .dieser Stadt 15.000,-. ein Drittel I 'der auf etwa .45.000 Seelen sich beziffernden städtischen Gesamtbevölkerung. Diese Zähl hat durch den Krieg keine - Verringerung erfahren, j Die Hauptbeschäftigung, der Petrikauer Juden bildet der Kleinhandel. Ungefähr 1500 Faj milien leben vom Handwerk. Es bestehen nur 10 . Schulen, so daß etwa 500 Kinder im Schulalter ohne Schulunterricht bleiben; j Den Bedürftigen, -an denen in Petrikau kein . Mangel herrscht, gewährt die städtische jüdi-> ' sehe Wohltätigkeitsgesellschaft Unterstützungen.; Etwa 800 Familien Sind auf diese Unterstützungen; angewiesen. - Die schlechten Verbindungen mit Lodz und der Umstand, daß Petrikau seine Bej deutung als Verwaltungszentrum des ganzen Gouvernements eingebüßt hat, — haben auf die wirtschaftliche Lage der'Stadt, besonders auf die der jüdischen Bevölkerung, Sehr imgünstig gewirkt: Denn Hunderte von Familien leben ausschließlich von der Ausführung Lodzer Geschäftsaufträge. In Petrikau wurde eine spezielle „Steuer für Hungerleidende“ eingeführt, die bis 5000 Kronen monatlich einbringt. Davon erhalten die Juden nur ein Zehntel, d. h1. 500 Kronen pro Monat. Die Petrikauer. Wohltätigkeitsgesellschaft verteilt verschiedene Produkte unter die arme Bevölkerung. Es Werden etwa 500 Portionen Tee täglich ausgeteilt. Eine Notstandsküche besteht, nicht, Weil die nötigen Mittel fehlten. Die Ge-, Seilschaft ist auch' nicht in der Lage, das bestehende Kinderheim entsprechend dem vorhandenen Bedürfnis zu erweitern, und es ist schmerzlich, daß die geräumigen, schönen Säle des Gesellschaftshauses, die sich vorzüglich für Schulen! und Kinderheime eignen, leer stehen .... ZionisfisAe Arbeit in DentsAlanö während der fünfzehn Kriegsänonate. Es ist heute, Wo Wir noch in 'der Sturm- Periode des .Krieges stehen, noch nicht möglich, 1 ihre Bedeutung für den Zionismus' abzuschätzen oder , ihre Wirkungen für die Zukunft unserer Sache zu übersehen. Das können wir sagen: die beiden Grundsäulen, auf denen. unsere ‘ Bewegung aufgebaut ist, haben sich als tragfähig erwiesen: der jüdische Nationalgedanke und unsere Organisation. Ueberall in der Welt hat' sich die Ueberzeugung von der Eigenart des jüdischen Volkes, von der Unerträglichkeit Seiher Lage' undder Notwendigkeit seiner Verwurzelung mit Palästina unter unseren Gesinnungsgenossen vertieft. Die Stärkung des nationalen Empfindens bei allen Völkern . und das unverhüllte Heraustreten des östlichen Judenproblems in die europäische Öffentlichkeit haben auch' bei vielen Nichtzionisten das Verständnis für -unsere' Prinzipien wachsenlassen. So ist das Gedankengebäude -unseres jüdischen Nationalismus unerschüttert geblieben. Auch die zionistische Organisation hat trotz dieser unerhörten Belastungsprobe nicht versagt. Selbst unter den .schwierigsten Verhältnissen setzen ihre Gruppen, in allen Ländern ihre Arbeit fort und suchen den Zusammenhang mit der Zentrale aufrecht zu erhalten. Der deutsche Verband hat es Sich zur Pflicht gemacht, die Leitung unserer Organisation auf das kräftigste zu unterstützen. Die Schekel-und Zentralfonds - Sammlung- Wurde fortgeführt. Leider stehen die Ergebnisse hinter denen der Vorjahre zurück, da die Möglichkeit persönlicher Propaganda fast überall fehlte. Immerhin haben wir für das Jahr 1915 bisher bereits M 22.235 an den Zentralfonds des Zionistischen -Actions- Comites einschließlich der Schulwerkspenden abgeführt. Ebenso sind die Spenden für den Jüdischen Nationalfonds von Monat zu Monat wieder , gestiegen. Allein die Ablösung der Neujahrsglückwünsche hat für die Notstandsäktion des Nationalfonds M 7000 erbracht. Insgesamt werden sich die Nationalfondssammlungen für das Jahr 1915 auf M 60.000 belaufen, obwohl wir gleichzeitig eine besondere Hilfsaktion für Palästina eingeleitet haben. Diese Sammlung-: ,jHilfswerk für Palästina“ hat bereits jetzt über 67.000 M. erbracht. Sie wird von der zionistischen Vereinigung gemeinsam fm'it dem Esra, dem Frauenverband ' für Palästina, dem ßezalel. und änderen Palästinavereinen durchgeführt. Auch diese Palästinavereine erhalten aus den Reihen unserer Gesinnungsgenossen ihre laufenden Beiträge und sind So in den Stand gesetzt, ihre Aufgaben auch in diesem, Jahr zu erfüllen. Um so dankbarer dürfen wir feststellen, daß uns auch für* unser „Hilfskomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ über 26.000 M zugeflossen sind, die Wir zur Unterstützung von StammesgenosSen verwenden könnten, die durch den Krieg h'ier überrascht Wurden oder sonst in Schwierigkeiten gekommen sind. Gar mancher hat zu unserem Schmerze bereits sein Leben dahingegeben. Wir beklagen den Toa von 112 Gesinnungsgenossen, die uns alle nahe gestanden und von denen ein jeder seinen Platz in unserer Mitte ujnausgefüllt zurückläßt. In ihrem engeren Freundeskreise wird ihr Name fortleben. Wir Wollen aber die Möglichkeit schaffen, daß die Erinnerung an alle die, Welche ihr Leben unserer Sache geweiht hatten, lebendig bleibt. Wir haben daher beschlossen, ihren Namen dauernd in unseren Jahresberichten in einer Gedenktafel zu führen. BeriAligung Zur Schulfrage. In Nr. 44 der „Jüd. Zeitung“ zitierten wie, — nach dem „Israelit“ — eipe in einem hiesigen Blatte erschienene Erklärung des - Reichsratsabgeordneten Dr. Steinhaus. Danach' soll' der Referent der Deutschen Zivilverwaltung in Warschau, Reichstagsabgeordneter Dr. Haas in einer, das jüdische Schulwesen betreffenden Unterredung dem Dr. Steinhaus gegenüber erklärt haben, daß die jüdischen Kinder „nur, erst soviel Polnisch gelernt haben müßten, bis sie den ganzen Unterricht in dieser Sprache genießen könnten — dann werde auch in den jüdischen Schulen Polnisch die Unterrichtssprache sein!“ Dr. Haa.S pimächtigt!nun, darauf hinzu weisen, daß die Behauptungen in der Veröffentlichung, soweit Sie ihn betreffen, unrichtig Sind. Den persönlichen Zusammenhang vor Lockerung zu schützen, erschien uns als eine unserer wichtigsten Aufgaben. Es gelang uns, fast sämtliche Adressen unserer Gesinnungsgenossen im Felde festzustellen. Wir sandten jedem wöchentlich unentgeltlich die „Jüdische Rundschau“ und ■ durchschnittlich alle 4—5 Wochen als Feldpostbrief eine .Uebersicht über die Entwicklung in Palästina und die Lage unserer Organisation. Unsere Gesinnungsgenossen im Felde haben uns und den Spendern der Chanukah- und Peßachsendung in Hunderten von Briefen und durch unzählige Spenden für den Nationalfonds gedankt. Unser Archiv zionistischer Feldpostbriefe wird dem jüdischen Geschichtsschreiber der Zukunft eines der wichtigsten Dokumente für die innere Stärke des Zionismus in Deutschland und für die Geschlossenheit unserer Organisation Sein. Nicht weniger schwierig war es, den Zusammenhang in unseren Ortsgruppen aufrecht zu erhalten. Doch haben wir regelmäßig allen Gruppen und Vertrauensmännern Bericht übei; die Tätigkeit des' Actions - Comites, über unsere eigenen Arbeiten und über die Lage in Palästina zugehen lasSen. 1 Weitgehende Sorgfalt haben wir unseren Jugendorganisationen angedeihen lassem Leider 'mußten wir in den meisten Fällen zufrieden sein, wenn Wir die vorhandenen Gruppen erhalten und die Lücken der zum Heere Eingerückten durch jüngere Elemente aüsfüllen konnten.

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