Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 38-39 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr, 38/39 Nur nidit so selbsfuepslänölidi tun! der, Italiener und Deutsche geworden sind. Oder glaubt er, sich um diese Ungläubigen nicht kümmern zu müssen? Auch gut. Aber dann wird er doch wenigstens nicht übersehen dürfen, daß die Assimilation dort angeblich schon vollzogen ist, Während sie im polnisch-jüdischen Falle nach seinem eigenen Zugeständnis erst der Erledigung harrt. Und er wird nicht leugnen können, daß sich aus diesem Unterschiede die Notwendigkeit ergibt, zu prüfen, ob der eine Fall und jene anderen Fälle wirklich kongruent sind. Wir laden ihn zu dieser Prüfung ein und hoffen, daß er dieser Einladung umso eher Folge leisten wird, als wir ihm gleich im voraus die Hälfte der Arbeit, nämlich die Untersuchung, erlassen, ob bei den Polen ein aktiver Asäimilationswille gegenüber den Juden wenigstens in dem Grade vorhanden ist, wie bei den Franzosen, Engländern, Italienern und Deutschen1.! Mögen wir selbst aus Geschichte und Leben! die Ueberzeugung gewonnen haben, daß dies nicht der Fall ist und daß es Sich bei den entsprechenden polnischen Kundgebungen nur um vorübergehende Stimmungen kleiner Kreise und noch öfter nur um taktische Zwecke der Tagespolitik handelt — wir wollen ihm nicht zumuten, uns unsere Auslegung seiner und seines Volkes Psychik zu bestätigen, — selbst für den Fall, als er innerlich versucht sein sollte, es zu tun. Wir wollen nur, daß er uns dort anhöre, unseren Gedankengängen dort folge, wo es sich um unsere Psychik und um die äußeren Verhältnisse handelt, die mit dieser zusammen die wichtigsten Voraussetzungen unserer notwendigen Entwicklung darstellen. Auf diesem1 Gebiete sind, möchten wir meinen, wir wohl in erster Linie zu fragen, — ratsamer Weise vielleicht auch von denen, die ein Recht zu haben glauben, über uns zu verfügen. Zunächst möchten wir Herrn Ritter v. Jaworski bitten, darauf zu achten, daß er selbst1 von der Assimilierung der jüdischen Massen spricht. Ist es ihm nun gar nicht aufgefallen, daß in den Fällen, die er als AssimilierungSmuster anführt, das Problem nicht auf Massen gestellt ist? Sollte er. wirklich nicht den Ver-t dacht hegen, daß es um die Assimilierung jüdischer Städte, — in denen es Straßenzüge gibt, die mehr jüdische Einwohner haben, als das ganze Königreich Italien zusammengenom1men, — doch ganz anders stehen müsse als um1 die Assimilierung sporadischer Klein- und Zwerggemeinden? Und wie ist es denn mit dem' wirtschaftlichem Beigeschmack, der dem' Wort Masse anhaftet und der gerade in diesem Falle offenbar von ihm selber auch empfunden wird? Kann es ihm wirklich entgehen, daß die klein- und kleinstbürgerlichen sowie proletarischen Ostjuden der Assimilationsversuchung ganz anders widerstehen müssen als seinerzeit die gutbürgerlichen deutschen Juden, für die die AsSi-1 milation auch eine wirtschaftliche Lockung bedeutete? Schließlich und gar nicht so nebenbei: Wie ist es nur möglich, daß ihn keine Gänsehaut bei dem Gedanken an die funktionelle Unruhe überläuft, die seinem "Volke droht, wenn in dessen geistige Blutbahn das' Geistesblut einer ganzen Masse mit bislang fremder, durch viele vorausgegangene Jahrtausende anders entwickelter Psvche eingeführt wird? Oder soll man annehmen, daß ihm' die Sache vielleicht selbst gar nicht so geheuer vorkommt und er sich nur in sie hkiem redet, weil er1 keinen anderen Ausweg hat? Denn das verrät ja jedes seiner Worte, daß er den neuen und zukunftsreichen Orientierungen in den Fragen des Verhältnisses von Nation und Staat, sowie der Beziehungen zweie' Nationen auf demselben Boden jungfräulich hilflos gegenübersteht. Er kann sich’s augenscheinlich gar nicht vorstellen, wie zwei Völker als solche Zusammenleben sollen, ohne daß das eine das andere national auffrißt, und daß Verschiedenheiten besser durch nationale Autonomie als durch die Autokratie eines Volkes zur nützlichen Staatsgemeinschaft vereinigt werden. - Was bleibt ihm denn also anderes übrig; als die Wand nicht sehen zlc wollen, gegen die er mit dem Kopfe anrennt? Freilich müßte er andererseits auch ohne alle neuen Orientierungen etwas stutzig werden. Einfach nur aus der nationalen Betrachtungsweise und der Geschichte der letzten Jahrzehnte heraus. In einer Zeit, wo nationale Selbstbehauptung geradezu allgemein menschliches Regulativ geworden ist, muß gerade der Realpolitiker, der Herr v. Jaworski doch' Sicherlich sein will, nach dem Rezepte des Realstrategen R adetz'ky darauf gefaßt sein, daß die anderen auch schießen. Mögen die Juden nach seinen Theorien irren, .wenn sie ihr fortgesetztes Dasein den Polen gegenüber etwa sö behaupten wollen, wie dies die Polen So lange und go tragisch gegenüber den RuSsen behaupteten — aber er muß darauf gefaßt sein, daß Sie es tun, und muß es ruhig in Rechnung stellen. Oder könnte es ihm wirklich allen Ernstes einfallen, zu glauben, das jüdische Volk werde ewig Zusehen, wie etwa die Letten und ESthen, oder die Albaner und Montenegriner um ihre grünen Volkstümer besorgt sind, selber aber niemals auf den Gedanken und zur Empfindung kommen, daß es doch zumindest eben soviel Recht aufs Leben habe, wie diese ehrenwerten Völkerschaften?; Und wenn es auch wahr ist, daß ' bei den Juden des Westens eine Lockerung ihres jüdischen Gefüges eingetreten ist, — von wirklicher, gründlicher Assimilation ist ja auch noch lange keine Rede, — was beweist dies für die AssimilationSneigung und die Assimilationspflicht der Ostjuden? Ist die nationale Selbstbesinnung deshalb eine allgemein anerkannte Menschenpflicht geworden, damit sich die großen Massen des jüdischen Volkes, die sich'den Vollbesitz ihrer nationalen Eigenart bewahrt haben, ohne alle - Nötigung nur deshalb auf Selbstschwächungsmethoden einlassen, weil einige Gruppen des Volkes in verflossenen Tagen, unter anderen Konstellationen schwach geworden sind? Das wird nie und nimmer geschehen! Und möge sich’s Herr von Jaworski gesagt sein lassen: Wenn ihm die Assimilation Selbstverständlichkeit und die Gleichberechtigung mit einem deutlichen „Wenn“ versehen ist, — uns ist die Gleichberechtigung Selbstverständlichkeit und der jüdische Lebenswille Alles. Wir werden dem allfälligen polnischen Vaterlande geben, was des Vaterlandes ist;, niemals aber einem andern Volke unsere Seele, und mag es auch wieder zum Staatsvolk vorrücken. Wir sind des alten Gaukelspieles, das mit uns getrieben wird, indem man hexenm'eisterlich die Begriffe Staat und Volk durcheinanderwirbelte, herzlich müde. Wir sehen durchaus nicht mehr ein, warum die Polen mehr Recht haben sollten, die Polonisierung unserer jüdischen Massen, als wir etwa die Judaisierung der polnischen Minderheiten in den jüdischen Städten zu fordern. Wir sehen durchaus nicht ein, warum gerade wir zur höheren Ehre verschiedener Nationen verschwinden sollen? Wir wollen wirklich nicht länger den verrenkten Witz einer Epoche von Mißverständnissen selber weiter kolportieren, in dem wir, — das Bibelvolk, das ältesfte und ausgeprägteste unter den weißen Völkern, ..das Volk mit den ragendsten Kulturdenkmälern und mit Lebenskraft wie kein zweites', — auf unser Dasein verzichten. Nein! Da Sind wir und da bleiben wir! Und Wer sich einbildet, daß es wirklich gelingen kann, uns zu Tode zu foppen, der wird sich seine spätere Enttäuschung selber zuzuschreiben haben. Dr. Nathan Birnbaum. Herr Ritter v. Jaworski hat sich in einer in Petrfkau erscheinenden Zeitung über die polnisch-jüdischen Beziehungen vernehmen lassen. Er hat dabei nichts vorgebracht, was wir nicht schon dutzendemale, besser und schlechter, von Männern der polnischen Oeffentlichkeit gehört ■ haben. Aber daß es eben er ist, der es sagt, er — der Präsident des Obersten Polnische« Nationalkomitees, daß. er es in dieser Zeit sagt und schließlich der manifestartige, fördernde Ton, den er anschlägt, alles das nötigt ung, bei seiner Kundgebung denn doch ein wenig zu verweilen. Dabei können und wollen wir hier nicht die ganze polnisch-jüdische Frage aufrollen. Wir müssen es uns versagen, auf „Die Verschärfung der polnisch-jüdischen Beziehungen“, die er in dankenswerter Weise auch für das aufhorchende Nichtpolen feststellt, näher einzugehen, etwa zu untersuchen, welchen Grades die erreichte Schärfe isL Auch wollen wir hier nicht die Ursache überprüfen, die Herr v. Jaworski für diese Gestaltung des Verhältnisses anführt. Es ist ja nur selbstverständlich, daß e r die Urschuld nur dem russischen Institut des jüdischen Ansiedlungsgebietes und die nähere Verschuldung der angeblichen hypemationalistischen Agitation angeblich der eingewanderten litwakischen Juden aufbürdet. Noch weniger natürlich können wir uns mit der Frage befassen, ob und inwieweit der Zukunftshintergrund, der Herr v. Jaworski bei seinen Auslassungen offenbar vorschWebt, — das „Wiedergeborene Polen“ — im Augenblicke schon keimt. (Wir werden uns hüten, für Rechnung anderer mit der Zensur zu tun zu kriegen!) Genug, wenn wir feststellen, daß mit den hochgespannten Erwartungen des Obmanns des Obersten Polnischen Nationalkomitees die Bestimmtheit gleichen Schritt hält, mit der er sich1, gnädig gewährend und etwas weniger gnädig fordernd, an die Juden wendet. Und genug, wenn wir auf eben diese seine Gewährungen und Forderungen mit einigen Worten ernsten Entgegenhaltens eingehen. Herr v. Jaworski will an die alte polnische Traditionen in der Judenfrage anknüpfen. Er wäll, daß die Juden Gleichberechtigung erhalten und daß ihnen die Möglichkeit geboten werde, aus ihrer jetztigen verzweifelten wirtschaftlichen Lage herauszukommen. Die antisemitische Lösung in welcher Form immer soll ausgeschlossen sein. Nur durch eine deutliche und entschiedene Zusicherung, daß sich ein wiedergeborenes Polen von allen Schikanen und Verfolgungen ferne halten wird, könne, meint er, die Grundlage zur Assimilierung der jüdischen Massen geschaffen werden. Um diese Assimilierung zeigt er sich besonders besorgt. „Von den Juden, — so schließt er seine Ausführungen — müssen wir gleichzeitig und mit vollem Nachdruck verlangen, daß sie treue Bürger des Landes werden, daß sie in seinem Interesise handeln und daß sie sich um seine Entwicklung kümmern. Das wird aber nur dann geschehen können, wenn Polen den Juden den Zugang zu den Quellen des Erwerbes und der Kultur eröffnet. So wie die Juden im Westen gute Franzosen, Engländer, Italiener und Deutsche geworden sind, haben wir das Recht von unseren Juden zu fordern, daß sie gute Polen und gewissenhafte Bürger Polens seien.“ Herr von Jaworski scheint zuvörderst ganz zu vergessen, daß es recht viele Leute — sowohl unter Juden, als unter Nichtjuden (wenn ■wir nicht irren, selbst unter den Polen) — gibt, die selbst von den französischen, englischen, italienischen und deutschen Juden nicht glauben, daß sie so ganz waschechte Franzosen, Englänmußten schlafen. Wir suchten ein trockenes Plätzchen für sie aus und gaben ihnen unsere warmen Sachen, die sie um der Kinder Willen nehmen mußten. Nur eine, Channa, die schwarze Krämerin, sträubte sich mit aller Kraft, und da man sie bat und flehte, sprach sie mit feierlicher Stimme: Ich habe zwei Söhne im'Krieg, sie liegen in den Schützengräben und frieren, warum soll ichs besser haben wie meine Söhne? Sie leiden, so will auch ich leiden! In der Nacht geschah etwas sehr Trauriges. Jakob Winsstocks Frau Rahel ist gestorben. An dem Tag, an dem Wir die Stadt verlassen mußten, hatte sie einen Knaben geboren. Wir konnten die Wöchnerin nicht zu Fuß gehen lassen; wir haben sie getragen und der Vater sein Kind. Die ganze Nacht hatte Rahei gestöhnt und geklagt über Schmerzen im Leib und wir hatten ihr nicht helfen können. Und nun war sie gestorben. Zwei Frauen — beide hatten noch Kinder an der Brust — versprachen abwechselnd das Kleine zu nähren. Wir begruben sie unter einem Baum, der elend allein inmitten des Feldes stand, wie das Volk Israel unter den Völkern. Wir wollten einen Hügel über dem Grabe wölben, doch standen wir davon ab. Es soll nachher niemand das Grab unserer Schwester schänden, Wenn ein lüde zufällig in die Gegend gerät und sieht den Baum, so beschwöre ich ihn: er möge stehen bleiben bei dem Grabe und Kaddisch sägen. Dank und Preis dem Ewigen, daß er sie hat sterben lassen, wie eine Fromme in Israel1! Und Du, Rahel, deren Sohn jetzt bei uns ist, sei Du eine gnädige Fürsprecherin vor dem Throne der ewigen Herrlichkeit für Deine Schwestern und Brüder, für das ganze Volk Israel! Kein heiterer Morgen brach an. Kein Sonnenschein — es war, als schäme sich die'Sonne, ihre Augen zu erheben. Wir wuschen uns die Hände mit dem Wasser, das Wir aus der Stadt mitgenommen hatten, legten den Talis an und stellten uns zum Gebet Unter uns war auch die Familie eines Studierten. Der Doktor selbst War im Kriege, Weib und Kind Waren mit uns gewandert, die Kinder sahen uns erstaunt an und fragten die Mutter: „Was machen die Juden da?“ Die Mutter schämte sich und schwieg. Da kam der älteste zu mir gelaufen und fragte mich. Aber Wir konnten uns kaum verständigen; man hatte ihn alle Sprachen gelehrt — nur kein Jiddisch, und ich wieder konnte anders nicht sprechen. So gut es ging, gab ich ihm zu verstehen, daß wir beten. „Ich wil' auch beten!“ Laut und klar sprach ich ihm die heiligen Gebete vor und er sagte sie nach, ob ihm gleich der Sinn seiner Worte fremd war. Hat der Himmel auch ihn erhört? Gegen Abend wurden viele von uns Schwach und krank. Der alte Menachem setzte sich auf die Erde und .sprach: Ich kann nicht weiter: ich fühle, daß der Tod nahe ist. QeM, ich will ohne euch sterben!“ Wir trugen ihn Weiter trotz seiner Bitten, ihn dort liegen zu lassen. „Ohne mich ist es euch auch nicht leicht,“ Sagte er, „zu groß und zu schwer ist eure Last. Ihr tragt auf euren Schultern das Judenleid, drückender als dies, gibt es nichfe auf der Welt.“ Sabbath früh ist er gestorben. Vor dem Tod sprach er so zu mir: „Ich sterbe Rabbi. Ich gehe hinüber in die Welt der Wahrheit. Dort werde ich dem, der ewig lebt, erzählen, Was ich gesehen habe, wessen meine Augen Zeugen waren. Wenn dann der Himmel nicht zittern wird, werde ich wissen, daß es keinen Gott gibt.“ „Lästere nicht, Menachem!“ Schrie ich'. „In der Hölle ist’s auch nicht gut!“