Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 43 (29.10.1915)
- Date
- 1915-10-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ‘JÜDISCHE ZEITUNQ Nr. 43 sung dieser armen Bevölkerung wird einem neuen sittlichen und wirtschaftlichen Aufschwung Platz machen. Einerlei, wie auch immer die politische Neugestaltung des Ostens erfolgt, wird aber das Deutschtum in den jüdischen Massen, die in den Städten vielfach die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, einen starken Stützpunkt gewinnen. Dies darf bei der Neuordnung des Schulwesens im Osten picht auller acht gelassen werden.“ ' * Das „Israelitische Familienblatt“ in Hamburg äußert sich in seiner Nr. 41 v. 14. d. M. in einem „Jiddisch oder deutsch?“ überschriebenen Artikel zur Schulfrage folgendermaßen: „Nach unserer Ansicht hat die deutsche Militärgewalt das allein Richtige getroffen, indem sie die deutsche Unterrichtssprache für die dortigen jüdischen Schulen dekretierte. Auch diejenigen jüdischen Kreise, welche hierin anderer Meinung sind, können mit dem Zugeständnis nicht zurückhalten, daß der allgemeine Schulzw'ang und die öffentliche Unterhaltungspflicht aller dazu notwendigen Schulen einen außeror-i dentlichen Fortschritt gegenüber den früheren Zuständen unter russischem Regime und gegenüber den polnischen Plänen für alle jüdischen Kinder jener (Bezirke (bedeutet, daß hier mit einem Federstrich die Grundlagen ‘westlicher Kultur für die gesamte Schuljugend ohne jeden Unterschied des religiösen Bekenntnisses geschaffen werden. Von demselben Geiste ist aber auch die Bestimmung über die Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen diktiert, die nur allein bezweckt, der darin heranwachsenden Genera*ion den Anschluß an das Geistes- und Wirtscnaftsleben des deutschen Volkes und damit an die westeuropäische Kultur zu ermöglichen. Man man den Kulturwert der jiddischen Sprache noch so hoch anschlagen, eine westeuropäische SpraChe ist sie nicht, und für den wirtschaftlichen Aufsclnvung der ökonomisch sehr ungünstig situierten ostjüdischen Volksmassen ist sie von keiner ausschlaggebenden Bedeutung. Die deutsche Unterrichtsverordnung beabsichtigt ja in keiner Weise, in die Sprache des Hauses und der Familie einzugreifen. Dort kann die Jargonsprache ruhig erhalten bleiben und von denen gefördert werden, welche ihrer zur Erhaltung eines besonderen jüdischen Nationalcharakters zu bedürfen glauben. Die soziale und materielle Lage der russisch-polnischen Juden kann aber nur auf ein höheres Niveau gehoben werden, wenn die Erziehung ihrer Jugend diese zur Beherrschung einer westeuropäischen Kultursprache, wie der deutschen, und damit zur späteren erfolgreichen Betätigung im Lebenskämpfe befähigt. Das war auch seinerzeit der Grund, weshalb dem zionistischen Verlangen nach der hebräischen Unterrichtssprache am jüdischen Technikum zu Haifa ein so energischer Widerstand entgegengesetzt wurde. Nicht sie national zu isolieren, sondern ihnen wirtschaftlich und kulturell weite Volkskreise und Tätigkeitsgebiete zu erschließen, ist bei den russisch-polnischen Juden die Aufgabe der deutschen Unterrichtssprache, und dieses schon jetzlt erkannt zu haben, ist ein Verdienst der deutschen Militärverwaltung.“ * Zu derselben Frage nimmt auch Prof. Dr. Martin P li i 1 i p p s o n in seinem „Die Zukunft der Juden des Ostens“ betitelten Aufsatz Steilung, der in Nr. 41 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ erschienen ist. Er schreibt: „Es steht 'jedenfalls fest, daß für die neu zu errichtende Schule der Unterricht im Hebräischen, in der Thora sowie für die höheren Klassen im Talmud erhalten werden muß. Wir dürfen weder religiösen Zwang ausüben wollen, noch unseren östlichen Stammesgenossen Angst für die Erhaltung ihres Glaubens einflößen. Aber dreierlei muß außerdem für die jüdische Schule unbedingt gefordert werden: sie darf kein Cheder sein, sondern eine nach modernen, pädagogischen Grundsätzen eingerichtete Anstalt; es darf in ihr nicht im Jargon unterrichtet werden, sondern in einer gebildeten, nationalen Sprache; neben dem Hebräischen muß auch gleichberechtigt der allgemeine Lehrstoff herrschen. Die erste dieser drei Forderungen bedarf keiner Begründung. Die Fortdauer des „Jiddischen“ aber alsr Unterrichtssprache würde den ferneren Ausschluß der Juden von der Nation bedeuten, sie als fremden Bestandteil im nationalen Körper erhalten und damit der Vereinzelung, dem nicht unbegründeten Antisemitismus preisgeben. Dritiens äst für das geistige, wirtschaftliche und politische Gedeihen der Israeliten die Teilnahme an der allgemeinen Bildung durchaus unentbehrlich. Auch diese Gesichtspunkte sind so selbstverständlich, daß sich ein näheres Eingehen darauf erübrigt. Welches sind nun die Sprachen, in denen der Unterricht in den neuen Schulen erteilt werden soll? Für Kurland und Litauen ist es undiskutierbar: in jenem Deutsch, in diesem Russisch. Denn es sind ausschließlich Landessprachen. Anders verhält es sich mit Polen. Im nördlichen Polen, zumal in den größeren Städten, gibt es eini starkes deutsches Element, und dies zu stärken liegt offenbar im Wunsche und im Interesse der jetzt dort maßgebenden deutschen Verwaltung. Im nördlichen Polen könnten die Schulen also einen deutschen Charakter annehmen. Verschieden davon ist die Lage im mittleren und südlichen Polen, mit Einschluß der Hauptstadt Warschau. In diesen Gegenden ist das Polnische durchaus maßgebend, und wenn man rieht die Juden wieder zu nationalen Feinden stempeln will, wie sie bisher von der ungeheuren Mehrheit des polnischen Volkes betrachtet und leider auch mißhandelt worden ist, so muß hier die Lehrsprache in den dortigen jüdischen Schulen das Polnische sein.“ In Lodz wird gegenwärtig unter der jüdischen Bevölkerung ein heftiger Kampf geführt, der die Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen zum Gegenstände hat. Die Assimilanten setzen alle Hebel in Bewegung zu Gunsten des Polnischen. Auf ihr Betreiben überreichten die gleichgesinnten jüdischen Gemeinderäte an die deutsche Militärmacht eine Petition, worin für das Polnische eingetreten W'ird. Sie versuchten auch, die jüdische Gerrfeinde auf ihre Seite zu ziehen, was ihnen jedoch mißlungen ist. Natürlich lassen es auch die jüdisch-nationalen Kreise an Bemühungen nicht fehlen, um ihrem Standpunkte der Einführung der jiddischen Unterrichtssprache in den jüdischen Elementarschulen zum Siege zu verhelfen. Auch ihrerseits wurde an die deutsche Macht eine Petition mit über 30.000 Unterschriften überreicht. Die maßgebenden deutschen Kreise haben ihren Standpunkt in dieser strittigen Frage noch nicht klargelegt. Wie aber das jiddische „Warschauer Tageblatt“ aus angeblich kompetenter Quelle W'isSen will, dürfte Polnisch keinesfalls als die Unterrichtssprache in den.jüdischen Schulen eingeführt w e r d en und die energischen Bemühungen der Assimilanten seien ganz bedeutungslos. Sehr bemerkenswert erscheinen uns auch die Ausführungen der gutinformierten deutschen „Lodzer Post“, die sie an die Aktion der Assimilanten knüpft. Sie schreibt: „Wir glauben, daß man das Resultat dieser Bemühungen mit der größten Ruhe abwarten kann. Dank der Deutschfreundlichkeit des größten Tteiles der jüdischen Bevölkerung und der Verwandtheit der jiddischen Sprache mit der deutschen, erscheint es uns unmöglich, daß es einem Häuflein polnischgestimmter Juden gelingen könnte, einen Ausnahmszustand ,'nerbeizuführen, Welcher der jüdischen Schuljugend keinen einzigen Nutzen bringen würde“. mann Kadisch, Dr. Anselm Kleinmann, Red. B, Locker, S. Meiseis, Df. Ka|rl Pollak, Red. ,N.. M. Racker, Reichstagsabgeordneter Heinrich Reizes, Dr. Ignaz Schipper, Rabb. Gedalje Schmclkes, Siegfried Schmitz, Adolf Stand, Dr. W-. Stein, Dr. F. Sternberg, Obering. Robert Stricker, Löbl Taubes, Reichsratsrevisor Rudolf Taussig. Adresse: Komitee zur Aufklärung über ostjüdische Fragen, Wien, 9., Seegässe 25/15, Za h l s te 11 e: Bankhaus A. Hecht, Wien, 15., Mariahilferstraße 138. Rn Sie jflüisibe OefEenflicbtteif! Durch die kriegerischen Ereignisse'im Osten, die Befreiung Galiziens und das sieghafte Vordringen der verbündeten Truppen in Polen, Litauen und Wolhynien sind Millionen von OsU juden, die diese Gebiete in großen Massen bewohnen, Europa näher getreten. Das Interesse der breitesten Oeffentlichkeit hat sich infolgedessen dem ostjüdischen Problem zugewendet. So erfreulich auch diese Tatsache an sich sein mag, muß es doch jedem1 Kenner der Verhältnisse auffallen, daß neben manch Richtigem und Zutreffendem auch sehr viel Unricntiges und Entstelltes geboten wird. Oft werden sogar in bester Absicht Vorstellungen über ostjüdisches Wesen und Leben verbreitet, die zu den wirklichen, wirtschaftlichen, kulturellen, religiösen, sozialen und politischen Zuständen in krassem Widerspruche stehen: Wesentliches wird übersehen, Unwesentliches hervorgehöben — von den Fällen nicht zu reden, in denen .infolge falscher Information oder gar aus böswilligei) Absicht die abenteuerlichsten Dinge erzählt werden. , Daß hiedurch die Ostjuden, die ja gerade jetzt samt ihrer Umgebung vor großen Schicksalswendungen stehen, in ihren lebenswichtigsten Interessen bedroht werden und unmittelbar die gesamte Judenschaft gefährdet w'ird, liegt auf der Hand. Abhilfe ist dringend nötig. Wir, die Unterzeichneten, sind darum zusammengetreten, um sie zu schaffen. Wort und Schrift wolleni w'ir benützen, um über die Lebenstatsachen desl Ostjudentums Klarheit zu verbreiten, eine richtige Wertung der ostjüdischen Probleme anzubahnen und Irrtümern, wo und in wessen Interesse immer sie auftauchen mögen, entgegenzutreten. Das Büro, das wir zu diesem Zwecke er-1 öffnen, wird eine ebenso gründliche und systematische, wie vielfältige Arbeit zu bewältigen; haben. Es wird sie nur dann leisten können, wenn ihm die weitesten jüdischen Kreise ihre moralische und m a t e r i e 11 e Unterstützung gewähren. Wir bitten demgemäß um Ratschläge, Anregungen, Mitteilungen, wir bitten um Förderung durch einmalige öder periodische Bcitragsleistungen. Die Bedeutung der Sache läßt uns hoffen, daß wir keine Fehlbitte tun. Das Komitee zur Aufklärung über ostjüdische Fragen: Dr. Wilhelm Berkelhamm'er, Dr. Nathan Birnbaum, Dr. I. S. Bloch, Dr. Max Brod, Dn. B. S. Feldmann, Rabb. Dr. Max Grunwald, Red. Meir Henisch, kais. Rat Karl Hirsch, Dr. Her¬ Aus der jiiflista Welt. Wie das’ Newyorker „Jüdische Tagblatt“ vom 17. Sept. meldet, benützte die neugegründete jüdische Organisation „Jung - Galizien“ in Newvork die Ernennung des Generals v. Colard'zum Statthalter von Galizien als Anlaß, um an diesen ein Memorandum zu richten, worin den Hoffnungen Ausdruck verliehen wurde, welche die galizisch-jüdische Kolonie in Amerika an seine künftige Tätigkeit knüpft. ,, Auf dieses von H. Bader ausgearbeitete Memorandum langte folgende Antwort aus Lemberg ein: i ' „Seine Exzellenz der Statthalter hat dasi Memorandum des „Jung-Galizien“ mit dem größj ten Interesse gelesen. Als Antwort sei die Ver, Sicherung abgegeben, daß der Statthalter den W eg der Gerechtigkeit gegen jeden Menschen ohne Unterschied des Glaubens nicht verlassen wirJ. Die galizischen Juden in Amerika mögen versichert sein, daß ihre Glaubensgenossen in Galizien beim Statthalter ein offenes Ohr für alle ihre Wünsche finden Werden, seien sie moralischer oder materieller Natur.“ * Unlängst wurde vor dem Laden des Kaufmannes Adolf Engel in Rakonitz der Schulknabe Josef Kubenik in dem Augenblicke ertappt,;ais er von einer vor der Tür hängenden Peitsche ein Riemenstück abschnitt. Der Handelskommis Udalrich Prazak führte den Knaben sodann in den Laden. Der Vorfall hatte, eine große Menschenansammlung Zur Folge. Der 38 Jahre alte Gastwirt Anton Zaba aus Rakonitz hetzte dabei gegen die jüdische Religion. Er hatte sich deshalb kürzlich vor einem außerordentlichen Erkenntnissenate des Prager Strafgerichtes wegen Verbrechens der Aufreizung gegen die jüdische Religion zu verantworten. Zaba wurde schuldig erkannt und zu drei Wochen strengen Arrestes verurteilt. » Eine Konferenz der Notabein in der Stadt Nowo-Tscherkask (Dongebiet) richtete auf Grund einer vorgefaßten Resolution ein Gesuch an die Regierung, sie möge das Dongebiet den anderen Landesteilen außerhalb des Ansiedlungsrayons gleichstellen und den Juden den Aufenthalt in diesem Gebiete gestatten. Das Gesuch wird mit dem Umstand begründet, daß sonst die Ueberführung von Fabriken vom Kriegsgebiet nach Nowo-Tscherkask infolge der Wohnrechtsfrage der jüdischen Arbeiter unmöglich gemacht werde. Auf dieses Gesuch Wurde von der Regierung folgender Bescheid erteilt: In den Städten des Dongebietes, die dem Ministerium des Innern unterstehen, ist den Juden auf Grund der letzten ministeriellen Rundverfügung der Aufenthalt gestattet. Dagegen bedarf die Frage des jüYlU sehen Wohnrechts in dem Doner Kosakengebiet •überhaupt, mit Ausnahme der dem' KriegSministerium unterstehenden Orte, einer besonderen Entscheidung auf gesetzgeberischem Wege. * Die russische Provinz Wolhynien hat ca. 3,700.000 Einwohner, darunter 394.000 (13.2°,h) Juden. In allen Städten Wolhynien» (eine einzige ausgenommen) bilden die Juden die absolute oder verhältnismäßige Mehrheit der Bevölkerung. In Schitomir 42 Prozent, in Rowno 56 Prozent, in kleinen Städten noch mehr. * Die russischen Zeitungen melden aus Bob r a j e k, daß auf Anordnung der russischen: Militärbehörde die sämtlichen jüdischen Handlungen, Bäckereien uSw. während der letzten hohen Feiertage geöffnet Waren. Der Handelsvertragsverein, der Hansabund und der Verein deutscher Fabrikanten und Exporteure für den Handel mit Rußland haben in einer gemeinsamen Eingabe an den Reichskanzler gebeten, im künftigen Friedensvertrage mit Rußland Klauseln aufzunehmen, welche die Befreiung der- Juden von den bisherigen Beschränkungen in Rußland ein für allemal sicherstellen, und zwar sind es namentlich folgende drei Punkte, bei welchen Gleichstellung der Juden verlangt werden muß: 1. Geltungsdauer und Kosten des Passes, 2. Erteilung von Gewerbe- Legitimationskarten, 3. Einwanderung, Nieder - las'sung und Erwerb von Immobiliarrechten. ■tf. Der Kultusminister Ignatiew hat nach der „Rjetsch“ die weitere Zulassung von Juden ari die Moskauer Universität untersagt und den' Petenten empfohlen* ihre Bittschriften an die Universitäten zu Tomsk, Saratow und Warschau einzureichen. — Daß Warschau längst nicht