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Jüdische Zeitung · 1915-10-22 · 42 (22.10.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
42 (22.10.1915)
Date
1915-10-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ‘JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 42 ihm rauscht der Quell unserer nationalen Eigenart, unserer Moral und unserer Wissenschaft.) Darum muß jeder (nationale Jude, ja auch jeder Jude, der sich zum jüdischen Volk rechnet und sein Fortbestehen wünscht, die Forderung möglichst vieler hebräischer Stunden in der jüdischen Volksschule erheben. Die jüdische Volksschule kann und soll keine Judenschule sein, aber wir müssen danach trachten, die guten Eigenschaften der alten Judenschule in dieVolks-i schule in möglichst weitem Maße herüberzu-; nehmen. Die Hauptsache äst, daß die Schule nach Inhalt und Geist jüdisch bleibt; das kön-t nen wir tun und darnach sollen wir mit allen) Kräften streben. Runüsdiau. Nicht das »Regime“ für alles verantwortlich machen! Kurz vor seiner Abreise aus London hat der russische Finanzminister Bark den Vorsitzenden des „Vereins zur Befreiung der Juden“, Appleton, zu sich gerufen und ihm folgende Erklärungen gemacht: , „Die russische Regierung ist ernsthaft bemüht, das Problem der Juden in Rußland zu lösen. In Anbetracht des Umstandes jedoch, daß derlei Gesetze falsch aufgefaßt werden könnten und imnötige Feindschaft erwecken würden, erscheint es der russischen Regierung weiser, die Lage der Juden in eigene Hand zu nehmen und denselben Freiheiten und Privilegien auf administrativem Wege zu verleihen. Es ist bereits denj uden an verschiedenen Stellen erlaubt worden, ansässig zu werden und mit der übrigen Bevölkerung Zusammenzuleben. Allerdings sind noch verschiedene Distrikte den Juden verschlossen, besonders diejenigen, wo die Kosaken wohnen, jedoch geschieht dies nur im Interesse der Juden Selbst. Rußland braucht Kapital und Unternehmungsgeist. Rußland weiß, daß die Juden) beides liefern können. Die russische Re j gierung wird sich ihrer Pflicht bewußt sein, und die Tatsache, daß sich Rußland mit dem republikanischen Frankreich und dem demokratischen England zusammengetan hat, um für Freiheit und höhere Zivilisation zu kämpfen ist der Beweis ihrer löblichen Absichten, und kann denjenigen, deren Herzen noch immer sorgenvoll sind, als Ermutigung dienen.“ Die Heuchelei, die in diesen Worten liegt), braucht nicht erst beleuchtet zu werden. Jedoch muß jeder Einsichtige die Wahrheit der Anschauung zugeben, daß alle Judenbedrückung nicht allein in der Schlechtigkeit des „Regimes“ begründet sei. Allen Meinungen zum) Trotz, die diesbezüglich besonders in liberalen und sozialistischen jüdischen Kreisen Westeuropas verbreitet sind, muß konstatiert werden, daß die Judenfeindschaft in den V ö 1 k e r n Rußlands tief eingewurzelt ist. Die verhältnismäßig wahrlich wenigen Ausnahmen sind natürlich ausgenommen. Auch bezüglich des russischen Imperialismus gab man sich ja einer ähnlichen Täuschung hin, indem alle Skribenten jede Schuld auch da dem „Regime“ zugeschoben haben. Der Krieg hat hier die nötige Aufklärung gebracht. Möge dies auch betreffs der Judenfrage geschehen! Als die Pogrome so schrecklich wüteten und die Zionisten der jüdischen Welt insl Gewissen geredet haben, daraus die Konsequenzen für die Lösung der Judenfrage zu ziehen, da beschwichtigten uns die anderen. „Die Pogrome sind eine Mache der Bürokratie und mit einem Kurswechsel werden all die mittelalterlichen Praktiken verschwinden“. So sagten sie. Aber was’ jetzt in Rußland wohnende Völker in verschiedener Art gegen die Juden verbrochen haben, ist wirklich mehr als die Folge einey „Inszenierung“. Wird das jüdische Volk jetzt die Konsequenzen ziehen? Die Trägen und Faulen. Unter dieser bezeichnenden UeberSchrift brachte das in Wien erscheinende polnische Blättchen „Zycie hJove“ („Das neue Leben“) einen Aufsatz”, in dem in geradezu unglaublich scheinenden Worten das niedrige Niveau der polnischen Jugend, die sich derzeit in Wien aufhält, gebrandmarkt wird. Uns' ginge schließlich dieses unwillkürliche Selbstbekenntnis nichts weiter an, wenn nicht der Verfasser zu einer interessanten Folgerung seiner Ausführungen käme. Die Ursache des allerdings bedauerlichen Tiefstandes der polnischen Jugend sei nämlich — die Arroganz der jüdischen Hochschüler im Wiener Studentenheim. Der jugendliche Hetzer geht in seinen plumpen Anschuldigungen so weit, daß er gegen die jüdische Jugend die Hilfe der Leiter des Studentenheimes anruft. Natürlich erhielt er eine entsprechende Antwort von der Leitung, die über Beschwerde der jüdischen Hochschüler das edle Organ der polnischen Jugend aus dem Studentenheim entfernen ließ. Außerdem richtete Hofrat Professor JT i 11 im Namen des Kuratoriums einen Brief Ihn die ^Vertreter der jüdischen Jugend, in dem er seiner Entrüstung über die ganz aus der Luft gegriffenen Schmähungen Ausdruck gab. Jedenfalls ein kleiner Beitrag zur Charakteristik der betreffenden Jugend, die Sogar in der Fremde ihre antisemitischen Allüren nicht ablegen kann. Uebrigens kein Wunder — wie die Alten sungen, so Zwitschern die Jungen . . . . Israel Zangwill über die Juden im Krieg. Im „Daily Chronicl“ veröffentlicht Zangw i 11 einen längeren Artikel über „die Juden im Kriege“, aus dem Wir einen Auszug wiedergeben. Zangwill schreibt: Im gegenwärtigen Kriege stehen 600.000 Juden unter Waffen, sie kämpfen jedoch' nicht als Juden. Die j ü d i s c h en Schlachten haben mit der Unterdrückung des Aufstandes Bar, Kochbas im Jahre 133 aufgehört. Es existiert ein Ausspruch: „Die Mission Israels ist der Friede.“ In diesen Worten widerhallt zwar die Stimme Jerusalems, ln der Wirklichkeit aber sind die Juden ebenso Wenig organisiert für (den Frieden, Wie für den Krieg. Einzelne Juden verstehen es mitunter, sich gut einzurichten. Das jüdische Volk als Ganzes ist jedoch ein „Schlemihl“ . . . Nach1 zwei-, tausendjähriger Wanderung geht es in diesem Kriege wieder den Weg. der Hölle. Wieder sehen wir. eine große jüdische Massenwanderung. Hunderttäusende Juden werden gewaltsam hinausgejagt aus ihren Heimatsorten, oder sie verlassen diese mitsamt ihrem1 ganzen Hab und Gut aus eigenem Antrieb. Sie wandern ziellos. Wie ein Symbol erscheint uns die Figur eines gewissen Grandrabbiners, der jetzt in Europa herumWandert, in der Hoffnung, für seine gründlich zerstörte Gemeinde einen Fonds zu schaffen. Die Londoner Fremden-Häuser und Asyle sind voll heimatloser Juden aus Belgien. Die Juden polnischer Städte füllen Warschau und die Flüchtlinge Galiziens — die Städte Prag, Wien und Budapest. Alexandrien beherbergt 4653 Juden aus Palästina. Tausende begaben sich .nach Amerika, Australien und Südafrika. Mit dem Beginn der Dardanellen - Aktion und dem Erscheinen des englischen Heeres dortselbst, verließen 1500 Juden dieses Rayons ihre Wohnorte. Von den 13 Millionen Juden sind zumindest zehn Millionen vom Kriege betroffen, davon drei Millionen im eigentlichen Zentrum' — in Polen. In der langen Leidensgeschichte der Juden gibt es kein schrecklicheres Blatt .... WähJ rend Belgien und Polen hoffen, aus ihren jetzigen Leiden eine Auferstehung zu feiern, gleicht die Lage des jüdischen Volkes einer Agonie, finster und verschwommen, bar jeglicher Sympathien und ohne Aussicht auf eine bessere nationale Zukunft. Zangwill unterstreicht dann den leidenschaftlichen Patriotismus und die Dankbarkeit der Juden all denen gegenüber, die ihnen eine Zufluchtstätte gewährten. Er bespricht die bedeutende Rolle, Welche einzelne Juden in England, Deutschland, Frankreich, Türkei, Oesterreich- Ungarn und Italien spielen und fährt fort: Allein nicht bloß ihre geistigen Kräfte opfern die Juden jüirjein Vaterlande, sie liefern auch reichlich das Kanonenfutter. Der Prozentsatz der jüdischen Gefallenen und Verwundeten, sowie der Ausgezeichneten ist ein sehr bedeutender. Zangwill spricht dann über die infolge des Krieges entstandenen Gegensätze und Probleme, berührt auch die traurige Lage der Juden in Rußland und die Frage betreffend Palästinas und schließt: Palästina selbst kann die Judenfrage nicht lösen. Die Gleichberechtigung der Juden ist eine unbedingte Notwendigkeit. Nur der jüdische Nationalismus kann unsere Historie mit einem neuen Kapitel bereichern. „Sie können uns aufknüpfen — schrieb einer der russisch-jüdischen Freiwilligen an der französischen Front — Juden bleiben wir dennoch“. Zangwills Ausspruch über den Nationalismus ist bemerkenswert. Denn man erinnert sich wohl, daß er in der seligen „Ito“-Zeit den Zionisten ihren Nationalismus als etwas Ueberflüssiges und Schädliches zum Vorwurf machte. Auch aus seinem „Schmelztiegel“ lassen sich nur antinationale Konsequenzen ziehen. Hat da der Krieg korrigierend gewirkt? ErMidies aus den otiluipicrlen Prouinzen. Seit der Okkupation weit,er . russischer Gebiete durch die siegreichen österreichisch-ungarischen und deutschen Armeen, zeigt auch das Leben der dortigen Juden, deren Zahl über drei Millionen beträgt und die dort einen höchst wichtigen, wirtschaftlichen und kulturellen Faktor darstellen, (an manchen Orten Ansätze äu einem Aufschwünge. Es liegt dies natürlich jn der Mission der Zentralmächte, die als Völkerbefreier die zaristischen Ketten sprengen, allen dort wohnenden Völkern volle, freie nationalkulturelle und wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. Von diesen Ansätzen zu einem Aufschwünge des jüdischen öffentlichen Lebens in den von den Deutschen verwalteten Gebieten möge folgendes bunte Mosaik ein Bild geben. Dieses ist aufs Geradewohl aus Anzeigen und Mitteilungen eines Tages in den dort seit dem’ Abzüge der Russen in jiddischer Sprache’ erscheinenden „Lodzer Volksblatt“ und „Warschau-: er Tagblatt“ zusammengestellt. Lodz: Ausschußsitzung des Jugendvereines „Hatecliijah“ und Beschluß, zwei Anfangskurse für Mädchen und einen für Knaben zu eröffnen. Gründungsversammlung des Beth-Am‘ (Volksliaus). Daselbst hebräische Vorlesung des Herrn Miljnkowski. Musikalische Kurse und Chor-Gründung im Arbeiterheim. Die jüdisch-literarische Gesellschaft eröffnet Abendkurse. Eröffnungs-t abend des „Hasamir“ (Jüdischer Musikverein); Programm: Hasamir - Hymne, Psalm von Lewandowski, „Hawdalah“ und ein Volkslied von Warschawski. Großes jüdisches Turnfest, mit Erwachsenen-, Zöglings- und Kinderriegen. Marmorgruppen und lebenden Sportbildern. „In den letzten Wochen maClit sich ein Aufleben in den jüdischen professionellen Vereinen bemerkbar.“ S i e d 1 c e: Die jüdische Bevölkerung beginnt sich von den Folgen der unheilvollen Ereignisse langsam zu erholen und das gesellschaftliche Leben ersteht langsam wieder. Skierniewice: Als: Gemeinderäte sind yom Kommändo bestimmt worden die Herren Bombier, Aron Lubinski und Jizchok Steinfeld. Bürgermeister ist der jüdische stellvertretende Offizier Fonfee, welcher sehr eifrig an der Wiederherstellung der Stadt arbeitet. Im Magistrat sind auch einige jüdische Beamte angestellt. Die jüdische Jugend gründet eine Bibliothek samt Lesehalle und veranstaltet verschiedene Vorlesungen. Warschau: Blumentag für die jüdische Wohltätigkeits - Gesellschaft „Linath Hazedek“. Abendkurse: Was Ist Kunst; Jüdische Geschichte; die Volksmasse und die Führer; Geschichte des jüdischen geistigen Schaffens. Literarisch-musikalischer Abend unter Mitwirkung von Hilel Zeitlin. Zum: Dezemjenten für jüdische Angelegenheiten beim Generalgouvernement wurde das jüdische Reichstagsmitglied Dr. Ludwig Haas ernannt. In der wiedereröffneten jüdischen siebenklassigen Realschule Werden hebräische Sprache und Literatur einen breiten Platz einnehmen. Die Jeschiwa „Or Hachajim“ und die Talmud Thora sind wieder eröffnet. Die Fußballsektion des Turnvereines „Makkabi“ beginnt seine Tätigkeit. Und dergleichen mehr. Von den durch Oesterreich verwalteten Gebieten liegen noch derlei Nachrichten nicht vor. Wir sind überzeugt, daß unsere jetzt neu erstarkte Monarchie, deren ruhmvolle Bestimmung es war und bleibt, nicht nur den Individuen) sondern auch den Nationalitäten ein schützender Hort zu sein, auch dort die freie Entwicklung der national-jüdischen Eigenart fördern wird. Sitzung Ser Repräsentanz Per Rems terger isr. Kulfusgemeinöe in Uien. Am 14. Oktober d. J. fand im Grand Hotel in Wien unter Vorsitz des Herrn Dr. Schaff eine Sitzung der Repräsentanz der Lemberger israei. Kultusgemeinde statt, zu der sämtliche! in Wien weilenden Kultus’-Räte erschienen sind. Aus dem Referate über die Zustände der Lemberger Kultusgemeinde seit der russischen Invasion, das von einem aus Lemberg zur Sitzung erschienenen Mitgliede erstattet wurde, sind folgende Momente hervorzuh’eben: Während der russischen Invasion haben von der Ortsbevölkerung , die Juden am mieisten gelitten. Der Kultusgemeinde wurde die schwere Aufgabe gestellt, außer der einheimischen armen jüdischen Bevölkerung auch die aus der Provinz in die Hauptstadt geflüchtete Judenschaft zu unterstützen. Die zurückgebliebenen Kultusräte unter Führung des Herrn Dr. D i a m a n d zeigten sich dieser Aufgabe vollkommen gewachsen. □ □□□ Gesinnungsgenossen! Abonniert die □ □□□ Fordert in allen öffentlichen Lokalen die „Jüdische Zeitung“! □□□□ □ □□□

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