Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 38-39 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438521-2438559--4549-2444430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 deres Interesse daran, daß diese Bestrebungen von Erfolg begleitet sein sollen, denn jeder Fußbreit Erde, der der Knute entrissen wird,' bedeutet für uns einen Gewinn und erweckt in uns die Hoffnung, daß nach Niederringung des Zarismus die ukrainische und jüdisdie Demokratie im gemeinsamen Interesse ihrer Völker am kulturellen und sozialen Fortschritt Zusammenarbeiten werden. Ich spreche meine Ueberzeugung dahin aus, daß die ukrainische Nation, die vielfach gleiche Schicksale erlebt hat wie das jüdische Volk, für dieses das richtige Verständnis und Empfinden besitzen wird. Gleiche Leiden und Verfolgungen vom Erbfeind der österreichischen Monarchie, dem zairischen Rußland, einigte sie in dessen rücksichtsloser Bekämpfung — überzeugt, daß hiedurch nicht nur der glühendste Feind unseres österreichischen Vaterlandes niedergerungen werde, sondern, daß auch das bedrückende, schwere Joch, unter dem alle Nichtrussen (in erster Linie Juden und Ukrainer) aber auch das entrechtete russische Volk seufzt, abgeschüttelt wird. Durch die Siege der Zentralmächte wird die größte Kulturtat aller Zeiten verbracht: Die Befreiung aller Völker und Staaten von den Gefahren der Unkultur, der politischen sowie wirtschaftlichen Unterjochung Europas — einer Weltherrschaft Rußlands, kurz, vor dem Inbegriff aller Wildheit und Barbarei: dem Kosakentum! Im Völkerstaate Oesterreich, der allen Nationalitäten staatsgrundgesetzlich freie Entwicklung verbrieft, ist Raum für eine den modernen Rechts-, Verfassungs- und Kulturstaaten entsprechende Entwicklung der Ukrainer und Juden, die zu den kaiser- und staatstreuesten Nation nen gehören. Von diesen Anschauungen geleitet, haben wir seinerzeit im Czemowitzer Landtag einen die freiheitlichen Elemente aller Nationalitäten der Bukowina umfassenden Klub gebildet, dessen oberster Programmpunkt die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung sämtlicher Volksstämme bildete. Ich 'halte unter dem Gesichtspunkt der wohlverstandenen österreichischen Reichsinteressen die Befriedigung der ukrainischen gleichwie der jüdischen Postulate nach nationaler Gleichberechtigung und Selbstverwaltung für ein erstrebenswertes Ziel, da die national befriedigten Völker das festeste Fundament Neu-Oesterreichs bilden werden. Aus der jüöisifien Welt. Der neue Statthalter von Galizien, General der Infanterie v. Collard, empfing gelegentlich seiner jüngsten Anwesenheit in Lemberg unter den übrigen Deputationen eine Abordnung der Kultusgemeinde, bestehend aus dem derzeitigen Vorsitzenden kais. Rat Jakob Stroh, Herrn Dr. R. Sokal und den Mitgliedern des Rabbinates, Braude und Gg. Dr. Guttmann. Dr. Sokai überbrachte dem Statthalter die Glückwünsche der jüdischen Gemeinde anläßlich der Ernennung und richtete an ihn das Ersuchen, der so hart betroffenen jüdischen Bevölkerung tatkräftige Hilfe angedeihen zu lassen. In seiner Erwiderung versicherte der Statthalter die Deputation seiner Objektivität und fügte hinzu: „Ich weiß, daß die jüdische Bevölkerung in den Tagen der Invasion viel mehr als die anderen Einwohner gelitten und Schaden erduldet, aber trotz allem treu zu Kaiser und Reich gehalten hat. Seien sie darum überzeugt, daß ich alles, was in meiner Macht liegt, tun Werde, um die Not ihrer Glaubensgenossen zu lindem, und streng darauf achten werde, daß ihnen kein Unrecht geschehe.“ Wie in der Wiener allgemeinen Presse neulich zu lesen War, ist das Warschauer Bürgerkomitee aufgelöst Worden, weil es die ihm gestellten Bedingungen, jede politische Tätigkeit zu vermeiden, (nicht eingehalten hat. Den dortigen Blättern zufolge hatte dieses Komitee unter anderem die Prügelstrafe für jüdische Bürger eingeführt, seine; Requisitionen hauptsächlich' bei den jüdischen Wohltätigkeitsvereinen vorgenommen und durch seine Wachmannschaften die jüdischen Käufer und Käuferinnen beim Zutritt zu den behördlich beaufsichtigten Bäckerladen beschränkt — Einer ergänzenden Mitteilung zufolge betraf die Auflösungsmaßregel nur das Gouvemements-Zentralbürgeikomitee, nicht das städtische. _JÜDISCHE ZEITUNG_ Soeben bringen die Wiener Zeitungen vom 20. dieses die Bekanntmachung des Gouver - neurs, welche eine geplante Kundgebung gegen das Bürgerkomitee verbietet. Schade, daß nicht auch angegeben ist, von wem diese Kundgebung geplant war. * Auf die Beglückwünschung seitens eines Wiener Juden namens Philipp an den neuemannten deutschen Gouverneur von Warschau, General von iE t z d o r f, die u. a. auch der Hoffnung Ausdruck verlieh, daß unter deutscher Verwaltung auch den Juden ein besseres Los beschieden dein Wird, antwortete derselbe — der „Oesterr. Wochenschrift“ Zufolge — mit folgendem Schreiben: Warschau, 1. September 1915. Sehr geehrter Herr Philipp! Idi danke ' Ihnen verbindlichst für Ihren freundlichen Glückwunsch und kann Ihnen die Versicherung geben, daß Ihre Erwartungen nicht getäuscht werden. Hochachtungsvoll, ergebenst Ulrich von Etzdorf, General d. Inf. u. Gouverneur von Warschau. * Dieser Tage fand in Warschau die zweite Versammlung von Pädagogen, Schriftstellern und Vorstehern jüdischer Vereine statt, die sich mit der Frage der jüdischen Volksschule im Zusammenhang mit dem' Beschluß des Bürgerkomitees, den Schulzwang in Warschau einzuführen, befaßte. Es wurde folgendes einstimmig beschlossen: 1. Der Schulzwang .muß für die Gesamtbevölkerung, also auch fiir die jüdische obligatorisch sein. 2. Ueber Programm, Organisierung und Leitung der jüdischen Schulen bestimmt die jüdische Bevölkerung allein. 3. Zu diesem Zweck ist ein von der gesamten jüdischen Bevölkerung gewählter Schulrat zu schaffen. Die gegenwärtigen Vertreter der jüdischen Gemeinde und der Bildungsabteilung beim Bürgerkomitee können nicht die Ansichten der jüdischen Gesellschaft vertreten, da sie dem jüdischen Volke fremd gegenüberstehen. 4. Die Erhaltung der jüdischen Schulen hat auf Kosten der Stadt zu geschehen. Zur Beratung über die internen Schulfragen wird noch eine dritte Versammlung einberufen werden. Auch die maßgebenden chassidis’chen Kreise haben eine Beratung abgehalten. Zweck dieser Versammlung war, sich über Maßnahmen zur Erhaltung des Cheders klar zu werden. Es würden jedoch .vorläufig keine bestimmten Beschlüsse" gezeitigt. # Ueber das vorgesehene Fleisch'monopol in Warschau schreibt der dortige „Moment“ unterm 27. August: Die ganze Organisation deS Monopols1 in Warschau soll in den Händen der Lebensmittelabteilung des Bürgerkomitees liegen, in dem sich kein Jude befindet. Deswegen ist gar nicht zu ersehen. Wie es mit dem Schächten werden soll und mit der Verteilung der koscheren Stücke (der vordersten) für die Juden und die treifen (untersten) für die Nichtjuden. Ueberdies ist wohl zu beachten, daß bis jetzt über 1000 jüdische Familien in Warschau vom Fleischhandel gelebt haben. Allein an Koscherfleisch-Läden gibt es 600. Jetzt Will dais| Bürgerkömitee erstens die Ochsen selber schlachten und den jüdischen Schlächtern FleiSdb verkaufen, und zweitens die Zahl der Läden von 600 auf höchstens 50 beschränken! Dabei ist zu bemerken: In Lodz besteht daS Fleischmonopol schon und ruht auf ganz anderen Grundlagen, als wie es der Vorsitzende der Lebensmittelabteilung des BürgerkbmiteeS, Herr Pietroschkewicz, in Warschau plant.“ * * Auf der Jahresversammlung der Petersburger jüdischen Gemeinde berichtete der Vorsitzende, daß die Gemeinde unter ihrem Namen ein Feldhospital gründete, das aus 200 Betten für verwundete und kranke Soldaten besteht, ferner ein Hospital für verwundete und kranke Soldaten, welche vom Schlachtfelde direkt nach Petersburg gebracht werden. Die Gemeinde gründete auch Komitees zur Unterstützung der Familien jüdischer Reservisten in Petersburg und der umliegenden Gouvernements, dann für jene Juden, welche anläßlich des Krieges) Nf. 38/39 gezwungen waren, aus dem Auslande zu fliehen und nach Rußland zurückzukehren, wie auch im Allgemeinen für die Unterstützung der jüdischen Kriegsopfer. Die Petersburger jüdische Gemeinde sandte auch Liebesgaben an die Armee, für welche sie über 4000 Dankschreiben erhielt. Sämtliche Hospitäler und Komitees wurden noch zu Beginn des Krieges gegründet und die Petersburger jüdische Gemeinde gab dafür über 1,500.000 Kronen aus. * In der Petersburger PreSse erschien ein Aufruf, unterzeichnet vom Bürgermeister Grafen Tolstoi, dem liberalen Dumam'itglied Schingarew, Maxim Gorki und a.ideren, in dem vorgeschlagen wird, eine Vereinigung zu bilden, um die physische Not der vom Kriege leidenden Juden zu lindern und ihnen Genugtuung für die moralischen Kränkungen, die sie ertragen mußten, zu geben. * Die Stadt W i t e b s k ist überfüllt von Zehntausenden jüdischer Flüchtlinge aus Wilna, Dünaburg, Riga, Jakobstadt und anderen Städten. Es gibt weder eine freie Wohnung noch irgend ein mietbares möbliertes Zimmer. Bis 1. August flüchteten über 40.000 Juden nach Witebsk. * Ungeachtet der Abschaffung des .„Ansiedlungsrayons“ veranstaltete die Charkow er Polizei dieser Tage einen Ueberfall („Ablawa“) auf die dortigen jüdischen Flüchtlinge. In der Nacht wurden die Wohnungen der heimatlosen Juden aufgesucht und den Juden die Dokumente abgenommen. * Wenige Tage vor der Eroberung Kovvnos durch die Deutschen sandte der dortige Gouverneur Soldaten-Patrouillen in alle Stadtteile aus,- um die Chaluka-Büchsen für Rabbi „MeTr baal-haneß“ aus allen jüdischen Häusern zu entfernen. Die dortigen Polen hatten nämlich denunziert, diese Geldsammlungen wären für die Deutschen bestimmt. * Das Bürgerkomitee in B j e 1 o s' t o k besteht aus 40 Personen, 20 Christen und 20 Juden. Sämtliche Bekanntmachungen der deutschne Behörden erscheinen in deutscher, polnischer und jüdischer Sprache. * In der Sitzung der Haushaltungskommis'sion des deutschen Reichstages kam auch der von zwei Seiten eingebrachte Antrag, den jüdischen Feldgeistlichen die gleiche Aufwandsentschädigung wie den Feldgeistlichen der christlichen Konfessionen ■ zuzubilligen, zur Sprache. Es' wurde vom Regierungstisch erklärt, daß diese Angelegenheit voraussichtlich einee befriedigende Lösung finden werde. Im Plenum des Reichstages, in der 19. Sitzung vom 26. August, ist dann einstimmig eine entsprechende Resolution angenommen worden. # In Berlin ist der Gedanke aufgetaucht, eine kleine Synagoge zum ewigen Andenken an die im Kriege fürs Vaterland gefallenen tapferen Soldaten zu errichten. Der Plan findet in vielen Kreisen warme Sympathien. * Der „Statistischen Korrespondenz“ des Kgl. Statistischen Landesamts Berlin entnehmen wir: Von den Besuchern der höheren Lehranstalten für die männliche Jugend waren im Winter 1913—14 5.7 Prozent Juden, also mehr als1 dem Prozentsatz der jüdischen Gesämtbevölkerung Preußens entspricht. Die Gymnasien und Progymnasien besuchten 7266 6.2 Prozent, die Realgymnasien und Realprogymnasien 4273 6.0 Prozent, die Oberrealschulen 2004 3.8 Prozent, die Realschulen 2324 6.5 Prozent Juden. Von den Schülerinnen der höheren Lehranstalten für die weibliche Jugend waren im Winter 1913—14 in den Lyceen 10.509 7.2 Prozent, in den Oberlyceen 223 2.4 Prozent, in den Studienanstalten der gymnasialen Richtung 45 11.1 Prozent, der realgymnasialen Richtung 429 11.5 Prozent, der Oberrealschulrichtung 52 17 Prozent, in höheren „Schulen aller Richtungen zusammen 11.258 7.0 Prozent Jüdinnen, auch hier mehr als der jüdischen Bevölkerungsziffer entspricht, ein Zeichen jüdischen Bildungsstrebens. ♦ Im Jahre 1913 stellte sich in Preußen die Bewegung der jüdischen Bevölkerung wie folgt: geboren aus jüdischen Ehen 5661 (davon 164 ZIVNOSTENSKA BANKA FILIALE WIEN l., Herrengasse 12 Wechselstuben in Wien: I., Graben 15, I., Herreng. 12, II., Praterstr. 24, III., Land Straße Hauptstr. '88, IV., Favoritenstr. 4, V., Margaretenstr. 71, VI., Gumpendorferstr. 100, VII., Mariahilferstr. 84, VIII., Josefstädterstr. 103, IX., Porzellangasse 9, X., Favoritenstr. 95, XII. Meidlinger Hauptstr. 15, _XXL, Am Spitz 15._ Kulante Besorgung aller Bank« und Börsentransaktionen. Aktienkapital u. Reserven: über K 103 Millionen. EINLAGEN ’23L°L auf Biichel V “ l° Zentrale in Prag, gegründet 1868." Filialen: Brünn, Budweis, Friedek-Mistek, Iglau, Karlsbad, Klattau, Königgrätz, Krakau, Lern berg, Melnik, Olmütz, Mährisch-Ostrau, Pardubitz, Pilsen, Pisek, Prossnitz, Reichenberg, Tabor, Triest. Stahlkammer mit vermietbaren Safes Abonnement von K 7.— an.