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Jüdische Zeitung · 1915-08-20 · 33 (20.8.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
33 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 33 Jüdisches Archiv. --: ■ . ■ — Mitteilungen des Jüdischen Kriegsarchivs. Erschienen Heft I. Demnächst erscheint Doppel-Heft II und III. Aus dem Inhalt: Das Kriegselend der Juden in Galizien und der Bukowina. — Russengreuel in Komarno, Sedziszow, Nadworna, Lopuchow Lutowiska, Bohorodczany. — Ein russisches Manifest gegen die Judenverfolgung in Rußland. — Die Judenfrage in England. Ein Brief des österreichischen Botschafters in den Vereinigten Staaten. — Oesterreich-Ungarns jüdische Offiziere. — Gefallene jüdische Offiziere der österreich.-ung. Armee. — Jüdische Dekorierte. Preis pro Heft: 60 Heller (50 Pfennig), mit Porto 80 Heller (60 Pfennig). Vorausbestellungen durch den Verlag R. LÖWIT, Wien, I. Rotenturmstraße 22 oder durch das JÜDISCHE KRIEGSARCHIV, Wien, II. Zirkusgasse 33. edlen Enthusiasmus, um euer adeliges Blut Frankreich zu schenken, das in euren Augen das Symbol aller Freiheiten und aller moralischen Größe war! Verzeiht ihnen — sie wußten nicht, was sie tun. Und man wollte nun wünschen, daß die russischen Juden, die wissen, wie man die ei sten Freiwilligen ihrer Rasse behandelt hat, und die das schreckliche Drama kennen, das eben, vorgestern, die jüdische Legion so blutig heimgesucht hat, nicht weit von Carency — ein Drama, von dem ich aus patriotischer Scham nicht sprechen will, aber das bereits die ganze jüdische Kolonie kennt — man kann wünschen, daß diese russischen Juden sich in die Fremdenlegion einreihen lassen?“ Was war das besondere Drama von Care n c y, von dem Herve aus patriotischer Scham nicht sprechen will? Die jüdischen Soldaten hatten Protest eingelegt gegen die schmähliche Behandlung. .... Die Bedingungen in der Fremdenlegion sind schreckliche. Am 22. Juni hat das Kriegsgeri cht neun Todesstrafen vollzogen, achtzehn Freiwillige sind zu Zwangsarbeit verurteilt worden, wegen ihrer Proteste und ihrer Forderung, in die reguläre Armee übergeführt zu werden . . . . * Die Bemühungen des jüdiSch-russisch-polnischen Komitees vermittelst der sozialistischen Deputierten und die mutige Preßkampagne von Herve führten endlich zu einem Resultate. Der Minister des Innern versprach einer Abordnung, niemand zum Militärdienst zu zwingen oder au szu weisen. Aber die antisemitische Hetze wird fortgesetzt. Das ist die Tragödie der russischen Juden in Paris. Rußlands Fluch wirkt in der Feme. Rnnflstbau. Wiederaufbau. Am 11. ds. Mts. versammelten sich im Festsaale des Industriegebäudes Vertreter der berufenen künstlerischen, technischen, gewerblichen und industriellen Organisationen unter dem Vorsitze des Oberbaurates Fellner, um über die Frage des W i e d e ra u f b a u e s d e r durch den Krieg zerstörten und beschädigten Ortschaften, Stadtteile, Siädtc und Baulichkeiten eingehend zu beraten. Als Ergebnis dieser ernsten Beratungen denen Vertreter sämtlicher Ministerien beiwohnten, wurde eine Resolution angenommen, in der verlangt wird, „daß dielse große Wiederaufbauarbeit nicht als eine Angelegenheit der Kronländer behandelt, sondern unbedingt sich e r g e s t eil t. we rde, daß die gesamten geistigen und. materiellen Kräfte des Reiches zur£)urchführ ung.dieser Aktion herangezogen werden.“ Zum Schlüsse wird auch verlangt, „daß die Regierung in ständiger Fühlung mit dem beauftragten Ausschüsse die einschlägigen Vorbereiiungs- und Durchführungsarbeiten übernehme.“ Es ist uns nun eine besondere Genugtuung, feststellen zu können, daß diese hier wiedergegebenen Forderungen der für die Frage des Wiederaufbaues maßgebendsten Kreise sich im wesentlichsten mit den Anträgen des Exekutivkomitees decken, die der Regierung noch am 25. Juli 1. J. in Sachen des Wiederaufbaues Galiziens und der Bukowina unterbreitet wurden. So wurde z. B. in dem betreffenden, von den Herren Dr. Karl Pollak und Adolf Stand gefertigten Memorandum u. a. gesagt: „Der wirtschaftliche, soziale und politische Wiederaufbau Galiziens und der Bukowina ist eine g e s am tö ste rrci ch is ch e Angelegenheit, eine Reichsangelegenheit. Er kann nur dann zu einem gedeihlichen Ende geführt werden, wenn er durch die Zentralregierung besorgt wird.“ „Der Plan und die Vorbereitung des wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbaues ist einem von der Zentralregierung einzusetzenden Komitee zu übertragen“ und so weiter. * * * Das jüdische Warschau. Ueber die größte polnische Stadt, über d i e polnische Großstadt Warschau wurde anläßlich der Eroberung derselben durch die deutschen Truppen von Juden und Nichtjuden, am meisten aber von Juden viel geschrieben. Es ist jedoch, absichtlich oder bloß zufällig, dabei übersehen worden, daß Warschau mit seinen!ca. ‘350.000 Juden die g r ö ß t e j ü d i s c h e Gemeinde in Europa, die Krone des kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Lebens der Juden in Polen bildet, ln Warschau konzentrierten sich in den letzten zehn Jahren die besten Kräfte, das Intellekt des jüdischen Volkes und dorthin wendeten sich naturgemäß die Blicke der Juden in Polen und Rußland. Nur eine solche jüdische Gemeinschaft, wie die Warschaus, war in der Lage, eine große jüdische und hebräische Presse und jüdische Theater zu erhalten und sonstige wichtige und bedeutende Institutionen auf kulturellem, gesellschaftlichem und philantropischem Gebiete ins Leben zu rufen. Diesen Charakter bewahrte das jüdische Warschau auch während der vielen schweren Kriegsmonate, als es vielen Tausenden jüdischer Kriegsflüchtlinge aus Russisch-Polen Asjri und Schutz, väterliche Fürsorge und Linderung ihrer Not bot. Bis nun fehlte dem okkupierten jüdischen Polen das Herz, die Seele, das es nun, mit der Eroberung Warschaus wiedergewonnen hat. Nun bildet das Judentum Russisch-Polens wiederum ein Ganz es, das für seine Entwicklung, dank den gegenwärtigen freien Bedingungen, um so besser wird sorgen können. Wir sind uns über die wahren Motive, die den Prof. Grabski zu diesem Geständnis veranlaßten, wohl im Klaren. Diese Angaben behalten jedoch ihren besonderen Wert, zumal sie — im Gegensätze zu den Enthüllungen Dr. Hupkas — nicht vom Hörensagen, sondern von einem Augenzeugen aller Vorkommnisse während der Russenherrschaft in Lemberg herrühren. M. H. Max Mau Ober Sie Gage der Juden in Bubland. Aus einem Briefe Nordaus an die Newyorker jüdische Tageszeitung „Tag“ entnehmen wir Folgendes: „In der Schweiz wird ein Memorandum in französischer Sprache vorbereitet, welches allen Regierungen, der Presse und den einflußreichen Organisationen übergeben werden wird. Dasselbe gibt einen genauen und detaillierten Bericht über die Lage der Juden und es liegen ihm viele Dokumente über die schrecklichen, blutigen Greuel bei, welche die Russen an unseren hilflosen Brüdern begehen, meist auf direkten Befehl der Offiziere und Regierungsbeamten. ... Sie tun gut daran, an die öffentliche Meinung von Amerika zu appelieren. In Europa kann man jetzt gar nichts tun. Deutschland und Oesterreich braucht man nicht zu überzeugen — sie sind es schon. Frankreich und England sind mit Rußland verbunden und denken, sie dürfen die Gefühle ihres hochmütigen Freundes nicht verletzen.“ Nordau schließt: „Die Lage - ist ernst und verzweifelt!“ Der Polenklub manifestiert. Dem „Wiedenski Kurjer polski“ zufolge wurde das Manifest des reichsrätlichen Polenklubs anläßlich der Eroberung Warschaus, an dessen Redigierung derselbe so lange und so redlich gearbeitet hat, von der Staatsanwaltschaft völlig beschlagnahmt. Die Sache war also des Schweisses der Edlen wert . . . * * * Berisch Stern gestorben. Der Reichsratsabgeordnete des Wahlbezirkes Buczacz-Sniatyn-Tlumacz und Bürgermeister von Buczacz, Berisch Stern, ist im 62. Lebensjahre verschieden. Stern war als „Wahlmacher“ bekannt und stand stets im Dienste des Bezirkshauptmannes. Endlich versuchte er es, die Wahlen für sich selbst zu machen und dank einem launigen Zufalle kam er während der letzten Kadenz in den Reichsrat. Er trat natürlich in den Polenklub ein, erlangte jedoch auf seiner neuen politischen Laufbahn keine weitere Bedeutung. Bei Kriegsausbruch verließ er, im rühmlichen Gegensätze zu seinen jüdischen Kollegen, seine Gemeinde nicht una hatte daher von den Russen viel auszustehen. * Herrn Dr. Hupka zur Lektüre. Da wir momentan der Möglichkeit benommen sind, Herrn Dr. Hupka für seine berüchtigte Verleumdung der Juden Lembergs als russenfreundlich die gebührende Abfertigung zu geben — ist doch unser diesbezüglicher vorwöchiger Leitartikel dem Rotstifte des Zensors zum Opfer gefallen! — müssen wir uns darauf beschränken, die trockenen Aussagen seiner eigenen Volksgenossen über das Verhalten der Juden zu den Russen zu zitieren, die von den Enthüllungen Dr. Hupkas gründlich abstechen. So wollen wir nun tiefer aus dem Leitartikel des „berühmten“ Prof. Dr. Stan. Grabski in der von demselben während der Russenherrschaft in Lemberg herausgegebenen Zeitschrift „Zjednoczenie“ folgende Stelle wiedergeben: „Es kann wohl niemand sich an die jeweiligen Verhältnisse besser annassen, als die Juden. Und doch kämpfen sie auf dem ganzen Gebiete der polnischen Länder mit allen Mitteln fanatisch gegen Rußland. Ihre Freiheit, ihr.Vermögen, sogar ihr Leben aufs Spiel setzend, spionieren sie unausgesetzt zu Gunsten Deutschlands und Oesterreich; wie und wo sie nur können, schaden sie der russischen Verwaltung und Armee.“ (Nr. 2, vom 22. März 1915, Seite 4). Kleine Hadiriditen. In. den antisemitischen Blättern ist oft hervorgehoben worden, daß Charles Schwab, der größte amerfkanisdhe Munitionslieferant dei Entente, Jude sei. Nun bringt die „Selbstwehr“ folgende Notiz: „Von Herrn Dr. LudwigDarmstadter, Journalist aus Cleveland O (Amerika) in Berlin W 8, erhalten wir folgendes Schreiben : „An die Schriftleitung der „Selbstwehr“, Prag! Herr Karl Schwab von der Bethlehem-Steel-Compan3r ist ein überzeugungstreuer Katholik, in Loretto im Jahre 1862 in Pennsylvania geboren und auf dem St. Francis-College erzogen.“ Daß andere jüdische Munitions - Fabrikanten in Amerika, wie George W. Heller und Theodore Phillips in St. Louis sich geweigert haben, Aufträge für den Viererverband aufzunehmen, obwohl es sich um Millionen von Dollars gehandelt hat, werden jene Blätter natürlich nicht bringen. * Nathan Strauß hielt eine scharfe Rede gegen die reichen Juden, die hinsichtlich Palästinas und anderer Zwecke ihre Pflicht vernachlässigen. Herr Strauß erklärte, daß zur Linderung der jüdischen Not, die durch den Krieg entstanden ist, 10 Millionen Dollar nötig seien. # Einem Berichte des Sekretärs des Zionistischen Zentralbüros, Herrn Dr. Meier Geyer, der während der Russenzeit in Lemberg geblieben war, entnehmen wir folgende Stelle: „Es gelang uns — meiner Wenigkeit in Verbindung mit den anderen zurückgebliebenen Gesinnungsgenossen — im Rahmen des gleich gegründeten Rettungskomitees, eine großartige Tätigkeit zugunsten der armen jüdischen Bevölkerung zu entwickeln. Wir haben mehr als 170.000 Rubel an baren Geldunterstützungen, überdies Brot und Schuhe ausgeteilt. Ich habe gleich nach dem Abzug der Russen das jüdische „Tagblatt“ wieder ins Leben gerufen, da es während der Invasionszeit eingestellt war. Es ist eine große Mühe, denn ich bin hier ganz allein . . .' . Das Elend hier ist unbeschreiblich. Und die Teuerung zusammen mit der Krankheit reiben alles auf, was noch irgendeinen Halt haben könnte ..." *

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