Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 36 (8.9.1915)
- Date
- 1915-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2438141-2438521-2438557--4534-2444413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JÜDISCHE ZEITUNG DER JÜDISCHE NATTONAL^ONDS ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnalnne: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden 0 tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ® gg jy\k. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. U Nr. 36. Wien, Mittwoch, den 8. September 1915. IX. Jahrgang. Lesern, fniiarbeitem und ^Freunden wünschen die Redaktion und Administration der „lüDismEn ZEiruns“ Der Tag des Gedenkens. Der Schofar tönt. Hat der Schall des Widderhorns, das Symbol der schwachen jüdischen Stimme, noch welche Bedeutung in der gegenwärtigen Zeit des blutigen Völkerringens? Haben seine eindringlichen Mahnungen zur Einkehr und Rückkehr Aussicht, gehört zu werden in einer Zeit, wo Europa vom Feuer und Schwert beherrscht wird? Werden nicht vielmehr diese Schalmeien und gebrochenen Seufzertöne des Schofar von Kanonendonner und Waffengeklirr übertönt? Und doch: der Schofar tönt, wenn die Jahreswende kommt, er mahnt zur Umschau und Rückschau, zum Nachden- Feuilleton. Die Haiti! aul dem alten Harkt. Ein königliches Geschenk des jüdischen Ostens an uns ist diese Schöpfung des ewigen Perez, der königliche Westjude Zuckermann hat das dramatische Gedicht in glockenreinen deutschen Versen nachgesungen und in königlicher Gewandung wird es uns dargereicht, ein Juwel in herrlicher Fassung. Täglich kann man . in dem Buche lesen und es ist ein Gradmesser für deinen Wert, daß es in dieser großen und furchtbaren Zeit ans Herz wächst. Aus diesem schmalen Bande quillt uns in edler Fülle entgegen, wonach wir Kinder der grausam blutigen Gegenwart mehr denn je dürsten: Musik. Aus dieser Zaubernacht auf dem alten jüdischen Marktplatz, aus diesem krausen und doch planvoll harmonischen Durcheinanderschwirren symbolischer Gestalten und Geister strömt sie auf. Die Musik der Liehe, die Musik der Sehnsucht, die Musik des Leidens, die Musik tiefer Erkenntnis und ganz leise auch die Musik der Freude und Heiterkeit, erwärmt und ergreift sie uns, die Musik der großen Seele des Jizchok Leibusch Perez — die Musik der Seele des osijiidischen Volkes. Ich will das Wundermärchen nicht zerpflükken, seinen Gang nur andeuten und einzelne Akkorde erklingen lassen. An einem nebligen Spätherbstabend gehen Krämer, schwatzende Mädchen, debattierende *) J. L. Perez: Die Nacht auf dem alten Atarkt, Ein Spiel in vier Akten. Nach dem! Jüdischen von Hugo Zuckermann. Wien 1915. Verlegt bei R. Löwit. Liebhaber-Ausgabe, Druck und Einband nach Entwürfen von C. Schuldajun., hergestellt von der Firma F. Rollinger in Wien. — Geleitwort von Martin B u b e r. ken und Gedenken. Der Tag des Gedenkens — als solches wird das Neujahrsfest bezeichnet. Gedenken — dies ist es auch, wessen der Jude ßo sehr bedarf, der so vergeßliche Jude. Gedenken, des fernen und nahen Gestern und Vorgestern sich erinnern, nicht als zusammenhangloser Tage, sondern als Glieder der langen vieltausendjährigen Ge - schichtskette, die auch wcitergeschlungen werden soll. Der Tag des Gedenkens, nicht nur des üblichen, einseitigen Erinnerns, das sich auf die Aufzählung der in die ferne Vergangenheit reichenden göttlichen Verheißungen beschränkt, sondern auch des Eingedenkseins der wichtigen historischen nationalen Sendung, die wir noch in der Zukunft erfüllen müssen. Und erinnern sollen wir uns am Tage des Gedenkens der jüngsten Geschehnisse, der unermeßlichen Schrecken und Leiden, die unserem Volke in diesem blutigsten aller Kriege von verschiedenen Seiten,.von. angeblichen Freunden und von offenen Feinden, zugefügt werden, gedenken der an uns verübten tierischen Scheußlichkeiten, der Schändungen, Folterungen und Plünderungen, des Rauhens und Massen m ordens, des so unschuldig und so unnütz strom- Arbeiter, ein Liebespaar, der betrunkene Nathan, das Nachtmädel über den Markt heim, in dessen Mitte ein sagenhafter Brunnen und ein moosbewachsener Götze steht. Aus einer Hausruine — die Schwarzen Hundert haben liior wohl gewütet — kriecht „der Narr“ hervor, von dem ein altes Mütterchen sagt: „Er kam ins Rasen Seit jener Nacht, Wo der (auf den Götzen deutend) die Musikanten gefangen! Vom Ball kamen sie gegangen, Mit Schlachzizen beisammengesessen, Ungesegnetes Brot gegessen! Verbotenen Wein! Alan denke! Wie in der Schänke Betrunken! Lockere Jungen! ln den Brunnen gesprungen, Versunken! Mit Fiedi und Bogen Er hat sie gezogen, Wie mit Zangen. Teuflische Macht! Nur er (auf den Narren weisend) weiß, wie’s geschehen, Er ist vorbei gegangen, Hat’s selber gesehen und hat aufgelacht—“ Allmählich schläft der Markt ein, die Stimmen verlieren sich, der Narr fuchtelt mit einem roten Sacktuch, daß alle Laternen verlöschen, stößt ins Horn des schnarchenden Nachtwächters und ruft, zum Götzen gewendet, beschwörend : „Die Welt ist mein, Gesprengt ist die Himmelstür, Stocksteifer Stein, Zwei und zwei ist vier! Seifenblas’ und Fliespapier, Goldgezier und Silberquaste, Kommt zu Gaste! weise vergossenen jüdischen Blutes, das zum Himmel schreit. Und gedenken müssen wir auch der schändlichen Tatsache, daß sich dagegen — wie in den finstersten Zeiten — keine Proteststimme vernehmen läßt, kein Ruf seitens der „Kulturwelt“ laut wird, daß wir schutzlos und vogelfrei sind und wie Parias behandelt werden. Am Tage des Gedenkens — und gerade heuer eher denn sonst — sollen wir schließlich des sinnvollen Ausspruches unseres weisen Hillel gedenken, der Devise der Selbsthilfe: ”N* j>‘ =» so cs M. Henisch. Die Kriegslandspende Oes JOdlsdten Nationallonils. ln vielen kriegführenden Staaten beschäftigt man sich mit der Frage, wie die rückkehrenden Invaliden am besten zu versorgen wären. Mit der Rente, die sie vom Staate erhalten, können sie nur notdürftig ihr Dasein fristen. Meist aber handelt es sich um Leute, deren Erwerbsfähigkeit nur zum Teile eingeschränkt ist oder die durch ihre Verletzung bloß gezwungen sind, einen anderen Beruf als den früher ausgeübten zu ergreifen. Und allerlei Aus Schaum Und Traum Und Nebel gewebtes Gesindel, Traumgaukelei und Dämmerschwindel, Kommt herbei! Ihr seid geladen Zu Nachtparaden. Kommt geflogen, Kommt gezogen, Ueber dunkle Himmelsbogen Geht der Lauf, Götze schlag’ die Augen auf! Fletsch dein Gebiß! Finsternis Hat die Stadt überdacht. Heut’ ist unsere Nacht! Unsere Nacht!“ Ein Gewimme! von Erscheinungen, „zitternd wie Nebelbilder“, beginnt nun den Markt zu beleben: Maiktleute, Fuhrmänner, Märtyrer, ein Kabballisi, ein Gehenkter, ein Geblendeter, ein Geköpfter, eine Erfrorene, eine Betschwester und ein Schwarm anderer. Jede dieser Erscheinungen spricht, und bei jedem Spruche muß man nachdenklich verweilen, oft erquickt von dem Ticfsinu, von der Prägnanz, oder dem schlagfertigen, bitteren Witz. Wie von einem bösen Traum gescheucht, erscheint „der Dichter“ auf dem Balkon seines Hauses: „Was mag das sein? Was mag das sein? Ueber den Markt klingt ein deises Gewein, Wie Tauben rufen Von Tempelstuten, Wie ein König, der seinen Sohn verstieß. Wie um ein verlorenes Paradies. Das „Gemurmel am Markt“ antwortet ihm: „Die Stille weint! Die Stille weint! Kein Tröster erscheint! Wo bleibt der Freund Der bleichen Braut? jude'kaufe'den Jüdischen National - Kalender 5676 . Näheres im Inserat!