Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 38-39 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3S/3§_JÜDISCHE ZEITUNG_Seite 3 Bundsdiau. Favoriten und Kolin. Der Krieg hat in manchen jüdischen, namentlich assimilatorisch gesinnten Kreisen eine heillose Verwirrung hervorgerufen. Es ist ganz merkwürdig: Währenddem der Weltkrieg und seine Begleiterscheinungen vielen Juden die Augen geöffnet und ihnen den Weg zum eigenen Volke gewiesen haben, hat er manchen Assimilanten des einzigen Haltes beraubt und ihn in seiner Bestrebung, im Schoße einer fremden Nation unterzugehen, nur noch befestigt. Wir führen bloß zwei Beispiele an. Die sind durchaus nicht von weittragender Bedeutung, charakterisieren aber umso deutlicher die rückgratlose Assimilation. Fall eins: ln einem Wiener Bethaus — es war in Favoriten — wurde am Kaisers Geburtstag die Mannschaft eines Truppenkörpers zum Festgottesdienst erwartet. Da die Gemeinde eine Stunde vergebens gewartet hatte, meinte einer der Herren Bethausvorstände, die Mannschaft sei wahrscheinlich in die Kirche gegangen. Er wurde aufmerksam gemacht, daß dies nicht der Fall sein könnte, da auf .Befehl des Militärkommandos die jüdischen Soldaten in den Tempel zu führen seien. Der Herr Bethausvorstand geriet hierauf in Zorn und schrie ganz außer sich: „Ach was Tempel! Wir sind jetzt im Krieg), alle Unterschiede haben aufgehört, die jüdische Mannschaft soll daher nicht in den Tempel, sondern mit den übrigen Soldaten in die Kirche gehen. Sie darf nicht abgesondert werden!“ Fall zwei: Vor einiger Zeit hatte die K o 1 i n e r Chewrah-Kadischa unter Zustimmung des Kultuspräsidenten den Beschluß gefaßt, für gefallene jüdische Soldaten auf dem jüdischen Friedhof ein Ehrengrab zu reservieren und auf Kosten der Chewrah ein Grabdenkmal zu errichten. Kurz nachher h'at sich ein Statthaltereibeamter in den Kopf gesetzt, auf dem städtischen christlichen Friedhöfe in Kolin eine Heldengrabstätte für Krieger ohne Unterschied der Nation und Konfession zu schaffen. Als der Kultuspräsident, dem die Wahrung der jüdischen Interessen an vertraut ist, erfuhr, daß die Sache von einem Statthaltereibeamten ausgehe, fiel er sofort u im und trat, Wiewohl er früher von dem Projekt der Chewrah ganz begeistert war, mit Feuereifer für das Projekt eines gemeinsamen Grabes auf dem städtischen christlichen Friedhof ein. Allein die Chewrah-Kadische verharrte ■— vomOrtSrabbiner unterstützt — weiter auf ihrem Standpunkte und betrat nun im Einvernehmen mit dem Zionistischen Zentralkomitee in Wien den gesetzlichen B e sch werdeweg, um ihres guten Rechtes, gefallene jüdische Helden auf dem jüdischen Friedhofe zur ewigen Ruhe zu bestatten, nicht verlustig zu gehen. Fürwahr, der Favoritner Bethausvorstand und der Koliner Kultuspräsident, diese beiden Vertreter des offiziellen Judentums, bilden ein würdiges Paar! L. B. * * * Das „litauische Jerusalem.“ Nach den größeren und kleineren jüdischen Zentren in Rußland wurde nunmehr auch Wilna von den Deutschen erobert. Schön die große, etwa 100.000 Seelen betragende jüdische Bevölkerung (von ca. 180.000 Seelen überhaupt), macht Menachem lachte: „Ihr wollt einen Juden schrecken mit der Hölle? Dort foltert man auch, aber man verspottet wenigstens die Gefolterten nicht. Ein '.Jude hat so wenig Furcht vor der Hölle, wie der Nasse vor dem Wasser.“ Menachem, den Lästernden, haben wir mitgenommen, als wir weiterzogen. Er möge liegen unter Juden, auf dem jüdischen Friedhofe. Am vierten Tage kam die Hungersnot. Wir hatten zwar auch die ersten Tage gehungert und das ganze Brot den Kindern gegeben; jetzt aber war auch für-die Kinder keines mehr da. Mit vertrockneten Lippen und brennenden Augen schrien sie, sich an der Mutter Hände klammernd: ,;Mutter, gieb uns ein Stück Brot!“ Aber es war nichts da. Kein Bröckchen. Ein Weinen und Jammern war’s, wie an Babels Wassern. Die Kinder weinten, weil sie hungrig waren; wir, weil wir ihre Qualen mit ansehen mußten. So legten wir uns hungernd nieder. Muß ich versichern, daß wir nicht schliefen. Einer drückte sich an den anderen, unsere Seufzer flogen gen Himmel, doch der hörte sie nicht. . . Mitten in der Nacht hörten wir das Geräusch eines) auf uns zukommenden Eisenbahnfür uns die Eroberung dieser Stadt und die Befreiung derselben vom Zarenjoche, unter dem sie seit 1795 schmachtete, zum bedeutungsvollen Ereignis. Wilna wird bekanntlich das „Jerusalem Litauens“ genannt und dort pulsiert reges jüdisches Leben. Dort lebte und wirkte der hervorragende Rabbi Elijah u, bekannt unter dem Namen „Der Wilnaer Gaon“. Aus den dortigen Rabbinerschulen ging eine große Anzahl berühmter Rabbiner hervor. Die Wilnaer hebräischen Druckereien und Talmudausgaben sind weltberühmt. Es bestehen dort viele jüdische Kulturelle- und Wohlfahrtsinstitutionen und 182 jüdische Unterrichtsanstalten. Auch die moderne hebräische Wissenschaft fand in Wilna große Entwicklungsmöglichkeiten. Neben Warschau und Odessa, besitzt auch Wilna eine bedeutende jüdische Presse und Verlagsgesellschaften. Wilna war auch eine längere Zeit hindurch der Sitz des Zionistischen Zentralkomitees für Rußland und dort erschien mehrere Jahre das zionistische Organ in hebräischer Sprache „Haolam“. Dieser Ort spielte auch in der Haskalahbewegung und im Kampfe gegen den Chassidismus eine wichtige Rolle. * * » Der Krug und der Stein. Die feinsinnige talmudische Parabel vom Krug, der ebenso bricht, wenn er auf den Stein fällt, Wie (wenn der Stein auf den Krug einschlägt, paßt ausgezeichnet auf die jetzige Lage der Warschauer Juden in Betreff der Schulfrage. Wir befaßten uns jüngst mit der „leichten Lösung des schweren Schulproblems“ seitens des ..Bürgerkomitees in Warschau, das bekanntlich die Juden vom Schulzwange ausschließt, dagegen die Einführung der polnischen Sprache in den jüdischen Schulen verlangt. Nun erließ die deutsche Militärgewalt eine Schulverordnung für die von den Deutschen besetzten Gebiete Polens, also auch für Warschau, wonach die allgemeine Schulpflicht für die gesamte Bevölkerung, die jüdische inbegriffen, eingeführt wird. Die Schulen werden durch allgemeine Steuern erhalten. Unterrichtssprache ist in den polnischen Schulen polnisch) und in den deutschen und jüdischen Schulen deutsch. Wenn auch die Verordnung der deutschen Militärgewalt gegenüber den Beschlüssen des Warschauer Bürgerkomitees einen erfreulichen Fortschritt aufweist, indem sie die Dotierung der jüdischen Schulen, deren weiteres Bestehen infolge der Ausdehnung der Schulpflicht auch auf die Juden geradezu unerläßlich wurde, aus allgemeinen Mitteln vorsieht, bedeutet sie noch immer nicht eine allseitige Befriedigung der jüdischen Wünsche. In einem Punkte ist sie sogar geeignet, bei der jüdischen Bevölkerung die höchste Beunruhigung hervorzurufen: Wir meinen nämlich die zwangsweise Einführung der deutschen Unterrichtssprache in den jüdischen Elementarschulen. Hat doch die nationalgesinnte Judenschaft Polens nicht aus Abneigung oder gar aus Haß zum Polent u m die polnischen Assimilationstendenzen bekämpft, und kann die langjährige jüdisch-nationale Erziehungsarbeit doch unmöglich dazu gedient haben, den Boden für die Germanisier u n g der jüdischen Jugend vorzubereiten. Es besteht wohl zwischen Deutschen und Juden eine Sprach- und Interessengemeinschaft, diese darf jedoch nicht einseitig und zum Schaden der Juden ausgenützt werden. Hoffentlich werden die Deutschen dies Schließlich emsehen und diesen Punkt entsprechend modifizieren. M. H. zugs — wir lagen nicht weit von der Linie entfernt. Alles srtürzte auf ihn zu und rief: Brot! Brot! Viele legten sich auf die Schienen, um den Zug aufzuhalten; doch der hielt plötzlich, die Reisenden blickten durch’s Fenster, und man warf Stücke Brot heraus, die wir gierig auflasen und den Kindern gaben. Es wurde uns schwer, o wie schwer um’s Herz. Jeder beneidete Menachem, der im Grabe lag, dem es besser war als uns. Am fünften Tage sahen wir die Stadt, der unsere Blicke und Seufzer entgegengeflogen waren. Die Freude gab uns neue Kräfte und wir liefen voraus. In den Straßen trafen wir unsere Brüder. Alle Tage gab man uns jetzt ein Stück Brot und den Kindern sogar etwas Milch. Groß und barmherzig ist der Herr, der sein Volk Israel nicht verläßt. * * Geschrieben im Jahre 5675 nach Erschaffung der Welt, 1846 nach der Zerstörung Jerusalems. — — — — — — — Hiermit enden die Aufzeichnungen des Joseph ben Jebuda. („'Die Jüdische Presse.“) Halästina&ief. (Die Zahl der Juden. — Die wirtschaftliche Lage. — Das hebräische Schuhverk.}; Die Zahl der Juden. Seit Ausbruch des Krieges haben rund 8000 Juden Palästina verlassen, davon 4000 aus Jaffa, zC00 aus Jerusalem, 1500 aus den judäischen Kolonien und 500 aus Galiläa. Die Zahl der im Lande verbliebenen und fast sämtlich ottomanisierten Juden beträgt 88.000. Davon leben 13.500 in den Kolonien. Die wirtschaftliche Lage. Für die Orangenanleihe hat die englische Regierung dem JC’l und der APC die anfänglich verweigerte Erlaubnis doch erteilt, sodaß die Orangen anleihe in der vollen Höhe von Frs. 60Q.0UÜ zustande gekommen ist. Die ersten Raten sind bereits ausgezahlt worden. Die Heuschrecken haben endlich Palästina verlassen. Man ist daher imstande, den Schaden zu übersehen. Nach einer detaillierten Aufstellung des Palästina-Amtes beläuft er sich in den jüdischen Kolonien auf Frs. 3,400.000, wobei Judäa, das ja vor allem Pflanzungen hat, schwerer gelitten hat als Samaria und Galiläa, die vorzüglich Körnerbau betreiben. Besonders schwer haben die Orangengärten gelitten, bei denen der Schaden allein über iy2 Million Frs. beträgt. Der Mangel an Nahrungsmitteln ist infolge der dauernden Absperrung Palästinas von der überseeischen Zufuhr in weiterem Steigen begriffen. Eine Hungersnot ist allerdings glücklicherweise nicht zu befürchten, da die Getrei-? deernte recht gut ausgefallen ist und ihr auch die Heuschrecken keinen allzu erheblichen Schaden zugefügt haben. Die Farmen des Jüdischen Nationalfonds tragen mit ihrem ausgedehnten Körnerbau sehr viel dazu bei, dieses äußerste Unglück von Palästina femzuhalten. Hier und da wird auch die Einfuhr gewisser Nahrungsmittel aus Aegypten von den Behörden gestattet. Es ist auch glücklicherweise wieder möglich, Geld von Aegypten aus nach Palästina zu schicken, während man eine Zeit lang ausschließlich auf den Weg über Konstantinopei angewiesen war. Das hebräische Schulwerk. Trotz aller wirtschaftlicher Not konnte das hebräische Schulwerk intakt erhalten und, soweit erforderlich, die anderen hebräischen Schulen im Lande unterstützt Werden. An unseren Schulen wurden im Sommersemester 1120 Schüler von 86 Lehrern unterrichtet, während an den anderen, von der zionistischen Organisation subventionierten hebräischen Schulen sicht 1990 Schüler und 101 Lehrer befanden. Die Gesamtsumme der Schüler am' hebräischen Schuhverk in Palästina beträgt also: 3110 Schüler und ein Lehrerpersonal von 187 Lehrern. Hierzu treten noch die sämtlichen Kolonieschulen und sonstigen hebräischen Volksschulen, deren Sdiülerzahl uns nicht bekannt ist. Im einzelnen geben wir Ihnen noch folgende Ziffern: In Jerusalem befinden sich auf unseren Schulen 776 Schüler und 59 Lehrer, auf den von uns subventionierten Schulen 554 Schüler und 31 Lehrer. In Jaffa, wo das uns nicht direkt unter-i stehende Schuhverk schon immer stark entwikkelt war, befinden sich auf unseren eigenen Schulen 190 Schüler und 14 Lehrer, an den von uns subventionierten Schulen 770 Schüler und 47 Lehrer. In Haifa haben wir 154 Schüler und 13 Lehrer. Hierzu kommen die Schüler der von uns unterstützten Schulen in Saffed (180 Schüler), Hebron (100 Schüler), Tiberias (50 Schüler), sowie in den Kolonien Rechoboth, Rischon le Zion und Gedera, in denen .sich im ganzen 350 Schüler und 11 Lehrer befinden. flbgeorftiefer Dr. Strauber Bier Die ubra'nia&e Enge. Die „Ukrainischen Nachrichten“ vom 4. September d. J. veröffentlichen eine Unterredung ihres Mitarbeiters mit Abg. Dr. Straucher, die im folgendem gipfelte: Als Sohn des jüdischen Volkes, das für die wirkliche Emanzipation der Völker in nationaler, politischer, sozialer sowie wirtschaftlicher Richtung und für die uneingeschränkte Gleichbea rechtigung aller Volksstämme kämpft, empfinde ich warme Sympathien für den Befreiungskampf des ukrainischen Volkes, das ja vielfach dieselben Gegner besitzt wie wir Juden. Speziell begrüße ich als nationaler Jude, Oesterreicher und Kulturmensch die Bestrebungen des „Bundes zur Befreiung der Ukraina vom russischen Joch“. Wir Nationaljuden haben ein ganz beson- □ □□□ □ □□□ Gesinnungsgenossen! Abonniert die Fordert in allen öffentlichen Lokalen die „Jüdische □cma □ □□□