Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1915-11-05 · 44 (5.11.1915) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
44 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438521-2438564--4584-2444470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 ‘JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 44 ihren Lehrern und Kindern verständlichen Jargon. Eine andere Auslegung der Verordnung würde ja mangels geeigneter Lehrkräfte zu ganz unmöglichen Konsequenzen geführt haben, und konnte nicht gewollt sein .... Die offizielle und feierliche Anerkennung des Jargons als selbständiger jüdischer Volkssprache neben dem Polnischen und Deutschen würde die deutsche Politik auf ein Prinzip festgelegt haben, für oder gegen das sie sich begreiflicher Weäse im jetzigen Entwicklungsstadium der Dinge noch nicht entscheiden will und braucht, nämlich auf die völlig gleichberechtigte Stellung des jüdischen Volkstums in Polen neben dem Poientum', auf die jüdisch -nation ale Autonomie .... Daß die Assimilanten, die leider in Warschau den Verwaltungsapparat der Gemeinde beherrschen, mit Hochdruck gegen die Hindenburg’sche Verordnung arbeiten ist vollkommen verständlich. Diese Kreise nun trösten sich neuerdings, wie aus, einer Erklärung des galizischen Reichsratsabgeordneten Dr. Steinhaus in der Wiener „Jüi dischen Korrespondenz“ hervorgeht, damit, daß die Hindenburg’sche Sprachenverordnung den unter der Rubrik „Deutsch“ rangierenden Jargon) nur als Uebergangsstadium zum — Polnischem angesehenwissen wolle. Der deutsche Schul- Referent Dr. Haas, — so behauptet Dr. Steinhaus — soll erklärt haben;, daß die Kinder nun erst soviel Polnisch gelernt haben müßten, bis sie den ganzen Unterricht in dieser Sprache genießen könnten — dann werde auch in (den jüdischen Schulen Polnisch die Unterrichtssprache sein! Ob dieses sonderbare Trostsprüchlein dei Assimilanten lediglich frommen Wünschen seine Entstehung verdankt, oder ob ihm Tatsachen zu Grunde liegen, möchten wir nicht erörtern .... Das ist aber auch die gegebene Stellung zur Sprachenfrage unter dem für uns maßgebenden religiösen Gesichtspunkt. Wir wünschen die Erhaltung der jüdischen Sprache im Osten, weil sie ein gewaltiges Band der Einheit pml die jüdischen Massen schlingt und ihr raschles Abgleiten in fremde Kultursphären bis zu einem gewissen Grade verhindert .... Gegen diese Tatsache bildet auch der von den Poale - Zion1 denunzierte Vertreter der „chasSidischen Orthodoxie im Warschauer Gemeindevorstand“, der aus persönlicher Solidarität imit den Polen für die. polnische Unterrichtssprache eintritt, keinen Gegenbeweis. Die sogenannten „Wunderrabbis“ Werden, wenn man sie fragt, einstimmig die Erhaltung des Jargons als Unterrichtssprache fordern, obgleich sie gegen das Erlernen des Polt nischen als eines Unterrichtsfaches schon aus wirtschaftlichen Gründen nichts einzuwenden haben dürften. Die Orthodoxie ist also sicherlich für die jüdische Unterrichtssprache. Aber Zwei Vorbehalte sind allerdings zu machen. Einmal: mit dem Jargon allen isi’s nicht getan; wenn die Grundlagen des jüdischen Erziehungssystems im Osten: die Verwendung des größten Teiles aller Zeit und Kraft auf das Studium der talmudischen Wissenschaft und dfe Durdisättigung des ganzen Unterrichts mit dem' Geiste der Gottesfurcht, zerstört werden, dann nützt uns der Jargon keinen Pfifferling. Und zum zweiten: durch die Aufrechterhaltung des Jargons auf Tod und Leben dürfen nicht wichtigere Forderungen, dürfen nicht Grundbedingungen des religiösen Lebens gefährdet werden. So unwahr nämlich die Behauptung ist, daß die vielgeschmähten „Wunderrabbis“ von jeher die politischen Werkzeuge der Assimilation gewe sen Seien, so bekannt ist das temporäre Wahlbündnis, das vor einigen Jahren die Warschauer Orthodoxie mit den Assimilanten gegen die Nationalisten abschloß. Wir haben jenes Bündnis immer für moralisch bedenklich und bedauerlich ge halten; aber es war — das muß gegenüber der. Anrempelung des Arbeiterblattes doch einma ausgesprochen 'werden — ein Akt der Notwehri der politischen Verzweiflung gegenüber dem religionsfeindlichen Radikalismus gewisser nationalistischer, sehr jafgonfreundlicher Elemente. Man sägte sich mit Riecht, daß man (mit den religiös gleichgültigen und daher toleranten Assimilanten besser fertig werden könne, als unter dem Drucke eines pseudojüdischen Terrorismus, der im Namen der falsch verstandenen nationalen Idee der. nationalen Religion den Krieg bis aufs Messer ansagt .... Schwerer wird natürlich eine Verständigung) sein, sobald nicht die Sprache, sondern der inhaltliche Charakter und die äußere Anordnung des Schuhvesens zur Entscheidung gelangt. Im Anschluß an die obigen Ausführungen) weisen wir noch auf eine in der „Deutschen Warschauer Zeitung“ veröffentlichten Notiz hin, in der es wörtlich heißt: Die deutsche Verwaltung will für die Volksschulen Polens und z\var sowohl für Schulen! mit deutscher, als auch solche mit polnischer1 Unterrichtssprache grundsätzlich nur einheimische Lehrkräfte anstellen .... Die Beschränkung auf einheimische Lehrkräfte gewährleistet .allen Kreisen, daß ihre Eigenart und ihre besonderen Wünsche bei der weiteren Entwicklung der Dinge gebührend Berücksichtigung finden. * * * Den zionistischen Anschauungen schließlich entsprechen wohl am meisten die Ausführungen des bekannten guten Kenners der polnisch-jüdischen Verhältnisse, Leo Rosenberg, in der „Jüdischen Rundschau“ vom 22. Okt. d. J. Er schreibt: Für die rein doktrinäre Art und Weise, Wie die ostjüdische Schulfrage bisher in nichtjüdischer und auch in jüdischer Oeffentlichkeit erörtert; wird,. ist es bezeichnend, daß von gegebenen Verhältnissen einfach abgesehen wird. Das Problem' wird so gestellt, als gelte es, ein jüdisches Schulwesen erst neu in)S Leben zu rufen. Dies ist aber ganz und gar nicht der Fall. Ein (äoldheä Schulwesen besteht in der Ostjudenheit bereits.- Ob es in allen Beziehungen gut oder schlecht ist: es hat seine vielhundertjährige Geschichte und wurzelt tief im jüdischen Volksleben .... Die traditionelle „Cheder-Schule“ repräsentiert die jüdische Volksschule par excellence . . . Der „Cheder“ ist nun trotz seiner jiddischen Unterrichtssprache — richtiger Uebersetzungs - spräche, denn das Jiddische bildet da nur leim Unterrichtsmittel, ohne (Selber Gegenstand eines Unterrichts zu sein — eine durch und (durch hebräische Schule: in dieser Schule werden ausschließlich hebräisch - religiöse Lehrfächer unterrichtet .... ' Von der Chederschule gilt das Wort, daß ihr Charakter, von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, in Geschichte und Gegenwart schwankt. Während sie von den Nichts-als-Romantikern in den Himmel gehoben wird, erblicken die FoirtschrittSfanatiker in ihr aller Uebel Quelle. Beides trifft natürlich nicht zu. Die Cheder-Anstait stellt eine historisch' gewordene Kategorie dar, und als solche muß sie gewürdigt werden. Das alte Judentum schuf sich seine Organe und Institutionen in seinem Ebenbilde. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts und vielfach bis um die Mitte desselben bildete der Cheder ein entsprechendes Korrelat der herrschenden sozial-kulturellen Zustände im Ostjudentum, vielfach auch in der Westjudenheit. In der Entwicklung dieser Schule ist dann eine Stagnation eingetreten. Im Westen vermochte sie dem überstürzten Tempo der Ereignisse nicht zu folgen; sie verfiel ider Auflösung. Aber auch in der Ostjudenheit hielt sie nicht mit der allgemeinen Kulturentwicklung Schritt. Das Organ eirwies lieh konstanter als die Funktion. Die Haskala hat zwar hier -und da Ansätze zu einem weltlichen Schulwesen gezeitigt, allein die volle Entfaltungsmöglichkeit war noch nicht gegeben. So blieb der Cheder am Ausgang des 19. Jahrhunderts im großen und ganzen auf der Stufe der westeuropäischen Volksschule Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stehen. Ein deutsch-jüdischer MemoirenSchreiber meint gelegentlich -einer Schilderung seines um1 diese Zeit erfolgten Ueberganges von dem aufgelösten Cheder Zur öffentlichen Stadtschule seines Heimatortes (Straußberg bei Berlin), er vermochte nicht mit Bestimmtheit z!u sagen, welche von diesen beiden Schulen die schlechtere war. In dieser Verfassung blieb die Chederschule bis zum Beginn unseres Jahrhunderts. Die um die Jahrhundertwende einsetzende große national-kulturelle Bewegung im Osltjudentum ist natürlich auch auf dem Gebiete des Schulwesens nicht ohne Folgen geblieben .... Auch der altjüdischen Volksschule, die ihrer Unterrichtsverfassung und ihrem ganzen Geist nach eine durch und durch hebräis'che Anstalt war, wollte man nunmehr einen ausgeprägt modern-hebräischen Charakter verleihen. Das allgemeine pädagogische Moment trat m dem spezifischen spradünethodischen Problem in die Erscheinung. Der Cheder war eine „Uebersetzungsischule“; es galt nun, unter Berücksichtigung neuer, natürlicher Methoden die Uebersetzungsmethode auszuschalten und sie durch die gerade um diese Epoche in der Sprachpädagogik zum Durchbruch gelangten neuen Grundsätze zu ersetzen. So entstand die natürliche Tendenz, in der Ghede'rschule die jiddische Uebersetzungssprache durch die hebräische Unterrichtssprache zu ersetzen; Der Erfolg War ein großer und überraschender. Zwei palästinensische Pioniere des Geistes waren es, die idas erlösende Wort zur richtigen Stunde aussprachen: David Jellin und Isaak Epstein. Beide sind die Väter der neuen hebräischen Pädagogik, deren höchste Errungenschaft die „natürliche Methode“ (,,'ha-Schitä ha-tivit“) im hebräischen Sprachunterricht oder nach dem üblichen Stichwort bezeichnet „Ivrit be-Ivrit“ war. Es wurden in jeder besseren Stadt des AnsiedlungsrayonS modem-hebräische Schulen begründet, die unter dem Namen „Reforni-Chadarim“ („Cheder metükan“) bekannt geworden sind. Diese Reform-Chadärim haben das Hebräische Zur alleinigen Unterrichtssprache. Das Unterrichtsprdgramm hat insofern eine Erweiterung und Ausgestaltung erfahren, als der bestehende biblische Unterricht nach richtigeren pädagogischen Grundsätzen erfolgte, ein systematischer hebräischer Sprach1- und Literaturunterricht erteilt wurde und audh die nachbibliSch,e nationale Geschichte bis auf die Gegenwart eine weitgehende Berücksichtigung erfuhr. Von demi Realienunterricht mußte aus verschiedenen Gründen — nichtzuletzt infolge einer diesbezüglichen Verordnung der russischen Regierung vorderhand abgesehen werden. Es hat sich auch bald das Bedürfnis herausgestellt, diesen hebräischen Schulen hebräische Kindergärten und Fröbelanstalten anzugliedefn. Solche mustergiltige Anstalten bestehen bis jetzt an den Retorm-Chadarim in Warschau und in Lodz. Die jn Warschau sind zum Teil Musteranstalten, deren Grundsätze und Resultate auch in fachmännischen Kreisen in Palästina Beachtung finden. In der neuesten .Entwicklungsphase dieser Schulen trat immer deutlicher die Tendenz einer weiteren Ausgestaltung zu vollwertigen Elementarschulen mach! besten westeuropäischen Mustern hervor. Das wird auch bei einer ungehemmten Entwicklung in naher Zukunft sicherlich der Fall sein. , Hier liegt für uns der eigentliche Schwerpunkt der ostjüdischen Schulfrage. Die Frage ist, ob diese ganze Entwicklung rückgängig gemacht werden kann. Die Fragte ist für uns, ob die jiddische Schulsprache in absehbarer Zukunft von unserer nationalen Sprache oder von einer fremden abgelöst Werden wird. Die künftige Entwicklung der jüdischen Schulen wird sich in den von ihrer innersten Natur ihnen zugewiesenen Bahnen bewegen. PaläsfMrief. Nach dem Verschwinden dar Heuschrecken hat man sich in den Farmen des Jüdischen Nationalfonds und in .den Kolonien hauptsächlich dem Anbau von Gemüse zugewandt und auch energisch wieder mit dem Getreidebau begonnen. Es muß überhaupt festgestellt werden, daß in Palästina alles versucht wird, umüber die gegenwärtige Krisis hinwegzukommen. . Die hebräischen Schulen in Palästina sind sämtlich in Betrieb, dank der Opferwilligkeit der Lehrer, die trotz der herrschenden Teuerung aus freien Stücken auf veinen beträchtlichen Teil ihres Gehaltes verzichtet haben. Die Schulen werden zur Zeit von 3110 Schülern besucht, die Von 187 Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet werden. Die ökonomische Situation in Palästina hat sich in letzter Zeit dadurch verschlechtert; daß die Geldsendungen aus dem Auslande fast ganz ausgeblieben sind. Auch die Hilfsgelder von Amerika haben immer mehr und mehr abgenommen, sOdaß dem palästinensischen Verteilungs- Komitee unter dem Vorsitze von Herrn Dr. Ruppin in letzter Zeit nur 15.000 Frcs. monatlich [zur. Verfügung standen, Während 70.000 Francs per Monat dringend benötigt werden. Die Folge davon ist, daß besonders die Arbeiter Mangel leiden. ES ist zu hoffen, daß die Juden aller Länder mit größter Intensität die Hilfssammlungen für Palästina fortsetzen Werden, damit wenigstens für die dringendsten materiellen Bedürfnisse gesorgt werden kann. In diesem Zusammenhänge soll über die bisherigen Ergebnisse der Palästina-Hilfsaktion in den europäischen Ländern berichtet werden, die teils von den Zionistischen Organisationen dieser Länder, teils unter der Beteiligung derselben durchgeführt worden sind. Es) liefen ein aus Bulgarien 5000 Frcs., ,auS Deutschland 70.000 Mark, aus Griechenland 2500 Frcs., aus Holland über 11.000 Gulden, aus Skandinavien 13.500 dän. Kronen; aus den anderen europäischen Ländern etwa 350.000 Francs. Durch Vermittlung des Kopenhagener Büros der Zionistischen Organisation Wurde außerdem ein Teil der Argentinischen Sammlungen in der Höhe von 2500 Francs nach Palästina überwiesen; und bei dem'Hauptbüro des Jüdischen Nationalfonds im Haag gingen Weitere 5000 Frcs'. für Notstandsarbeiten ein. Die HilfSgelder aus England Sind, ebenso wie die Erträge der Sammlungen in den außereuropäischen Ländern, dem Amerikanisch-Jüdi - sehen Hilfskomitee für Palästina zur Verfügung gestellt worden, da9 aus Vertretern des Zionistischen Executiv Comites in Newyork und des American Jewish Com'mittes zusammengesetzt ist. Diese Beträge sind daher jn den Ausweisen jenes Komitees inbegriffen. Die Eingänge sowohl der europäischen wie der amerikanischen Hilfeaktion sind dem Palästinensischen Verteilungskomitee in Jaffa, unter Vorsitz von Herrn Dr. Ruppin, überwiesen worden. Außer diesen Hilfsaktionen sind auch durch andere jüdische Organisationen Hilfssammlungen für Palästina durchgeführt worden, die zum Teil ebenfalls beträchtliche Ergebnisse hatten. SSÄKS Jüdischen National-Kalender 5676 Verlag R. LÖWIT, Wien, I. Rotenturmstraße 22, Preis K 2.40, zu beziehen durch alle Buchhandlungen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.