Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 45 (12.11.1915)
- Date
- 1915-11-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZE1TUNQ Nr. 45 Die Türkei unä Oie Men. Das Jüdische Hilfskomitee „Roter Halbmond“ versendet nachstehende Mitteilung : „Das Jüdische Hilfskomitee „Roter Halbmond“ unter dem Vorsiitz von Kommerzienrat Gerson Simon in Berlin, an dessen Sammlungen sich bekanntlich über 300 jüdische Gemeinden. Deutschlands mit größeren Zeichnungen beteiligt haben, hat den von ihm aufgebrachten Fonds, entsprechend den Wünschen der Leitung der Sanitätsabteilung der türkischen Armee, zum Ankauf von Sanitätsartikeln verwendet. Das angeschaffte Material wurde mittels Sonderzuges nach Konstantinopel gebracht. Dr. Alfred Nossig übergab in Konstantinopel die Spende dem Leiter der Keeres-Sanitätsabteilung, sowie den Vertretern des türkischen „Roten Halbmonds“. Wia die offiziellen Depeschenbüros bereits gemeldet haben, “wurde Dr. Nosisig vom Sultan, dem Thronfolger, dem Kriegsminister Enver Pascha, dem! Minister des Innern, Talaat Bey, und dem Kammerpräsidenten Halil Bey, Sowie von den Vertretern des jung-türkischen Komitees, Midhar Schükri und Dr. Nasim Bey, empfangen-Die Mitglieder des Herrscherhauses und die Vertreter der Regierung sprachen sich in anerkennendster Weise über die jüdische Bevölkerung aus, der ihr besonderes Wohlwollen gesichert sei. Dr. Nossig und Kommerzienrat G. Simon wurden durch Verleihung des Medjidje-Ordens ausgezeichnet. Auf Veranlassung des Deputierten von Konstantmopel, Carasso, 'und Dr. Nossigs gründete ein Kreis namhafter türkischer Juden mit Einwilligung der Regierung eine Vereinigung unter dem Namen „Osmanisch - Israelitische Union“. LInter dem Vorsitz von Carasso gehören dem leitenden Komitee hervorragende osmanisclie Juden an. Die Vereinigung bezweckt die Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Juden verschiedener Länder und den Osmanen, sowie die festere Angliederung der osmanischen Juden an die anderen BevölkerungsgTuppen der Türkei. Ferner Sind der „Osmanisch - Israelitischen Union“, auf Grund der ihr von der türkischen Regierung verliehenen Satzungen, in der Angelegenheit der gesetzlichen Regelung der Einwanderung von Juden nach der Türkei wichtige Befugnisse übertragen worden. Es ist besonders hervorzuheben, daß das jungtürkische Komitee „Einheit und Fortschritt“, dessen Verhältnis zur türkischen Regierung bekannt ist, einen ständigen Vertreter in den Vorstand der „Oämanisch- Israelitischen ‘ Union“ entsendet. Die Vereinigung gedenkt auch Imit den die ostjüdische Bevölkerung betreffenden Fragen gelegentlich der internationalen Verhandlungen nach Beendigung des Weltkrieges sich zu befassen. In dieser Angelegenheit fand auch bereits zwischen der türkischen Regierung und der deutschen Botschaft in Konstantmopei ein Meinungsaustausch statt, der ergab, daß die türkische Regierung, ebenso twie die deutsche und österreichisch-ungarische, den Bestrebungen zur Besserung des Loses der Juden des Ostens durchaus wohlwollend gegenüberstehen. Nähere Mitteilungen über die Dr. Nos*sig| in Konstantinopel erteilten Erklärungen, sowie über die Aktion der „Osmanis'ch-fsiraelitischenl Union“ werden gelegentlich einer Konferenz erfolgen, die demnächst nach Berlin einberufen1 werden wird.“ An diese Mitteilung knüpft die „Jüd. Rundschau“ folgende Bemerkung: „Wir begrüßen es, daß die rührige Tätigkeit des Jüdischen Hilfskomitees „Roter Halbmond“ zu solchen ansehnlichen Resultaten geführt hat und daß der Vorsitzende des Geschäftsführenden Ausschusses, Herr Dr. Alfred Nossig, bei diesem Anlaß Gelegenheit hatte, die Wohlwollende Stellungnahme der türkischen Regierung gegenüber den Juden aufs neue bestätigt zu erhalten. Die vorgenommenen Versuche, eine „Osüranisch-Israelitischen Union“ zu gründen, liegen, in der Richtung der Bestrebungen, die Herr Dr. Nossig seit Jahren als Geschäftsführer der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation (A. J. K. O.) verfolgt. Ueber das Ausmaß der Betätigungsmöglichkeiten der Osmanisch-Israeliti - sehen Union läßt sich auf Grund der vorstehenden allgemein gehaltenen Mitteilung Genaueres nicht sagen. Für Kenner der Verhältnisse steht jedenfalls fest, daß das Gelingen aller Pläne, eine jüdische Kolonisationsarbeit größeren Stils in der Türkei durchzuführen, auch in der Zukunft von der erfolgreichen Fortführung der zionistischen Arbeit abhängig Sein wird.“ Vom Berliner „Komitee Oes Ostens“. Eine der größten jüd. Zeitungen Amerikas „Die Wahrheit“ berichtet in der Ausgabe vom 29. August d. J. über eine Unterredung, die ein Vorstandsmitglied des jüdischen „Komitees für den Osten“' in Berlin mit dem Chef der Reichskanzlei, Herrn Unterstaatssekretär Dr. Wahn - schaffe hatte. Der Unterstaatssekretär äußerte sich im Verlaufe der Unterredung über die Grundsätze der Verwaltung der okkupierten Teile in Russisch - Polen folgendermaßen: „Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß wir alle Teile der dortigen Bevölkerung gleichmäßig und gerecht behandeln. Alle Behörden wurden angewiesen, den Juden nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und Humanität denselben Schutz zuteil werden zu lasSen wie den anderen Nationalitäten. Es ist für jeden, der das deutsche Staatswesen kennt, ohne weiteres klar, daß wir ihre grausame und unmenschliche Aushahmsbehandlung durch die russische Regierung mißbilligen. Es liegen uns aus den okkupierten Gebieten keinerlei Beschwerden vor, wohl aber tausende Danksagungen über die Loyalität und Unparteilichkeit der Verwaltung.“ Wie wfir erfahren, ist das „Komitee für den Osten“ seit Kriegsbeginn im Reichsinteresse tätig und beschäftigt sich vorwiegend mit dem Schicksal der Ostjuden. Es besteht aus hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten und angesehenen Mitgliedern großer jüdischer Organisationen. Die Aufgaben Ser Zionisfisdien Organisation. In dem offiziellen Organ der Südafrikanischen Zionisten veröffentlicht unser bekannter Gesinnungsgenosse Norman B e n tw i c h, der Führer unserer zionistischen Organisation in Aegvpten, folgenden Annelf, der von allen Zionisten beherzigt zu werden verdient: „Eine gütige Vorsehung hat dafür gesorgt, daß bei dieser höchsten Krisis in der Entwicklung unseres Jischubs in dem Gesandten einer großen neutralen Macht in der Tüjrkei unS ein' Kämpfer erstehen sollte, der durch seine Treue und die klare Ehrenhaftigkeit Seiner Absichten, gleich einem zweiten Mordechai, .geeignet ist, die Ränke aller Hamans1, die gegen unsere Pioniere in Palästina (geschmiedet wurden, zu vereiteln. Unser Fehler wäre es, wenn nicht die Kolonien und Schulen und der Rest unseres neuen Lebens in dem Lande so bewahrt blieben, daß Sie den Kern der größeren Zukunft, welche uns erwartet, bilden könnten. Die Türken haben ihn nicht zerstört, die verbündeten Mächte Waben ihn anerkannt: den Nutzen, der für die. Menschheit im Jischub aufgespeichert liegt, und es ist an dem jüdischen Volke, die Hilfe ziu geben, die der eine kriegsführende Staat zu Senden, der andere zu verteilen erlaubt, und auf diese Weise die unerhörten Verwüstungen, die der Krieg verursacht hat, gutzumachen. Wir haben zwei klare und dringende Pflichten in diesem Augenblick: auf der einen Saite für die Erhaltung unseres Volkes in Palästina zu geben, Was wir nur immer zu geben imstande sind, auf der änderen Seite, unsere Kräfte für den Tag de9 F riedens und der Erfüllung zu Sammeln. Es wird zu spät Sein, sich vorzubereiten, wenn der Krieg schon vorbei ist: die Stunde für ernsthaftes Arbeiten und für Opfer ist jetzt, und wir mögen es der Vors'ehüng überlassen, die die Dinge So wunderbar vor unseren Augen gestaltet, das Werk unserer Hände zu befestigen. Beide Sind im Irrtum : diejenigen, die alles mit menschlichem Können Zu ordnen denken, ebenso wie diejenigen, die alles einer Vorsehung überlassen. Wir müssen arbeiten und geben, und wir müssen auch Glauben haben. Unser Tag wird sicher kommen. Laßt uns dann fertig sein!“ Bus der j&Oisdiea Nett. Der Privat dozent der Wiener Universität Dr. Robert Barany, der gegenwärtig in TranSkaspien kriegsgefangen ist, hat den Nobel-Preis für Medizin erhalten. Dr. Barany ist der sechste Jude, dem diese hohe Auszeichnung verliehen wurde. Die anderen fünf sind: Albert M i c h e 1 s o n in Chigago, Gabriel Lippmann in Paris, Paul Ehrlich m Frankfurt, sowie die Träger des Friedenspreises Fried und Asse r. Dem jüdischen Forscher Barany ist in Wien die gebührende Würdigung versagt ge-: blieben; hoffentlich wird der Nobelpreis ihm den Weg zum vollen Erfolg ebnen. * Der bekannte jüdische Sänger der Darm-( Städter Hofoper, der aus Brod stammende Herr David Kro'nland, erhielt seitens des Konservatoriums der Lemberger Musikgesellschaft die Berufung zum Professor für Gesang. * Die „N. F. P.“ bringt nachstehende Schilderung eines jüdischen Hauptmannes, von der wolhynischen Front: „Am Eingang des Städtchens war eine Triumpfpforte errichtet und neben derselben erwartete die gesamte jüdische Bevölkerung des russischen Städtchens P. den Thronfolger, um ihm ihre Huldigung darzubringen. Beiderseits der Straße war ein dichtes Spalier gebildet. Links standen die festlich gekleideten Mädchen, die ersten zwei hielten ein großes, mit Reisig: bekränztes Kaiserbild in Händen1. Rechts stand die Vertretung der jüdischen Gemeinde, die angesehensten jüdischen Bürger verschiedenen Alters. Einer hielt ein Silbernes Tablett mit Salz und Brot, daneben befand sich ein Baldachin, unter dem Vorsteher und Rabbiner, mit dem Tallis umhüllt, die Thora trugen. Hinter der Repräsentanz hatte sich die .ganze Kehilla, an 900 Köpfe, versammelt, alles schön geordnet und im Säbbathgewand. Scheinbar wußte der Thronfolger nichts von dieser Huldigung, denn das Auto hielt erst im letzten Augenblick. Nun traten die Aeltesten vor, reichten dem' hohen Gast Salz und Brot als Willkommgruß, der Rabbiner sprach einen Segensspruch, ein anderer Herr einige Begrüßungsworte, die der Thronfolger in herzlicher Weise beantwortete, worauf er Sich mit den Mitgliedern der Deputation leutseligät unterhielt. Dann Wandte er sich zu den Mädchen, nahm von denselben eine Huldigungsadresse entgegen, bedankte sich ebenso herzlich und setzte dann unter 'brausenden Hochrufen der Versammelten die Fahrt fort. Die Huldigung trug einen echtjüdischen Charakter und machte auch auf die vielen Offiziere, die dieser spontanen Kundgebung beiwohnten, einen ausgezeichneten Eindruck ■....“ * Blinder Eifer schadet oft — nicht. Im Budapester Garnisonsspital fand für die russisch-jüdischen Kriegsgefangenen ein Gottesdienst statt. Am heiligen Versöhnungstage hielt ihnen nun ein ungarischer Feldrabbiner orthodoxer Richtung eine tiefgefühlte Festpredigt in — magyarischer Sprache! Höher gehts nimmer . . . .- * Entgegen in der Zeitschrift „Polen“ gemachten Angaben von Dr. Zofia Das'zynska-Golinska überdie Beteiligung der Juden an der Großindustrie Polens, stellt ein .Kenner der Verhältnisse in der „Frankfurter Zeitung“ folgendes fest: „Es ist ein Irrtum, daß „der Arbeiter, soWohll der Handlanger Wie der qualifizierte und die technische Hilfskraft durchweg polnisch“ seien. Laut Volkszählung von 1897 Waren an jüdischen Arbeitern im russischen Ansiedlungsrayon, der die westlichen Gouvernements, hauptsächlichdas ehemalige Königreich Polen, umfaßt, beschäftigt: in der Textilindustrie 33.20 Juden, in der Industrie der Nahrungsmittel 44.797 Juden, in den Metallindustrie 40.082 Juden, im Bergbau 1006 Juden, in der Industrie der Steine und Erdel 5187 Juden, in der chemischen Industrie 6514 Juden, in der Holzindustrie 41.359 Juden und irtf der Leder- und Papierindustrie 20.446 Juden'. Im ganzen beträgt der Anteil der Juden unter der berufstätigen Bevölkerung in der gesamten Industrie des Ansiedlungsrayons 34.4 Prozent, er steigert Sich in den einzelnen Industrien (Kleidungs-, Nahrungs-, Tabak-, photographische Industrie) auf 60—80 Prozent, ist bei der Produktion von Halbfabrikaten und bei der Urproi duktion entsprechend niedriger. Auf jeden Fall ist es aber unrichtig, die Arbeiter in Polen ,ab( geschlossene polnische Masse zu betrachten. Ein Drittel vsn ihnen sind Juden. * Polnischen Blättern 'zufolge überreichten die Vertreter der jüdischen Bildungsvereine in Warschau dem dortigen Bürgerkomitee ein Memorandum, worin sie folgende^ erklärten: 1. Die mehr als 300.000 Seelen zählende Judenschaft Warschaus bildet eine besondere nationale Gruppe und würde Sich dies'e nur mit einer, in jüdisch-nationalem Geiste geführten Schule zufrieden geben. 2. Die VortragsSprache in dieser Schule kann nur die j i d d i sch e sein, die polnische hingegen einer der Unterrichtsgegenstände. 3. Die Chädarim entsprechen nicht den neuzeitlichen Anforderungen der Volksbildung. Zur Beaufsichtigung der Schulen soll eine spezielle Kommission berufen werden, gewählt von den breiten MaSsten der jüdischen Bevölke-