Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 42 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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o Mnrtml Mit Beilage : -JÜDI5CHE5 ORGAN „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden | _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Ute nachmittags. — Manuskripte werden nicht zuriickgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- B ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, hälbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjäte. Mk. 10.—, halbjäte. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 42. Wien, Freitag, den 22. Oktober 1915 — 14. Marcheschwan 5676. IX. Jahrgang. Alliance Fran^aise. Blutwenig hat man seit Kriegsbeginn von der Alliance Israelite Universelle gehört. Sie hüllte sich in tiefes Schweigen und selbst das namenlose Elend, das der Krieg über die Ostjuden brachte, konnte sie in ihrer Ruhe nicht stören. Sie schien von der Oberfläche des jüdischen Lebens verschwunden zu sein und zwar umso mehr, als sie ihre Beziehungen zu den aifsJ ländischen Mitgliedern lösen mußte. Die gemeinsame Plattform dieses interterritorialen Verbandes hat sich als zu schwach erwiesen. Es fehlte ihr das einzige Band, das alle Juden des Erdballs zu umschlingen vermag: das nationaljüdische Ideal. Nun hat sich die Alliance wieder einmal aufgerafft und läßt ihre Stimme vernehmen. Sie versendet an die Juden der neutralen Länder einen Aufruf des Pariser „israelitischen ZentralkonsistoriumS“, in dem sie aufgefordert werden, im gegenwärtigen Kriege für Frankreich und gegen Deutschland Partei zu ergreifen. Der Aufruf lautet folgendermaßen: „Israeliten, die ihr Jahrhunderte lang Opfer der Ungerechtigkeit gewesen seid, wir haben mehr als alle anderen die Berechtigung, im Namen der göttlichen, von den Propheten verkündeten Gesetzen die Gewalt Zu verdammen, die unserem' Lande angetan worden ist. Der gegenwärtige Krieg ist dem friedlichen Frankreich aufgezwungen worden. Um seinen Idealen des Friedens und der demokratischen Arbeit treu zu bleiben, hat es wiederholt die Drohungen und Herausforderungen eines unversöhnlichen Feindes erduldet, der uns aus der Zahl der großen' Völker zu streichen trachtet. Brutal überfallen, kämpft Frankreich heute für sein Bestehen, für Seine Freiheit sowie für die Freiheit der Völker, die mit ihm kämpfen. Israeliten der neutralen Länder, könnt ihr ohne Schmerz und ohne Kummer die Veringerung einer moralischen» Macht anschauen, deren Wohltaten ihr erfahren habt? Ihr wißt: es war das Frankreich des IS. Jahrhunderts, das die Schranken niederriß, die gegen die Israeliten errichtet waren und die Jahrhunderte der Bedrückung hindurch bestanden. Durch sein Beispiel und durch die Ausstrahlungen seines Genies haben erst die anderen Nationen den Israeliten nach und nach die Rechte als Menschen und als Bürger gewährt. Der internationale Brauch untersagt es euch, an Frankreichs Verteidigung teilzunehmen; aber die Dankbarkeit, die ihr ihm schuldet, legt euch die Pflicht auf, zu verbreiten die Wahrheit der wirklichen Ursache dieses gräßlichen Krieges, zu protestieren gegen die eigennützigen Lügen und zu verkünden die Schändungen der Kriegsbräuche durch einen Feind, für den allein die Macht das Recht bestimmt. i Denkt daran, was dem Judentum das Jahr 1870 gekostet hat! An Stelle der Grundsätze der Gleichberechtigung und der Brüderlichkeit, die die französische Revo - lution verkündet hatte, erstrebte das siegreiche Deutschland die Grundsätze ,des Hasses und der rohen Kraft. Seine Universitäten arbeiteten im Namen einer verfälschten Wissenschaft eine Rassentheorie aus, die zum Antisemitismus führte. Der Deutsche als der einzige verbürgte Erbe des arischen Blutes mußte mit aller Kraft seine Reinheit zu erhalten suchen; der Jude war der hundertjährige Eindringling, den es unter allen Umständen auszustoßen galt. Von seiner Geburtsheimat aus verbreitete sich dann der Antisemitismus über die Welt: im1 Westen ging er unter, im Osten breitete er sich anfangs aus, aber schon seine Rassensymptome Der Sieg der großen liberalen Mächte des Westens, vereinigt mit Rußland in der Verteidigung des Rechts, kann nicht verfehlen, die Gleichberechtigung unserer Brüder in Rußland herbeizufuhren. Die französische Revolution hat die Juden des Westens befreit; der Sieg der Verbündeten wird die Juden des übrigen Europa befreien. Es Würde töricht sein, von dem Siege des antisemitischen Pangermänismus und des preußischen Militarismus ihre Befreiung zu erwarten. Söhne des alten Judentums, wir erwarten mit Vertrauen den Sieg der Gerechtigkeit. Das Zentralkonsistorium der Israeliten Frankreichs1. Aut die Phrasen des Zcntralkonsistoriums näher einzugehen, wäre müßig. Wir Nationaijuden Wissen, daß die von der französischen Revolution erteilte Gleichberechtigung dem jüdischen Volke nicht die ersehnte Befreiung brachte. Sie gab dem Einzfelnen — ach1, so oft nur papieme! — Rechte und verlangte" als Entgelt das Aufgehen im Wirtsvolke. Aber nicht dies ist es, was uns an der Sache interessiert, auch nicht die Geschmacklosigkeit des Konsistoriums, die Judenschaft der neutralen Länder gegen die Vaterländer seiner „Glaubensgenossen“ anzurufen, auch nicht die Verwegenheit, dies im Bunde mit Rußland zu tun. Was uns interessiert, ist, daß ein interterritorialer jüdischer Verband, dessen Mitglieder nur in ganz geringer Zahl in Frankreich leben, Sich als Vertreter der „grande nation“ aufspielt. Dieser Aufruf und seine Versendung an die Juden der neutralen Länder ist die krasseste Rechtfertigung der zionisti-, sehen Bewegung, die seit ihrem Beginn den schärfsten Kampf gegen die Alliance geführt' hat. Dieser Aufruf beweisft, was wir immer gesagt haben, daß die Alliance dank der unjüdischen Leitung nicht jüdische, sondern französische Interessen vertritt, 'daß ihre Schulen im Orient nicht jüdischen vielmehr gallischen Geist verbreiten. Hoffentlich wird der Krieg, der so viel Unglück gezeitigt hat, unter anderem auch die gute Wirkung haben, daß er den Juden jmi Westen das Wahre Wesen der Alliance vor die Augen führen und die Juden im Orient von den unjüdischen Allianceschulen befreien wird. L. B. Das jiöisdie Sdnilprobkm. Zufolge der Schulverordnung der deutschen Militärgewalt liir die von den Deutschen besetzten Gebiete Polens ist das jüdische Schulproblem in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, sowohl des allgemeinen als auch des jüdischen, getreten. Bevor wir unsere Ansicht in dieser hochwichtigen Frage präzisieren, wollen wir unsere Leser mit den diversen Meinungsäußerungen, die in der allgemeinen und jüdischen Presse veröffentlicht wurden, vertraut machen. Wir beginnen mit derWiedergabe folgenden Artikels des Warschauer »Hajnt“ vom Z7. September d. J. Eines ist schon jetzt klar. In unserem Erziehungssystem werden sich einschneidende und entscheidende Wandlungen vollziehen. Die alte Judenschule steht vor der Umwandlung in eine moderne Volksschule. Die alte Judenschule ist eine der ältesten Einrichtungen des jüdischen Volkes, die Gemeinde sorgte für den Unterricht schon in der Zeit des zweiten Tempels, als, um mit Wellhausen zu reden, die Bildung nur Eigentum der obersten Klassen, das Volk hingegen von jeglicher Bildung ausgeschlossen war. Diese Form des öffentlichen Unterrichtes hat mit der Zeit die Form der Cheder (jüdische Elementarschule) angenommen, zu deren. Unterhalt jede Gemeinde verpflichtet ist. In der Judenschule sind Generationen in guten Gewohnheiten und Sitten, in Gottesfurcht und jüdischer Hoffnung erzogen worden. Durch sie wurde ihnen Kraft gegeben, das schwere Joch der Verbannung zu tragen. Ueber die Judenschule ist bei uns viel geredet und geschrieben worden. Es gab eine Zeit, wo jeder Gebildete es für seine Pflicht hielt, die Judenschule anzugreifen, in den Schmutz zu ziehen, ihre Fehler aufzudecken und die jüdischen Lehrer zu schmähen. Unabhängig von der Stellung aber, die man zu den alten Judenschulen einnimmt, muß man doch zugeben, daß die Judenschule in sich viel Idealismus enthielt, den keine moderne Volksschule ersetzen kann. Und wenn diese alte Judenschule durch die moderne Volksschule ersetzt werden sollte, müssen wir darauf bedacht sein, ihren schönsten Inhalt zu retten, den jüdischen Geist. Man vergegenwärtige sich, daß die moderne europäische Volksschule, abgesehen von der Unterrichtssprache — über diesen Punkt wird man unter normalen Verhältnissen reden können — eine nicht für alle Völker und Länder passende Form1 angenommen hat. Sie richtet sich gewöhnlich nach den Be-i dürfnissen und dem geistigen Stand der Bevölkerung. Es gab sogar eine Zeit in Galizien, in der die Juden der Volksschule aus dem Wege gehen konnten. Aber das sind unter unseren Verhältnissen unmögliche Ausnahmen, die auch für uns unerwünscht sind. Aber auch bei der1 allgemeinen Schulpflicht gibt es Schulen, die nach der Religion der Schüler getrennt sind. Solche nach Konfession getrennte Schulen werden nach der offiziellen Verordnung auch bei uns eingeführt werden. Die Volksschule wird also eine speziell jüdische sein und das bedeutet für uns einen großen Gewinn. In einer solchen rein jüdischen Volksschule wird man den alten jüdischen Geist pflegen,; aus der großen Erziehungsliteratur unserer westeuropäischen Brüder die passendsten Lehrbücher auswählen und auch unseren Bedürfnissen angepaßte Lehrbücher schaffen können. Aber das wichtigste für uns ist doch, daß jnan in der künftigen Volksschule das Wesen des jüdischen Geistes spürt. Das kann sich aber nur durch1 ein umfassendes hebräisches Programm' verwirklichen lassen, dessen Einführung erforderlich ist. Wir setzen voraus, daß auch die eifrigsten Anhänger des Jiddischen, die grundsätzlich eine jüdische Erziehung ohne Hebräisch für möglich halten, zu der Erkenntnis kommen werden, daß unter den neuen Verhältnissen eine jüdische Erziehung ohne Hebräisch unmöglich ist. Heute muß das Hebräische, und das in ausgiebigster Form, der erste Punkt unseres Programms werden, unabhängig von unseren Meinungen über die Zukunft des Hebräischen als Nationalsprache. Im Hebräischen liegen die Wurzeln unserer Kultur, in iudirkaufe°din Jüdischen National-Kalender 5676 Verlag R. LÖWIT, Wien, I. Rotenturmstraße 22, Preis K 2.40, zu beziehen durch alle Buchhandlungen.