Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 37 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JLCISlHE ZBTÜNG gg« NRTIDNRL -JUDI5CHE5 QRGRN Wg Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden || täglich von 11—12 llhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Aboitnemenstspreise: Für Oester- — ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “ ■ Mk. 3-—. Für das übrige Ausländ: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. CS Nr. 37. Wien, Freitag, den 17. September 1915. IX. Jahrgang. ' Rulgaben. Weich gewaltiger Unterschied zwischen der Stimmung der heurigen und der vorjährigen jüdischen Festtage! Im Vorjahre, als es um die Sache Oesterreichs und damit seiner Judenschaft vorübergehend nichts weniger als gut bestellt war, als Hunderttausende jüdische Flüchtlinge aus Galizien in Not und Elend nach dem Westen flohen, als Hunderttausende von Volksgenossen der russischen Willkür preisgegeben waren, waren die jüdischen Herzen nur zu beklommen, eine richtige Feiertagsstimmung konnte nicht aufkommen. Heute ist es zum guten Teil anders. Der furchtbare Krieg tobt wohl immer noch und das Ende ist noch nicht abzusehen, allein in der Lage ist mit den glänzenden Siegen der verbündeten Armeen der Zentralmächte ein Wandel eingetreten. Bis auf einen verschwindenden Bruchteil ist nicht nur Galizien, auch ganz Russisch-Polen mit seiner zahlreichen jüdischen Bevölkerung vom russischen Joche befreit und unsere vielgeprüften Bnüder können nunmehr erleichtert auf atmen! Auch in das von Juden dichtbewohnte Wolhynien dringen nunmehr unsere Truppen ein. Im Golus kann die jüdische Freude niemals voll sein, sagt ein altes Sprichwort. Und dem ist auch jetzt so. Oesterreichs und Russisch-Polens Juden sind wohl frei, allein Millionen unserer Brüder schmachten immer noch unter dem Drukke der moskowitischen Herrschaft. Wer weiß, was die Zukunft ihnen bringen wird? Ihnen können wir nicht helfen, wir müssen jedoch unser Augenmerk der Lage der galizischen und russisch-polnischen Juden zuwenden. Hier tut nationale Arbeit dringend not! Die zionistische Organisation hat als erste die Bedeutung der ihr erwachsenen Aufgabe erkannt und ist auf dem besten Wege, ihre Aufgabe zu erfüllen. Es gilt vor allem auf der Hut zu sein, um unsere Volksgenossen vor den Uebergriffen ihrer Feinde zu schützen, ihnen in der Erkämpfung der nationalen Gleichberechtigung an die Hand zu gehen und die Möglichkeit für das Zusammenleben mit den übrigen Nationalitäten zu schaffen. Wir glauben dabei nicht fehl zu gehen, wenn wir annehmen, hiebei stets auf das verständnisvolle Entgegenkommen unserer Militärbehörden rechnen zu dürfen. Sie vermögen die Leistungen der jüdischen Soldaten und den Opfermut der jüdischen Zivilbevölkerung am besten einzuschätzen. L. B. Zur Verständigung. Die .Frankfurter Zeitung“ bringt in ihrer Nummer 244vom 3. d.M. einen längeren1 sehr bemerkenswerten Artikel aus der Feder Nachum Goldmanns, dem wir die folgenden Stellen entnehmen. D. Red. Zwei Faktoren bestimmen das Wesen der polnisch-jüdischen Frage: Zunächt die Stellung der Juden innerhalb Polens, ihre Bedeutung für das wirtschaftliche und kulturelle Leben des | Landes, und sodann ihr Verhältnis zu den Polen. | Ueber beide Faktoren gilt es sich klar zu werj den, will man die Eigenart des Problems und die Wege zu seiner Lösung erkennen. Für die Stellung der Juden innerhalb Polens ist es wichtig zu wissen, daß die polnischen Juden in ihrem ursprünglichen Kerne aus Deutschland eingewandert sind. Sie kamen mit deutschen Einwanderern gemeinsam, und zwar gerufen von den polnischen Königen, die durch die einwandernr den jüdischen und deutschen Elemente den bis dahin in Polen fehlenden städtischen Mittelstand neu schaffen wollten. So traten sie von vornherein als Bürger und Träger deutscher Kultur auf. Wie die deutschen Einwanderer das deutsche Recht mit hinübemahmen, so brachten die erwandernden Juden ihre jüdische deutsche Sprache mit, die im wesentlichen jenes Mittelhochdeutsch ist, das um das 15. Jahrhundert in Deutschland gesprochen wurde. Mit ihrer Einwanderung begann im wirtschaftlichen Leben Polens eine neue Epoche; ein kräftiger städtischer Mittelstand wurde geschaffen, und Handel und Industrie begannen in das vordem rein agrarische Land Einzug zu halten. Und seitdem blieben die polnischen Juden gemeinsam mit den in Polen wohnenden Deutschen die vornehmsten Schöpfer und Träger der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, die in inniger Verknüpfung mit Deutschland verblieb. Die ersten Eisenbahnen, die im 19. Jahrhundert in Polen erbaut wurden, führten bezeichnenderweise nicht nach Rußland, sondern nach Deutschland; die erste Bahn nach Bromberg über Alexandrowo, die andere nach Westpreußen über Mlawa; ihre Erbauer waren Juden: Kronenberg und Bloch, dieselben, die auch später die erste Bahn nach Rußland, die sogenannte Terespoler Bahn (nach Brest-Litowsk) bauten. Dieselbe Erscheinung läßt sich auf fast allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens Polens beobachten: die Juden als Vertreter und Förderer der kapitalistisch-industriellen Wirtschaft gegenüber der primitiven, agrarisch - naturahvirtschaftlichen Wirtschaftsform der polnischen Landbevölkerung tra- , ten auf allen Gebieten als Träger des Wirtschaftj liehen Fortschritts auf. Die ersten Papierfabrij ken in Polen errichteten die Juden Nathansohn und Epstein, die erste große Eisenindustrie schuf der Jude Löwenstein (heute die große Warschauer A.-G. Lilpop, Rau und Löwenstein), die ersten Zuckerfabriken bauten Epstein, Bloch und Kronenberg, die wichtigste und größte Bank in Polen, die Warschauer Handelsbank, ist eine Schöpfung Kronenbergs. In der Lodzer Textilindustrie aber künden Namen wie Posnanskv, Silberstein, Cohn, jedem Kenner der Verhältnisse von dem hervorragenden Anteil der Juden. Diese außerordentlich starke Anteilnahme der Juden am wirtschaftlichen Leben Polens hat sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts noch sehr erweitert und vervielseitigt. Seit unter Alexander III die antisemitische Politik der russischen Regierung mit unerhörter Grausamkeit einsetzte und aus vielen Städten (vor allem Moskau) die gesamte jüdische Bevölkerung ausgewiesen wurde, ergoß sich ein Strom jüdischer Einwanderer aus Rußland nach Polen, die nun neue Industrie- und Handelszweige schufen. Der gesamte polnische Uhrenhandel, der ganz Rußland versorgt, die Leder- und Konfektionsindustrie sind heute fast ausschließlich in den Händen der Juden. Aber auch im Handwerk nehmen sie eine bedeutende Stellung ein, man kann in Warschau den jüdischen Anteil am Handwerk auf gewiß 50 Prozent schätzen. Diese wenigen Angaben, die sich mit Leichtigkeit sehr vermehren lassen, zeigen zur Genüge, welche führende Stellung die Juden in Polen einnehmen. Wenn sie schon auf Grund ihrer Zahl allein (2>/- Millionen gegenüber 8tj Millionen Polen; in manchen Städten bilden sie die Hälfte der Bevölkerung), einen integrierenden Teil der Bevölkerung ausmachen, so verleibt ihnen ihre führende Anteilnahme am wirtschaftlichen Leben des Landes eine Bedeutung, die über diese rein numerische weit hinausgeht und macht es jedem objektiven Beurteiler klar, daß sie bei der Regelung der Ziikunft Polens in starkem Maße berücksichtigt werden müssen. Dies aber muß umso nachdrücklicher gefordert werden, als der großen wirtschaftlich-politischen Bedeutung der polnischen Judenheit eine ebenso starke und ausgesprochene Sonderart ihres Innenlebens entspricht. Es muß jetzt, da es gilt, sich in Deutschland über die tatsächlichen Verhältnisse Polens klar zu werden, gleich zu Beginn der Erörterung der polnischen Frage mit aller Entschiedenheit darauf hingewiesen werden, daß das polnische Judentum nicht nur ethnographisch und religiös, sondern auch national -und kulturell eine vom Polentum gesonderte Bevölkerungsschicht bildet, die ein kräftig entwickeltes geistiges Leben führt. Vor allem die | Volkssprache der jüdischen Massen Polens, das i Jüdisch-Deutsch, kennzeichnet die Sonderart, und | diese Sprache ist Zum Träger einer vielseitigen l und hoch entwickelten Literatur geworden. Zui mal in den letzten Jahrzehnten hat diese Litej ratur einen ungeahnten Aufschwung genommen, und die Zeitungen (wie der „Haint“ und „Moment“ in Warschau mit Auflageziffern von weit über hunderttausend zeugen auch äußerlich von der Verbreitung und dem Einfluß der Literatur. Diese Literatur aber ist sehr stark an der deutschen Kultur orientiert, viel stärker als die polnische. Und wenn das Schicksal Polens so geregelt werden soll, daß es dem Einfluß Rußlands entzogen und in den Kulturkreis Mitteleuropas hineinbezogen wird, wird Deutschland gerade an der jüdisch-deutschen Kultur des polnischen Judentums einen Faktor finden, der ihm in der Verwirklichung dieser Ziele die besten und wirkungsvollsten Dienste leisten kann. Betreffs des Verhältnisses der Polen zu ihren jüdischen Mitbürgern, so bildet dies den schwierigsten und unangenehmsten Teil der polnischjüdischen Frage und bedarf daher eingehender und rücksichtsloser Klarstellung. Noch ist nicht zu sagen, wie die neue Zukunft Polens sich im einzelnen gestalten wird. Aber die polnisch-jüdische Frage muß gleich vom Anbeginn der Erörterung' des polnischen Problems gebührend berücksichtigt werden. Pulen wird in Zukunft eine neue Mission erhalten, eine Mission, die es in früheren Zeiten bereits ausgeübt, Bollwerk und Mauer Mitteleuropas gegen Rußland zu sein. Dieser Gedanke wurde sofort nach dem Falle Warschaus von der gesamten deutschen und österreichisch-ungarischen Presse einhellig veikündet und darf als ein von allen anerkanntes heiliges, historisch berechtigtes Kriegsziel betrachtet werden. Au der Erfüllung dieser Mission aber müssen und werden die polnischen Juden hervorragenden Anteil nehmen. Von Deutschland aus in das Land eingewandert, durch ihre jüdisch-deutsche Sprache und Literatur der deutschen Kultur schon ohnehin innig verbunden, infolge der furchtbaren Verfolgungen natürliche Feinde der russischen Regierung, sind sie prädisponiert dazu, auf der Wacht gegen Rußland die treuesten und zuverläßigsten Wächter zu sein. Die Geschichte der polnischen jSdikaufeSen Jüdischen National-Kalender 5676 Verlag R. LÖWIT, Wien, I. Rotenturmstraße 22, Preis K 2.40, zu beziehen durch alle Buchhandlungen. 471