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Jüdische Zeitung · 1915-09-08 · 36 (8.9.1915) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
36 (8.9.1915)
Date
1915-09-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 liehe Professur und auch dies nur an der neuen Frankfurter Universität, zu deren Gründung Juden viel beigetragen haben), sondern weil er sein Judentum in gewissem Maße auch betätigte. Namentlich verfolgte er die jungjüdische Bewegung mit wohlwollender Aufmerksamkeit. So trat er dem von zionistischer Seite gegründeten Komitee zur Sanierung Palästinas bei und gehörte dem Ehrerikomitee der „Gesellschaft für sanitäre Interessen in Palästina“ an. Er beschränkte sich nicht auf platonische Zugehörigkeit, sondern versuchte mit allen Mitteln, den Plan zu fördern, und warf das ganze Gewicht seines berühmten Namens in die Wagschale, wenn es galt, Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen oder Mittel herbeizuschaffen. Seiner persönlichen Fürsprache verdankt die „Gesellschaft jüdischer Aerzte für die Sanierung Palästinas“ einen großen Teil ihrer Mittel, und er betätigte sein Interesse durch beträchtliche eigene Zuwendungen. Auch den Vorarbeiten für die Errichtung einer jüdischen Universität in Jerusalem gehörte sein wärmstes Interesse. In langen Komiteesitzungen und Einzelkonferenzen gab er seine gediegenen Ratschläge, förderte das Werk durch wärmste Empfehlungen an entscheidenden Stellen und war unermüdlich, wenn es galt, Schwierigkeiten zu beseitigen. Ist also der frühe Tod Paul Ehrlichs ein schmerzlicher Verlust für die ganze Menschheit, so ist er für uns tum po schmerzlicher, die wir in ihm nicht bloß den genialen Forscher und Schöpfer, sondern auch den stolzen, charaktervollen und stammesbewußten Juden verloren. M. H. Elhisiiie Assimilation.*) (Eine fragmentarische Fragestellung.) Von Dr. Abraham Schwadron. Als man mit dem' Aufkommen des jungjüdischen Erkenntniskreises in der Assimilation einen negativen Wert zu sehen begann, da verstand man darunter die Anpassung im augenfällig speziell Nationalen: in Sprache, Kleidung, äußere Formen des Lebens und im Gebiete des Religiösen, richtiger: des Rituell-Zeremoniellen. Indem nämlich alle unsere zionistische Auflehnung gegen die vorhergegangene Epoche mit der Feststellung begann: die Judenfrage ist eine nationale Frage, mußte dieser Aspekt alle anderen in den Hintergrund drängen. Auch brachten die zionistischen Theorien, entgegen der vermischungsstrebigen unmittelbaren Ver gangenheit, die panjüdische Betrachtungsweise in den Mittelpunkt und diese erheischte eine einheitliche Diagnose der Judenkrankheit: Mangel nationaler Attribute, und ein einheitliches Heilmittel: Palästina; für die Betrachtung des Unterschiedlichen in den Einzelseiten des Problems konnte damals Notwendigkeit und bewußterSinn nicht vorhanden sein. Aber jedes Fortsclvreiten lebendiger Entwicklung ist Differenzierung und auch die jungjüdische Bewegung konnte ihr nicht entgehen. Als nun im Gange dieser Ideenentwicklung unter vielen anderen auch die bekannte Unterscheidung zwischen Ost und West in der Diskussion auftauchte, da sahen darin viele ein Symptom bedauerlicher Separatismen oder subtiler Grübelei. Mit . Unrecht. Mögen die vielen Differenzierungen, die in unserem Volke vorhanden sind, aus höherer Perspektive betrachtet, von Nutzen sein oder nicht — die Einsicht von ihrem Vorhandensein ist es sicher. Allenfalls bezog sich die ausgesprochene Erkenntnis der Unterschiede zwischen den Strukturen der östlichen und westlichen Judenheit in erster Linie auf die erwähnten spezifischen Nationalia. Daß wir uns darin alle irgendwie assimiliert haben, ist sichtbar: hier der Anzahl nach viel, dort wenig, da nur oberflächlich und schwach, anderswo gründlich und stark. Auch den Kaftan und die Sabbath-^elzmütze haben wir ja nicht aus Palästina mitgebracht. Dasselbe gilt im Gebiete des Intellektuellen und des Künstlerischen: insoweit es einen deutschen, französischen usw. Geist und Geschmack gibt,- verspürt man etwas vom Spezifischen dieses Geistes oder Geschmackes in den Werken desi Denkens oder der Kunst deutscher, französischer usw. Juden. Wenn vielleicht nicht immer, doch' häufig. Daß diese Werke ebenso stark oder noch stärker auch -von jüdischem Geist und jüdischer Sehweise mitgeformt sind und darum eine Disharmonie ergeben können, die verletzt, zumindest den Arier verletzt, ist sicherlich wahr und ich meinerseits halte in der Beurteilung dieses Akkordes Adolf Bartels für weit kompetenter als alle beschnittenen Philosemiten, die in Literaturkritik machen. Das tangiert selbstredend die Konstatierung des fremden Einflusses *) Aus dem soeben im Verlage R. Löwit in Wien erschienenen „Jüdischen Nationalkalender 5676“. Herausgegeben von Otto Abeies und Ludwig Batö. Preis K 2.40. auf uns nicht. Auch eine reziproke Assimilation, d. h. unser Einfluß auf die anderen, läßt sich bekanntlich oft nachweisen. Die nationale Forderung nach einem eigenen Leben auf eigenem Boden entspringt doch eben, abgesehen vom drängenden Movens der Judennot, aus der Ueberzeugung, daß ein — übelriechendes und beiden Teilen verhängnisvolles — Assimiliertwerden überall vor sich geht. Nun ist die Frage: Haben wir uns — um Kants Bezeichnungsweise zu gebrauchen — in Hinsicht der „reinen Vernunft“ und der „Urteilskraft“ in irgend einem qualitativen oder quantitativen Grade den Differenzen zwischen den Völkern entsprechend assimiliert — ist dies nicht auch im iBereich der „praktischen Vernunft“ geschehen? Oder so ausgedrückt: Ist es möglich, daß wrir uns in der Denkmethodik und Aesthetik in irgend einem Maße den verschiedenen Völkern different assimiliert haben oder uns assimilieren, im1 Ethischen aber nicht? Dabei möge aus dieser Betrachtung der Einfachheit und Klarheit wegen folgendes ausgeschaltet bleiben: jede theoretische Definition und Begrenzung der Ethik; Rücksichtnahme auf die Unterschiede zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Systemen derselben, obwohl sie vielleicht volkspsychischen Differenzen entsprechen, und schließlich jede Bezugnahme auf das Wesen der jüdischen Ethik im subjektiven Ursprungssinne, d. h. der vom Judentum in 'die Welt gesetzten Ethik. Vielmehr wollen wir die fiktive Annahme machen, es gäbe theoretisch nur eine Ethik, und zwar eine altruistische im gemeiniglich verbreiteten Sinne, als deren oberste Grundsatzung wir etwa annehmen wollen: „Was dir nicht genehm ist, füge deinem Nächsten nicht zu“. Differenzierungen bei den einzelnen Völkern werden also bei dieser schematischen Voraussetzung nur praktisch-gradueller Art sein können, das ist: inwieweit sich die Grundsätze der Ethik in ihrem Leben realisieren. Freilich die Beantwortung einer solchen Frage in Hinsicht auf einen konkreten Fall, auf eini bestimmtes Volk, ist immer recht schwierig- Und gar jetzt, wo durch diesen Krieg die Begriffe „Gut und Böse“, auf Völker bezogen, so chaotisch verworren worden sind; wo bekanntlich Rußland, Serbien und Montenegro gegen das deutsche Hunnentum kämpfen und nach der Ueberzeugung des Sozialisten Vandervelde der Zarismus seine absolutistischen Härten nur von Deutschland gelernt hat. Wir Juden mit unserer dreitausendjährigen Geschichtserfahrung iwissen aber den Wert von Zeitmeinungen nicht zu überschätzen, mögen sie auch die der hervorragendsten Geister einer engen Gegenwart sein. Für ruhige Zeiten ist darum .eine allgemeine Uebeereinstimmung selbstverständlich, daß die bürgerliche Individualethik im früher statuierten Sinne bei den Völkern Osteuropas, mit der Westeuropas verglichen, eine inferiore ist. Somit kehrt unsere Frage in dieser Form wieder: ist es bis jetzt zwischen den Ostjuden einerseits, die durch Jahrhunderte unter russischer und polnischer „Wirtschaft“ gelebt haben, und den Westjuden anderseits durch die ethische Assimilation zu einer Differenzierung gekommen? Die Betrachtung der Unterschiede in dem was man gemeiniglich „Religiosität“ nennt, lehrt uns nicht viel. Denn wie bei allen Völkern. Steht auch in unserem die sonstige Treue zu Tradition und religiösem Gesetz nicht imm'er in gerader Proportion zur Erfüllung jener Vorschriften derselben, die die persönliche moralische Integrität betreffen. Zu verschiedenen Zeiten und kraft verschiedener Umstände werden die einen oder anderen Zweige des religiösen Gesetzes in der Ausübung und der öffentlichgemeindlichen Bewertung den anderen Zw’eigen hintangesetzt. Auch die Kriminalstatistik liefert bei derlei Untersuchungen wenig Maßgebendes. (Abgesehen von der an sich schwierigen Problematik des Verhältnisses zwischen Sittlichkeit und Kriminalität.) Denn die russische bürgerliche Moral z. B. wird sich wohl auch dadurch charakterisieren, daß ein großer Teil der Vergehen nicht zur gerichtlichen Anzeige und Ahndung gelangt. Man stelle sich den Idealfall vor, daß dortplötzlich eine absolute Gerechtigkeit erscheint, so müßte für den Moment der paradoxe Satz gelten: je mehr bekannte Kriminalfälle, eine höhere Moral herrsche dort. Durch die Bezugnahme aber auf die geri.htliche Ahndung berühren wir mittelbar jene Seite der Ethik, die wir vielleicht — wieder ohne jedei wissenschaftliche Termination — die öffentliche oder die Staatsethik nennen wollen. Mit Individualethik möge also jene bezeichnet sein, die sich auf die direkten Verhältnisse des Individuums zum Nebenindividuum bezieht; mit Staats- oder Gemeinschaftsethik dagegen die, welche das Verhältnis des Individuums zum Ueberindividuellen der staatlichen Gemeinschaft regelt. W'eichen wir nun der gewiß interessanten Untersuchung über das theoretische und tatsächliche Verhältnis dieser zwei Seiten der Ethik zueinander in der Geschichte und Gegenwart der verschiedenen Völker aus; uns genügt hier das Einrennen offener Türen mit der Konstatierung, daß bei den in Betracht kommenden Völkern Osteuropas die Gemeinschaftsethik wohl noch verdorbener ist, als die individuelle. Di 2 Assimilation aber in allem anderen ist in gewissem Sinne selten eine gezwungene: dagegen ist dies vielleicht die tägliche Anpassung an die Korruption Rußlands zum Beispiel. Die Frage schließlich nach dem Stande unserer EthiK der Tat — itire Wichtigkeit für den Zionismus hervovzuheben, ist wohl überflüssig. Herzl vermochte sich merkwürdigerweise einen Judenstaat vorzustelien, in dem „jeder seine Sprache behält, welche die liebe Hennat seiner Gedanken ist“ und wo „wir auch drüben bleiben, was wir jetzt sind“. Unsere ,, Assimilationen“ also in prononziert nationalen Merkmalen sollten wir noch „mitnehmen“ können. Aber man denke sich, wir wären irgendwo an eine Ethiklosigkeit assimiliert, der Gemeinsinn, Üpferfreudigkeit, Hingebung, Disziplin, Einordnungswille und ganz besonders frei-innerliche Achtung vor dem Gesetz fremd oder halbfremd sind — was für „Baumaterial“ für eine eigene Heimat gäbe das dann ab? Nach einer Seite allerdings kann unsere Hauptfrage mit Sicherheit beantwortet werden: in allen Kategorien von Unmoral, welche auf Gewalttätigkeit und Grausamkeit basieren, sind wir bis heute noch das ethischeste V'olk. Weil wir weder im Westen noch im Osten einen eigentlichen Pöbel im europäischen Sinne haben. Aus Feigheit, sagen unsere Feinde. Hier sei uns dies gleichgdtig; es ist noch strittig, ob nicht jedes Recht und jede Gerechtigkeit einer Art sublimierter Feigheit entspringt. Die verschwindend winzigen Ansätze zu einem jüdischen Pöbel, die man in manchen Großstädten finden (kann, sind wahrlich in Form und Wesen ein Produkt der ethischen Assimilation. Bezüglich der anderen ethischen Kategorien aber ist dahier der Rahmen füjr eine gründliche Beantwortung nicht, und darum auch nicht für die Betrachtung der Beziehung zwischen Ethik und Wohltätigkeit, in der unser Volk alle anderen nach Art und Verbreitung übertrifft. Es genüge der Hinweis, daß der Wert und die Notwendigkeit einer Volkserziehung nach dieser Richtung in unserer Renaissancebewegung noch nicht ausreichend erkannt wird: ebensowenig die Wichtigkeit der verschiedenseitigen palästinensischen Pionieropfer für die Erhöhung unserer Gemeinschaftsethik. Auch daß unsere Massen aus dem verlotterten Osteuropa der Gefahr einer vollen ethischen Assimilation wegen hinausgeführt werden müßten — dieses Argument für den Zionismus ist, glaube ich* noch nicht betont worden. Mit folgendem Ausspruch Kürnbergers möchte ich schließen: „Gut ist eine Nation nicht dadurch, daß jeder einzelne gut ist. Das Gute und Schlechte, das Weibliche und Kräftige, das Bübische und Männliche ist vielleicht bei der besten und schlechtesten Nation in gleichem* Mischungsverhältnis vorhanden. Den entscheidenden Unterschied macht es nur: wer den Ton angibt, wer als Hefe zu Boden muß und Wer als Creme oben zu stehen kommt.“ Wäre es nicht lehrreich, dieser These gemäß die Frage nach dem Grade unserer ethischen Assimilation zu untersuchen? Bus der jüäisthen Welf. Am 1. August erschien der Abgeordnete Reizes bei Sr. Exzellenz dem Minister des Innern Baron H e i n o 1 d, um die Aufmerksamkeit der Regierung auf verschiedene wichtige innerpolitische Verhältnisse Galiziens zu len* ken. Nach längerer Auseinandersetzung erklärte Se. Exzellenz der Minister, daß er alle Beschwerden genauestens prüfen und etwaige Persekutionen einer oder der anderen Konfession unter keinen Umständen dulden werde. * Ein aus Neologen zusammengesetztes Komitee wird — der Budapester „Allgemeinen jüd. Zeitung“ zufolge — die durch den Krieg verwüsteter, Gegenden der Komitate Ung. Saros und Semplin bereisen, um festzustellen, welcher Geldbetrag zum Wiederaufbau der zerstörten Synagogen und jüdischen Schullokalen nötig wäre. Behufs Aufbringung der Mittel soll dann eine großangelegte Landesaktion eingeleitet werden. Es würde sich empfehlen, daß hievon auch die gahzischen Kultusgemeinden und Bethausvorsteher Notiz nehmen und eine Paralellaktion auch für Galizien einleiten. ♦ Das Newyorker „Volks-Hilfs-Komitee“, das zum Zwecke der energischen Unterstützung der jüdischen Kriegsopfer gegründet wurde, hielt am 3. Juli eine Konferenz ab, an der sich Vertreter von 110 jüdischen Organisationen beteiligten und die sich mit der Organisierung und „Jüdische Zeitung“! □ □□□ Gesinnungsgenossen! Abonniert die □ □□□ Fordert in allen öffentlichen Lokalen die □ □□□ □ □□□

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