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Jüdische Zeitung · 1915-09-06 · 35 (6.9.1915) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
35 (6.9.1915)
Date
1915-09-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Es ist klar, daß, solange der Krieg dauert, und die Kolonien dadurch keinen Verkehr mit dem Auslande haben, die Lage der Kolonien und speziell der Pflanzungskolonien in Judäa (die Getreidekolonien in Galiläa haben weder von dem Kriege noch von der ^Heuschrecken^ plage in erheblichem Maße gelitten, und werden sich auch weiter ohne größere Schwierigkeiten erhalten können) von Tag zu Tag kritischer wird. Andererseits ist es ja selbstverständlich, dab mit der letzten Kraft gearbeitet werden muß, um die jüdischen Kolonien in Judäa, in denen soviel Kapital steckt, und die so viele Energie gefordert 'haben, über die kritische Zeit hinwegzubringen. („Jüd. Rundschau.“) flus 4er jSSisthen Welf. Die letzte Sitzung der russischen Reichsduma hat wie ein reinigendes Gewitter gewirkt. Die Reden Miljukows, Tschcheidses, Kerenskis, Friedmanns haben nicht nur dem Groll und der Empörung der unterdrückten Volksmassen und der mißhandelten und zu Tode gequälten „Fremdvölker“, der Juden, Mohämedaner, usw., beredten Ausdruck verliehen, sondern auch vor aller Welt den unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Niederlagen des russischen Heeres und dem reaktionären Charakter der inneren PoütiK Rußlands enthüllt und den aufhorchenden Westmächten vor Augen geführt, daß sie mit Blindheit geschlagen waren, wenn sie glauben konnten, daß ihnen ein von einem volksfeindlichen korrupten Gesindel verwalteter Staat wirksame Waffenhilfe in einem modernen Kriege werde leisten können. Die oppositionellen Reden in der Duma hatten denn auch ihr Gutes, daß sie etwas die Zunge wenigstens der Sozialisten in Frankreich gelöst haben. Die „Humanite“- legt sich der russischen Regierung gegenüber schon weniger Rücksicht wie bisher auf. Vandervolde, der anscheinend sich mehr als belgischer Staatsminister denn als Präsident des Internationalistischen Bureaus fühlt, spricht es unumwunden aus, daß die erlittenen Schlappen Rußlands auf die inneren Zustände des Landes heilsam wirken mögen. Die über alle Maßen empfindliche französische Zensur scheint auch nicht mehr so nervös zu werden, wenn tnan von der Unterdrückung der Arbeiter, Juden usw. in Rußland spricht. Das sind alles Zeichen der Zeit. * Aut jener erwähnten Sitzung der russ. Reichsduma, die durch die offene Sprache der oppositionellen Volksvertreter in der ganzen Welt großes Aufsehen erregte, wurde seitens der den unterdrückten Nationalitäten angehörenden Deputierten ein Antrag eingebracht,, der für die nächste Zeit Maßnahmen forderte, erstens, um sämtliche Repressalien der Staatsverwaltung-gegen einzelne Völker zu beseitigen und zweitens, um im gesetzgeberischen Wege sämtliche Ausnahmsgesetze gegen Glaubensbekenntnisse und Nationalitäten abzuschaffen. Dieser Antrag wurde mit einer Stimmenmehrheit von 191 gegen 132 abgelehnt. Auffallend ist der Umstand, daß während die titanischen, letischen, estischen, armenischen, mohamedanischen und jüdischen Deputierten den Antrag Unterzeichneten, die polnischen Vertreter offenbar ihre Unterschrift verweigerten. Dies ist ein Beweis für den reaktionären Charakter des polnischen Reichsratsklubs, der, im stillen Ein-: vernehmen mit der Regierung arbeitend, einem Zusammengehen mit den demokratischen Elementen des Parlaments ausweicht und durch Liebesdienste nach oben allerhand Gefälligkeiten zu erschleichen sucht. Oder fühlt sich der Polenklub der Duma bereits als Vertretung einer herrschenden Nation, die an der Beseitigung der Ausnahmsgesetze gegen nationale Minderheiten kein Interesse mehr hat? # Der Sekretär des englischen Gewerkschaftsbundes Appleton, hat den Ehrenvorsitz des Arbeiterverbandes für jüdische Rechte in London übernommen. Wie uns berichtet wird, ist Appleton über die Verbrechen der russischen Regierung an der jüdischen Bevölkerung gut unterrichtet und entschlossen, sein Möglichstes zu tun, um die organisierte Arbeiterschaft Englands und deren parlamentarische Vertretung für eine Aktion zugunsten der jüdischen Rechte in dem verbündeten Lande zu gewinnen. Auf dem demnächst in Bristol stattfindenden Trade-Union-Kongress wird die Gelegenheit wahrgenommen werden, um im gedachten Sinne die Judenfrage auszuscheiden. Der erwähnte Arbeiterverband bereitet ein Memorandum an die Delegierten des Kongresses vor. * Der „Corriere della Sera“ veröffentlichte vorige Woche einen Protest gegen antijüdische Verleumdungen und Verhetzungen in Italien, ln dem Proteste, welcher von Luzzatti und anderen hervorragenden Juden Italiens unterschrieben ist, wird darüber Klage geführt, daß seit Kriegsausbruch in Italien eine judenfeindliche Hetze sich breit mache, welche den Patriotismus der Juden anzweifle und sie für die Mißerfolge auf dem Schlachtfelde verantwortlich mache. Es wird auch die Gründung einer diesbezüglichen Abwehrorganisation unter dem Protektorate Luzzattis angekündigt. Es sei aber daran erinnert, daß von den Judenfeinden Oesterreichs und Deutschlands gerade der patriotische Uebereifer vieler italienischer Juden zum Anlaß einer verallgemeinernden Hetze genommen worden ist, wobei sich sogar der arme, arische D’Anunzio die „Be-* kehrung“ zum Rappaport gefallen lassen mußte. Hois füP RMaten! Dao Rechtsschutzbüro, Sektion V der Zentralstelle der Fürsorge für Kriegsflüchtlinge, II., Zirkusgasse 33 ersucht Advokaten und Advokaiurskandidaten um tätige Mithilfe durch einige Stunden in der Woche. Dieses Ansuchen wird vom Zionistischen Zentralkomitee wärmstens befürwortet. Ein Sorgenkind ist fast immer da und die größte Sorge macht jeder Mutter doch die Ernährung ihres Kleinen. Verdauungsstörungen kommen leider so häufig vor und gerade vor solchen muß ein Kind geschützt werden, einzig und allein durch richtige Ernährung. Versuchen Sie aber nur ein vertrauenswürdiges, in tausenden von Familien mit den allerbesten Erfolgen verwendetes Nährpräparat, wie es Nestle’s Kindermehl ist. Eine Probedose davon und das lehrreiche Büchlein über die Pflege des Kindes ist gratis erhältlich von der Firma NESTLE’s KINDERMEHL-GE¬ SELLSCHAFT, Wien, L, Biberstraße 1. Hntisemifisdie Entgleisungen. Die Wiener „Arbeiter-Zeitung“ vom 20. Juli brachte „aus Ostgalizien“ einen „Auf den Spuren der geschlagenen Russen“ überschriebenen Feldpostbrief eines „Gratzer Schriftsetzers an einen Wiener Kollegen“, der folgende liebenswürdige Bemerkungen an die Adresse der jüdischen Händler in Galizien enthält: Von einem Judenhause (in Bolechow) wurde, ebenfalls durch eine schwere russische Granate, die Vorderwand eingedrückt und in das Innere geworfen. Aber an der Türschwelle saß ein Jude und verkaufte ein Schachten Zündhölzer „for finf Kreizer“. Das Gesindel weiß sich wirklich zu helfen. Ich hätte den Kerl niederschießen können. Die Juden hatten unter der Russenherrschaft wirklich viel zu leiden; aber wie sie zum Dank uns. die wir in selbstloser Weise ihnen wieder ein friedliches Dasein bringen, begaunern, ist wirklich gemein. Wenn der erste für ein Stück Brot zehn Kreuzer zahlt, verlangen sie vom fünften schon zwanzig Kreuzer. Tags darauf kostet es bereits fünfunddreißig Kreuzer. Doch Wir wissen uns jetzt zu helfen. Wir zahlen gut, über den Wert; aber wenn uns einer begaunern will, werfen wir ihm das Geld hin und er kriegt eine Ohrfeige angetragen. Das Gesindel verdient wirklich nicht mehr, zumal da wir ja gern etwas mehr zahlen als die vorgeschriebenen Höchstpreise. Einmal verlangte eine Jüdin von mir für ein Packerl Achterzigarettentabak fünfzig Heller; das hab’ ich aber einem Feldgendarmen gesagt! Der hat ihr den ganzen Kram konfisziert, außerdem die Anzeige gemacht.“ Daß die Wiener „Arbeiter-Zeitung“ derartiges Gewäsch abdrückt, ist selbst bei dem bekannten antisemitischen Ton dieses Blattes erstaunlich. Wissen die Genossen von der „Arbeiterzeitung-Redaktion“ so rein gar nichts von russischen Plünderungen in Galizien, besonders unter den Juden, und von der Unterbrechung ieder Kommunikation, die eine allgemeine große Teuerung aller Bedarfsartikel erzeugte? Und wenn auch einzelne Händler im Operationsgebiet, die unter Lebensgefahr ihrem inmnVerlichen Berufe nachgingen, hie und da sich Preisaufschläge gestatten, kann dies einen Grund für antisemitische Wutausfälle abgeben? Das antisemitische „Deutsche Volksblatt“ hat die zitierte Stelle, wie sich dies in der Zeit des Burgfriedens geziemt, ohne Kommentar nachgedruckt. Dies ist allerdings nicht das erstemal, daß die Wiener „Arbeiter-Zeitung“ im Antisemitein den antisemitischen Hetzblättern vorangeht. Es sitzen eben in ihrer Redaktion zuviet derer, die „sich nix zu derkennen geben“. # Wir leben in einer ernsten, aber nicht in einer traurigen Zeit, und wir freuen uns, trotz des Krieges, über jeden guten Witz. Nur wird ,».vohl jetzt noch mehr als in Friedenszeit die Forderung berechtigt sein, daß der Witz sich in würdigen Bahnen bewege und nicht verhetzend wirke. Bei einer vornehmen Zeitschrift wie die „Jugend“ sollte diese Voraussetzung! eigentlich selbstverständlich sein, — sie ist es aber leider nicht immer. In einer ihrer letzten Nummern bringt sie ein großes Bild, das in ein Organ für deutsche Kunst und Kultur sicherlich nicht hineingehört. Es stellt einen galizischery Juden dar, der einem Soldaten für 20 Pfennige ein Ei anbietet, mit der Bemerkung, dali der Krieg „bekanntlichermaßen doch Milliarden koste“. Man wird diesem Witz schwerlich Ge-* schmack abgewinnen, und er ist namentlich heute gänzlich verfehlt. Die Juden Galiziens haben unter dem Kriege am meisten gelitten, und sie haben sich als begeisterte Patrioten bewährt, sie verdienen es wahrlich nicht, verhöhnt zu werden. Wir sind nicht überempfindlich, aber ein solches Witzeln ist nicht nur geschmacklos, sondern auch herzlos. Rufforöerung. Der Jüdische Nationalverein (Wien, II., Zirkusgasse 33), welcher eine Aktion in Sachen der Repartition der Juden nach Galizien und Bukowina zu unternehmen beabsichtigt, ersucht um die Angabe der Adressen der nach Wien aus Galizien und der Bukowina geflüchteten 1) Präsidenten der isr. Kultusgemeinden, 2) Rabbiner, 3> Juden, welche in öffentlichen Vertretungs- Körpern, Gemeinden Bezirksausschüssen und Handelskammern Sitz und Stimme haben. Bethaus-Anzeige. nsn an r;rn tt\sn 17. und 18. September 1915. 8. 9. 10. findet im Cenlral:Mt-Saate, H.,TaboFStr. 8a ein feierlicher Gottesdienst statt. Der Gottesdienst wird von erstklassigen Kantoren versehen. Karten sind im Betlokale täglich von 8 Uhr früh bis 8 Uhr abends erhältlich. Ein Teil des Reinerträgnisses wird zu Gunsten des Armen-Ambulatoriums der Kriegsflüchtlinge und der geflüchteten Kantoren verwendet. OeMidies Realgymnasium in Storozynetz (Bukowina) Der Unterricht an dieser Anstalt wird am 15. September 1915 wieder aufgenommen. Die Anstalt umfaßt 6 Klassen. Die Aufnahms-, Wiedeiholungs- und Privatisten-Prüfungen werden am 15., 16. und 17. September von 8—12 Uhr vormittags und von 3—6 Uhr nachmittags abgehalten werden. Anmeldungen nimmt entgegen und Auskünfte erteilt Der Direktor. Cafe „Marienbrücke“ LÜb I.. Rotenturmstraße 31. RENDEZVOUS DER ZIONISTEN. ■ Cafe Jägerhof (Weiss) 5 IX., Porzellangasse 22. g Vornehmes Familien-Cafe ■ modernst eingerichtet * gut ventilierte Spielsäle. ■ Zentral-Lokal der Zion. Ferialverbindungen. » Sämtliche in- und ausländischen Zeitungen ■ sowie alle Zion. Blätter liegen auf. ■ IW RESTAURATION „zup pumänifdien Küdie“ Ch. Weiß vorm. Korn Wien, II., Hammerpurgstallg. 3. Anerkannt vorzügliche polnische u. rumänische Küche. -rausg. u. vciontw. Redakteur: Alexander Geller. — Druck von Jos. Seywald, G. m. b. H. (verantw. O. Schneeweiß), II., Taborstraße 52b.

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