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Jüdische Zeitung · 1915-11-05 · 44 (5.11.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
44 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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MMMK NRTIDNRL -JUDI5CHE5 ÜRGRN HW rurrum Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ W^kmml;p Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden B m täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 44. Wien, Freitag, den 5. November 1915 — 28. Marcheschwan 5676. IX. Jahrgang. Zur uirtsdiaftlidien Gage Ser galizis srtien Mn. stenzen sich in der Zukunft erhalten können und 1 an den ihnen geschlagenen Wunden nicht vollends verbluten. Denn es darf nicht übersehen werden, wie grundverschieden sich das Problemfür die Retablierung des handeltreibenden Teiles der galizischen Bevölkerung sprich: der Juden — von demjenigen des landwirtschaftlichen Teiles, darstellt. Während der Bauer die Hauptbedingung seiner Existenz, den Boden, unversehrt, zur Aufnahme neuer Saatkörner für neues Wachstum bereit vorfindet, ist fcr einen gedeihlichen j Handel, solange der Krieg dauert, jede Basis völlig untergraben. Denn die Beschränkungen alj ler Art, die allerdings dutch die Notwendigkeit solcher Einrichtungen im Kriegsgebiete vollkomj men gerechtfertigt erscheirien, machen eine Wiederaufnahme lebhafter kaufmännischer Tätigkeit im Vorhinein unmöglich. , Dem Landwirte ist; 'mit einer, wenn auch teilweisen, Wiederherstellung seines zerstörten Gu- , tes:Wohl (gedient. Er kann, unbekümmert des noch in fernen Gegenden tobenden Krieges, seinen Akker ibestellen und die Segnungen der Natur, deren er wieder teilhaftig werden kann, bleibeir-ilinr nach wie vor nicht vorenthalten. Für manche jedenfalls nicht ausgeschlossene Abgänge, ist er durch die überaus günstige Konjunktur für Lebens- und Futtermittel aller Art, Sowie in den; außergewöhnlich hohen Pi'eisen für sämtliche landwirtschaftliche Produkte reichlich' entschädigt. Um vieles ungünstiger, ja geradezu trostlos ist dagegen die Lage des repartierten Kaufmannes in Galizien. Angenommen selbst, daß ihm der direkt erlittene Schaden voll refundiertwird — der indirekte, durch Insolvenzen und Zahlungsstockungen verursachte Schaden ist jedoch, bei den naturgemäß genug verzweigten Kreditverhältnissen Galiziens, der überwiegend größere, leider aber Schwer nachweisbare Teil — angenommen also den relativ günstigsten Fall, sieht sich der jüdische Kaufmann erst recht vor einem drohenden Fragezeichen gestellt, das sowohl seine Gegenwart, als auch seine * nächste Zukunft in düsteres Dunkel hüllt. Zur Sdiulfrage. „Was tun?“ ,— das 'Ist das große Rätselt; dem die galizische Kaufmannschaft in diesen schweren Zeiten macht- und ratlos gegenüber steht, dessen Lösung jedoch mit Hilfe einer durchgreifenden zielbewußten Organisation und einer tatkräftigen Unterstützung von Seiten des Staates — welche gewiß, nicht ausbleiben wird — gelingen kann. Wir setzen hier den Abdruck ver ihicdener, auseinander£ähendir Acußerungen über diese Frage auszugsweise fort. Zuerst die Ansicht eines reichsdeutschen Ariers, des bekannten Schriftstellers und Politikers der fortschrittlichen Volkspartei im Deutslhen Reichstage, Georg Gothein. In Nr. 31/32 des „März“ schreibt er unter anderen mehr verwaltungspolitischen Ausführungen über die zukünftige Gestaltung der polnischen Gebiete, die Schulfrage betreffend folgendes: Die Autokratie hat es einfach, die verschiedensten Stämme und Völkerschatten unter ihr Joch zu vereinigen. Der moderne Staat dagegen will die Freiheit und das Selbstocstimnumgsreeht aller seiner Staatsbürger. Nur dann wird er ein lebenskräftiges Staatswesen bilden, wenn Allen, die Pflege ihrer Kulturgüter ermöglicht wird ... Je weiter also ein polnisches Reich gegriffen wird, einen um so geringeren Anteil machen die Polen darin aus. Aber selbst bei der Beschränkung auf das sogenannte Kongreßpolen wäre» der nichtpolnische Einschlag von 13.71 Prozent Juden, 4.42 Prozent Deutschen usw. so stark, daß auf ihn starke Rücksicht genommen werden müßte. Eine Herrschaft der einen Nationalität über die anderen würde von vornherein den Keim nationaler Zwistigkeiten hervorrufen. Ein Staatswesen mit einer solch reichhaltigen Musterkarte von Nationalitäten bezw. Sprachstämmen muß' diesen im weitesten Maße die Freiheit und Pflege ihrer M uttersprache und sonstigen Kulturgüter sichern. Die Gleichberechtigung aller Nationalitäten und Religionen, die volle Freiheit des Gebrauchs der Muttersprache, das Recht auf Schulunterricnt in dieser müßte verfassungsmäßig so testgelegt werden, daß es auch gegen Verfassungsänderungen durch die zu solchen sonst befugten Gewalten geschützt wäre .... Nichts schafft mehr Verbitterung, nichts lokkert ein Staatswesen mehr als die Bekämpfung der Muttersprache der Minderheiten, die A u izwingung der Sprache der Mehrheit oder der herrschenden Klasse in Schule, Kirche, amtlichem Verkehr und politischen Ver. Sammlungen .... Man würde hiebei die Juden, die als Mut-; tersprache meist jiddisch, also deutsch sprechen, zur deutschen Sp rachgemein schaf t rechnen können. Es läge dies vielleicht auch im Interesse der Deutschen. Jedem Volksstamme bezw. jeder Nationalität müßte es freistehen, eigene Schulen zu unterhalten, in denen der Unterricht in der Muttersprache erteilt Wird.... Zu diesem traurigen Kapitel der jüdischen Geschichte der Gegenwart möge mir einleitend ein kurzer Rückblick auf die Zeit vor Ausbruch des Weltkrieges gestattet sein. Beneidenswert war schon die Lage der Juden in Galizien auch damals nicht. Die Ursache dieses mißlichen Zustandes darf jedoch picht einzig und allein iim dem, unleugbar vorhandenen, religiösen oder nationalen Antagonismus zwischen der im Lande vorherrschenden Nation und den Juden gesucht werden; wenn auch diesem Gegensätze in dessen Rückwirkungen auf die wirtschaftlichen Beziehungen die gebührende Bedeutung nicht abgesprochen werden soll. Die eigentlichen Hindernisse auf dem Entwicklungswege des jüdischwirtschaftlichen Lebens in Galizien liegen vielmehr in der Eigenart der jüdischen Erwerbsverhältnisse, die in Ziffern ausgedrückt und den Bevölkerungszahlen der das Land bewohnenden Nationen gegenübergestellt, all zu starke Verschiebungen auf weisen. So sind die Juden, die ungefähr den »zehnten Teil der Gesamtbevölkerung Galiziens bilden, in dem dominierendsten Erwerbszweige dieses Kronlandes, in der Landwirtschaft, mit einem verschwindend minimalen Prozentsätze vertreten; während sie den Handel fast ausschließlich in ihren Händen halten. Die Folge dieses anormalen Zustandes ist, daß in Galizien die eigentlichen Handelsinteressen als mit den Interessen der Juden identisch (betrachtet werden, was ferner dazu führt, daß die Juden mittelbar, durch jede Beeinträchtigung oder Vernachlässigung von Handelsinteressen — wie sie doch in einem Agrarlande Vorkommen müssen — die am schwersten Betroffenen sind, Nach dieser Vorausschickung, wird wohl die Tatsache, daß die Juden von der russischen Invasion am meisten und am empfindlichsten gelitten haben, begreiflich erscheinen. Denn abgesehen davon, daß es die vandalierende russische Soldateska hauptsächlich auf die Juden abgesehen hatte, kommt auch noch der Um'stand in Betracht, daß die Juden, in richtiger Vorahnung, zum großen Teile vor dem Feinde die Flucht ergriffen haben, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, ihr Hab und Gut vorher in Sicherheit izu bringen. Doch in erster Reihe war. aüch hier den Juden das Moment verhängnisvoll, daß ihr Vermögen zum überwiegendsten Teile aus mobilen Werten bestand, die der Vernichtung durch die entmenschten Horden umso Sicherer anheimfallen mußten, als hiedurch andere Bevölkerungsschichtenj die bei den zariSchen Befehlshabern eher auf Schonung rechnen durften, nicht in Mitleidenschaft gezogen waren, was bei einer weniger exceptionellen Stellung der Juden im wirtschaftlichen Leben Galiziens, nicht gut möglich gewesen wäre. Beim Wiederaufbau des Schwer heimgesuchten Landes, muß daher, u. z\v. nicht in letzter Reihe, der unverhältnismäßig hohe Anteil der Juden an den Opfern der Invasion berücksichtigt werden. Aber auch die Möglichkeiten müßten geschaffen werden, damit die ruinierten Exi- Import und Export, Verkehr und Beweglichkeit, Betriebskapital und Kredit — diese sind die Wichtigsten Lebensadern jedes modernen Handels und somit auch die nicht zu umgehenden Prämissen für die Retablierung der galizischen Juden. Solange die Prämissen, teilweise wenigstens, nicht gegeben sind, bleibt die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien eine große klaffende Wunde in unserem Volkskörper und wenn der Heilungsprozeß (beschleunigt werden soll, müsisen an 'dieser Stelle und rechtzeit i g die Hebel angesetzt werden. Joachim Neiger. Die Ansichten der deutschen Orthodoxie spiegelt folgender Aufsatz im „Israelit“ vom 28. Okt d. J. wider: Die Verordnung des Oberbefehlshabers Ost besagt kurz, daß die Unterrichtssprache für die polnischen Schulen das Polnische, für die deut. Sehen und jüdischen das Deutsche sei. Bei dem gänzlich aufs Praktische gerich-t teten, aller staatsrechtlichen Theorie baren Charakter der Verordnungen, die jetzt von den militärischen Behörden im besetzten Gebiete erlassen werden, konnte für den Kenner der Verhältnisse eigentlich kein Zweifel darüber bestehen, daß mit dieser Verordnung für die jüdischen Schulen nur eines gesagt Sei: sie brauchen keineswegs gleich den polnischen Schulen die polnische Unterrichtssprache statt der bisherigen offiziell russischen einzuführen, sondern bleiben bei denn

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