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Jüdische Zeitung · 1915-09-06 · 35 (6.9.1915) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
35 (6.9.1915)
Date
1915-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG ffl»C NRTIDNRL -JÜDISCHES DRBRH SJä Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ AWf B Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden £} tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnemenstspreise: Für Oester- B reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. B Mk. 3. . Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. |y Nr. 35. Wien, Freitag, den 6. September 1915. IX. Jahrgang. David Wolfisohn. (Zur Wiederkehr seines Todestages.) Von Adolf Stand. Eine der interessantesten Gestalten unserer Bewegung. Er gehörte der Partei jahrelang vor Herzi an. Er war einer der Chowewe-Zionisier,, die ihre ganze Erziehung in Rußland erhalten haben. Die Erziehung ließ bei ihnen Spuren durchs ganze Leben zurück. Diese Menschen sind in einem jüdischen Milieu aufgewachsen; zuhause sprach man jüdisch, man feierte traditionell die jüdischen Festtage, die Jugend hielt sich den größten Teil des Tages in den Bethäusern auf und las die Bibel, die Propheten und den Talmud. Der jüdische Geist drang ins Gehirn und in die Seele, in den Kopf und ins Herz der Jugend und die Leute lernten das Judentum (kennen und lieben, arbeiteten dafür und wurden die geistigen Erben ihrer Väter. Es war ihnen leichter als ihren Epigonen, denen die Wurzeln ganz unbekannt waren. Jene konnten sich identifizieren mit dem Judentum', weil sie mit ihm ganz verwachsen waren. Diese stehen mit ihm in einem losen Zusammenhänge. Diesem guten jüdischen Milieu entstammt Wolfisohn. In den jungen Jahren arbeitete auch er am Talmud. Bald aber erwachte in ihm der Selbsterhaltungstrieb, der ihm sagte, daß dieses Studium allein nicht ausreicht, daß er auch füp seine Zukunft sorgen muß. Es war ein gesunder Selbsterhaltungstrieb, weil er Wolffsohn die Möglichkeit gab, nicht nur für sein materielles Fortkommen zu sorgen, sondern auch für das Fortkommen des Volkes, demi er freigebig jahrzehntelang diente. Hungernd und frierend, geringgeschätzt von dem einem, mißachtet von den anderen — so verlebte Wolffsohn die Jugendjahre in Deutschland. Kaum aber waren seine primitivsten Bedürfnisse gestillt, begann er auch zu sorgen für seine Nation. (Er wurde einer der Agitatoren der Chibath-Zion und später als Herzi kam, eilte Wolffsohn nach Wien, um den Meister zu begrüßen und ihm die Bereitwilligkeit zur Mitarbeiterschaft mitzuteilen. Wolffsohn erkannte in Herzi den Mann der großen Horizonte, des weiten Blickes und merkte gleich, daß hier eine neue Epoche der Bewegung beginnen wird, daß von diesem Augenblicke an eine Wendung in der Entwicklung des Judentums eintritt. Herzi eikannte in dem rührigen, beweglichen, energischen und unternehmenden Kaufmanne einen seiner tüchtigsten Schüler. Die Bekanntschaft führte in kurzer Zeit zur gegenseitigen Neigung, aus der Neigung entstand eine Freundschaft, die bis in den Tod dauerte. Herzi übernahm die Leitung der Partei. Im Laufe des Jahrzehnts, in welchem Herzi bei Tag und Nacht fürs Judentum arbeitete, unternahm er nie etwas Ernstes, Wichtiges, Prinzipielles, ohne davon vorher mit Wolffsohn sich verständigt und seine Zustimmung erreicht zu haben. Wolffsohn war die rechte Hand Herzls. Die Idee des Weltkongresses besprach er mit ihm. Mit der Realisierung der Kolonialbank betraute er direkt Wolffsohn, der bis an sein Lebensende Präsident der Bank war. Den Plan eines jeden Besuches bei den Vertretern der Staaten und Nationen besprach genau Herzi mit Wolffsohn, bis er ihn ausführte. Vor jeder wichtigen Reise fanden lange Unterredungen beider Führer statt. Die Idee des Nationalfondes wurde mit Hilfe Wolffsohns realisiert. So arbeiteten beide nebeneinander bis zum Jahre 1904. Im Juli dieses Jahres srarb Herzi. Das Volk war verwaist, die Leiter der Bewegung haben die Orientierung verloren. Den Besten, die betäubt wurden vom großen Schlage, schien es unter der Wucht dieses Unglücksfalles, daß nicht nur Herzi starb, daß auch der Zionismus zugrunde gegangen ist, daß die Nation aufgehört hat zu leben. Mitten in dieser schweren Psychose der Nation war nur ein Mensch, der das Gleichgewicht nicht verloren hatte, dem der große Schlag die Augen nicht geblendet, die Sinne nicht verwirrt hat. Es war der energische, aktive David Wolffsohn. Er begann die Idee dort zu führen, wo der Tote sie geendigt hat; in seine sehnige Hand nahm er die Zügel der Bewegung, ging in die Fußstapfen 'seines großen Vorgängers und begann die Arbeit Herzls zu vervollständigen. Er war ein gewissenhafter Exekutor des Willens Herzls. Seines Willens im engeren Rahmen, weil er durch Herzi (zum Vormunde seiner Kinder ernannt wurde. Seines Willens im weiteren Rahmen, weil er auch durch ihn zum Vormunde des verwaisten jüdischen Volkes ernannt wurde. Durch eine Reihe von Jahreni führte er die Bewegung und bis an sein Lebensende stand er an der Spitze der finanziellen) Institutionen des Zionismus. Später einmal will ich gern die Gesamtarbeit dieser Persönlichkeit genau und gewissenhaft würdigen. Da will ich nur seine Arbeit skizzieren. Ich muß erklären, daß ich nicht immer und mit allem mit Wolffsohn einverstanden war. Es gab Augenblicke, in denen ich, Wie bei Sitzungen des Großen Aktionskomitees und bei Weltkongressen gemeinschaftlich mit anderen Genossen seinen Anschauungen widersprach und mit seinen Ansichten nicht einverstanden war. Manchmal teilte ich nicht seine Ideen und ratificierte nicht die Schritte, die er unternahm. Aber die Unterschiede zwischen ihm und uns waren größtenteils nicht prinzipieller sondern taktischer Natur. Nicht in der Idee gingen wir auseinander, sondern in der Methode. Nicht die Sache trennte uns, sondern der Weg. Und trotzdem ich ihn manchmal scharf und leidenschaftlich bekämpfte, trotzdem es manchmal zu einer scharfen Auseinandersetzung kam, so litt doch nicht — und das ist ein starker Beweis der Lebenskraft unserer Bewegung, die die Kritik braucht und sie aushält — unser inniges Verhältnis, das sogar später stärker wurde. Wie ich zu Lebzeiten nicht immer mit allen Details seiner Arbeit einverstanden war, ihn gerecht aber streng kritisierte, so habe ich doch immer Worte der Anerkennung für seine große Opferfreudigkeit, Ausdruck des Beifalls für seine Arbeitswilligkeit. Ich achtete ihn zu Lebzeiten — ich freute mich sehr, als ich Gelegenheit hatte, mich zu überzeugen, daß er trotz entgegengesetzter Anschauungen mich mit seiner wahren Freunds.nat't beehrte — ich achtete ihn, weil er einer der größten und tüchtigsten Schüler und der genauesten Exekutoren des Willens Herzls war. Als einen solchen achte ich ihn auch nach seinem Tode. Wolffsohn war der Nachfolger Theodor Herzls. Aber er war kein Epigone. Er setzte die Arbeit seines großen Vorgängers nicht mechanisch fort. Denn was Herzi zurückgelassen hat, war etwas Unvollendetes, Lebendiges, in der Entwicklung Begriffenes. So mußte auch Wolffsohn darin seine Seele hineinlegen und so arbeitete er organisch an dem Weiterwachsen, und freute sich an dem Gedeihen des Werkes. Denn er war auch selbst Persönlichkeit, wie wir ihrer in und außerhalb unserer Partei nicht viele haben. Wolffsohn war einer unserer besten und wirkungsvollsten Redner. Er beherrschte voll das gesprochene Wort. Er wirkte auf Massenversammlungen, trotzdem' ihm auch manches versagt war. Trotzdem er die deutsche Sprache nicht einwandfrei beherrschte, seine allgemeine Bildung eine ziemlich lückenhafte war, seine Anschauungen manchmal banal, seine Wirze ober-; Fachlich, seine Ansichten eher in die Weite als in die Tiefe gingen, trotz alldem schlug er auf den Kongressen manche seiner ihn an Intelligenz und Belesenheit weit überlegenen Gegner. Denn er wußte zu den Massen zu sprechen. Er waT der geborene Beherrscher der Menge. Er stand mit beiden Füßen auf dem .Boden des realen Lebens, dachte nüchtern und sprach verständig. Ihn reizten nicht die Mysterien der Dinge, seinen Geist beunruhigte nicht das Dunkle des Werdens. Er suchte das Fertige, er schwärmte für dav Ganze, er liebte das Vollendete, er betete den Erfolg an. Ihn zeichneten Klarheit, Prägnanz des Ausdruckes, jüdischer Witz, talmudische Dialektik aus. Eine feine Witterung hatte er für die Schwächen des Gegners, er lauerte und lugte nach ihnen aus, und fand er sie, so warf er sich unbarmherzig, rücksichtslos auf sie und zerzauste den Gegner unter dröhnendem Beifall des ihm allzeit treuen Hauses, bis er den Feind niedersireckte. Er war ein Seif made man. Manches ließe sich bei ihm in der Form aussetzen. Aber stark, rauh, voll war sein Inhalt. Er hatte ein tiefes} Verständnis für die Forderungen seines Volkes. Er kannte sein Volk und .stellte sich ganz in dessen Dienst. Und da war er weitblickend und großzügig, energisch und klug, stolz und charaktervoll. Es beherrschte ihn ein Gedanke — das Wohl seines Vo.kes, es glühte in ihm ein Gefühl — die Liebe zu seinem Stamme, er hstte ein Vorbild — Theodor Herzi. Er tat alles um seinem Vorbild ähnlich zu werden. □ □□□ Gesinnungsgenossen! Abonniert die □ □□□ Fordert in allen öffentlichen Lokalen die „Jüdische Zeitung“! □ □□□ □ □□□

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