Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 31 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 2000jährige Wanderung aber auch europäisch geworden ist? Im gesamten Umkreis der Erde wird man kein anderes Volk finden können, das für diese Aufgabe der unmittelbaren Vermittlertätigkeit durch Anlage und Schicksal fähiger und disponierter ist als das jüdische. Liegt es so nicht im Interesse Deutschlands, daß der Zionismus des Judenvolkes Wirklichkeit wird? Noch ein anderer bedeutsamer Umstand weist aut dieses Zusammenwirken von Deutschtum und Judentum in der Vollbringung des großen Werkes der Wiederbelebung Vorderasiens hin: die kulturelle Verknüpfung nämlich, die schon heute beide verbindet. Denn derjenige Teil des Judentums, der, wie überhaupt das Zentrum, so auch der eigentliche Träger der Zionshoffnung ist, also neben dem deutsCh-österreiChischen vor allem das osteuropäische (russisch-galizischJudentum, befindet sich schon heute unter dem starken Einfluß der deutschen Kultur. Der große innere Prozeß, den das deutsche Judentum bereits hinter sich hat, das osteuropäische aber eben durchmacht, die Emanzipation, wie es gewöhnlich genannt wird, besser gesagt: der Uebergang von Ghetto zur europäischen Kultur, diesen Prozeß vollendet das Judentum vorwiegend unter der Anleitung des deutschen Geistes. So ist denn zu hoffen, daß der Gedanke einer deutsCh-jüdisChen Interessengemeinschaft in Palästina ein dauernder Faktor in der Entwicklung dieses Landes bleiben und bald schon Gelegenheit geben wird, sich in seiner schöpferischen Fruchtbarkeit zu offenbaren. Daß aber die Türkei diesen Gedanken auf das freudigste begrüßen kann, braucht kaum noch besonders gesagt zu werden. Ihrem Interesse kann es nur in hohem Grade dienen, wenn Palästina von jüdischen Händen und jüdischem Geiste unter Mitwirkung Deutschlands zu neuem Leben erwacht und so ein Präludium für den grandiosen Prozeß der Wiederbelebung Vorderasiens geschaffen wird, mit dessen Durchführung die Zukunft und Größe der Türkei unzertrennlich verknüpft ist. Die Türkei ist der staatliche Rahmen, innerhalb dessen das große Werk der Neübelebung Vorderasiens vollbracht wird, das Judentum als dasjenige Volk, das die Voraussetzung für die Vollbringung des Werkes, die Wiederherstellung Palästinas als Verbindungsbrücke nach Europa schaffen soll, und Deutschland als diejenige europäische Macht, unter deren Aegide und Mitwirkung sich das Werk vollziehen soll, das gibt einen „Dreibund“, der so sehr auf einer Verknüpfung der wichtigsten aller beteiligten Faktoren beruht, so sehr in der Richtung weltgeschichtlicher Notwendigkeit liegt, daß er gewiß von unzerstörbarer Dauer und fruchtbarster Wirksamkeit werden muß. Rmerika für Oie jliöisdien Kriegsopfer.*) Von S. Thau—New York. (Vize-Präsident der „Federation of Galician Yews“ und Vorsitzender des Hilfskomitees für die jüdischen Kriegsopfer in Oesterreich.) Bald nach Ausbruch des Weltkrieges erkannten sämtliche Vorsteher und Leiter der großen jüdischen Organisationen in Newyotk ihre Pflicht, den vom Kriege betroffenen unglücklichen Brüdern helfend beizuspringen. Der „Verband der Galizianer“, der ca. 400 Vereine repräseotiert, die insgesamt ungefähr 80.000 Mitglieder der aus Galizien und der Bukowina hieiher ausgewanderten Juden zählen, rief unverzüglich eine Versammlung aller Landsmannschafts-Vertreter ein, bei der die Organisierung der Hilfstätigkeit für die österreichischen Kriegsopfer und die Einsetzung eines diesbezüglichen Komitees beschlossen wurde. Ich wurde an die Spitze dieses Hilfskomitees und mir zur Seite wurde ein Aufsichtsrat gestellt. Die Tätigkeit dieses Hilfskomitees ging nach zwei Richtungen: in die der Organisierung der Hilfsarbeit für die Opfer der verschiedenen einzelnen Städte und in die der Schaffung eines Fonds für sämtliche Kriegsflüchtlinge aus Galizien und der Bukowina. Für den erstgenannten Zweck wurden von den verschiedenen Landsmannschaftsvereinen für jede Stadt ein Durchschnittsbetrag von 800 Dollar — in manchen Fällen sogar 3000 Dollar — aufgebracht, der direkt an die betreffenden Städte abgeführt werden soll. Für den Flüchtlingsfonds wurden ta. 60.000 Kronen gesammelt, die durch Vermittlung des hiesigen Oesterreichischen Ambassadors an die „Israelitische Allianz“ in Wien überwiesen wurden. Ein besonderes Ressort in diesem Hilfskomitee bildete die Tätigkeit, die der Vermittlung zwischen den Flüchtlingen und ihren Verwandten in Amerika diente. Mit Hilfe der österreichischen und der hiesigen jüdischen Presse gelang es uns, den gegenwärtigen Aufenthaltsort vieler tausenden von Flüchtlingen zu eruieren, ihre Verwandten in Amerika dank der vielen speziellen Komitees ausfindig zu machen und dieselben auch zur direkten Unterstützung der Bedürftigen zu veranlassen. Auf diese Weise wurden ca. 250.000 Kronen nach Oesterreich überwiesen. Auch die hiesige russisch-jüdische Kolonie gründete einen Zentral-Relieffonds und organisierte die LandsmannsChafts-Vereine, nach dem Muster des „Galizianer-Verbandes“. Von der Vermittlungs- und Informationstätigkeit mußte sie jedoch Abstand nehmen, da die russische Regierung ihr in dieser Hinsicht Schwierigkeiten bereitete und den russisch-jüdischen Zeitungen das Annoncieren nicht gestattete. Ganz passiv verhielten und verhalten sich auch jetzt die hier lebenden rumänischen Juden, als ob sie das große Unglück unserer Brüder in Osteuropa überhaupt nicht rühren würde. Außer all diesen Aktionen wurde noch ein allgemeines jüdisches Komitee, das „American Jewish Comittee“ ins Leben gerufen, das sämtliche Juden in Amerika vertritt. Dieses Komitee machte sich die Unterstützung sämtlicher jüdischer Kriegsopfer zur Aufgabe. Dank seiner Tätigkeit wurde zu diesem Zwecke ca. eine Million D o 11 a r gesammelt, welcher Betrag auch schon auf Oesterreich, Rußland und Palästina aufgeteilt wurde. Abgesehen von der materiellen Seite, steckte sich dieses Komitee auch noch ein anderes Ziel: Das „American Jewish Comite“ bemüht sich um die Vereinigung der bedeutendsten jüdischen Organisationen behufs Fortsetzung und Ausdehnung der angesetzten Tätigkeit. So wurde beschlossen, eine dreigliedrige Kommission in die vom Kriege betroffenen Länder zu entsenden, die die Lage der Juden an Ort .und Stelle studieren soll. Dieses Komitee propagiert auch stark den Gedanken der Einberufung eines Kongresses der amerikanischen Juden, der bekanntlich die Aufstellung der jüdischen Forderungen an die kommende Friedenskonferenz bezweckt. Dies soll im Einvernehmen mit der hiesigen zionistischen Föderation, eventuell auch mit der Zionistischen Zentralleitung geschehen. Man hofft für diese Sache die Regierung der Vereinigten Staaten zu gewinnen. Der geplante Kongreß soll auch die öffentliche Meinung Amerikas über unsere Wünsche und Forderungen informieren und deren Sympatie zu gewinnen suchen. Bei dieser Gelegenheit soll auch über die Schandtaten der russischen Regierung gegen die Juden öffentlich protestiert werden. Dies in Kurzem die Leistungen der amerikanischen Juden für die jüdischen Kriegsopfer. In Anbetracht der Zahl der amerikanischen Judenheit die ca. 3 Millionen Seelen zählt, sind 6ie freilich gering. Bedenkt man aber, daß die sehr reichen Juden in der Regel — es gibt natürlich auch Ausnahmen — nicht geben wollen, die Armen nicht geben können und nur die Mittelschichte etwas leistet, so müssen diese Leistungen, wenn auch solche uns keinesfalls befriedigen, um so mehr anerkannt werden. *) Den vorstehenden Bericht entnehmen wir einem Privatbriefe des Herrn Thau an Gg. Herrn Meier Henisdh, den uns letzterer freundliChst zur Verfügung stellte. Dr. Karpel Lippe. Von Adolf Stand. Einer der ältesten unserer Bewegung lebt nicht mehr. Karpel Lippe war eine der markantesten Gestalten des alten und modernen Judentums. Viele Jahrzehnte vorher schon, zur selben Zeit, als in Rußland die dortigen Juden den Chowewe Zionismus begründet haben, erstand auch die Bewegung in Rumänien. Ein eingewanderter polnischer Jude, der soeben dort die Praxis als Arzt begonnen hatte, begann mit unverwüstlichem Eifer, mit großer Zähigkeit und mit wahrer Liebe den Chowewe-Zionismus in Rumänien zu predigen. Es gelang ihm nach kurzer Zeit nicht nur viele Anhänger für die neue Idee zu werben, es gelang ihm noch Größeres: bald entstand die erste rumänische Kolonie auf palästinensischem Boden. Es war Karpel Lippe, der mit einigen Freunden sich für diese Sachen mit großer Energie einsetzte. Seit dieser Zeit identifizierte er sich mit der Bewegung, ging mit ihr durch Dick und Dünn, litt unter ihren Mißerfolgen und freute sich ihrer Resultate. Lippe war die Verkörperung des Zionismus in Rumänien. Und nicht nur des Zionismus. Wo es galt in diesem Lande für die Rechte der Juden zu kämpfen, wo es galt armen Einzelpersonen oder dem Gesamtjudentum' zu nützen, da half Lippe. Er war Arzt und heilte nicht nur die kranken Körper der Juden; er war Arzt in höherem Sinne und heilte die sieche Seele des Judentums. Er stand an der Spitze aller jüdischen und freiheitlichen Bewegungen des Landes. Galt es sich bei der Behörde für die bedrängten Juden cinzusetzen, so ging er hin zu den Ministem und er fand die richtigen Worte und fand, obwohl er nicht Staatsbürger, wie alle anderen Juden des Landes ein Fremder war, Gehör bei den Behörden. Er verdankte dies dem Umstande, daß er ein reiner, makelloser Charakter, ein Mann von großer europäischer und jüdischer Bildung und dabei ein bescheidener Mann war. Daher liebten ihn die Kleinen und achteten ihn die Großen. Jahrzehntelang kämpfte er für die Emanzipation der Juden in Rumänien, für die richtige Anwendung des Artikels 44 des Berliner Traktates. Er kämpfte aber vergeblich. Seine publizistischen Arbeiten, seine vielen Reisen in die großen Zentren Europas konnten nicht bewirken, daß der Artikel 44 Geltung bekam. Die Juden Rumäniens sind noch immer rechtlos. Das beunruhigt aber den energischen, alten, zähen Mann nicht. Er ging von Redaktion zu Redaktion, er schrieb flammende Proteste, wendete sich an Politiker und Journalisten des Auslandes und erreichte wenigstens, d aß er die öffentliche Meinung des Landes aufklärte und die Juden organisierte. Als Theodor Herzl im Jahre 1865, nachdem er den Judenstaat verfaßt hatte, sich an die Zionisten aller Länder wendete, damit sie ihm behilflich seien, begann er auch mit Dr. Lippe zu unterhandeln. Lippe, der älter war und bereits auf ziemlich große Erfolge in der Bewegung hinweisen konnte, schloß sich ihm bereitwillig an und diente seit dieser Zeit ununterbrochen weiter dem Zionismus. Es kam der erste Zionistenkongreß in Basel. Er wurde von Dr. Lippe als Alterspräsidenten eröffnet. Der alte Mann, der ein jugendliches Herz hatte, freute sich neidlos, daß es einem Größeren gelungen war, was er anstrebte: einen Welttag der Zionisten einzuberufen. Es strahlte sein Gesicht und er fand junge kräftige Laute, als er diesen Welttag begrüßte. Von da ab scheute er keine Mühe und besuchte die folgenden Kongresse. Am letzten Kongresse in Wien erschien poch der 83 jährige Mann und sprach mit jugendlichem Feuer mit den Führern, von denen er viele zu seinen Schülern zählen konnte. Im hohen Alter zeichnete ihn eine echte jugendliche Agitität, ein wahrhafter Idealismus und ein ungestillter Tatendrang aus. Noch im vorigen Jahre hielt er in Przemysl Vorträge vor der Jugend und wollte auch noch in Wien sprechen. Da aber fand er ein Hindernis, dem er sich beugen mußte. Die Kräfte begannen