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Jüdische Zeitung · 1915-08-20 · 33 (20.8.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
33 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG KHK NflTlim -JUDI5CHE5 ÖRGHN WM rmrnmm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ fWli ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnabme: Wien, (I., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden B täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Aboimemenstspreise: Für Oester- H I reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3. . Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 33, Wien, Freitag, den 20. August 1915, IX. Jahrgang. Zum 18. Hugusl 1915. inmitten des furchtbarsten Völkerringens, das je die Menschheit gesehen, begeht unser Kaiser sein fünfundachtzigstes Wiegenfest. Stets gütiger Vater und gerechter Herrscher seiner Völker, Sinnbild und mächtigste Stütze der Donaumonarchie, war seine sagenumwobene, ehrwürdige Gestalt seit jeher von den Juden Oesterreichs tief und aufrichtig verehrt. Die Staatstreue und Opferfreudigkeit des jüdischen Volkes, die sich in diesem Kriege zum Wohle des Reiches so glänzend bewährt haben, paaren sich mit einer geradezu rührenden Kaisertreue, die allenthalben und unter allen Verhältnissen, selbst zu der Zeit grausamster Russenherrschaft im Norden der Monarchie, in packender Weise zum Ausdruck kam. In kindlicher Liebe und treuer Anhänglichkeit feiert auch heuer das vielgeprüfte Judenvolk den Geburtstag Kaiser Franz Josefs und begleitet ihn mit den heißesten Segenswünschen auf allen seinen Wegen in dieser schicksalsschweren Zeit. Es erblickt in ihm einen Hort der Gerechtigkeit, die Gewähr für die Schaffung eines neuen Oesterreichs, aufgebaut auf der Freiheit und Gleichheit seiner Volksstämme. Oie TragöOie 9er russisfflen Men in EranMb. Unter diesem Titel erschien in unserem Bruderblatte „Jüdische Rundschau“ ein hochinteressanter Aufsatz, dem wir auszugsweise Folgendes entnehmen: ln den letzten Monaten machte sich in Paris immer lauter und immer deutlicher eine Hetze gegen die dort in beträchtlicher Anzahl lebenden russischen Juden bemerkbar. Nicht nur die ausgesprochen antisemitischen Blätter, auch eine Anzahl der führenden Zeitungen machten siCh, um chauvinistischen Gefühlen zu schmeicheln, über die russischen Juden her, die, nebenbei bemerkt, sich zum allergrößten Teile aus pogromflüchtigen Proletariern rekrutieren. Nun ergreift Gustave Herve in seiner „Guerre sociale“ vom 20. Juni 1Q15 das Wort zum Protest. In dieser Nummer zitiert Herve eine der hetzerischen Glossen des „Petit Parisien“, erwidert in kurzen Worten und veröffentlicht drei Briefe. Wir geben hier einen Auszug wieder: Bei der ersten Schlacht bei A r r a s, die die glänzendste Waffentat in den letzten drei Kriegsmonaten darstellt, hat die Unerschrockenheit der Fremdenlegion den Offizieren, die diese Tapferen befehligen durften, Rufe der Bewunderung entlockt. Diese Legion, die man mit Unrecht die slawische nennt, war zu ihrem größten Teil aus russisch-jüdischen Kriegsfreiwilligen zusammengesetzt. Es ist unbedingt erforderlich, daß die öffentliche Meinung in Frankreich über diese Dinge informiert wird, und zwar aus vielen Gründen, die alle bald genau verstehen werden. Ich gebe im folgenden die Uebersetzung der bemerkenswertesten Stellen aus zwei Briefen, die von der Front her an Freunde nach Paris geschickt worden sind. Der eine ist nach der Schlacht geschrieben worden, und der andere, viel wichtigere, stammt von einem jungen Manne namens Litwak, der in der Schlacht getötet wurde und diesen Brief einige Stunden vor dem Kampf schrieb. Brief von Litwak (gefallen) Dieser Brief ist an einen Landsmann gerichtet, den er nicht persönlich gekannt, aber durch Briefe kennen gelernt hat, welche an Kameraden an der Front gerichtet worden waren, die dort einen kleinen Freundeskreis bildeten. „Guten Tag, unbekannte Freunde! Am Vorabend einer Schlacht, wo mich Gefühle erfüllen, die ich kaum erklären kann, fühle ich das Bedürfnis, Euch einige Worte zu schreiben. Ich empfinde instinktiv, daß ich auf dem Felde bleiben werde und daß ich niemals die schöne Erde, die Sonne und den blauen Himmel Wiedersehen werde.Ich werde Euch alles sagen, was die Seele erfüllt, wenn man weiß, daß man seine letzten Stunden lebt, während die Kanonen dröhnen, inmitten aller Schrecken des Krieges. Und je ängstlicher die Seele ist, um so stärker ist der Wille, daß alle Welt sehen soll, wie Juden für die Freiheit, für ihr Ideal zu sterben verstehen. Wenn wir, die jüdischen Kriegsfreiwilligen, herbeieilten in jenen Tagen, da die Republik von Gefahren umdroht war, Seite an Seite mit den anderen Bürgern, da hofften wir, bei den militärischen Behörden dieses Landes eine Aufnahme ' zu finden, die den Gefühlen entsprach, die uns geführt hatten. Wie bitter war unsere Enttäuschung! Während des ganzen Winters, während des langen und qualvollen Aufenthaltes in den Schützengräben, waren die Qualen der Seele in jedem Augenblick unsere Begleitung. Bei jedem Schritt überlegte man argwöhnisch den Beweggrund unseres Handeln:; n:l unser brennender Wunsdh, unser Blut für Frankreich hinzugeben, wurde mit unserem Wunsche eiklärt, die Soldatenkost zu essen. Oh, dieser verfluchte Kochtopf! Wie oft hat er uns schon angewidert und wie teuer müssen wir ihn jetzt bezahlen. Was konnten wir in der ganzen Zeit antworten? Hört man denn hier auf Worte? Gab es denn hier einen einzigen Menschen, der sich die Mühe gab, unsere Seele zu erforschen, j um uns zu verstehen? Nein, man betrachtete uns argwönisch, man mißtraut uns vielleicht! Und wir stehen hier vor Arras: in einigen Stunden werden wir hier in den Kampf gehen, zu dem wir den Befehl erhalten haben: Sterben, aber nicht zurückgehen! Ich weiß, daß wir uns gut schlagen werden, daß wir mit freier Brust sterben werden (russischer Ausdruck! und daß wir aller Welt zeigen werden, daß die Juden stolz zu sterben verstehen. Aber ich habe an diesem schönen, vielleicht letzten Abend einen Wunsch: Euch meinen Seelenzustand zu schildern, den eines Juden, den man hier nicht ver^ steht und den man nicht liebt.Der Tod flößt uns keine Furcht ein, wenn wir daran denken, dab er nicht unbemerkt vorübergehen ward, daß für die verfolgte jüdische Rasse irgend etwas Gutes daraus erfolgen wird. Wir werden Frankreich zeigen, daß die Juden für ein Vaterland zu sterben verstehen, das keinen Unterschied zwischen seinen Söhnen macht. Entschuldigt diese Gemeinplätze, aber ich schreibe meine Gedanken aufs Papier, so wie sie kommen. Was mögen in diesem1 Augenblick meine Frau und mein Kind machen? Wissen sie, daß ich in diesem Augenblick noch lebe und doch glücklich bin, für das edle, republikanische Frankreich sterben zu dürfen, das aller Opfer würdig ist; denn es wird meine Frau und mein Kind nicht im Stich lassen, mein Kind, das ich selbst nicht mehr kenne. Mein teueres Kind, Dein Vater geht in den Tod für eine große Idee und er hofft, daß dieselbe Flamme auch u Deinem Herzen lodern wird. Ihr werdet meine Kinder küssen und meine Frau trösten und 'ihr sagen, daß bei meinem Tode mein letzter Gedanke gak. Wie erscheint mir mein früheres Leben so fern! Wie viel Sentimentalitäten! Ich fühle mich nur noch als Jude und als Soldat. In einer Stunde werden wir marschieren und werden sterben für Frankreich, für die Juden, für die Befreiung aller Juden. Es lebe die Freiheit, es lebe die RepublBc, es lebe das freie, edle und demokratische Frankreich. Ich umarme Euch Euer Litwak ...“ . . . ., den 16. Mai. Guten Tag, liebe Freunde! Ich habe Euch traurige Nachrichten zu geben. Wir waren 4000Mann, die in den Kampf zogen; es sind kaum 900 wiedergekommen.j Alle unsere Freunde sind tot oder schwer ver-‘ letzt. Litwak ist tot, D o s s i k ist schwer verwundet und so noch viele andere. Unsere Leute sind tapfer gefallen, die Brust nach vorn (ein russischer Ausdruck). Wir haben drei Reihen von Schützengräben erobert, einen Hügel und ein Dorf. Ihr könnt die Einzelheiten in den Zeitungen nachlesen. Ihr fragt nach dem Grunde von so viel Tapferkeit? Nun denn, das Leben ist uns eine Last geworden. Sechs Monate schwerer körperlicher Entbehrungen inden Schützengräben und dann als Dank von den französischen Kameraden zu hören: „Ihr seid nur wegen des gefüllten Kochtopfes gekommen.“ Und nun haben wir den Kochtopf bezahlt und den Preis dafür geben müssen! Die Schlacht war entsetzlich! Wenn ich jetzt noch daran denke, so scheint es mir, als ob ich wahnsinnig werde. Wir haben 2000 Gefangene gemacht.Schreibt mir recht viel, ich fühle mich hier so einsam. Ich umarme Euch Euer . . . „Liebe Freunde! Ich schreibe (nach der Schlacht. Ich und Brasir sind unverwundet geblieben. Dossik i:t schwer verletzt, Litwak ist tot. Wir haben eine große Anzahl von Gefangenen gemacht, haben Maschinengewehre und Kanonen eroberi. Die Deutschen sind S Kilometer zurückgeworfen worden. Ich sah Fischmann mitten im Kampf, wie er den Verwundeten zu Hilfe kam. Alle unsere Freunde, die russischen Juden, sind tot oder schwer verwundet. Von den 4000 Juden unserer Brigade leben noch 190, Gott schütze uns! Heute werden wir zum zweitenmal in den Kampf gehen . . . .“ Während auf den Schlachtfeldern die jüdische Legion verblutete, erhoben sich immer lauter in Paris die Schmähungen gegen die Zurückgebliebenen. Eines Tages wurde eine große Zahi von Juden vor die Kommissariate zitiert, wo man ihnen in kategorischer Form die Alternative stellte: Einreihung in die Fremdenlegion oder Ausweisung. Daraufhin schrieb Herve einen zweiten Artikel, dem wir folgende Stellen entnehmen: „ . Als die deutsche Armee gegen Paris Iosmarschierie im August, haben sie sich in Nancy anwerben lassen. Ah! Man hat es ihnen schön gedankt! Eine Administration ohne Herz und ohne Hirn — deren einzige Entschuldigung war — im August } —, daß sie den Kopf verloren hatte —, hat sie i nicht die Ungeheuerlichkeit begangen, für diese Geschöpfe voll Gefühl una Empfindsamkeit, die sich zusammengetan hatten, ohne je Soldaten gewesen zu sein, um eine Dankesschuld an das repub'ikanische Frankreich za zahlen, als Instrukteure und als Caders, — wen zu be-; stimmen? Korporale und Unteroffiziere der Fremdenlegion, von Algerien und Marokko her, an die Art der Behandlung gewöhnt, wie man sie den Bataillonen von Afrika, den Disziplinarsoldaten, den irgendwie Bemakeltet und Entwurzelten aus all den Völkern zuteil werden läßt, die sich in Friedenszeiten als Söldlinge in unsere Legion einreihen lassen. Heldenmütiger Litwak, dessen letzter Brief, geschrieben am Vorabend eines ruhmvollen Todes in der Schlacht von Carcncy an der Seite von zweitausend Juden wie du, ich hier veröffentlicht habe, verzeiht diesen armen Unteroffizieren, die euch seit Monaten als „jüdische Schweinehunde“ und „Suppenfresser“ behandelten, euch, die ihr, ohne dazu verpflichtet zu sein, gekommen seid, in einer Stunde eines

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