Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 46 (19.11.1915)
- Date
- 1915-11-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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£9M NRTIDNFL -JÜDISCHES DRGRN rmrum Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktipn, Administration und Ihseratenaufnaiane: Wien, (I., ZirkiKgasse Nr. 33. — Sprechstunden _ täglich, von 11—12 Uhr vormittags, ipid 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte vyerden nicht zurückgestellt. — Aboanetnenstspreise: Für Oester- _ ■ reich-Urigam: Gahzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, vierteijSKr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ H Mk. 3.—. Für das übrige Ausländ: Gahzjähr. Fies. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 46. Wien, Freitag, den 19. November 1915 — 12. Kislew 5676. IX. Jahrgang. Zwanzig Jahre sind es nun her, daß die jiddische Religion in Ungarn „rezeptiert“, d. h. den übrigen Konfessionen des Landes gleichgestellt wurde. Den Juden als Individuen wurde bereits unmittelbar nach dem Zustandekommen des österreichisch-ungarischen Ausgleiches die bürgerliche Gleichberechtigung verliehen, allein die jüdische Religion, War mehr — minder nur geduldet. Eine praktische Folge hiervon war, daß man z. B. zum Judentum1 nicht übertreten durfte. Im Jahre 1805 brachte nun die ungarische Regierung, an deren Spitze Dr. Alexander Wekerle stand, im Zusammenhänge mit den sogenannten kirchenpolitischen Reformen und der Einführung der Zivilehe einen Gesetzentwurf über die staatliche Gleichstellung der jüdischen Religion ein. Es handelte sich jedoch bloß um eine ganz beschränkte Emanzipation, denn z. B. eine Vertretung im Magnatenhaus wurde den Juden, obwohl selbst die 75.000 Seelen ■ zählende unitarische Religion eine solche besitzt, bis zum' heutigen Tage vorenthalten. Man hat die jüdische Religion gleichgestellt; Soweit es die staatlichen oder besser die ungarischen Interessen und die Grundsätze der Ehereforiri erforderten. Die jüdische Orthodoxie führte einen erbitterten Kampf gegen die beabsichtigte Rezeption der jüdischen Religion-, da damit die Einführung der Zivilehe und die staatliche Sanktionierung der Mischehe züsammenhing und sie die zwangsweise Vereinigung mit den Neologen befürchtete. Nach heftigen politischen Kämpfen wurde die Novelle im Abgeordnetenhause zum Gesetz erhoben und es kam ins Magnatenhaus. Das Magnatenhaus lehnte es jedoch rundweg ab. Das Abgeordnetenhaus raffte sich nochmals auf, votierte das Gesetz und legte es von neuem dem Magnatenhaus vor. Neuerliche Ablehnung. Das Abgeordnetenhaus — die Regierung hatte wie immer eine gut parierende Mehrheit — stimmte ‘zum1 dritten Male für das Gesetz und nun wurde es mit kolossaler Kraftaufwendung mit einer Stirn men merh e i t durchgepeitscht. Der gesamte katholische Hochklerus, der gegen die kirchenpolitische Reform und die Rezeption heute noch ankämpft, stimmte dagegen und einige hochstehende ungarische Aristokraten, wie z. B. Markgraf Pallavicini, ließen sich es nicht nehmen, das jüdische Volk und seinen Glauben zu verhöhnen und zu verunglimpfen. Diese denkwürdige Begebenheit jäh'rt sich jetzt zum zwanzigsten Male. „Egyenlöseg“, das offizielle Organ der neölogen Jüdenheit Ungarns wollte den Jahrestag feierlich begehen und ging die namhaftesten ungarischen Politiker und Würdenträger um Aeußerungen in der Frage der Emanzipation an. So schreibt Fürstprimas Kardinal Dr. Csernoch: „Ich versichere Ew. Hochwohlgeboren, tfaß ich gegenüber der Judenschaft stets den Standpunkt völliger Gerechtigkeit ein-) nehmen werde und daß ich die Lehre der römisch-katholischen Kirche, betreffend die wahre Nächstenliebe, streng befolge.“ Kühler und maßvoller hätte er wirklich nicht schreiben können. Es gehört aber auch eine Geschmacklosigkeit dazu, einen Kirchenfürsten, der für dfe Aufhebung des Gesetzes über die Rezeption kämpft und dessen Amtsvorgänger gegen die Gesetzwerdung gestimmt hat, um1 eine wohlwollende Aeußerung über die Frage zu bitten. Was die wahren Ziele der ungarischen Regierung waren, indem Sie die Gleichstellung der jüdischen Religion anstrebte, geht klar aus der Aeußerung des Ministerpräsidenten a. EK Dr. Wekerle hervor. Er schreibt: „Die Rezeption der jüdischen Religion war bei uns nicht nur eine unerläßliche Forderung der Gewissensfreiheit und der bürgerlichen Rechtsgleichheit, sondern sie bedeutet aus ungarisch-nationalem Gesichtspunkte auch die Abschließung des großen Gedankens, den Deak und Andrasäy als ersten Sieg der ungarischen Gesetzgebung durch1 die Emanzipation der jüdischen Religion verwirklichten. Außer der Gewissensfreiheit und der bürgerlichen Rechtsgleichheit leitete sie das) Prinzip, daß; Sie idureh die Gewinnung der Anhänger der jüdischen Religion die ungarische Nation kräftigen und die Zahl der Ungarisch sprechenden Bürger der ungarischen Nation stärken.“ tinopel, Morgenthau, im Aufträge Seiner Regierung unternommen hat. Angesichts der angeblichen Armenierverfolgungen der türkischen Regierung erwachte das Menschlichkeitsgefühl des Präsidenten Wilson dermaßen, daß er es für politisch zulässig und geboten hielt, sich in die „inneren Angelegenheiten“ eines anderen Staates einzumischen. Nun wollen wir es dahingestellt Sein lassen, ob und in welchem Maße die Beschuldigung der Armenierverfolgung durch die Türkei, welche dies leugnet, den Tatsachen entspricht. Unverständlich, ja einseitig, erscheint es aber, wenn Präsident Wilson zu gleicher Zeit über die himmelschreienden, amtlich beglaubigten Judenverfolgungen der russischen Regierung schweigt. Ist etwa armenisches Blut röter als Jüdisches? Inbezug auf Rußland, hatte sich Amerika bekanntlich nur bis zur Kündigung des Handelsvertrages mit demselben emporgeschwungen, und auch dies unter dem Vorwände der Zurücksetzung der amerikanischen Bürger jüdischen Glaubens.Sind es Wirklich humanitäre Gründe, die das Einschreiten gegen die schwächere Türkei bewirkten» während die Greueltaten des stärkeren Rußland keinen Anstoß erregen, daß in letzter Zeit sogar die Erneuerung des Handelsvertrages mit demselben erwogen werden kann? Dies wird solange bezweifelt werden, müssen, bis., die Regierung dep Vereinigten Staaten sich nicht zu einem ähnlichen Schritte bei der russischen Regierung zu Gunsten der Juden entschließen wird. Einem solchen Schritte kann jetzt nichts mehr im- Wege stehen, nachdem auch die übliche Ausrede der Unzulässigkeit einer Einmischung in die „inneren Angelegenheiten“ eines anderen Staates durch den gegebenen Präzedenzfall nicht weiter anwendbar ist. M. H. Das Märchen vom Rektor. Aus Pra'g kommt die Nachricht, daß der am 23. Juni d. J. zum Rektor der deutschen Universität gewählte jüdische ordentliche Professor des Handels-, Wechsel- und Bergrechtes Otto Fra;nkl resigniert habe. Er entspricht damit nur der von der deutsch-böhmischen Presse sehr j energisch geäußerten Aufforderung und folgt ’ dabei dem schon fast geheiligten Gebrauche. Kein; Wunder, daß in Prag das Märchen — denn an | der Korrektheit der betreffenden Professoren wird ' doch kein Mensch in unserem Rechtsstaate zweifeln — herumerzählt wird, ein Jude werde nur unter der stillschweigenden Voraussetzung zum! Rektor gewählt, nach erfolgter Wahl „freiwillig“ j zu verzichten. Das „Prager Tagblatt“, ein im Zeichen eines Herrn T e w e 1 e s stehendes, liberales Blatt, schreibt über den Nachfolger des jüdischen Rektors, Professor Zycha: „Bietet doch die Persönlichkeit Zychas die sicherste Gewähr dafür, daß die wichtigen kulturellen und völkischen Interessen, die ein Prager Rektor zu gewahren hat, in seinen Händen aufs beste geborgen sein werden.“ Wenn die Liberalen so zwitschern, wie singen erst die Anderen! L. B. Runäsdian. Armenisches und jüdisches Blut. Die Zeitungen berichteten kürzlich über eine politische Aktion zu Gunsten der Armenier, die der amerikanische Botschafter in Konstan- Der siebente! Vorige Woche konnten wir über die Verleihung des Nobelpreises für Medizin 1914 an den Wiener Juden Dr. Barany, berichten. Nun kommt die Nachricht, daß der Nobelpreis für Chemie (1915) dem Geheimrat Dr. Richard W i 11 s t ä tt e r, königlich bayrischen ordentlichen Professor und Direktor des bayerischen chemischen Staatslaboratoriums in München verliehen wurde. Willstätter hat den weltberühmten chemischen Lehrstuhl inne, den vor ihm Exzellenz von .Bayer und Justus von Liebig inne gehabt haben und ist der siebente Jude, der diesen noblen Nobelpreis erhielt.