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Jüdische Zeitung · 1915-11-12 · 45 (12.11.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
45 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NRTIQNRL -JÜDI5CHE5 QRERN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ JUGlHE ZOTUNG ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden | täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abotmemenstspreise: Für Oester- _ B refch-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. m ■ Mk 3—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. B Nr. 45. Wien, Freitag, den 12. November 1915 — 5. Kislew 567b. IX. Jahrgang. . : Hn die Arbeit! De'r. Ruf. .nach, intensiver Arbeit, der zu Beginn Hef-■-WinterSaison an unsere Mitarbeiter und Mitkämpfer gewöhnlich ergeht, drängt sich auch heute auf unsere Lippen. Wohl zeigen Leben und Verhältnisse gegenwärtig ein wesentlich anderes, durch den Weltkrieg bedingtes Bild. Allein dieser Ruf ist dennoch oder deswegen erst recht an der Zeit. Gilt es doch jetzt die schwere, mühselige Aroeit des Wiederaufbaues unseres so gründlich zerstörten sozial-wirtsehaftli - chen und geistig-kulturellen Lebens zu besorgen; eine Arbeit, welche im Interesse der jüdischen Nation und des österreichischen Staates bald und gründlich vollführt werden muß. An die Arbeit! — Unsere wackersten Mitarbeiter, unsere Jungen stehen unter den Fahnen. Mit ihrem zionistischen Ideal zogen sie ins Feld und dank diesem Ideal, das sie in körperlicher und seelischer Hinsicht zu Musterjuden machte, legen sie unvergleichlichen Heldenmut an den Tag. Neben dem brennenden heiligen Zorn, der von den Zarenknechten Sühne verlangt für die grausame Behandlung ihrer Brüder, beseelen sie in ihrem harten Kampfe positive Wünsche und Hoffnungen. Ihre schweren Opfer gelten einem neuen, modernen Oesterreich, sowie einer gestärkten, anerkannten jüdischen Nation. Dieser Geist bewirkt, daß sie vom Schützengraben aus ihre Verbindung mit der zionistischen Organisation aufrecht erhalten, im Kugelregen das werktätigste Interesse an unserer Arbeit beweisen. Ein beredtes Zeugnis hiefür sind die Schekel- und Kriegslandspenden-Ausweise. An die Arbeit! — So gilt denn dieser Mahnruf besonders unseren treuen Mitarbeitern im Hinterlande. Und sei ihre Zahl noch so gering, seien die Schwierigkeiten noch so groß, sie müssen sich aufraffen, alle ihre Kräfte anspannen und die Hindernisse überwinden. Wir müssen unsere Energie verdoppeln, unsere Leistungen vervielfachen, um den ungeheuren Aufgaben gerecht sein zu können. Wir, die wenigen Zurückgebliebenen, müssen den Ausfall an Leistungen und Tatkraft wettmachen, der durch den Abgang unserer im Felde stehenden Kämpferschaaren entstanden ist. Sie drüben, an der Front und im Schützengraben, schmieden unsere Zukunft, helfen wir, im Hinterlande, diese Zukunft vorzubereiten. An Arbeit mangelt’s nicht. Ueberall, wohin wir unsere Blicke wenden, finden wir Ruinen. Namentlich in Galizien, wo das Gros der österreichischen Judenheit lebt, ist unser ganzes wirtschaftliches und soziales Gefüge (total zerrüttet, unsere langjährige organisatorische und kulturelle Arbeit weggefegt. Die charitative Arbeit für die Bedürfnisse des Augenblickes, in der sich die Zionisten überall jetzt so hervortun, soll unserer national-kultu - rellen Tätigkeit, unserer Zukunftsarbeit keinen Abbruch tun. Wir leben in einer Zeit ungeheurer Krisen. Die durch den Krieg hervorgerufenen Erschütterungen machen für manches Neue und Tiefe empfänglicher. Möge dies zum Segen unserer Organisation ausgenützt werden. Unsere Aufklärungsarbeit muß wieder i einsetzen. Es sollen allerhand Vorträge j und Veranstaltungen gemacht und orgaj nisatorische Maßnahmen getroffen wer- | den. Trotz der großen Not und der fi-; nanziellen Bedrängnis des größten Teiles : der Ostjuden, müssen wir auch unserer Fonds, des Schekels, Nationalfonds und insbesondere unseres Jischub in Palästii na, der gegenwärtig eine Krisis sondergleichen durchmacht, gedenken. Unsere nationale Erziehungsarbeit muß unbedingt wieder aufgenommen und fortgesetzt werden. Wieder muß in unsere Reihen die Arbeitsfrei; d&T einkehren. Die Schicksalsschläge, die wir durch den Krieg erlitten, sind wohl sehr schmerzhaft, den Mut und die Hoffnung auf bessere Zeiten sollen sie uns dennoch nicht rauben. An die Arbeit, Gesinnungsgenossen! M. H. Runösdian. . Die „starke Regierung“. Mit der Ernennung Chw ostows, des Führers der Rechten in der Duma, zum russischen Minister des Innern, sind alle Hoffnungen auf Reformen in der Verwaltung geschwunden. Sein Programm gipfelt in einem' Punkte: eine „starke Regierung“. Was namentlich die Juden von einer solchen Regierung erwarten können, kann man sich leicht denken. Uebrigens hat es Chwostow Korrespondenten verschiedener Zeitungen gegenüber ausdrücklich gesagt: „Er sei zwar nicht abgeneigt — sagte er auf eine diesbezügliche Anfrage — den Juden etwas Rechte einzuräumen, aber nur sukzessiv und erst nach Beendigung des Kriege s“, wobei er. auch betont haben soll, daß er. den Juden niemals gestatten würde, Boden zu erstehen. So erwiesen sich nun alle Hoffnungen der Juden auf Erlangung von Bürgerrechten als Seifenblasen. Die Versprechungen und Vertröstungen auf die Zukunft entbehren jeglicher Bedeutung. Die russischen Juden. Der gegenwärtige Krieg brachte namentlich unseren Brüdern in Rußland unsägliches Unheil und ungeheure Erschütterungen. Wenn sie aber in diesem Unglücke, anstatt der Verzweiflung und dem Kleinmut zu verfallen, Zeichen bewundernswürdigen Großmutes und Seelischer Stärke zeigen, so ist dies der beste Gradmesser für ihre innere Freiheit. Schon bei Kriegsausbruch hatten unsere unter der Knute des Zarismus schmachtenden Brüder eine Selbstaufopferung an den Tag ge-, legt, der wir anderswo kaum begegnen können. Ihre Kriegshilfstätigkeit, für Welche sie unter den trostlosesten Bedingungen schwere Millionen aufgebracht haben und auch weiterhin aufbringen, sichert ihnen eia Ruhmesblatt in der Geschichte, nicht bloß der jüdischen, sondern auch der allgemeinen Philantropie. Unlängst konnten wir uns auch von ihrem ungebrochenen Mannesstolz überzeugen, indem die Kowno’er Judengemeinde ohne Zaudern die Verbannung wählte und von der verlangten Beistellung jüdischer Geiseln absolut nichts hören wollte. Nun kam: auch ihre selten mutige Sprache auf der letzten Petersburger Sitzung des jüdischen Hilfskomitees, über die wir in der Nummer 41 unseres Blattes berichteten. „Die Konferenz drückt ihre tiefe Entrüstung über die Verfolgungen und Verleumdungen der jüdischen Bevölkerung während des Krieges aus und erklärt, daß nur durch die gesetzliche Abschaffung aller in bezug auf die Juden herrschenden Beschränkungen, der Staat seine Pflicht dem jüdischen Volke gegenüber erfüllen und die Wiederholung solcher Verfolgungen unmöglich machen wird.“ Man würde es fast für unmöglich halten, daß diese versklavten russischen Juden es wagen könnten, der russischen Bürokratie einen solchen Faustschlag zu versetzen. Dies ist dennoch geschehen, dazu in der Hauptstadt Rußlands, mitten im Kriege und mit geradezu beispiellosem Freimut. Diese Tatsache von weittragender Bedeutung wird unleugbar einen Glanzpunkt in der Geschichte des russischen Judentums bilden. Die richtige Adresse! In unserer vorletzten Nummer berichteten wir — nach dem Newyorker „Tag“ — über die Ueberweisung von 20.000 Dollar für die vom Kriege betroffenen jüdischen Arbeiter in Rußland, Polen und Galizien seitens des jüdU sehen Arbeiterringes in Amerika. Diese Nachricht verdient nach unserer Ansicht besondere Beachtung. Nicht etwa deswegen, weil der A r b e i t e r r i n g die jüdischen Kriegsleidenden unterstützt. Auch nicht der Höhe des Beitrages wegen. Schließlich ist der Arbeiterring damit nur seiner Pflicht gegenüber den jüdischen Kriegsopfern nachgekommen, was auch andere jüdische Organisationen in Amerika getan haben, dazu in viel größerem Maße und mit mehr Promptheit. Nicht auf die Sache selbst und auch nicht auf das Wieviel kommt es uns jetzt an, sondern auf das Wieso. Der sozialdemokratische Arbeitering will seine bedrängten jüdischen Genossen in Europa untere stützen, übersendet hiefür einen, gleichgültig welchen, Betrag und bestimmt zu Vormündern — die I k a, den H i 1 f s v e r e i n und die Allianz! Wir wollen in diesem Momente von den in vielen Beziehungen anfechtbaren Handlungen der einen oder der anderen dieser Organisationen absehen. Sie tragen nicht die Schuld an dieser Bestimmung und sie sollen daher nicht unverdient angegriffen werden. Den Tadei verdient ausschließlich der Arbeiterring, der durch diese Bestimmung seine demokratischen Prinzipien in gröbster Weise verletzte, indem er seine Genossen an allerhand Bürokraten und volksfremde Elemente weist, die sich dann diesen Unglücklichen als Wohltäter aufspielen. Und ist ein* solches Vorgehen von seiten bürgerlicher Organisationen befremdend, so ist es im gegebenen Falle geradezu unverzeihlich, zumal es nirgends an demokratischen jüdischen Institutionen fehlt, die man mit der Verteitimgsfnission betrauen könnte. Das hochherzige Lemberg. Der Beirat der Stadt Lemberg beschloß bei seiner Sitzung vom 29. v. M. einstimmig, füit die Armen der Stadt Warschau 50.000 Kronen zu überweisen. Dies ist zweifellos ein Akt besonderer Hochherzigkeit, um so mehr, als die Lemberger Bevölkerung selbst gegenwärtig in ■ äußerster Not lebt und ein dortiges Komitee, allerdings ein jüdisches, Hilferufe in die weite Welt hinaussendet .... M. H.

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