Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 36 (8.9.1915)
- Date
- 1915-09-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr, 36 Jüdisches Archiv. - Mitteilungen des Jüdischen Kriegsarchivs. Erschienen Heft I. Soeben erschienen: Doppel-Heft II und III. Aus dem Inhalt: Das Kriegselend der Juden in Galizien und der Bukowina. — Russengreuel in Komamo, Sedziszow, Nadworna, Lopuchow Lutowiska, Bohorodczany. — Ein russisches Manifest gegen die Judenverfolgung in Rußland. — Die Judenfrage in England. Ein Brief des österreichischen Botschafters in den Vereinigten Staaten. — Oesterreich-Ungarns jüdische Offiziere. — Gefallene jüdische Offiziere der österreich.-ung. Armee. — Jüdische Dekorierte. Preis des Doppelheftes II—III K 1—, des Heftes I 60 Heller. Bestellungen durch den . Verlag R. LÖWIT, Wien, I. Rotenturms£i»ße. 22 oder durch das JÜDISCHE KRIEGSARCHIV, Wien, II. Zirkusgasse 33. Der „Bund Deutscher .Bodenreformer“ hat schon vor längerer Zeit den Antrag gestellt, ein Kriegerheimstättengesetz zu erlassen, nach welchem Staat und Gemeinden anbaufähiges Land für die Ansiedlung von Invaliden bereitstellen; und den nötigen Credit dazu gewähren sollen. Hinsichtlich der jüdischen Kriegsinvaliden hat Curt Nawratzki in der „Jüdischen Rundschau“ vorgeschlagen, diese nach Maßgabe ihrer Arbeitsfähigkeit in Palästina anzusetzen. Er hat dafür detaillierte Berechnungen aufgestellt, die auf dem Gedanken fußen, daß der betreffende Invalide durch die Rente, die er von einem' Staate erhält (und die vielleicht auch durch Kapitalisierung abgelöst werden könnte) in Palästina angesiedelt werden solle. Gleichzeitig hat die Wiener Nationalfonds-Sammelstelle auf Anregung Dr. Zipper’s eine Sammlung für solche Juden eingeleitet, die durch die Kriegsereignisse gezwungen sein werden, auszuwandern und in Palästina Zuflucht suchen wollen. Anknüpfend an die schon bestehende Einrichtung der „Landspende“ nach welcher 1 Dunam (Vu Hektar) Land in Palästina auf beliebigen Namen dem Jüdischen Nationalfonds für K 50.— gespendet werden kann, wurde die „Kriegslandspende“ eingeführi, für welche die Sammlungen schon ein recht gutes Ergebnis geliefert haben. Es ist damit ein glücklicher Anfang gemacht, die Lehren des Weltkrieges für die große jüdische Hilfsidee der Kolonisation der Juden in Palästina dienstbar zu machen. Die Axiome des Zionismus: In Osteuropa ist für die Juden keine dauernde Zukunft möglich, die einzige und endgiltige Stabilisierung ihrer Lage und damit ein Umschwung in der Situation der Gesamtjudenheit kann nur durch Erringung einer Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina er-, deicht werden, hat bisher nur den Spott des jüdischen Philisters hervorgerufen. Der Weltkrieg hat nun auch ihn aus seiner Gedankenenge und Phantasie-Armut gewaltig aufgerüttelt, hat ihn gelehrt, die Dinge, namentlich die Verhältnisse zwischen den Völkern, aus einer weiteren Perspektive anzuselien, hat ihm die Feigheitsvorstellung, daß alles so weiter gehen werde, als bisher — nur keine Aenderung, das stört die Verdauung! — jäh verscheucht und was das wichtigste ist, ihm vor Augen geführt, daß die ostjüdischen Massen doch immer wieder der bei allen Ereignissen am meisten leidendste und ohnmächtigste Teil der Menschheit sind. So hat Aber die Kirche ist hodhgebaut Mit Kreuz und Turm. Ueber die Wolken reckt sie der Stolz, Unsere Schul’ ist von Holz, Zernagt vom Wurm. Wir sind verdammt zu Spott und Schand!“ Atächtig tönt die Kirchenglocke in das geisterhafte Stimmengewirr. Plötzlich verstummt alles; Ein Tor springt auf, „der Unbekannte“ (der Tod), der in der Dämmerstunde das Nachtmädi mit sich gezogen hatte, tritt (heraus: „Hat’s euch den Atem benommen? Ich bin gekommen, * Kam von des Lebens sprudelnden Quellen, Habe aus seinem feuerhellen Brunnen getrunken Den göttlichen Saft, Den himmlischen Funken, Der zertrümmert und schafft Ich schlürfte Kraft! Nun flieht die Nacht vor meinem Blick, Ich rufe den Tag zurück.“ Er holt die Toten aus den Gräbern, die sich mit den Erscheinungen vermengen: Ein Greis, eine Sünderin, ein alterndes Mädchen, eine Braut darunter. Aus dem Brunnen steigen die toten Musikanten, der betrunkene Nathan dirigiert die Kapelle, vom uralten Rathaus steigen die Steinbilder herab, ein wildes Tanzen; hebt an — da geht der Aforgenstern auf. Die Toien werden verzagt, aber der Narr beschwört sie, nicht in die Gräber zurückzukehren : „Lange genug habt ihr gelitten Afit Zittern und Beben. Nun wollen wir die Gräber verschütten, Aufbau’n ein neues Leben. Hadert gegen den Herrn mit frecher Trutzgebärde. Nur nicht zurück in die Löcher, Nur nicht zurück in die Erde! die Idee der Kriegslandspende auch bei zahlreichen Nichtzionisten Anklang gefunden. Und dies sehe ich als einen ihrer Hauptvorzüge an. Sie ist das Mjitte!, den großen Gedanken des Zionismus rasch in die weitesten Kreise zu tragen. Die praktische Bedeutung der Spende kann ja keine so direkte sein, wie sich viele Freunde dies vorstellen. Erstens ist die Ansiedlung eine Sache, die mit enormen Kosten verbunden ist und zweitens ist es schwer, Leute anzusiedeln, die nicht schon ein paar Jahre in Palästina gearbeitet haben. Man darf sich daher nicht vorstellen, daß etwa für je 20 oder 50 gespendete Dunam ein Häusler angesetzt wird oder dergleichen. So einfach wird sich die Sache nicht machen lassen. Diejenigen, die für Ansiedlung in Betracht kommen, werden — auch wenn sie durch Invaliden-Renten oder sonstigen kleinen Besitz etwas Vermögen haben sollten — erst eine gewisse Arbeitszeit in den Farmen durchmachen müssen und erst dann wird die praktische Durchführung der Ansiedlung möglich sein, \venn sich inzwischen auch nebst dem JNF, der ja nur den Boden geben kann, ein kreditgebender Faktor finden wird, was Leuten gegenüber, die kreditwürdig sind (durch den Besitz von Mitteln und von Erfahrungen), nicht so schwer sein wird. Es wäre durchaus nicht wünschenswert, wenn sich in den Köpfen der Zionisten nach so langer Erfahrung, über die sich jeder in der Literatur, vor allem jm Nawratzkischen Werke informieren kann und muß, neuerdings der Gedanke erstehen würde, daß nur genügend Geld da sein müsse, um eine Massensiedlung“ zu schaffen. Die verantwortliche Stelle, das Hauptbüro des JNF hat auch wie-; derholt davor gewarnt, solche Vorstellungen Platz greifen zu lassen. Dies spricht aber nicht gegen, sondern nur für die Kriegslandspende. Die eine Schwierigkeit, daß der Ansiedler erst Erfahrungen sammeln muß, kann der JNF heute durch den Bestand eigener Farmen als Ausbildungsstellen, beheben, die andere: daß zur Ansetzung von Kolonisten, auch Häuslern, viel Geld notwendig ist, kann eben nur durch fleißiges Sammeln behoben werden. Und dafür ist ein Mittel, das eine so‘ aktuelle Wirkung zeitigt, wie die Kriegslandspende, geradezu prädestiniert. Sie ist, wie Schon gesagt, der günstigste Vorspann für die Idee der Palästinakolonisation. Der Gedanke einer „Umschichtung“ einer größeren Zahl von Men- Nur nicht erschauern! Die Schwachen an die Mauern! Die Kleinen zu den Wänden! Krallet euch ein mit den Knochenhänden!“ Doch der Hahn kräht, der Morgen graut und eine Gruppe frommer Gerippe ruft: „Herr, nach deinem Willen, Soli uns die Erde decken! Dann harren wir im Stillen, Bis du uns willst erwecken!“ Der Spuk verblaßt, das Firmament rötet sich, der Tempeldiener ruft zur Schul, die Krämer verlassen ihr Haus und der Wanderer, der zu Beginn des Spiels am Markte einschlief, erhebt sich: „Die Sehnsucht spannt Die bebenden Schwingen. Ins lauschende Land Zieht ein Klingen, Als wollt’ ein Geheimnis ans Licht sich ringen . . .“ Man sieht ein Stück Faust-Dichtung ist dieses wunderbare, phantastische Gedidit, anmutig geformt, anscheinend einer Dichterlaune entsprungen und aus dem Handgelenk leicht hingeworfen; aber voll tiefster Lebenskenntnis und Weisheit. Und in der Esse jüdischen GeiV stes ist dieses allgemein menschliche Kunstwerk gehärtet. Denn es ist getragen von der unbedingten und grenzenlosen echt jüdischen Lebensbejahung, die nicht Folter und Pogrom und Ansiedlungsrayon ersticken können und die namentlich aus den ergreifenden Wünschen der heraufbeschworenen Toten spricht. Martin B u b e r schrieb ein gehaltvolles und sprachlich wunderschönes Geleitwort. „Die Nacht auf dem alten Markt“, die in dieser erlesenen Ausstattung als erster Band der jüdischen Liebhaberbibliothek ediert wurde, ist als eine dankenswerte Bereicherung der jungjüdischen Literatur zu begrüßen. Dr. Otto Abeies. sehen, der früher so phantastisch schien, ist jetzt im Weltkrieg, wo hunderttausende Juden entwurzelt und von ihrem Heim vertrieben werden, plötzlich ein beinahe selbstverständlicher geworden, die Idee der Kolonisation ist ebenfalls nach den im Kriege gemachten Erfahrungen, nach welchen die Bedeutung einer wirklichen Seßhaftigkeit und der Ernährung durch eigene Produktion erst in ihrer ganzen Größe erfaßt wurde, keine femliegende mehr. Ist eine Form gefunden, vermittels welcher der jetzt so» schwer leidenden JudensChaft durch Kolonisation geholfen werden kann, so muß die ihr zugrunde liegende Idee rasch populär werden. Und dfes ermöglicht den Erfolg der Kriegslandspende, dessen erste Anfänge zu sehen sind, der sich aber gewaltig steigern wird, wenn für sie genügend Propaganda getrieben werden wird. Deshalb ist ihre Bedeutung für unsere Sache ganz besonders groß. Die Ungunst der Zeiten Jiat uns eine Form finden lassen, in (welcher dem zionistischen Gedanken förmlich Flügel gewachsen sind. Die „Kriegslandspende“ wird ihm eine Ausbreitung geben, wie alle früheren Agitation es nicht vermochte, sie wird namentlich den Jüdischen Nationalfonds, diesen ersten und wichtigsten Faktor aller Kolonisationsarbeit, aufs! mächtigste fördern. Das sind natürlich nur Möglichkeiten. Sie zu Wirklichkeiten zu machen, liegt in der Hand derer, welche die Propaganda betreiben. Mögen sie sich der Bedeutung der Sache bewußt sein. Adolf Böhm. Rundschau. Zeitweise Aufhebung des Ansiedlungsrayons. Die seit einigen Tagen zirkulierenden Gerüchte betreffs einer zeitweisen Aufhebung der Ansiedlungsbeschränkungen für die Juden in Rußland finden nunmehr ihre Bestätigung in einem amtlichen Erlaß des Ministers des Innern, wonach den Juden bis zur gesetzlichen Neuregelung der Bestimmungen über ihre staatsbürgerlichen Verhältnisse gestattet wird, in alleni Städten des Kaiserreiches zu wohnen, mit Ausnähme der Hauptstädte und derjenigen Ortschaften, die der Verwaltung efer Ministerien des Hofes und des Krieges unterstehen. Es ist zweifellos nicht urplötzliche Menschenfreundlichkeit, die Rußland zum Aufgeben der barbarischen Grundsätze, welche seit der Zeit Alexanders III galten, veranlaßt haben mochte. Insolange der Zar in dem Wahn der Unbesiegbarkeit lebte, wollte er von etwaigen Zugeständnissen an die Juden absolut nichts hören. Erst der Verlust Polens und bedeutender Teile Kurlands und Litauens an die Zentralmächte brach den Eigendünkel Rußlands. Uebrigens bedeutet dieser Erlaß eine Sanktionierung des faktisch bereits bestehenden Zustandes, den zu ändern die russische Regierung momentan nicht in der Lage ist. Die Beschränkungen des Aufenthaltes! waren ja schon aus dem Grunde nicht aufrecht zu erhalten, weil gerade die Bezirke, die gesetzlich den Juden zugewiesen sind, gar picht mehr Rußland gehören. Wohin sonst sollen die vielen Hunderttausenden, die um Hab und Gut gebracht, obdachlos und allen Rohheiten ausgesetzt in die Fremde geschleppt wurden. Für sie bedarf es jetzt der Unterkunft und Rußland zieht nur die Folgerungen aus der Grausamkeit seiner Machthaber, wenn es die Vertriebenen aufnimmt und sie nicht dem Massentode überliefert. Was die angedeutete gesetzliche Neuregelung der Bestimmungen über die staatsbürgerlichen Verhältnisse der Juden betrifft, so hängen sie sicherlich weniger vom Wohlwollen der russischen Regierungskreise als von einem günstigen Ausgang des Krieges für die Zentralmächte ab, den wir auch erwarten zu dürfen glauben. * ■* Paul Ehrlich. Ueber Paul Ehrlich als „Leuchte der deutschen Wissenschaft“, als Erfinder des unter „606“ bekannten Salvarsans, wurde anläßlich seines jähen Todes viel geschrieben. Dagegen schwieg sich die allgemeine Presse über sein Judentum gründlich aus. Umsomehr ist es unsere Pflicht, das Judentum Paul Ehrlichs herverzuheben, nicht nur weil er es selber stets betonte und dessentwillen gelitten hatte (so erlangte er erst in allerletzter Zeit die ordent-