Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 41 (15.10.1915)
- Date
- 1915-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mit Beilage „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ (^Erscheint: wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunde» _ täglich yon Ml—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnemenstspreise: Für Oester- — ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Garrziahr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr, * ■ <iyik. 3.—. Für; das,;übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.32&B Nr.-41 Wien, Freitag, den 15. Oktober 1915 — 7. Marcheschwan 5676. IX- Jahrgang.., ^MMMmmbS^hwhBSSmmmwmpmM) tloOernes Oesterreidiertumunfl motener Nationalismus. Auf den Schlachtfeldern Europas hat die österreichische Reichsidee sich1 neuerlich in diesem Weltkriege, wie so oft in der Vergangenheit, allenäußeren Feinden und innerere Schwarzsehern zum Trotz siegreich behauptet. Die Völker des Donaureiches und wahrlich nicht, in letzter Linie die Juden, haben aufsj nachdrücklichste damit dokumentiert, daß was) auch-immer sie voneinander trennen mag, welche Stellung sie auch gegen Regierungen, Verfassungen und Wirtschaftsformen ,als Konsequenz ihrer programmatischen Anschauungen einnehmen, mögen; — sie trotzdem die Existenz des Ren ches als Hort ihres eigenen nationalen Bestandes unter allen. Umständen kraftvoll zu verteidigen entschlossen sind. Der Krieg, der auf dem Balkan begonnen und. hoffentlich dort in nicht allzufemer Zeit für uns siegreich enden wjrd, hat aber auch deutlich, bewiesen, wie irrig es in der Vergangenheit War, wenn da und dort ein künst- A i cü e r Gegensatz zwischen-den Interessen der Habsburgermonarchie und ihren einzelnen Teilen und Völkern in Folge einer falsch aufigefaßten Reichsidee einerseits und eines ebenso irrig propagierten Nationalismus andererseits entstand. Hier muß unter allen Umständen in Zukunft eine Wandlung, der Geister eintreten, sollen nicht die alten Zustände, die vor dem Kriege bestanden, wieder eintreten und die Opfer an Blut und Gut, welche unsere Reichsbevölkerung brachte, vergeblich gewesen sein. Die freie Diskussion hierüber ist eine österreichische Staatsnotwe-ndigkeit; jede Unterbindung derselben erschwert die politische , Erziehung der Volksmassen, ihre Befreiung aus den Fesseln des Demagogentums und schädigt aufs schwerste die österreichische Reichsidee, der kein einseitiges nationales oder konfessionelles Gepräge in einzelnen, Kronläm dern aufgedrückt werden darf. Im Rahmen der gestärkten Reichseinheit .Uiuß vielmehr eine gegen: alle VolksStänrme,. Religionen und Kläsisen gleich unparteiische; und gerechte, Zentralgewalt, gleichzeitig die Existenzbedingungen des Reiches in allen seinen Teilen, aber auch die. freie Entwicklung aller seiner Bürger ohne- Unterschied sicherstellen. Diese Kardinalforderung, stellen wir nicht nur vom national-jüdischen Standpunkte aus, sondern auch von dem der Lebensinteressen der Gesamtmonarchie. Deren geschichtliche Mission und richtig verstandenes Reichsinteresse erheischt, in den Volksmassen immer von neuem die Erkenntnis wachzurufen; daß Neuösterreich eine Genossenschaft von Völkern ist, die gern einsam an dem Neubau der Monarchie als modernen Rechtsstaat, Kulturstaat und Wirtschaftsstaat schreiten müssen. Das Oesterreichertum der Zukunft kann daher kein abstraktes, anationales sein, anderseits aber muß der Nationalismus als logische Folge dieser Auffassung der Aufgaben Neuösterreichs von den chauvinistischen Schlacken und staatsrechtlichen Utopien gesäubert, einen positiv kulturellen und sozialen Inhalt erhalten und mjt dem einheitlichen österreichischen Reichsgedanken in Einklang gebracht werden. In unserem Krakauer Programme, das leider der großen Masse der Juden und Nichtjuden bisher -noch unbekannt ist, ist die volle Synthese und Harmonie zwischen Volks- und Staatsinteressen, zwischen jungjüdischer und jungösterreichischer Politik formuliert. ' Wir Jungjuden sind Anhänger der Reichseinheit, aber im Rahmen dieser Reichseinheit wollen wir' freie Entwicklung für uns Juden; sowie für alle. übrigen Nationalitäten der Monarchie. Nur unter diesen Gesichtspunkten halten wir eine nationale Verständigung in Böhmen, Galizien, Buk o w i n a, wie überhaupt in allen gemischtsprachigen Gebieten der Habsburgermonarchie für möglich'. Daß man diesen Fragen in allen nationalen Lagern und speziell auCn in den jüdischen Kreisen näher treten, muß, ist für jeden ernsten Politiker selbstverständlich. Symptomatisch für die diesbezügliche Notwendigkeit ist eine eben in der Prager „Union“ erschienene, die „Neuorientierung der böhmischen Politik“ betitelte Artikeliserie, welche sehr viele treffende Wahrheiten, insbesondere auch über die Notwendigkeit eines deutsch-tschechischen Ausgleiches enthält. „Seit vielen Jahrhunderten an die Monarchie und ihr Schicksal gebunden, alles Glück und Unglück unerschütterlich miterlebend, haben wir Tschechen nicht die Möglichkeit, anders zu denken und nur ein Narr oder ein Verbrecher an seinem Volk e konnte und kann mit anderen Gedanken tändeln und spielen. Der gute Tscheche war und bleibt ein guter Oesterreicher, auch dann, wenn er zeitweise Einrichtungen und Tendenzen einzelner Regierungen und Systeme bekäm.pft oder abgelehnt hat. (Mutatis mutandis gilt dies auch für Angehörige anderer Nationalitäten). Es war immer ein tragischesMißver- Ständnis, eine vorübergehende Regierung mit dem Staate zu verwechseln, und es w.ird wohl notwendig sein, schon jetzt und nach dem Kriege erst recht eine Wandlung darin eintreten zu lassen. Wir müssen uns offen und ohne Scheu als gute, unser Volk heiß liebende Patrioten zu dem Staat bekennen, dem wir angehören, jedes Interesse des Staates a.ls unser Interesse offen einbekennen und dafür eintreten und einstehe n.“ Dieses Programm begrüßen wir aufs wärmste, es deckt sich mit unserem eigenen und wenn □ Gesinnungsgenossen! Abonniert die □ □ □□ Fordert in allen öffentlichen Lokalen die n es zum Gemeingut der führenden Politiker a-l- I e r Reichsvölker würde, dann wäre deren Verständigung untereinander und mit den. Juden; auf dem Boden der nationalen GleichberechtU gung in einem verjüngten Oesterreich au? dem Marsche. K — | Dr. Gustav Kohn. I Am letzten Sonntag wurde der 1. Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde in- Wien; Herr Dr. Gustav K oh n zu Grabe getragen- Die Repräsentanten der Kultusgemeinde- und der meisten jüdischen Vereine gaben dem Entschlafenen das letzte Geteite. Denn er waf ein(tt populäre Persönlichkeit, die seit dem Jahre 1801 im Kultus Vorstand für das Wohl der Gemeinde mit unverdrossenem Eifer und mit Hintansetzung seiner persönlichen und beruflichen Interessen — er war Advokat — uneigennützig gewirkt hat. Seine Türe stand jedem Bittsteller zu jeder Zeit offen und er half, wo er dank seiner einflußreichen Stellung und Verbindungen nur irgend helfen konnte. Zumindest hatte ,er ein freundliches Trostwort. Seiner politischen Gesinnung nach1 was. es ein deutscher Altliberaler, an dem-- die politischen Ereignisse der letzten Jahrzehnte, der bis zur völligen Loslösung von den. Juden führende Antisemitismus der Deutschen in Oesterreich und das Aufstreben der jüdischnationaien Bewegung, fast spurlos vorbeiglitten. Er blieb Altliberaleej mochte er auch dem und jenem Bezirksverein angehören, der die alte Firma,, in moderner Fassung hinaushing. Wir Zionisten und Dr. Kohn standen urts darum naturgemäß fremd, nicht aber feindljcb gegenüber. Denn stets haben wir es ihm zugutegehalten, daß er im bewußten Gegensatz zu Dr. Stern, dem Präsidenten, stets bemüht war, den politischen Gegner nicht überflüssigerweise zu verletzen. In der allerletzten Zeit gab es sogar Berührungspunkte zwischen ihm. und uns, indem er angesichts der durchs den Krieg] hervorgerufenen Judennot in manchen Aktionen sich uns anschloß. Wenn auch niemand von uns Zionisten wie von irgend einem berufsmäßigen. Lobredner verlangen darf, daß Wir an einem hochgestellten Toten kein Fleckchen Fehls finden, den Krana achtungsvoller Teilnahme legen wir bewegtere Herzens an Dr. Kohns Sarg nieder. Z. Das Zionistische Zentralkomitee für West-) Österreich sandte an den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien folgendes Beileidsschreiben : Wir beehren uns. Ihnen hiermit, unsere innige Teilnahme anläßlich des Hinscheidens des Herrn Dr. Gustav Kohn zum Ausdrucke zu bringen. Der Verblichene erfreute sichdank seiner menschlichen Vorzüge und. der gutjüdischen Eigenschaften, insbesondere aber dank seiner langjährigen verdienstvollen Wirksamkeit als Vizepräsident der zweitgrößten jüdischen Gemeinde der Monarchia allseitiger Hochachtung und Wertschätzung. Er war stets ein treuer Sohn seines Volkes) und sein Tod bedeutet daher einen schmerzlichen Verlust nicht nur für die, welche ihm nahe standen, sondern für die gesamte Judenheit des Reiches. Wir betrauern mit Ihnen den Verlust dieses vorzüglichen- Mannes. 0,0*00 ODDÖ