Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 41 (15.10.1915)
- Date
- 1915-10-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite. 2 ' I - MODISCHE ZEITUNG " Nr. 41 RnnOsdiao. Die weitherzige „Arbeiter-Zeitung“* Die vor kurzem verstorbene Wiener jüdische Wohltäterin Frau Betty F r ä n k e i hat zur Universalerbin ihres eine Million Kronen übersteigenden Vermögens eine zu schaffende „Julius und Betty Frankel - Stiftung“ eingesetzt, deren Erträgnisse dazu dienen sollen, Wiener Wohltätigkeitsanstalten auszugestalten und zu fördern. Außer dieser Stiftung ordnete die Genannte für verschiedene jüdische und allgemeine Zwecke Legate an. Ueber die so löbliche Verwendung des gesamten Vermögens seitens einer reichen jüdischen Dame berichtete fast die ganze Wiener Presse — die „Arbeiter-Zeitung“ nicht ausigenommen. Nur leistete sich der rote Schmock im Anschlüsse an die betreffende Notiz folgende geschmackvolle Bemerkung: „Ob die Stiftung für die Wohltätigkeitsanstalten ebenfalls auf Juden beschränkt ist, oder ob die reiche Frau diesmal weniger engherzig war, Wird nicht gemeldet.“ Es gehört schon zur Regel, daß Nichtjuden ihre Zuwendungen auf Christen beschränken; ebenso häufig kommt es vor, daß Juden ihre Stiftungen ohne Unterschied von Nation und Glauben bestimmen, was gewöhnlich in der Praxis zu gänzlichem oder fast gänzlichem Ausschluß der Juden hinsichtlich des Genusses dieser Judenstiftungen führt. Wenn nun ein vereinzelter Fall vorkommt, wo eine hochherzige jüdische Frau ihr ganzes bedeutendes Vermögen für wohltätige Zwecke vermacht, dabei jedoch — vielleicht gar in Berücksichtigung der obert angeführten Umstände — darauf achtet, daß dieses. ihren Volksgenossen in erster Reihe zugute kommen soll, so erregt dies den Unwillen der weitherzigen Skribenten der „Arb. - Ztg.“,, welche die edle Frau „engherzig“ schelten . . . Oder beabsichtigte vielleicht die „Arbeiter-! Zeitung“ damit die Interessen der so zahlreichen rotgefärbten Täuflinge und Konfessionslosen wahrzunehmen? ... * * * Auch «ine Theaterkritik. Wenn die Kunst heiter ist, warum soll die Kunst- und Theater - Kritik nicht mitunter lächerlich sein dürfen, besonders die Theater - Kritik der Wiener „Kronen - Zeitung“ und zumal es sich um die „Juden“ handelt? „Juden“ — dieses Ts ch i r i kjo f f ’ sehe Zeitbild aus Russisch - Polen wird seit einiger Zeit in der „Neuen Wiener Bühne“ gegeben. Nun kann man über das Stück selbä sowie; darüber, ob es1 zeitgemäß ist und in das jetzige Repertoir hineinpaßt, beliebiger Ansicht sein. Wir sind wreder des Autors noch des Theate,rdirekn tors Sachwalter, um irgend einem Kritiker eine abfällige Aeußerung nach dieser oder jener Richtung übelnehmen zu wollen. Wenn aDer ein „Theaterkritiker“ — und mag es auch tnur um den der „Kronen - Zeitung“ gehen — dieses Zeitbild nur deshalb ablehnt, weil es nicht zu den „angenehmen, vernünftig heiteren Stükken“ gehört, vielmehr ein „düsteres Lebensbild“ ist, So macht er sich einfach lächerlich. Er, bekundet aber auch eine völlige Ignoranz und antisemitische Tendenz, indem er mit Pathoi^ ausruft: „Wen erschüttert die Verzweiflung des alten Juden Leiser Frankl, der es nicht erleben möchte, daß seine Tochter einen Christen hei- Tatet? Wen rührt die aufopferungsvolle, fanatische Hingebung des Lehrers Nachman an sein Volle, an seine Religion? Und wenn es sich audi um eine ganze Konfession handelt} die Welt hat jetzt wirklich andere Sorgen ...“ Aber genug davon! Auch wir haben jetzt wirklich andere Sorgen. meldet — die seinerzeitigen Angaben an das Haus Rothschild vom Petersburger „Djen“ als der Wahrheit gar nicht entsprechend bloßgestellt. „Djen“ schreibt: „Was das angebliche Recht der Juden, die öffentlichen Schulen besuchen zu dürfen, anbetrifft, so existiert überhaupt bis heute ein solches Gesetz nicht, außer für Juden, deren Väter und Söhne im Felde stehen. Auch ein Gesetz, das den Juden das Wohnrecht in den Städten während der Kriegsdauer einräumt, existiert nicht. Es handelt sich um kein Gesetz, sondern nur um eine Erlaubnis, die bloß pro forma gegeben ist und in' dey Praxis schon jetzt stellenweise gar nicht zur Geltung kommt. So hat es beispielsweise der Kommandant des Kriegsrayons in Kiew für unmöglich befunden, den Juden zu gestatten, in Kiew zu wohnen. Auch der Gouverneur von Archeangel hat das gleiche erklärt. Es ließe sich noch eine Anzahl Beispiele anführen. Sogar die Gehilfen der Minister arbeiten mit aller Macht gegen jede Erleichterung für die Juden“. Wir sind durch die Vereitelung dieser Eintagserleichterungen am allerwenigsten enttäuscht, da Wir deren Wert niemals zu hoch eingeschätzt haben. * # # Zeichen der Zeit? Alle mit der Geschichte des modernen Zionismus Vertrauten werden sich der „Protest-; rabbiner“ und ihrer zur traurigen Berühmtheit gelangten antizionistischen Wirksamkeit noch wohl erinnern. Gerade von seiten dieser Kreise muß-: te Herzl die größte und schmerzlichste Enttäuschung erleben, was ihn auch bestimmte, zu den wuchtigsten moralischen Hieben gegen dieselben auszuholen. Seither hat sich vieles geändert und auch die zionistische Idee vermochte sich die Herzen vieler ursprünglicher Widersacher zu erobern. Bloß gewisse rabbinische Kreise schienen dieser, nach wie vor hartnäckig zu widerstehen. Die in Köln a. R. jüngst statt-) gefundene Kriegstagung des Rheinischen Rabbinerverbandes, die zahlreich beschickt war, hat uns jedoch erfreulicher Weise Zeichen einer Bes-- serung auch nach dieser Richtung! gezeigt. Schon der Umstand, daß, ein Referat Wie das von Dr, Emil Cohn, Bonn, über: „Ziele, Grenzen und Methoden der jüdischen Erziehung“ auf dieser Tagung gehalten werden konnte, sowie auch die verzeichnete große Aufmerksamkeit, mit der dieses Referat aufgenommen wurde und schließßch die anregende Debatte, die es hervorrief, Während welcher die Ausführungen Dr. Cohns viele Zustimmung fanden, lassen den Einfluß des zionistischen Gedankenganges auf das pädagogische Ideal unverkennbar erraten. An Stelle des lückenhaften einseitigen Religionsunterrichtes, der „die Jugend nur Gott,; nicht aber Israel lehren will“, empfiehlt nämlidh) Dr. Cohn einein Unterricht, der „nicht nur ein besonderes religiöses Bewußtsein darf wecken wollen, vielmehr die Auslösung eines jüdischen; Willens anstreben muß. Nicht Unterricht allein darf geboten werden, sondern umfassende Erziehung unter Zuhilfenahme aller psychischen Energien, damit gute, tüchtige und glückliche Menschen herangebildet werden.“ „Als - Fächer kommen — meint der Referent — nur in Betracht Geschichte und Hebräisch; auch erstere möglichst durch das Medium des -letzteren.“ „In unserer Religion sollen Wir die eigene Kultur haben, ihren trennenden Charakter hervorzuheben wissen, ihre unerhörte, moralische Kraft und Ueberlegenheit in die Herzen der Jugend pflanzen, die unser einzig wertvoller Anteil an der! Kultur der Menschheit ist. Judentum als Eigenwuchs und Eigenwert zu lehren, muß das Ziel der jüdischen Erziehung sein; das jüdische Kind muß die Forderung begreifen lernen: Sei du!“ „Sei du!“ — drückt diese Forderung an die jüdische Jugend nicht etwa die Quintessenz des Kultur - Zionismus aus? M. H. Russische Bauernfängerei. Wir berichteten neulich über die zeitweise Abschaffung des „Ansiedlungsrayons“ für die russischen Juden, die wir hauptsächlich1 als Resultat der Evakuierungs - Maßnahmen der Heeresleitung bezeichneten. Wie es sich später her- - ausstellte, beabsichtigte die russische Regierung durch die Aufhebung der „Tscherta“ in jüdischen Finanzkreisen, namentlich beim Londoner Haus Rotschäld, das sich Rußland gegenüber besonders abhold zeigte, eine günstige Stimmung für ihre Finanzpläne hervorzurufen. Darauf deutet auch der Umstand hin, daß die russische -Regierung sich .veranlaßt gesehen hatte, den Chef des genannten Bankhauses durch den Präsidenten der Internationalen Kommerzbank in Petersburg, Wischnegradski, von der Kursänderung telegraphisch verständigen zu lassen. Die russischen Regierungsmänner haben es sonach auf einen gewöhnlichen Fang abgesehen, an dessen Gelingen jedoch sie selbst nicht ge- . glaubt zu haben scheinen. Dies erhellt zuvörderst raus der starte verklauselierten Abfassung des betreffenden Ministerial - Erlasses und aus der ‘ sofortigen Inkraftsetzung dieser Klauseln auch über das Maß des Zulässigen hinaus. So wurden auch unmittelbar darauf — wie das „Berl. Tgbl.“ Die Petersburger Sitzung 9er Jüdisctien Hilfskomitees. Vom 20.—23. August fand in Petersburg eine Konferenz der Jüdischen Kriegs -Hilfe- Komitees statt. Ins Präsidium Wurden der Vor-i sitzende der Jüdischen Gemeinde in Petersburg M. A. Warschavvsky, Baron A. Ginsburg, H: Sliosberg, O. Grusenberg, W. Tiomkin, Abgeordneter der Reichsduma Friedmann, David Feinberg und E. Bärbel gewählt. Den eisten Bericht erstattete M. Kreinin über die Tätigkeit des Zentralhilfskomitees in Petersburg. Er stellte fest, daß das Komitee bis jetzt 2i/2 Millionen Rubel erhalten hat, darunter 1/2 Million von der russischen Regierung. Um' aber die Not der jüdischen Flüchtlinge zu beseitigen, wären viele Millionen Rubel nötig, die die jüdische Bevölkerung Rußlands absolut nicht aufbringen kann. Es wurde von der Konferenz folgende Resolution gefaßt: „Die jüdischen WohltätigkeitS- und gesellschaftlichen Einrichtungen sind nicht imstande, den jüdischen Flüchtlingen und Ausgewiesenen ausreichende Hilfe (zu leisten. Dies muß die Aufgabe der Regierung sein. Die Gelder, die von: den jüdischen Hilfskomitees gesammelt werden, sollen dazu verwendet werden, die nationalen und kulturellen Bedürfnisse der Flüchtlinge Zu befriedigen.“ Die Konferenz forderte, auch, daß die Vorsteher der jüdischen Komitees von den Behör-i den das Recht erhalten, in den zentralen und lokalen Institutionen, die mit der Evakuierung, der Juden und ihrer Uebersiedlung beschäftigt 6ind; zu arbeiten. Erregte Auseinandersetzungen rief der zweite Vortrag des H. Sliosberg hervor, der der Besprechung des Erlasses über die Erweiterung! des Ansiedlungs - Rayons gewidmet war. Der Referent, der selbst an den jüdischen Deputationen bei den Ministem teilgenommen hatte, schilderte ausführlich die politische Situation, in -der dieser für die jüdischen Politiker, wie auch für die Regierung unerwartete Beschluß zustande kam. Zur Zeit der Duma-Einberufung weigerten sich sogar die Vorsteher der Opposition, die Judenfrage zur Debatte zu stellen. Auch die Kadetten fanden es damals unmö.glich, die Judenfrage zu behandeln. Der jüdische Abgeordnete Friedmann rief dann eine Beratung der Vertretet aller unterdrückten Nationalitäten Rußlands zusammen, der nur die-Polen ihre Teilnahme verweigerten. Diese Konferenz verfaßte dann die Formel, die -später von, der Duma abgelehnt worden ist. Da kam plötzlich der Beschluß des Ministerrats vom 4. Aur gust. Diese unerwartete Initiative der Regierung sei mehr auf äußere und internationale Gründe zurückzuführen. Eine gewisse Rolle spielten dabei auch finanzielle Motive, wie auch die Enthüllungen in der Duma. Der Minister, der bald darauf eine jüdische Deputation empfing, erklärte die Gründe, die diesen außerordentlichen Beschluß veranlaßt haben: die tatsächliche Ueberschreitung der Grenzen des Ansiedlungsrayons durch die Ueberschwemmung der Flüchtlinge und andererseits die Unmöglichkeit, diese Maßnahme auf dem Wege der Gesetzgebung durchzusetzen. Der Minister unterstrich ausdrücklich, daß dieses neue Wohnrecht nicht nur den Flüchtlingen, sondern allen Juden gewährt worden ist.- Er {sei noch bereit, falls die jüdische öffentliche Meinung dies durchaus fordern werde, ein entsprechendes Gesetzesprojekt in der Duma einzubringen. Am 13. August wurde dieser Erlaß ,an alle Gouverneure verschickt und jetzt auch vom Senat bestätigt und veröffentlicht. Damit aber dieser Erlaß seine gesetzliche Macht bekäme, müsse ihn die Regierung binnen sechs Monaten den gesetzgebenden Institutionen überreichen. Die Konferenz müsse daher die Regierung auffordern, das Gesetz sofort den gesetzgebenden Faktoren zu überreichen; es müsse eine völlige Abschaffung des Ansiedlungsrayons enthalten. Gleichzeitig sei aber auch eine Initiative seitens der Duma möglich. Die Konferenz habe also zu beschließen, ob esi zweckmäßig sei, allein den Vertretern der Opposition die Einreichung des Gesetzesprojektes zu überlassen, oder ob es nötig wäre, neue Maßnahmen von der Regierung ohne Hilfe der gesetzgebenden Faktoren zh erwirken. In den Debatten wurde die Taktik der Petersburger Politiker vielfach und allseitig kritisiert. Die meisten Redner betonten, daß der Beschluß des Ministerrats wohl von praktischem Wert sei, daß er aber absolut nicht ausreichend ist und die Art seiner Veröffentlichung eine Beleidigung für die jüdische Bevölkerung enthalte. Grusenberg nannte den Erlaß : „Zins, den die russische Regierung für ihre Anleihe Zahlte.“ Bfamsön erklärte, es drohe die Gefahr, daß unsere Brüder jenseits des Ozeans wie auch die progressiven Kreise in Rußland im Emst meinen, es Sei etwas Großes geschehen. Die Konferenz sei berufen, diese Gefahr Zu verhindern. Dumaabgeordneter Friedmann .betonte die Notwendigkeit festzustellen, daß der Akt vom '4. August ein staats'gesetzlich unsicherer, moralisch-beleidigender iH; daß er aber praktisch einen Fortschritt bedeutet, den rückgängig zu machen, unmöglich sein werde. Die angenommene Resolution lautet: „Die Konferenz, die die Fragen der Hilfs-i aktion in bezug auf die neugeschaffene Lage und auf den Erlaß vom 113. August über die Erweiterung des Ansiedlungsrayons behandelt hat, konstatiert, daß das Aufenthaltsrecht in den Städten außerhalb des Ansiedlungsrayons, welches den Juden gewährt worden ist, nicht imstande Sei, die akuten und nicht aufzuschiebenden Forderungen des Tages zu befriedigen, und die Grundsäulen der jüdischen Rechtlosigkeit unberührt läßt. Die Konferenz drückt ihre tiefe Entrüstung über die Verfolgungen und Verleumdungen der jüdischen Bevölkerung Während des Krieges aus und erklärt, daß nur durch die gesetzliche Abschaffung aller in bezug auf die Juden 'herr-i sehenden Beschränkungen, der Staat seine Pflicht dem jüdischen Volke gegenüber erfüllen und die Wiederholung solcher Verfolgungen unmöglich machen Wird.“ Auf Vorschlag von L. Jaffe wurde von der Konferenz eine Protestresolution gegen die Einstellung der jüdischen PrjCsse einstimmig angenommen.