Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 34 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Die Ueberreichung der Medaille geschah meinem Pariser Kriegshospital unter feierlicher Zeremonie. Es wurden alle Verwundeten von Algier, Tunis und Marokko in einem großen Saal zusammengebracht, wo ein General dem jüdischen Helden öffentlich für sein tapferes Verhalten und sein patriotisches Gefühl für Frankreich dankte. Juda ben Burak wurde auch vom kommandierenden General der zehnten Armee für die Rettung eines verwundeten Offiziers ausgezeichnet. * Die galizischen Flüchtlinge in Prag machten anläßlich der letzten Siege der verbündeten Heere einen festlichen Umzug vom Rathaus bis zum Statthalterschloß. Der Statthalter empfing eine Abordnung der Flüchtlinge. Die letzte! Rassentage in Komarno, 6alizien.*) (Originalbericht des „Jüdischen Archivs“, erstattet vom 16jährigen Pinkas Leberwert aus Komarno.) Am S. Juni 1915 sind viele Juden aus Komarno, welches im Frieden zirka 2-100 jüdische Seelen zählt, in der Richtung gegen Satnbor geflüchtet. Auf dem Wege, in Rudki, habeich meine Eltern verloren und bin mit vielen an- ' deren nach Samhor gegangen. Dort konnten wir nicht bleiben und mußten am nächsten Tage zurück. Wir kamen zu einer von Russen bewachten Brücke. Die Russen zwangen uns, neben der Brücke den kalten reißenden Fluß zu durchwaten. Es waren alte Männer und Frauen bei uns, die mit ihren schweren Bündeln durchs Wasser mußten. In Komarno fand ich unser Wohnhaus ganz ausgebrannt. Ich wohnte nun bei meinem Onkel. Den Juden ging es sehr schlecht. Der von den Russen eingesetzte Bürgermeister, Dr. Thomas Petscherski, Advokat in Komarno, quälte uns. Er ließ die schwersten Straßenarbeiten nur von Juden verrichten. Alte fromme Leute mußten am Sabbath schwer arbeiten. Er legte hohe Steuern auf. Jeden Tag wurden Juden ausgepeiischt und zu Geldstrafen verurteilt. Die Kaufleute Juda Ismann und Moritz Kessler, beide zirka 45 Jahre alt, wurden ausgepeitscht. Salomon Fuchs war sechs Wochen eingesperrt. Er hatte angeblich einem Bauern den Rubel zu niedrig gerechnet. Ein 55jähriger Jude, in Komarno unter dem Spitznamen Moische von Peritsch bekannt, wurde zu drei Monaten verurteilt. Er hat, so wurde angezeigt, gesagt, daß die russischen Popen wie Rabbiner aussehen. Im Gefängnis verlangte man von ihm Geld. Er konnte nichts geben und wurde deshalb nach Rußland verschleppt. Der Kaufmann Rubin Altschüler hat dem Bürgermeister für ein Kilo Meht 15 Kopeken aufgerechnet. Er wurde dafür zu 25 Nagatkahieben verurteilt. Nach dem zehnten Hieb wurde er ohnmächtig weggetragen. Ungefähr zwei Wochen vor ihrem Abzüge führten die Russen mehrere Geiseln weg. Einen Tag vor dem Abzüge, am 16. Juni, begannen die russischen Soldaten zu plündern, zu schlagen und zu schießen. Sie drangen, in die Wohnungen ein, schleppten die Männer hervor, banden sie an die Pferde und führten sie weg. Der 80jährige Moische Leib, Hefehändler, wurde durchs Fenster erschossen. Bert Schaffer, 35 Jahre alt, hat sich in Frauenkleidem in seiner Wohnung versteckt. Die Russen zerrten ihn auf die Straße. Als seine Frau schreiend herbeilief, erstachen ihn die Ruscen mit den Bajonetten und schlugen dann die Frau, bis sie blutend zusammenbrach. Dann zogen die Russen ab und führten etwa 50 Juden gefesselt mit. Am 17. Juni, um 2 Uhr früh, kamen die ersten Oesterreicher, der Fähnrich Nistor und 18 Infanteristen. Um 3 Uhr früh gab’s einen Straßenkampf. Einige Kosaken, welche gewiß von der Ankunft der Oesterreicher nichts wußten, kamen in die Stadt zurück, um zu plündern. Sie stiegen vor dem Hause der Frau Feige Soielmann von den Pferden und drangen ein. Die Frau lief schreiend auf die Straße. Die Oesterreicher eilten herbei. Zwischen ihnen und den Kosaken kam es zu einem Feuergefecht. Im Verlaufe desselben wurden Frau Feige Spielmann, 50 Jahre alt, Mutter von 9 Kindern, eines ihrer Kinder und ein kleiner Knabe, ihr Neffe, durch Schüsse getötet. Die österreichischen Truppen rückten über Komarno den Russen nach. Die Bauern wurden kommandiert, mit den Truppen zu ziehen, um die Straßen auszubessem und beim Brückenbau zu helfen. Wir Juden aus Komarno hatten den Auftrag mitzugehen und auf die Bauern achtzugeben. Kaum waren wir draußen, als wir die Leichen der von den Russen mitgeschleppten Juden fanden. Die Russen hatten sie auf dem Wege ermordet. Nur einige waren erschossen, die meisten waren zerstochen und zerhackt. Wir fanden die verstümmelten Leichen von 17 Personen. *) Aus dem demnächst erscheinenden Doppelhefte 2—3 des „Jüd. Kriegsarchivs“. Ich habe Bauernwagen geholt. Wir haben die Leichen nach Komarno geführt und dort begraben. Außer den Aufgefundenen sind, so viel mir bekannt, noch folgende Personen verschleppt worden: Josef Kessler, Moses Damm, Wolf Schreiber, Jakob Friedmann, Nuchem Edelstein, Simche Putzer, Sohn des ermordeten Puizer, David Fischmann, Hersch Fischmann. Das jüiisAe Kriegsanbiu. Wien, II., Zirkusgasse 33. Das gefertigte Komitee richtet an die jüdischen Mitbürger die dringende Bitte, seine hochwichtige Arbeit zu fördern. Im Interesse der Arbeit an der militärischen Abteilung, wird um Bekanntgabe der Namen gefallener oder ausgezeichne:er Verwandter, Freunde und Bekannter ersucht. Die Angaben sollen möglichst erschöpfend sein. (Vortind Zuname, Truppenkörper, biographische Daten, Grund der Auszeichnung, usw). Auch um Ueberlassvng interessanter Feldpostbriefe wird gebeten. Sie werden über Wunsch zuversichtlich retourniert. Wer sich dieser geringfügigen Arbeit unterzieht, erweist der jüdischen Gemeinschaft einen großen Dienst! Für das Komitee des „Jüdische-. Kriegsarchiv“: Oberingenieur Robert Stricker, Vorsitzender. MinadmAten. Die Tätigkeit der „Neure Jehuda“. Schon in Friedenszeiten hat sich die zionistische Vereinigung absolvierter Handels- und Exportakademiker J.Neure Jehuda“ in Wien einen Namen geschaffen und war in zionistischen Kreisen durch ihre Arbeit für unsere Bewegung bekannt geworden. Aber jetzt in Kriegszeit, wo fast sämtliche Mitglieder der Vereinigung eingerückt und ein großer Teil derselben bereits dekoriert wurde, entfaltet diese Vereinigung eine nachahmenswerte Tärinkeit. Neben den bedeutenden, in der letztet Nummer gewürdigten Leistungen für die Krierslandsnende, unternahm die Vereinigung eine zionistische Aufklärung größeren Stils unter den jungen Damen der Wiener Gesellschaft, die dem Zionismus bisher ganz ferngestanden waren. Alldienstäglich findet um S Uhr abends auf der Bude der „Neure Jehuda“ (IX. Servitenga«se 10) ein erstklassiger Vortrag mit anschließender Diskussion statt und es ist bemerkenswert, mit welch reuem Interesse die Mädchen, die sich bisher für die jüdische Sache gar nicht interessierten, die ebenso interessanten wie instruktiven Ausführungen der Rednerinnen und Redner verfolgen. Die Vorträge, an deren Gelingen unsere verehrte Gg Frau Erna Patak großen Anteil hat, die verdienstvollerweise ihre wertvolle Kraft in den Dienst dieser aufstrebenden zionistischen Sache stellte, könn-n von c'len Mädchen der Gesellschaft, die sich über den Zionismus informieren wollen, besucht werden. Den ersten gut besuchten und überaus interessanten Vortrag hielt Dienstag, den 17. ds. Frau Rosa Melzer-Pomeranz über das Thema: „Das Ideal und die Notwendigkeit des Zionismus für junge Mädchen.“ Auch unser Gesinnungsgenosse Herr Dr. Willy Stein hat sich in den Dienst dieser Aktion gestellt, indem er ab 31. ds. im Seminar über den „Judenstaat“ als die grundlegendste Schrift unserer Bewegung sprechen wird. Wir wünschen der rührigen Vereinigung, deren Arbeit mit schwachen Kräften in dieser Z*rit besonders anerkennenswert und förderungswürdig ist besten Erfolg zu ihrer Tätigkeit. Zionistischer Kinderhort. Anläßlich des S5. Geburtstages unseres Kaisers wurde namens der jüdischen Flüchtlingskinder des 1. zionistischen Kinderhortes, der linier der Leitung der Frau Erna Patak steht, ein Glückwunsch in der Kabine+tskanzlei riedergeleszt. Der Glückwunsch, ein tiefempfundenes Gedicht, verfaßt von Frau Rosa Pomeranz-Melzer, ruhtin einer Pergamenthülle, die ein sinniges Bild trägt, von dem hochtalentierten Maler Wilhelm Wachtel künstlerisch vollendet ausgeführt. Eine PalästinaneFsammlung. Dienstag abend fand im Saale des Hotel „Continental“ eine Versammlung stat, zum Zwecke der Beratung der den österreichischen und ungarischen Juden in Palästina gegen die Kriegsleiden zu gewährenden Hilfe. Den Vorsitz führte der erste Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Herr Dr. Gustav K o h n, welcher den Sekretär der türkischen Botschaft in Wien und mehrere Budapester, Wiener und galizische Honoratioren begrüßte. Der Saal war dank der Anwesenheit zahlreicher galizischer Flüchtlinge nur zu einem Drittel leer. Aus dem zur Vorlesung gelangenden Protokoll über die bisherige Tätigkeit geht hervor, daß etwa 50.000 Kronen an Spenden eingelaufen sind, von denen ein Teil bereits in Palästina zur Verteilung gelangte. Im weiteren Verlaufe der Sitzung konnte man erkennen, daß die ganze, von Herrn Rabb. Dr. Grunwald initiierte Sache, von der einer der Redner vom Präsidententische versicherte, daß sie einen neuen historischen Ausgangspunkt in der Geschichte des Judentums bedeute, um derentwillen er alle Parteien des Judentums zur heiligen Einigkeit aufrief, nicht mehr und nicht weniger sei, als eine verbrämte Chaluka-Unternehmung. Durch wiedeihohe Zwischenrufe veranlaßt, sah sich der anwesende Präsident des Zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich, Herr Dr. Karl P o 11 a k genötigt, auch den zionistischen Standpunkt zu präzisieren. Er versicherte den Anwesenden, daß die zionistische Partei absolut nicht im Sinne habe, das Unternehmen zu stören. Die Zionisten könne es nur mit Genugtuung erfüllen, wenn der Gedanke, in Palästina und für Palästina zu arbeiten, dessentwegen sie selbst vor 25 Jahren verlacht worden seien, immer mehr zum Gemeingut aller noch jüdisch fühlenden Kreise geworden sei. Insbesondere erfülle die Fiel ligungskundgebung der Versammlung an Seine Majestät den Sultan die zionistische Partei mit Genugtuung, weil die Zionisten seit ihrem ersten und seither auf jedem folgenden Kongresse lange vor dem Bestände des neuen Dreibundes dieses gute Beispiel gegeben haben. Ob allerdings sowohl dem Judentum, als auch der Türkei damit gedient sei, wenn Kapital jetzt und in Zukunft — denn die Versammlung so!! die 1. Etappe für die Gründung eines Zentraleuropäischen Palästinafondes sein — in den Fländen der Chaluka verrinnt, anstatt zu produktiver Arbeit, wie es der Zionismus will, verwertet zu werden, lasse er dahingestellt. Jedenfalls wäre es Pflicht des neuzugründenden Vereines, in seinem Namen deutlich auszudrükken, daß die Sammlungen für C h a 1 u k a - z w ecke gemacht werden. Personalnadiridtfen. Unser braver und verdienter Gesinnungsgenosse Herr Dr. Salomon R u s s, Floridsdorf, ist von einem schweren Verluste betroffen worden. Sein zu den schönsten Hoffnungen berechtigender Sohn Viktor ist an einer Blinddarmentzündung in Bad Ischl gestorben. Wir versichern die schwergeprüften Eltern unseres innigsten Beileides. Zionisten im Eelde. Fähnrich Juda Rubinstein aus Tarnopol erhielt die grolle silberne Tapferkeitsmedaille. Gg. Oberleutnant Theodor Hein erhielt nach seinem Heldentode, für tapferes und aufopferungsvolles Verhalten vor dem Feinde das Militärverdienstkreuz 3. Klasse mit der Kriegsdekoration. Justizrat Dr. Rudolf Schauer, z. Z. Generalreferent für Justizwesen und Justitiar der Ziviiverwaltung in Belgien, erhielt das Eiserne Kreuz. Dr. Schauer ist weiteren jüdischen Kreisen aus seiner zionistischen Tätigkeit an leitenden Stellen bekannt, er war früher Anwalt in Bingen und Mainz, gehörte lange Zeit bis zu seiner Uebersiedlung nach Paris, wo er als deutscher Anwalt und Justitiar der deutschen Botschaft seit Jahren wirkte, dem Zentralkomitee der zionistischen Vereinigung für Deutschland an und ist auch als Referent auf den Kongressen in Basel mehrfach hervorgetreten. Unsere galizischen Gg. Dr. J. W a 1 d m a n n, Dr. J. Münzer, M. F i s c h e r und Dr. S c h w ager wurden zu Fähnrichen befördert. Kadett-Aspirant Adolf K a 1 i s m a n, Mitglied der Verbindung „Makkabäa“-Lemberg, erhielt auf dem südlichen Kriegsschauplätze die Tapferkeitsmedaille. Kadett Moses Grün, Mitglied der Verbindung „Emunah“-Lemberg, ist auf dem östlichen Kriegsschauplätze gefallen. Leutnant i. d. R. Ing. Ernst K ä u f 1 e r, A. H. der jüdisch-akad. Verbindung „Ivria“ in Wien, hat das Signum laudis erhalten. Dem A. H. der jüdisch-akad. Verbindung „Ivria“ in Wien, Feldwebel Richard F r ä n k e 1, wurde für tapferes Verhalten vor dem Feinde Die „Jüdische Zeitung“ ist in allen Verschleißstellen zu haben.