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Jüdische Zeitung · 1915-08-06 · 31 (6.8.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
31 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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.Seite 2_ JÜDISCHE ZEITUNG___Nr, 31 Bnnösdiao. Warschau. Warschau erlöst! Ein Jubel durchzittert alle jüdischen Herzen, denen um das Los der größten Judengemeinde der alten Welt bange war. Das Bewußtsein, daß 350.000 vielgeplagte Brüder der blutigen Zarenknute entrissen sind, macht uns glücklich. Ein Strom von Licht, von Freiheit und von Kultur flutet in das Warschauer finstere Ghetto und bringt die Verheißung einer .besseren Zukunft. Kein Dmowski wird das' große Wort führen und die Autonomie Polens mit der Entrechtung der Juden organisch verquicken. Nicht mehr ward sich die blutige Russenhand „schützend“ zwischen Juden und Polen legen müssen. Kein Verlegenheits-Jagiello mehr und keine Boykotthetze. . .! In den verborgenen Winkeln des großen jüdischen Warschau schlummern Geisteskräfte, die bislang unterdrückt, nunmehr zur elementaren Entfaltung kommen werden. Das Warschauer Ghetto Wird in kürzester Zeit für die Freiheit den schönsten Preis bezahlen: seine Kinder Werden seinen Befreiern, der Menschheit und dem Judentum Ehre machen. •* Ei» österrekhiSdhes Programm. Exzellenz von Golard, der neue Statthalter von Galizien hat zum erstenmal in seiner neuen (Eigenschaft gesprochen. Mit Spannung erwarteten die Juden Galiziens diese Antrittsrede. JUnd wir wollen es gleich sagen: sie hat die Erwartungen vollauf gerechtfertigt. Wohl wußte man, daß der neue Statthalter der geänderten Zeit entsprechend, neue Wege gehen wird, aber Was Herr v. Colard sprach, war noch etwas darüber. Das Programm, das er in einige klare Sätze kleidete, klingt Wie eine volle Wiedereinsetzung Oesterreichs in Seine Rechte, wie eine unzweideutige Mahnung daran, daß die österreichischen Verfassungsgrundsätze auch in Galizien gelten. „Sie Werden ebenso wie ich' sich1 stets1 vor Augen halten, daß wir sowie alle Beamten für die Bevölkerung da sind, nicht aber die Bevölkerung für uns. Genaueste Befolgung der Gesetze und Verordnungen größte Unparteilichkeit gegen alle Bevölkerungsschichten, gegen jeden Bewohner des Landes ohne Unterschied des Glaubens, ohne Unterschied der Nation und ohne Unterschied des Standes sollen die einzigen Richtlinien unserer Amtstätigkeit sein.“ * Der Wiederaufbau Galiziens. Zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Galiziens Wird folgende offizielle Mitteilung ausgegeben: „Behufs Zusammenfassung und Vereinheitlichung der verschiedenen auf die Wirtschaftliche Wiederaufrichtung Galiziens und der Bukowina bezugnehmenden Regierungsaktionen wurde über (Beschluß des Ministerrats innerhalb der Regierung ein ständiges Ko pii.tee eingesetzt, das' mit der Aufgabe betraut ist, alle einschlägigen Fragen zu beraten, die erforderlichen Verfügungen auszuarbeiten und den Verkehr mit den in den Ländern selbst von den Landesstellen geschaffenen Organisationen durch! ständigen Kontakt in vereinfachter und rascher Art herzustellen und aufrechtzuerhalten. Dem Komitee gehören neben dem Ministerpräsidenten die nach1 dem Wirkungskreise ihrer RessbrtS zunächst beteiligten Minister an. Dieselben werden für die Durchführung der laufenden Geschäfte des Komitees Stellvertreter als" ständige Referenten Und Mitglieder des Komitees designieren. In der abgehaltenen ersten Sitzung wurden Programm und allgemeine Richtlinien für die Aktion des Komitees festgestelli.“ * Burgfriede. „Die christliche Bevölkerung Lembergs' muß es den in der Stadt zurückgebliebenen Lemberger Juden übelnehmen, daß sie die am 30. September eirtm'arschierenden russischen1 Truppen mit einem Blumtenregen u*d mit Abküßen, der Kosakenpferde begrüßten, daß sie dann trotz barbarischer Behandlung und Pogroms den Russen mit Unterwürfigkeit Dienste erwiesen, um nach dem Einmarsch unserer Truppen wieder denjenigen Blumen zu streuen, die die Russen verjagt haben . . Im Krakauer „Czas“, dem als vornehm geltenden Organ der konservativen Stanczykenpartei war es Mittwoch, den 28. Juli 1915 an leitender Stelle zu lesen und der es Schrieb, ist der außerhalb Westgaliziens ziemlich1 unbekannte Landtagsabgeordnete Dr. Johann Hupka. Da Krakau in Oesterreich liegt und der „Czas“ unter Zensur erscheint, dürfte es auch den Juden gestattet sein, auf das Wohlwollen der Zensur Anspruch zu erheben, Wenn sie sich' im Namen ihres echten österreichischen Patriotismus gegen Verleumdungen und Verdächtigungen zur Wehre zu setzen. Aus der Fülle der Proteste, die uns aus Lemberg zugek'omimen sind, greifen Wir einen heraus, der in kurzen und treffenden, ebenso Schlichten als überzeugenden Worten die giftige Verlogenheit unserer Feinde brandmarkt. Der Lemberger Bürger und Hausbesitzer ■Markus Sprecher schreibt uns: Gedhrte Redaktion,! Mit besonderer Empörung höre ich von einer. Zeitungsnotiz im Krakauer „Czas“, die über das Benehmen der Lemberger Juden beim' Einmarsch der Russen im September 1914 berichtet. Als Jude, der in Lemberg die ganze Invasionszeit durchgemädht hat, und als Mitglied der städtischen Bürgerwache alle Vorgänge auf den Straßen genau verfolgte, eikläre ich die Behauptung des „Czas" als imfame Verleumdung der allezeit kaisertreuen, Schwarz-gelben Judensdhäft Lembergs. Die Juden Waren beim Einzug der Russen verängstigt und verkröchen sich1 zumeist. Hingegen bezeuge ich, daß beim Einmarsch unserer heldenmütigen Truppen sich solche rührende Szenen abgespielt haben, daß keine Schilderung imstande ist, ihnen gerecht zu Werden. Diese Gefühlsäußerungen waren echt und entquollen den dankbaren österreichischen Judenherzen. Keine böswillige Lüge wird imstande sein, den Patriotismus der Lemberger Juden in Schatten zu stellen oder in Zweifel tzu ziehen. Ich bitte Sie, diese Zeilen bestimmt zu veröffentlichen. Hochachtungsvoll Markus Sprecher. DentsdilanO und Palästina. Dem Zionismus, insbesondere seinen wirtschaftlichen Problemen, wendet sich in letzter Zeit in stetig steigendem Maße die Aufmerksamkeit berufener Vertreter des deutschen Reiches zu. Vor kurzem konnten wir berichten, daß in den einflußreichen „Preußischen Jahrbüchern“ des Professors Hans Delbrück eine grundlegende Abhandlung über den Zionismus von Kurt Blulmenfeld erschienen Ist, die das Interesse nichtjüdischer Kreise für unsere Bestrebungen zu wecken geeignet ist. Nun hat der bekannte zionistische Schriftsteller Nachum Goldmann in der von Paul Rohrbach und Emst JäCk herausgegebenen angesehenen politischen Zeitschrift „Das Größere Deutschland“ eine Arbeit über,,Deutschland und Palästina“ veröffentlicht, die in klarster Weise die wechselseitigen Beziehungen zwischen den zionistischen Zielen und der deutschen Orientpolitik aufweist. Aus dem interessanten Artikel seien hier die wichtigsten Stellen wiedergegeben : „Unter dem weltpolitischen Aspekt dieses Krieges betrachtet, gewinnt Palästina für Deutschland eine ganz außerordentliche Bedeutung. Abgesehen davon, daß der Suezkanal die Grenze Palästinas gegen Aegypten bildet, abgesehen von den schwäbischen Templerkolonien, die im Lande bereits existieren, beruht seine Bedeutung für das Deutschland der Zukunft vor allem darin, daß es ein Eingangstor nach Vorderasien bildet. Vorderasien aber bezeichnet eine der stolzesten Hoffnungen und gewaltigsten Ziele der deutschen Zukunft. Erst wenn man die außerordentliche Fülle und Größe des vorderasiatischen Gedankens' ganz erfaßt hat, kann man die Bedeutung erkennen, die Palästina für Deutschland besitzt. — Die höchsten Werte, die Europa der vorderasiatischen Kultur verdankt, hat es von Palästina erhalten. ... So entspricht es nur der tiefen inneren Harmonie und Gesetzlichkeit des historischen Geschehens, daß dieses Land, da9 in jenem Kulturprozeß, der von Asien nach Europa führte, die Uebergangsbrücke bildete, nun, da ein Prozeß von nicht minder großer Bedeutung, aber in umgekehrter Richtung anhebt, wiederum die alte Rolle übernimmt. Es genügt, dies er- , kannt zu haben, um die Welthistoristhe Bedeutung Palästinas für Deutschland zu erfassen. Mit der Darlegung dieses Gedankens aber sind wir zu einer anderen Seite des palästinensischen Problems gelangt, die nicht minder bedeutsam ist, wie die bisher besprochene. Man kann nicht von Palästina sprechen, ohne dabei jenes Volk zu nennen, dessen heiligste Hoffnungen seit zwei Jahrtausenden mit diesem Lande verknüpft sind: das! Judentum, und ohne jene Bewegung zu erwähnen, die diesen Hoffnungen ihre Verwirklichung geben will: den Zionismus. Daß dieser Faktor in die Zukunftsrechnung Palästinas an erster Stelle eingereiht werden muß, ist klar, die Palästina- Sehnsucht des jüdischen Volkes, durch die es befähigt ward, aus einem 2000jährigen Martyrium stark und ungebrochen hervörzugehen, ist eine Kraft, mit der jeder historisch1 Denkende rechnen muß; und Was der Zionismus in der verhältnismäßig so kurzen Zeit seines Bestehens trotz aller großen, äußeren und inneren Schwierigkeiten, die er überwinden mußte, bereits geleistet hat, ist allen Kennern Palästinas wohlbekannt. Wenn wir Palästina eine Uebergangsbrücke zwischen Vorderasien und Europa in alter Zeit genannt haben, so dürfen wir die Juden als die Erbauer und Wächter dieser Brücke bezeichnen. Sie haben jene großen Ideen aus dem Chaos asiatischen Denkens herauskristallisiert. durch die Vorderasien der Ausgangspunkt der religiös-isittlichen Kultur Europas geworden Ist, una es entspräche so nur der Harmonie und Gesetzlichkeit des geschichtlichen Geschehens, Wenn sie diese alte Rolle wiederum, nunmehr aber in entgegengesetzter Richtung wirkend, übernehmen. Hier vielleicht findet das Rätsel des ewigen Ahasver seine Lösung; bestimmt, Vermittler zwischen Asien und Europa zu sein, mußte er vom Ende der^ einen Vermittlungsepoche bis zum Beginn der neuen durch alle Länder wandern und irren, um dann fähig zu sein, von überallher Kultur wieder nach Asien zu vermitteln. Damit aber ist schön gesagt, daß eine Solche Rückkehr den Interessen des deutschen Volkes nicht widerspricht, vielmehr ganz in ihrem Sinne ist. Die Wiederbelebung Vorderasiens durch deutsche Kraft wird ja nicht in der Form der bisherigen Kolonisätionsmethöden erfolgen können. Nicht selbst erwerben und besiedeln wird Deutschland diese Gebiete; vielmehr sie durch seine wirtschaftliche Tätigkeit und geistige Anleitung kulturell durchdringen. Dazu aber ist es vor allem nötig, Menschen in jene Länder zu bringen; Menschen, die dort einerseits ihre Heimat finden wollen und imstande sind, dort heimisch zu werden, andererseits aber fähig sind, Vermittler der europäischen Kultur zu sein. Wer aber ist geeigneter, solche Menschen zu geben als das jüdische Volk, das durch Abkunft und tiefste Veranlagung nach orientalisch, durch seine

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