Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 38-39 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JlinaCHE MUNG fl ■ ■ ■ NnTIONFIL -JUDI5EHE5 GRBflN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE|NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II, Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden | täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ ® retch-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “ B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 43.325. ■ Nr. 38/39, Wien, Mittwoch, den 22. September 1915 — 14. Tischri 5676. IX. Jahrgang. □□□□□□□□□□□□□□□□□□□ Unsere vorliegende Nummer enthält 8 Seiten. Ijeiertagshalber erscheint die nächste-Nhmmer erst Freitag, den 8. Oktober d. J. □□□□□□□□□□□□□□□DDDD Rriegsarbeit der ösferreithisdien ZionistisAeo Parteileitnag. Außer der auf allen/Gebieten der Flüchtlingsfürsorge vorbildlichen Tätigkeit des Zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich und den emsig fortschreitenden Arbeiten des „Jüdichen Kriegsarchivs“ entfaltet die vereinigte Parteileitung der westösterreichischen, galizischen und bukowinischen Zionisten, nachdem sie im vergangenen Winter durch die Schaffung des „Exekutivkomitees der österreichischen Zionisten“ ein festes Gefüge erhalten hat, ähnlich den Ausschüssen anderer österreichischer Nationalitäten eine rege Tätigkeit. Das Exekutivkomitee, dem es gleich zu Beginn seines Wirkens gelungen ist, des öfteren in Angelegenheiten der Flüchtlingsfürsorge in Einzelne und die Allgemeinheit betreffenden Fällen bei den kompetenten Behörden mit Erfolg zu intervenieren, wendet naturgemäß der wirtschaftlichen und nationalen Lage der Juden in Galizien und in den von uns besetzten Gebieten Russisch-Polens, sowie der Neueinrichtung dieser Länder seine Aufmerksamkeit zu und hat in diesem Betreffe der k. k. Regierung zwei ausführliche Denkschriften, die die Wünsche der nationalgesinnten österreichischen Judenschaft enthielten, überreicht Das ins Leben gerufene und bereits in voller Tätigkeit befindliche Schadenerhebungsbüro bildet den ersten Auftakt zu Feuilleton. Oer Leidensweg. Aus den Aufzeichnungen des Joseph ben Jehuda. Im Namen Gottes! Ich Joseph ben Jehuda, Rabbiner und Führer in Israel, schreibe diese Worte! Gott stehe mir bei, daß alles, was aus) meinem Munde 'kommt, die reine, lautere Wahrheit sei! Wir haben mit Kindern, Frauen und Greisen am Donnerstag nachmittag 2 Uhr unsere Stadt verlassen, nachdem man uns eine Frist von 3 Stunden gewährt hatte. Darum 'konnten wir nur das allemotwendigste mitnehmen, Brot, die Gebetmäntel und auch etwas warme Wäsche, denn wir wußten, daß wir die Nächte auf dem Felde verbringen müßten. Als wir die Stadt verließen, fing es heftig an zu" regnen. Und um die verstörten aufgeschredkten Herzen zu beruhigen, sprach ich also: Mein Volk Israel, sieh Wie der Himmel beweinet dein Leid! Der alte Menachem, der dieser Arbeit Das permanent tätige Exekutivkomitee hat Hand in Hand mit dem wiederbelebten „Jüdischen Nationalverein“ und teilweise — wo es die Natur der Sache erheischte — unter^Mitwirkung von der zionistisshen Partei nicht angehörenden Jüdischen Persönlichkeiten und Kreisen bereits eine ganze Reihe wichtiger Interventionen durchgeführt. Sutkotb. Einst, als jnoch Israel auf und von seiner eigenen Scholle lebte, als noch das jüdische Volk zum großen Teile sich mit Landwirtschaft befaßte und „unter seinem Weinstocke und Feigenbaum“ saß, da hatte auch' dieses Fest, wie die übrigen jüdischen Hauptfeste, das Gepräge eines Naturfestes. Dem „Frühlingsfeste“ und dem „Fest der Reife“ reihte sich wüirdig auch das „Fest des Einsammelns“ an. Ein- Naturfest und zugleich ein Freudenfest im vollsten. Sinne. Denn nichts vermag den Landmann froher una freudiger zu stimmen, als die Einhehnsung des Getreides und <tßr Früchte, als das Anfällen der Scheunen und Speicher mit den Erträgnissen seiner mühseligen Arbeit und der Segnungen der Natur. Das „Fest des Einsammelns“ — dies war zu jener Zeit nicht nur die passendste,-sie War auch die eigentliche Bezeichnung des Festes, das wir jetzt begehen. „Sukkoth“, „Laubhüttenfest“ nannte man es nur nebenbei, bloß als Erinnerung an die Zeit des Auszuges aus Aegypten, während welcher die Juden Hüttenwohnungen bezogen. Ganz anders heute. Jetzt, nach zweitausendjähriger Wanderung üm Galuth, ruft die Bezeichnung, die sich auf die Einheimsung der Ernte bezieht, nicht einmal eine blasse Erinnerung an jene weit hinter uns liegende Zeit wach, sie ist vielmehr ein leeres Wort, ohne jeglichen Inhalt. Sukkoth', das Fest der Hütten oder, wie der Talmud sich treffend ausdrückt, des „Zeitweiligen und Unsteten“ CKT? m'T) — dies ist heute nicht “nur neben mir ging, ein fromm|er, gottesfürchtiger Mann, »r ief .aber aus: Wir brauchen nicht die Tränen des Himmels, wir haben genug an den unsrigen! Soll der Himmel seine Tränen für die Glücklichen behalten, uns Unglücklichen kann er doch nicht helfen! Menachem, Menachem! rief ich mahnend aus, wie kannst du hadern mit deinem Gotte? Darauf der Alte bitter: Hiob war ein unglücklicher Mensch, aber in einem war er doch besser dran als wir — — er wurde nicht verspottet! Menachem hatte recht, und ich wußte nichts zu erwidern; die Leute, die uns begegnet waren, hatten gelacht, gehöhnt und gespottet über uns: Geht nach Palästina, dort hinter dem Wald, dort werdet Ihr das Land finden. Und sie haben uns gekränkt und verhöhnt, und doch kannten wir sie nicht, so Wie sie uns nicht kannten. Und da war einer, der fuhr vorbei in einem Wagen, und höhnte auch und spottete, doch) mit einem Male winkte er mich heran und gab die treffendste, sondern auch die einzig richtige Bezeichnung dieses Festes. Sukkoth, nicht als bloße Erinnerung an die einstigen Hütten, sondern als Fest der Baracken, der dürftigen provisorischen Quartiere, m denen Millionen unserer vom Kriege und seinen Begleiterscheinungen hart betroffenen Volksgenossen zur Stunde untergebracht sind. Sukkoth, ats Symbol 'unseres ganzen unsteten, allen äußeren Unbilden ausgesetzten Galuthlebens, dieses Scheinlebens, das!, ebenso wie die Sukkoth, alle erdenklichen Beschränkungen in bezug auf Raum, Sonne und Licht aufweist. .Sukkoth — ein Freudenfest* dürfte so mancher verwundert fragen, der in diesen zwei Begriffen einen Widerspruch zu finden glaubt. Freilich, wenn wir die Umstände berücksichtigen, unter denen wir gerade heuer dieses Fest begehen, die schweren Schicksalsschläge, die in diesem Weltkriege auf unser Volk niedersäuSen, diese vielen sukkothartigen Baracken und das gegenwärtige Galuth im Galuth1, so ist dieses» Fest nichts weniger als ein Freudenfest und unsere Stimmung alles eher denn eine heitere Feststimmung. Allein dieser Widerspruch ist nur scheinbar. Schon in der Erkenntnis!, daß dieser Zustand ein Provisorium darstellt, mit dem wir uns für die Dauer auszusöhnen nicht vermögen, schon in der Bezeichnung „Sukkoth“, liegt der Grund zur Hoffnung aut bessere, lichtere Zeiten. Hütten, provisorische Asyle, können unmöglich das Wohnhaus, die dauernde Heimstätte eines Volkes bilden. Natürlich darf und soll es nicht bei der bloßen „Negierung des Galuth“ bleiben. Die Unaussöhnlichkeit mit dem zeitweisen unhaltbaren Zustande muß vielmehr beim ganzen jüdischen Volke den Willen zur Stabilisierung und Sicherung seiner Zukunft, die aktive Mitwirkung zur Schaffung einer dauernden Heimstätte in Erez Israel auslösen. Alsdann erst werden wir den Sukkoth nicht bloß als Erinnerung an die verschiedenen Baracken und Hütten, sondern auch als Freudenfest und schließlich sogar als „Fest des Einsammelns“ wiederum feiern können. M. Henisch. mir eine Goldmünze. Ich nah'rn sie an, um ihn nicht zu reizen, doch kaum war er unseren Blicken entschwunden, da warf ich das Geld auf die Erde und beschwor die anderen .es nicht zu berühren, denn bitter ist das Brot, das man kaufen muß für Feindes Geld! Kaum waren wir einen Werst weiter gezogen, da rief hinter uns eine Stimme: bleibt stehen, Juden, um Gottes Willen bleibt stehen, ich will mit euch gehen! Es war Leiser, der Schneider; er ist schon lang nicht mehr der UnSerige, kein Jude mehr. „Was willst du denn bei uns? frage ich erstaunt, hast dich doch längst losgesagt von uns, selbst deinen Namen „Leser“ hast du umgewandelt in „Stanislaus“. Da faßte mich der Schneider bei der Hand und schrie auf: „Nein, Rabbi, ich bin Leiser. Ich bin der Eurige — stößt mich nicht von euch, Rabbi“. Und er fing an bitterlich zu weinen, ich aber küßte ihn und hieß ihn an meiner Seite bleiben. Bald senkte sich die Nacht herab, eine finstere, feuchte Nacht. Die Frauen und Kinder jSdfkaufedln Jüdischen National-Kalender 5676 Verlag R. LÖWIT, Wien, I.^Rotenturmstraße 22, Preis K 2.40, zu beziehen durch alle Buchhandlungen.