Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1915-09-17 · 37 (17.9.1915) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
37 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438521-2438558--4542-2444422
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 37 Soeben erschienen Doppelheft II—III des „Jüdischen Archivs“. Aus dem Inhalt: Das Kriegselend der Juden in Galizien und der Bukowina. — Russengreuel in Koniarno, Sedziszow, Nadworna, Lopuchow, Lutowiska, Bohorodzcany. — Ein russisches Manifest gegen die Judenverfolgungen in Rußland. — Die Judenfrage in England. — Ein Brief des österreichischen Botschafters in den Vereinigten Staaten. — Oesterreich-Ungarns jüdische Offiziere. — Gefallene jüdische Offiziere der österr.-ung. Armee. — Jüdische Dekorierte. Preis des Doppelheftes II—III K 1.—, des Heftes I 60 Heller. Bestellungen durch den Verlag R. LÖWIT, Wien, I. Rotenturmstraße 22 oder durch das JÜDISCHE KRIEGSARCHIV, Wien, II. Zirkusgasse 33. Juden hat gezeigt, welche Bedeutung ihnen für die wirtschaftliche Entwicklung Polens zukommt; sollen sie sich erst in Zukunft frei und ungehindert entwickeln können, so werden sie das Land einem ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung entgegenführen. In Polen ist reichlich Platz für alle Einwohner, una eine Gleichberechtigung der Juden braucht und wird den Polen keinerlei Schaden bringen. Was aber die andere Ursache der antijüdischen Tendenz der polnischen Politik in der letzten Zeit betrifft, so hat sich jetzt nach der Eroberung Polens durch die Zentralmächte den Polen die Möglichkeit einer freien Entwicklung ihrer Kräfte eröffnet und die innerpolnische Politik muß sich jetzt wichtigeren positiven und schöpferischen Aufgaben zuwenden; statt wie (bisher in erster Linie sich in der negativen Leistung des Kampfes gegen die Juden zu betätigen. So weist alles auf die Notwendigkeit hin, bei der künftigen Regelung der polnischen Frage für die Sicherstellung der jüdischen Rechte, für die Garantie einer freien wirtschaftlichen, kulturellen und nationalen Entwicklungsmöglichkeit der polnischen Judenheit Sorge zu tragen. Damit wird Deutschland nicht nur an den 2'A Millionen polnischer Juden dankbare und ireue Hüter der Grenzwacht gegen Rußland gefunden haben, es wird auch vom allgemein menschlichen und sittlichen Standpunkt eine Großtat vollbracht haben. Bunüsdian. Jizchak Jacob Reines. Während das jüdische Volk viele seiner stolzesten, prächtigsten Söhne im Kriege verliert, rafft der unerbittliche Tod auch von den Daheimgebliebenen viele der Besten 'weg. So ereilte uns jetzt die Nachricht vom Tode des Rabbiner Jizchak Jacob Reiches in L i d a, dieses hervorragenden Mannes, in dem das gesetzestreue Judenium einen seiner G’onim, den Verfasser vieler talmudischer Werke und Gründer der berühmten J e s c h i w a h in Lida verliert, die zionistische Bewegung aber eine ihrer markantesten Persönlichkeiten, den Gründer der Mis-c rachi-Fraktion. Jizchak Jacob Reines war 1839 in Karlin (Gouv. Minsk) geboren. Im Jahre 1869 W'urde er Rabbiner in Su’enziany im Gouv. Wilna, 1885 Rabbiner in Lida (Gouv. Wilna). Er war schon der Chowewe-zionistischen Bewegung sympathisch gegenübergestanden und mit Mohilewer und Pinsker in lebhafter Korrespondenz gewesen. Auf Herzls Ruf aber -schloß er sich ganz der zionistischen Bewegung an. Seine Arbeit im orthodoxen Judentum für den zionistischen Gedanken, die zur Gründung des Misrachi führte, bedarf einer besonderen Würdigung. Den westjüdischen Zionisten war er von den zionistischen Kongressen bekannt, wo Seine ehrwürdige Gestalt mit dem klugen, gütigen Antlitz auf. der Tribüne immer wieder auffiel. Oft nahm1 er auch in wichtigen Debatten, besonders in der Kulturfrage, das Wort, um den Standpunkt des Misrachi zu vertreten. Stets wurde seine Rede, wo nicht mit Zustimmung, so doch mit höchster Achtung aufgenommen. Er war für. die gesamte zionistische Bewegung eine schöpferische Persönlichkeit von unschätzbarem Ansehen und nie versagender zionistischer Hingabe, die ihm auch stets ein treues Andenken bewahren wird. * * * Eine Enthüllung. Wir wußten es längst, daß an den Verfolgungen der Juden in der Türkei und an den Judenausweisungen nicht die türkische Regierung, die den Juden stets wohl wollte, sondern vielmehr niederträchtige Denunzianten die Schuld tragen, die sich nicht scheuten, in Kriegszeiten ein antizionistisches Pamphlet der Regierung zu unterbreiten, dem die Mär von einem „Staat im Staate“ zu Grunde lag. Nun bringt das Newyorker „Jüdische Volk“ vom 13. August 1. J. namens der russischen „Jewrejskaja Schisn“ die überraschende Nachricht,, die wir wegen ihrer Ungeheuerlichkeit mit Vorbehalt wiedergeben, daß der betreffende Denunziant der Herr Ephraim Cohn, der palästinensische Vertreter des „Hilfsvereines“ in niedrigsteigener Person sei. Diese Nachricht soll audi Hermann Bernstein in einem Telegramm an den Newyorker „Tag“ bestätigt haben. Wir beschränken uns momentan auf die Wiedergabe dieser Nachricht ohne Kommentar. Wir werden jedoch noch auf diese Angelegenheit gelegentlich zurückkommen. * * Leichte Lösung eines schweren Problems. Wie bekannt, hat das Warschauer Bürgerkomitee unter dem Vorsitz des Fürsten Lubomirski beschlossen, den Schulzwang einzuführen. Zu diesem Zwecke werden im Laufe eines Monats in Warschau 400 Schulen eröffnet werden, in denen je zwei Gruppen Kinder — vormittags und nachmittags — unterrichtet werden sollen. Es soll zu diesem Behufe der Betrag von 1,827.000 Rubel ausgeworfen werden. Juden haben das Recht, ihre Kinder in die polnischen Schulen zu schicken, ohne jedoch dem Schulzwange zu unterliegen. Dagegen ist der Unterricht der polnischen Sprache in den bestehenden jüdischen Schulen (Chadarim) obligat.! j Wir müssen uns begreifelicherweise dermalen versagen, die Schulfrage vom jüdischen Standpunkte anzuschneiden und die Beschlüsse des Warschauer Bürgerkomitees einer erschöpfenden Kritik zu unterziehen. Es soll jedoch auf die schändliche Rolle hingewiesen werden, die ein bewußtes Häuflein „Juden“ in dieser Frage spielte. Wie wir den Zeitungsberichten entnehmen, bestand die Kommission des Bürgerkomitees, der die Erörterung des UnterrichtsWesens ioblag, aus vier Mitgliedern, davon — zwei Juden. Es sind dies nämlich die „berühmten“ Herren Dick stein und Nathan s ö h n, die stets auf dem Plan sind, wo es sich darum handelt, für die Einschränkung der jüdischen Rechte einzutreten. Wie erinnerlich reisten sie seinerzeit nach Petersburg um, als Vorsteher der polnischen Juden, gegen die Gleichberechtigung ihrer Brüder, die dazu noch nicht reif wären, zu wirken und diese ihre „historische Rolle“ Watten sie auch jetzt in der Schulfrage inne. Ungefähr zwei Millionen Rubel werden für Elementarschulen aus der Stadtkassa ausgeworfen und die Juden, die dank ihrer Zahl und Steueikraft als Handels- und Industrie-Klasse, zu diesen Mitteln die Hälfte oder mehr als diese beitragen, müssen ihre Kinder weiter in den eigenen Schulen und Chadarim lernen lassen, die nadi wie vor roät eigenem Gelde erhalten werden sollen. Wir sind neugierig, zu sehen, wie die undankbaren Juden die „Wohltat“ ihrer Vorsteher belohnen werden. M. H. Rus Oer jfiöisflien Nett. Herr Berisch Stern, über den wir ausr der allgemeinen Presse die Nachricht übernommen hatten, er sei gestorben, lebt. Vom menschlichen Standpunkt muß man sich natürlich immer freuen, Wenn einer in den „Bezirk, aus1 dem kein Wanderer wiederkehrt“, nicht gegangen ist. Was wir vom jüdisch-politischen Standpunkt über ihn gesagt haben — wir hätten) Schlimmeres sagen müssen, hätten wir gewußt, er lebe. * Der Kaiser hat die von der Gründerin des Ersten zionistischen Kinderhörtes für Flüchtlinge in Wien, Frau Erna Patak unterbreitete Mappe mit dem Huldigungsgedichte „Unserem’ geliebten Kaiser — Die Flüchtlingskinder aus Galizien und der Bukowina“ entgegengenommen und die Kabinettskanzlei beauftragt, für diese vom Maler Wilhelm Wachtel ausgeführte Widmung und die in poetischer Form von Frau Melzer-Pomeranz dargebrachten Glückwünsche den a. h. Dank bekanntzugeben. Die Mappe wurde auf kaiserliche Anordnung der Familien-Fideikommißbibliothek einverleibt. ♦ Die in Wien seit 1. Jänner d. J. in jüdischer Sprache erscheinende „Wiener Morgenzeitung“ wurde behördlich eingestellt. Gegen die Einstellung dieses Blattes wurde Rekurs erhoben. * Bekanntlich haben die Russen knapp vor ihrem Abzüge aus Warschau die dortigen jüdischen Tageszeitungen „Moment“ und „Hajnt“ und das hebräische Tagblatt „Hazefirah“ eingestellt. Seit dem Einzuge der Deutschen in Warschau erscheinen diese Zeitungen wieder. Unsere Leser werden sich erinnern, wie Leo Frank, ein reicher, angesehener Fabrikbesitzer in Atlanta (Amerika), wegen eines angeblich von ihm begangenen Mädchenmordes unschuldigerweise verhaftet und trotz aller offensichtlicher Beweise seiner Unschuld von einem unter der Furcht vor dem Mob urteilenden Gerichte zum Tode verurteilt ward; wie alle Bemühungen, eine Revision des Prozesses herbeizuführen, fruchtlos blieben, bis schließlich der Gouverneur von Atlanta ihn begnadigte und die Todesstrafe in Zuchthaus verwandelte. Gleich nach seiner Ueberführung ins Zuchthaus ward er von einem dort befindlichen Verbrecher schwer verwundet und kam noch wie durch ein Wunder mit dem1 Leben davon. Und nunmehr hat ihn das furchtbare Geschick ereilt: Ein Pöbelhäufen holte ihn auj dem Gefängnis heraus und hängte ihn an einem daneben stehenden Baum auf. Ein weiteres Opfer des Judenhasses in Amerika. #■ In Angelegenheiten der Fürsorge für die Kriegsflüchtlinge fand neulich in Petersburg eine interministerielle Konferenz statt, zu der auclil Deputierte der Duma und Reichsratsmitglieder zugezogen waren. Vorsitzender der Konferenz war der Minister-Gehilfe des Innern. Es wurde beschlossen, energische Maßnahmen zu ergreifen, um der entsetzlichen Not der „Flüchtlinge“ zu steuern. Die Juden sollen von der Fürsorge nicht ausgenommen werden. Auf die Anfrage des jüdischen Vertreters, Gurowitsch, ob unter „Flüchtlingen“ auch die auf Anordnung der. Heeresleitung Verbannten zu verstehen seien, wurde dies ausdrücklich bejaht. Im Ministerium des Innern wird ein Zentralflüchtlingsamt geschaffen. Das Amt wird mit weitgehenden Befugnissen ausgestattet. Es soll über die weitere Evakuierung bestimmen und Anordnungen bezüglich der Verteilung und der Unterkunft der Flüchtlinge, über die Gewährung von Geld- und anderen Unterstützungen, sowie hinsichtlich der Bewachung des Eigentums der Verbannten, der Kriegsentschädigung usW. treffen. (I A K) * Die unsäglichen Leiden der -russisch-jüdischen Freiwilligen in Frankreich, über die wir neulich ausführlich schrieben, sollen nunmehr doch ein Ende nehmen. Nach einer mehrmonatigen Kampagne Herves in der „Guerre Sociale“ hat sich das Kriegsministerium, auf die Intervention der sozialistischen Kammerfraktion dazu herbeigelassen, dem Begehren der russisch-jüdischen Freiwilligen stattzugeben, und sie den Truppen zugeteilt. Hoffentlich finden damit die Demütigungen und Qualen der jungen Leute, die für die europäische Freiheit zu kämpfen glauben, ihren Abschluß. * In Newyoik sind 160 jüdische Flüchtlinge aus Paris angekommen, die män vor die Wahl gestellt hatte, sich der Fremdenlegion anzuschließen, in ein Konzentrationslager zu gehen oder Frankreich zu verlassen. Eingedenk der ungeheuren Verfolgungen, denen die russischen Juden in der Fremdenlegion ausgesetzt sind, haben es alle vorgezogen, nach Amerika auszuwandern. Die „Deutsche Warschauer-Zeitung“ berichtet: Angesichts der Reformen im Schulwesen und des allgemeinen Schulzwanges (siehe unsere dieswöchige „Rundschau“), beschloß die _ Warschauer jüdische Lehrerschaft auch ihrerseits die Sache zu prüfen. In einem an das zentrale Bürgerkomitee gerichteten „Offenen Briefe“, der von 49 jüdischen Lehrern und Lehrerinnen unterzeichnet ist, wird die Beantwortung der Frage, wie die jüdischen Schulen einzurichten Seien, verlangt. * Der Warschauer jüdischen Tageszeitung „Moment“ zufolge, empfing der dortige Stadtpräsident Fürst Lubomirski am 1. d. M. die Vertreter der jüdischen und hebräischen Presse u. zw. die Herren Prilucki („Moment“), Hirschhorn (Hajnt) und Frenk (Hazefirah), die ihm e/n | ausführliches Memorandum betreffs der Beziehungen der polnischen Institutionen zu den Juden überreichten, namentlich des Bürgerkomitees, der Bürgermiliz und der Gerichte. Die Erschienenen ergänzten auch mündlich ihre Ausführungen und schilderten genauest die gegenwärtige Lage in Warschau, worauf der Präsident, der zu ihnen sehr freundlich war und ihnen 1 aufmerksam zuhörte, erklärte, er sei gegen n □□□□ □□□□ Gesinnungsgenossen! Abonniert die Fordert in allen öffentlichen Lokalen die □ □□□ □ □□□

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.