Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 40 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 "JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 40 den Greueln gekündet, den spezifischen Greueln, die sich über die Juden in diesem» Kriege ergossen haben! Die erste und bedeutendste Aufgabe des jüdischen Volkes ist jetzt, der Welt die grausigen Gewalttaten bekannt zu machen, welche die Juden gegenwärtig zu erleiden haben, schrecklichere als die zur Zeit der Inquisition und der Vertreibung aus Spanien. Das ist keine Frage von Sympathien und keine Entscheidung betreffs der Neigung zur Entente oder zu den Deutschen, sondern es ist dies eine Frage der Gerechtigkeit. Man erzählt von den grausamen Geschehnissen in Belgien, von den Bedrängnissen der Armenier — wer wird von den teuflischen Grausamkeiten gegenüber den Juden in Rußland und Polen erzählen, wenn nicht gerade die neutrafen Juden Amerikas die Fakten liefern? Sich aber wegen der Neutralität jeder Meinung und Kritik enthalten, ist mehr als Unsinn. Neutral sein heißt nicht: Faktisch verübtes Unrecht rein zu waschen oder Tatsachen zu unterdrücken, die die ganze Welt kennen sollte. Was auf der Friedenskonferenz getan werden soll, kann man jetzt noch nicht sagen. Der Kongreß oder die Konferenz, die ihr in Amerika abhalten wollet, ist meiner Meinung nach jetzt nicht von großer Wichtigkeit; diese Veranstaltung wird ganz nutzlos sein, wenn sie nicht die Augen der Welt für das öffnet, was jetzt mit unserem Volke in Rußland geschieht. Das erste, Was jetzt die Juden bekunden müssen, ist Selbstachtung. Die Juden von Kowno, die sich geweigert haben, Geisel zu , stellen und die stolz erklärten, daß sie eher alle sterben wollen, als einige opfern, wodurch sie wirklich ihr Leben riskierten — sie sollen den Juden aller Länder als Muster dienen. Wir sollen nicht erst das Ende des Krieges abwarten: die christliche Welt wird uns nicht ver-, stehen, wenn wir die Politik des Schweigens betreiben und die Greuel erst nach dem Kriege bekanntmachen werden. Es gibt manche, die fürchten, die jetzige Aufdeckung der Grausamkeiten werde die Lage der Juden in Rußland noch verschlechtern. Aber, wenn eine Verschlechterung nur möglich ist, so ■wird sie Rußland auch ohnedies nicht unterlassen. Jetzt verstehen war, warum Rußland Gerüchte über Spionage, Verrätereien und Brunnenvergiftungen seitens der Juden verbreitet hat. Allenfalls, das verbreitete Gift hat gewirkt: die russischen Massen glauben, daß die Juden an den Niederlagen der russischen Armeen schuld sind, obgleich nach den Enunziationen in der Duma sich all derlei als verleumderische Erfindung herausgestellt hat. Ich wiederhole: — schloß er — was mjr für den Augenblick am dringendsten erscheint, ist, ifnsere jetzigen spezifisch jüdischen, unvergleichlich und unsäglich grausigen Leiden in Rußland und Polen der ganzen Welt mit größtem Nachdruck bekannt zu geben.“ Die poinisAen Juöen. In den „Münchener Neuesten Nachrichten“ schildert Erich Sieghardt eingehend die’ polnischen Juden, ihre Eigenschaften und Leistungen in diesem Kriege. Wir entnehmen dieser auf persönlicher Wahrnehmung beruhenden Schilderung folgenden Auszug: Ich lernte die polnischen Juden in der ärgsten Not kennen, bedrängt und verfolgt, in äußerster Lebensgefahr. Hatte ich sie früher als Kuriosa betrachtet und war nur widerwillig und mit größter Vorsicht in ihre Kaufläden getreten, so lernte ich sie jetzt aufrichtig bemitleiden. Die Bewohner eines Dorfes fliehen. Da sieht man einen riesigen Leiterwagen daherkommen; darauf sitzen vier bis fünf Frauen und Mädchen und mindestens ebensoviele kleine Kinder zwischen toll zusammengewürfeltem und geworfenem Hausrat: zwischen Betten, Körben, Kisten, Kasten, Flaschen, Heu, Hühnerkäfigen, Sesseln, Spiegeln und Bildern kauern sie ängstlich, in eine Unzahl von Tüchern und Pelzen gewickelt. Der Hausvater geht dabei fast immer zu Fuß, um den Wagen zu erleichtern.. Rührend ist seine Fürsorge für das Weib, für die Kinder. Alles tut der polnische Jude, um der Familie alle Erleichterungen und Bequemlichkeiten zu verschaffen. Aber in diesen Tagen der Heimsuchung offenbart sich ein Charakterzug der polnischen Juden in seiner ganzen Größe: das Zusammenhalten, die Hilfsbereitschaft gegen jeden Glaubensgenossen. Wohin der Flüchtling kommt — jedes jüdische Haus steht ihm offen zu gastfreundlichem Empfang. Und wenn ein Jude noCh so arm ist, wenn er für seine ganze vielköpfige Familie auch nur einen einzigen kleinen Wohnraum zur Verfügung hat — nie wird er sich weigern, den heimatlosen Glaubensgenossen bei sidi aufzunehmen. Und sö ist der vertriebene Jude eigentlich nie verloren, nie obdachlos. Wir lagen einmal längere Zeit in einem' Ort im Quartier und hatten, wie immer in solchen Fällen, unseren Hausjuden, der sich' täglich bei uns einfand und alles verkaufte, dessen wir bedurften. Da gab es aber noch einen polnischen Juden, der, aus seinem Dorfe vertrieben, immer den Truppen nachzog und ihnen Wein, Schnaps und Rum verkaufte. Der Hausjude war darob sehr erbost. Aber eines Tages erklärte er .-„Soll er haben sein Geschäft! Ist er doch ein armer Teufel, dab er hat geflüchtet aus Galizien. Werd ich doch nicht verraten meinen Glaubensgenossen!“ Diese Juden, die wie Marketender den Truppen folgen, leisten ihnen eigentlich große Dielnste. Und zugleich zeigen sie sich dabei als echtes Handelsgenie. Und es ist das wirklich ein Glück: wir wären oft in böse Verlegenheit geraten, ohne diese handelnd heimkehrenden polnischen Juden, Ist der polnische Jude wieder in sein Haus zurückgekehrt, so nimmt alles den gewohnten Fortgang. Das jüdische Haus ist sofort kenntlich. Bei der Eingangstür findet man stets am' rechten Türpfosten ein schräg angenageltes Blechröhrchen mit einem kleinen kreisrunden Ausschnitt, in dem einige hebräische Zeichen zu sehen sind. Das ist der Haussegen, die Mesusa. Oeffnet man die Blechrolle, so findet man einen, hebräisch bedruckten Zettel, der ein Gebot aus dem Pentateuch enthält. Dieser Streifen fehlt an keiner Tür des Hausfes, auch nicht des allerärmsten. Jeder gute polnische Jude besitzt sämtj liehe heiligen Bücher, den Talmud und auch' am dere in großen schönen Ledereinbänden, die säuberlich in einem Kasten mit Glasfenstem nebeneinanderstehen. Ich habe sie oft, unbemerkt vom Hausherrn, durchgesehen. Sie sind sehr schön mit farbigen Titelblättern ausgestattet und mit großen Lettern bedruckt. Auf diesem Kasten steht der silberne, Siebenarmige Leuchter. Der Arme, der sich all das nicht leisten kann, hat wenigstens auf einem einfachen Bücherregal den Pentateuch liegen, daneben das Gebetbuch. Am Vorabend des Sabbath wird es feierlich im Hause des polnischen Juden. Der Leuchter wird angezündet, man wandelt, Gebete murmelnd, um den Tisch, dann setzt man sich zum Festmahl. Geht man an solchen Abenden durch den Ort, so findet man keinen Juden auf der Straße, aber alle Fenster sind festlich erleuchtet und drinnen (sieht man die Familien um' den Tisch sitzen, auf dem der heilige Leuchter brennt. Am Sabbathmorgen sieht man dann die langbärtigen Gestalten, angetan mit dem besten Kaftan, unter dem Arm die heiligen Bücher, langsam zum Tempel wandern. Am Sabbath verrichtet der Jude keinerlei Arbeit Seinen Kaufladen muß er aut militärischen Befehl offen halten. Er muß auch die Kunden bedienen. Aber durch.nidhts ist er zu bewegen, eine Rechnung zu unterschreiben. Ja, viele weigern sich den Geschäftsstempei aufzudrücken und ersuchen den Käufer, das selbst zu besorgen. Oft auch hielt mir der Ladeninhaber die Geldschalen hin, damit ich mir selbst (las Geld herausnahm. Nichts hat die Juden in Sanok so sehr empört, als daß die Russen sie zwangen, am langen Tag Brot zu backen. Sehr peinlich werden auch die Speisevorschriften eingehalten. Oft ersuchten uns unsere jüdischen Quartiergeber, nicht auf ihrem Herde zu kochen. Einen Kochtopf herleihen — nie. j Eines muß noch gesagt werden: wenn wir in Galizien eine Auskunft wünschten, über den! Weg, über die augenblickliche Kriegslage, wo J Heu zu kaufen sei, wo man Vieh haben könne — so wendeten wir uns immer an die! polnischen Juden und konnten eines Bescheides sicher sein. Er weiß alles I und gibt wahrheitsgetreue Auskunft, oft : freilich nur widerwillig und nach längerem Hin; und Her. Von ihm brauchen wir keinen i Verrat zu fürchten, in seinem Hause j schliefen wir stets sicher, j Wir hätten in jenen menschenleeren, verlas- I senen Gegenden vieles entbehren müssen, wenn der polnische Jude nicht auf seinem kümmerlichen Leiterwagen Proviant herbeigeschleppt hätte. Man muß sie kennen gelernt haben, diese seltsamen Menschen, in allen Lebenslagen, in Glück und Unglück, in ihrer Heimat, um sich ein richtiges Urteil zu bilden über ihre Eigenschaften. Aus der jOdisdien Heit. Die Warschauer jüdischen Zeitungen veröffentlichen einen Aufruf an die dortige jüdische Bevölkerung, worin diese „im Namen der jüdischen Interessen und der letztjäh'rigen bitteren Erfahrungen“ zur Ruhe gemahnt und davor gewarnt wird, an einer Straß enversammlung teilzunehmen, für Welche von unbekannte r Seite mittelst Flugschriften propagiert wurde. Dieser Aufruf macht zugleich aut die Andeutungen des Pogromblattes „Dwa Grosze“ aufmerksam’, das diese geplante Strassenversammlung den „Fremden“ in die Schuhe sdiiebt, die polnische Bevölkerung dagegen von vornherein reinzuwaschen sucht ..... In diesem Zusammenhänge soll eine interessante Bekanntmachung wiedergegeben werden, die, wie die „Fikf. Ztg.“ meldet, der O r tljs - Kommandant von Lodz erlassen habe, welche lautete: : 1 i i I!;! I „Fortgesetzt werden in der Stadt zur Revolution auffordemde polnische Flugblätter verteilt; auch gehen der kaiserlich deutschen Oberkommandatur fortgesetzt Meldungen dahin zu, dab ‘die radikal-polnische Partei Umzüge und sonstige nach außen hin wirkende Schritte beabsichtige. Trotz der gänzlichen Aussichtslosigkeit solcher Pläne gegenüber den Machtmitteln der kaiserlich deutschen Regierung mag es tatsächlich Verführer und Verführte geben,.welche an die Möglichkeit eines Erfolges ihrer Bestrebungen glauben. Diesen Sei warnend mitgeteilt, daß die kaiserlich deutsche Regierung im gegebenen Falle gegen alle Störer der Ruhe und Ordnung in der Stadt mit allen ihr zu Gebote stehenden Machtmitteln und mit unnachsichtlicher Strenge entschreiten wird.“ * Wie das „Lodzer Volksblatt“'berichtet, wurde über Initiative mehrerer jüdischer Offiziere unserer k. u. k. Armee auf dem jüdischen Friedhofe in Piotrkow (Russisch - Polen) zur Erinnerung an die dort bestatteten jüdischen Armee-Angehörigen ein Heldendenkmai errichtet. In dieser Stadt wurden der „Nowa Reforma“ zufolge, 7 Elementar - Schulen eröffnet u. zw. 5 polnische und 2 jüdische. * Wie die in Budapest erscheinende „Allgi Jüd. Ztg.“ meldet, verrichtete am vergangenen Versöhnungstage in einem Budapeste.r neologen Betlokale von der Kanzel herab eine Dame das Gebet für den Sieg der Zentralmächte. Der Krieg scheint sich in Budapester Neologenkreisen besonders fühlbar zu machen .... * In Scheveningen wurde dieser Tage eine jüdische Lesehalle für die in großer Zahl dort und im Haag ansäßigen Flüchtlinge eröffnet» In Wien gibt es trotz der ca. 100.000 jüdischen Flüchtlinge keine Lesehalle! * Im deutschen Reichstage wurde seitens der antisemitischen Reichstagsfraktion, der Wirtschaftlichen Vereinigung, ein Antrag eingebracht, worin ein Einwanderungsverbot gegen Ostjuden gefordert wird. Auch in den bekannten „Alldeutschen; Blättern“ wird Propaganda dafür gemacht, daß die deutsche Regierung sich vorsehe, um nicht zu viel östliche Juden nach Friedensschluß nach Deutschland wandern zu lassen. Dagegen wird den deutschen Juden das Lob ausgesprochen, daß sie in jeder Beziehung sich der deutschen Bildung und Art zu nähem gesucht haben. # In Paris hat sich eine Liga zur Verteidigung der unterdrückten Juden gebildet, die den Zweck verfolgt, in Frankreich die furchtbare Lage bekannt zu machen, in welcher die Juden in gewissen Ländern seit Kriegsausbruch versetzt sind. Den Vorsitz übernahm der RusSe Kritschewsky. Palästina während des Krieges. Durch das Land schimmern die weißen Zelte der türkischen Kriegslager. Auf den dem Bibelleser bekannten Ebenen von Saron und JeSreel leuchten sie aus den grünen Marschen hervor. Um die stolzen Höhen der alten israelitischen Königsstadt Samaria herrscht ein bewegtes Lagerleben. Vor Jerusalem flattert die rote Fahne mit dem weißen Halbmond über weitausgedehnte Zeltgassen. In der Gegend von Golgatha und am Oelberge dröhnt der Schritt marschierender und exerzierender türkischer Krieger. In der Stadt Jerusalem sind alle französischen, englischen, russischen Klöster und Hospize in Kasernen verwandelt. So bieten sich in Palästina ungewohnte Kriegsbilder dar. Viel Staunen erregte die noch nie gesehene feldgrüne Uniform, die in dem orientalischen Farbengewirr doppelt auffallen mußte. Ueberhaupt gibt es vielerlei Neues: Flieger in den Lüften, Kriegsautomobile, Kanonen neuester Konstruktion, Maschinengewehre, von Büffeln gezogene Munitionskarren, mächtige Kamelkarawanen, schlanke, Schnellfüßige Eildromedare und vieles andere. Alles scheint diesmal zu „klappen“, wie man es bisher in der Türkei nicht gewohnt war: Im ganzen Lande wird auch von der bürgerlichen Verwaltungsbehörde gut Ordnung gehalten. Die