Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 35 (6.9.1915)
- Date
- 1915-09-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 35 Jüdisches Archiv. — Mitteilungen des jüdischen Kriegsarchivs. Erschienen Heft I. Soeben erschienen: Doppel-Heft II und III. Aus dem Inhalt: Das Kriegselend der Juden in Galizien und der Bukowina. — Russengreuel in Komarno, Sedziszow, Nadworna, Lopuchow Lutowiska, Bohorodczany. — Ein russisches Manifest gegen die Judenverfolgung in Rußland. — Die Judenfrage in England. Ein Brief des österreichischen Botschafters in den Vereinigten Staaten. — Oesterreich-Ungarns jüdische Offiziere. — Gefallene jüdische Offiziere der österreich.-ung. Armee. — Jüdische Dekorierte. Preis pro Heft: 60 Heller (50 Pfennig), mit Porto 80 Heller (60 Pfennig). Vorausbestellungen durch den Verlag R. LÖWITy Wien, I. Rotenturmstraße 22 oder durch das JÜDISCHE KRIEGSARCHIV, Wien, II. Zirkusgasse 33. RunisAau. Wieder eine Lektion. Die bekannte Verleumdung der Lemberger Juden wegen ihrer Russenfreundlichkeit seitens des Landtagsabgeordneten Dr. Hupka hat die Judenschaft dieser Stadt begreiflicherweise in Aufregung versetzt. Anstatt aber aus diesem durchaus symptomatischen Falle den einzig richtigen Schluß zu ziehen, mit der bisherigen PoliStük der Halbheit und des Sitzens auf zwei Stühlen endlich aufzuräumen und den Weg einer konsequenten selbständigen jüdischen Politik, ohne Neben- und Hintergedanken, zu betreten, stellten sich die zu einer diesbezüglichen Beratung versammelten Vertreter sämtlicher Richtungen der Lemberger Judenheit auf den Standpunkt, dieser Fall sei, ähnlich allen anderen Verleumdungen gegen die Juden, eine Einzelerscheinung, für welche bloß eine Satisfaktion zu verlangen sei. Als solche erschien ihnen die Erlangung einer Gegenerklärung, sozusagen eines WohlverlialtungszeugTiisses s:i:ens polnischer Persönlichkeiten, um die sie sich auch bemühten. Nun veröffentlicht das Lemberger jüdiscne Tagblatt in seiner Nummer 259 vom 24. August 1. J. zwei „Eiklärungen“, von denen eine von den polnischen Universitäts-Professoren Dr. Ludwig F i n k e 1 und Dr. Marcely C h 1 a m t a c z, die andere von Dr. Henryk Sawczinski unierschrieben . ist. Schon aus der kühlen Sprache und der höchst reservierten Form dieser Er-, klärungen sickert durch, daß die Feststellung; der erwähnten drei Persönlichkeiten, welche die Enthüllungen Dr. Hupkas in Abrede stellt, nicht etwa ihrer Wahrheitsliebe oder einem inneren Bedürfnis entsprungen ist, sondern ihnen abgerungen wurde. Dieser Af faire wurde jedoch durch das schändliche Verhalten der ' gesamten" polni-'1 sehen Presse die Krone aufgesetzt. Der Abgeordnete Dr. Diiamand übernahm nämlich vor einiger Zeit diese Erklärungen mit der Mission, die Veröffentlichung derselben in der polnischen Presse zu forcieren, was ihm aber scheinbar nicht glückte. Weder der „Czas“ noch irgend eine andere polnische Zeitung räumte diesen unschuldigen Erklärungen bislang ein Plätzchen ein. Herr Dr. Diamand, der bekanntlich vor kurzem als Commis-Voyageur des Polenklubs bei seinen jüdischen „Machern“ die Unterschriften für die „berühmte“ Erklärung {in der jüdisch-polnischen Frage erbettelte, mußte sich nun überzeugen, daß die Polen die Liebdienerei der Juden bei weitem nicht mit der verdienten Willfährigkeit belohnen und auch ihn in seiner Rolle als Vermittler desavouieren. Werden die sich an die Rockschöße verkrachter Politiker klammernden Juden daraus die i Konsequenzen ziehen? .... Die Heimkehr. , Fast sämtliche Juden Galiziens haben, um! mit Wallenstein zu sprechen „das kahle Haupt des Krieges“ gesehen. Was jedoch die aus der galizischen Kriegszone evakuierungsweise von den Russen weggeführten Judengemeinden durchleben und durchleiden mußten, spottet jeder Beschreibung. Zu diesen gehört in erster Linie die Judengemeinde in Tlumacz, die, etwa 700 Seelen mit dem Rabbiner an der Spitze, wie eine Viehherde von den Kosaken angetrieben, den 24 Meilen weiten Weg bis Zloczow zu Fuß zurücklegte, wo sie die ganze Zeit hindurch blieb. Da nun den Russen der Boden heiß zu we rden begann, entschlossen sie sich, diese Tlumaczer Juden mit zugebundenen Augen durch die österreichische Feuerlinie zurückzuschicken. So langten jetzt, dem Lemberger „Tagblatt“ zufolge, zwei Truppen befreiter Juden, insgesamt 427 Personen, in Lemberg an, Wo sie in den Janower Baracken untergebracht wurden, um nach einem kurzen Aufenthalte daselbst in ihre Heimatstadt befördert zu werden. Wir können uns die Freude dieser Juden, die keinen sehnlicheren Wunsch hatten, als in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen, vorstellen. Können wir aber ihre Freude teilen? Wir wissen zu gut, welches unsäglich traurige Los diesle heimkehrenden Juden zu Hause erwartet, die, das Ziel ihrer monatelangen Sehnsucht endlich erreidht, bar jeglichen Hab’- und -Gutes und zum großen Teile auch obdachlos dastehen werden. Ihre Lage wird sich verzweifelter gestalten, ab diejenige der heimkehrenden Flüchtlinge, deren Habseligkeit teilweise durch die zurückgebliebenen Verwandten und Bekannten geschützt wurde. So konnte z. B. .aus eben diesem Tlumacz ein Staatsbeamter, der nach der Wiederbefreiung dieser Stadt dorthin beordert wurde, seiner in Wien weilenden Familie mitteilen, daß er in Tlumacz kein Quartier finden könne, da der größte Teil der Wohnhäuser niedergebrannt und verwüstet wurde. "Ist es angesichts dieser Sachlage nicht die erste und unaufsdiiebbare Aufgabe der Regierung und der sonstigen änaßgebenden Kreise, hier helfend beizuspringen? Die Unveibssserlidren. Schier wollte es scheinen, daß sich unter den wuchtigen Hieben, die der gegenwärtige Weltkrieg unserem Volke versetzte, auch bei den sogenannten „Jaliudim“ in Amerika eine innere Wandlung vollzogen habe. Es schien, daß daß auch diese Juden die Absicht hätten, ihre bisherige, geheimtuerische, allen demokratischen Grundsätzen hohnsprechende Tätigkeit in eine demokratische, den Interessen der jüdischen Gesamtheit dienende Wirksamkeit umzusetzen. Die dortigen Zeitungen wiegten uns auch in der Hoffnung, daß es doch gelingen werde, die Zustimmung des „American Jewish Committee“ für den Kongressplan und dessen hauptsächlichsten Forderungen, welchen fast sämtliche bedeutenden jüdischen Organisationen Amerikas bereits zustimmten, zu erlangen. Nun teilt unser Newyorker Bruderblatt „Das jüdische Volk“ mit, daß die Verhandlungen mit dem genannten Komitee endgültig scheiterten und diese Herren zu einem Kongresse auf demokratischer Basis und zu solch weitgehenden Forderungen, wie z. B. nationale Redite für die Juden, oder gar eine Heimstätte in Palästina keinesfalls sich verstehen vollen. Die amerikanischen Jahudim* sind also unverbesserlich. Hoffentlich wird ihre Abstinenz der Sache des in Vorbereitung befindlichen jüdischen Kongresses in Amerika nicht schaden. Die jüdischen Massen werden es einsehen lernen, daß sie von den „Großen“ nichts zu .erwarten haben und daß sie ihr Schicksal in ihre eigene Hand nehmen müssen. M. H. Brief aus Palästina. Jaffa, den 47. Juni 1915. Obwohl die Heuschrecken sich noch immer in Palästina aufhalten und möglicherweise noch weitere Schäden anrichten können, fühle ich mich doch veranlaßt, Ihnen einen ungefähren Ueberblick über die bisherigen Schäden, die die Heuschrecken jn den jüdische* Kolonien im Lande angerichtet haben, zu geben. Das Getrdide hat durch die Heuschrecken nur wenig gelitten. Nur in wenigen Fällen, wo es spät gesät war und es die geflügelten Heuschrecken bei ihrer ersten Invasion im März d. J. noch grün vorfanden, haben die Heuschrecken einigen Schaden anrichten können. Der Gesamtverlust durch Vernichtung oder Beschädigung der Getreideernte seitens der Heuschrecken dürfte für alle jüdischen Kolonien höchstens 50.000 Fr. betragen. Sehr stark hat das Viehfutter (Klee, Luzerne, Futterrüben und Futterkürbisse) und das Gemüse (Tomaten, Gurken, Zwiebeln, Kartof-, fein usw.) durch die Heuschrecken gelitten. In vielen Kolonien ist vom Gemüse überhaupt nichts übrig geblieben. Der Gesamtschaden dürfte auf ca. 150.000 Fr. zu veranschlagen isein. - In den Orangerien sind überall jdie Blätter und die Rinde der jungen Zweige vollständig; abgefressen, so daß die Ernte des laufenden Jahres ganz vernichtet ist, und auch die Ernte des nächsten Jahres voraussichtlich nur sehr klein sein wird. Verschont geblieben sind bis zum heutigen Tage nur: 1700 Dunam Orangerien (von den gesamten 6000 Dunam) in Petach-Tikwah sowie einige Gärten bei Jaffa (die Montefiorcbojare bei Sarona, die Orangerie Mikweh Israel usw.), wie überhaupt der ganze arabische Orangengürtel in einer Ausdehnung von mehreren Kilometern rings um Jaffa gänzlich verschont geblieben ist. Angeblich deshalb, weil die Heuschrecken die Nähe des Meeres nicht vertragen. Da der Ertrag der Orangerien, 'die in jüdischen Händen sind, ohne den Heuschreckenschaden im Jahre 1915 ca. |700.000 Kisten be-< tragen hätte, infolge der Heuschreckenplage der Ertrag der verschont gebliebenen Gärten sich auf höchstens 150.000 Kisten belaufen wird, so beläuft sich der diesjährige Schaden bei einem Preise von 3 Fr. pro Kiste auf ca. 1,650.000 Fr. Die Weinstöcke sind in sämtlichen Kolonien gänzlidi abgefressen worden und werden in diesem Jahre gar keine Früchte geben. Die Weinkellereien in Sichren Jacob und Rischon le-tZion haben bereits beschlossen, in diesem Jahre nicht zu arbeiten. Der Schaden beläuft sich nach den Erträgnissen des vorigen Jahres auf ca. 25.000 Kantar (1 Kantar 2SS kg). Rechnet man für jeden Kantar 25 Fr., so ergibt sich ein Gesamtschaden von ca. 528.000 Fr. Von den Mandelbäumen sind ebenfalls die Blätter vollständig abgefressen worden, dagegen sind die Früchte zum größten Teile an den Bäumen geblieben, nur ein geringer Prozentsatz derselben ist von den Heuschrecken der äußeren grünen Schale beraubt worden und damit verhindert worden, auszureifen. Immerhin hofft man, daß die Hälfte der Mandelernte, die sich insgesamt (ohne die Heuschreckenschäden) auf ca. 1500 Kantar ä 300 (Fr. 450.009 Fr. gestellt hätte, zu retten ist, so daß der Schaden ca. 225.000 Fr. betragen Word.! Zu diesen Verlusten an den Erträgen kommt noch hinzu, daß der Kampf, «den die Kolonien drei Monate lang gegen die Heuschrecken ge-1 führt haben, an Arbeitslöhnen und Material nicht weniger als 200.000 Fr. gekostet hat. Unter Außerachlassung des Schadens, der durch die Heuschreckeninvasion möglicherweise noch' im nächsten und teilweise auch übernächsten. Jahre entstehen wird, setzt sich der heurige Verlust folgendermaßen zusammen: a) Verlust an Getreide b) - 0 d) „ e< f) . ca Gemüseund Futter Orangerien Weingärten Mandelplantationen Arbeitslöhnen usw. 50.000 Frcs. 150.000 „ 1,650.000 „ 528 000 „ 225.000 „ 200.000 „ Wie aus dieser Berechnung zu ersehen ist, haben unter der Heuschreckenplage hauptsächlich die Pflanzungen gelitten, das heißt die Kolonien in Judäa und in .Samaria. Diese Kolonien hatten schon im vorigen Jahre infolge der Unmöglichkeit, die Orangen in regulärer Weise zu exportieren, schweren Schaden erlitten, sie hatten im letzten Jahre höchstens ein Viertel der normalen Einnahmen der Orangenernte. Auch der Absatz der Mandeln und ides Weines hatte infolge der kritischen Lage im Auslande und der Erschwerung der Bedingungen viel sch’echj tere Resultate ergeben, als in normalen Jahren.; Infolge der Heuschreckenplage, durch die nun audi in diesem Jahre fast die ganze Ernte vernichtet worden ist, ist die |Lage der Pflanzungskolonien in Judäa und Samaria eine äußerst kritische geworden. Wenn es durch die hoffentlich bald eintreffende Darlehenssumme aus Amerika möglich sein Wird, die Orangengärten zu erhalten, so bleibt es noch eine schwierige Frage, was die Besitzer von Weingärten machen ^verden, wenn sie in diesem Jahre (keinerlei Einnahmen aus den Weingärten haben werden. Die Mandelbesitzer, die ja Wenigstens die Hälfte der Ernte realisieren werden, werden hoffentlich mit dem Erlös ihre Pflanzungen erhalten können. Allerdings ist hier auch noch die schwierige Frage die, daß der Erlös der Mandeln im besten Falle nach (sechs Monaten einlaufen wird, während die Bearbeitung der Pflanzungen jetzt sofort schon gewisse Mittel erfordert, die den Mandelpflanzern jetzt nicht zur Verfügung stehen. Dadurch daß die Kolonisten keine Einnahmen haben, ist der Standard!of life in den Kolonien sehr herabgesetzt. Hierdurch sind sehr viele Handwerker und Krämer in den Kolonien gänzlich ohne Erwerb. Ebenso gibt es eine ganze Menge von Leuten, die in den Kolonien Wohnen und in normalen Zeiten von ihren Verwandten im Auslande Geld bekommen, die aber jetzt infolge des Ausbleibens der Gelder in großer Not sind. In den Kolonien fehlt es auch an den Mitteln, um die kommunalen Einrichtungen (Arzt, Apotheke, Waclitdienst) zu unterhalten. Es wurden von Dr. Ruppin iund Herrn Hoofien verschiedene Maßnahmen beschlossen, um an diesen Fällen bessernd einzugreifen (Gründung von Darlehenskassen in den judäisthen Kolonien, kleine Monatskredite für die Kolonieverwaltungen).