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Jüdische Zeitung · 1915-08-06 · 31 (6.8.1915) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
31 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 jOüiSCHE ZEITUNG Nr. 31 zu versagen, er spürte das Na'hen des Endes, aber bis zur letzten Stunde verließ ihn nicht sein Geist und bevor er den Atem aushauchte, richtete er noch Fragen an seine Umgebung, wie es seinen armen Glaubensgenossen in dieser schrecklichen Zeit gehe. Lippe war kein Bahnbrecher und kein Sdtöpfer, keiner derjenigen, die neue Wege der Bewegung gezeigt haben. Er war, wenn auch keine erstklassige Kraft, so doch eine Persönlichkeit, die dem Judentum und der Bewegung viel Nutzen gebracht hat, die Jahrzehnte lang mit großer Opferfreudigkeit, Zähigkeit und Geduld der guten Sache diente. Er nahm in der Bewegung eine eigenartige Stellung ein. Nicht immer waren die Führer mit ihm einverstanden, nicht alle seine Ideen waren richtig. Ca kam es häufig' zu schweren Kämpfen, zu temperamentvollen Auseinandersetzungen, die mit einem vorübergehenden Groll des Verstorbenen endigten. Denn Lippe war Temperament durch und durch. Wenn es galt eine Sache durchzuführen, scheute er weder Mühe noch Arbeit, bald flehte und bald drohte er, damit man ihn erhöre. Fand er kein Gehör, so grollte er in Worten, auch in Schriften und war nicht besonders wählerisch im Tone der Angriffe. Aber man verzieh ihm bald, weil man wußte, daß er ruhig oder aufgeregt, immer an die Sache glaubte, immer sich mit ihr identifizierte und daß es ihm um seine Person nicht zu tun war. Darum hatte er Sympathien unter den Zionisten der ganzen Welt und viele werden den heutigen Tag als Trauertag begehen, den Tag, an dem wir unseren alten Lippe — so hieß er bei uns seit Jahrzehnten — zu Grabe getragen haben. Mit ihm starb ein Typus. Wo sind die Leute, die wie er, großes europäisches Wissen mit einer immensen jüdischen Belesenheit verbinden? Wo sind die Leute, bei denen sich vollendetes Gleichgewicht mit jugendlichem Temperament paart? Wo sind die Leute, die, wie er, bis ins tiefste Alter ihren jugendlichen Idealen dienen? Wo sind die Alten, die mit der Jugena gehen? Wo sind diejenigen, die vollständigen Freisinn mit einer glühenden Anhänglichkeit an ihr Volk verbinden? Langsam sterben sie aus. Es ist ein Typus, der vielleicht nicht wiederkehren wird. Es beschleichen mich traurige Gedanken, denn der Typus, der ungeheuer viel Ernstes und mandimals auch etwas Heiteres in sich hatte, der Typus der alten Idealisten, die sich durchaus dem brutalen, praktischen Amerikanismus nicht anpassen konnten, war ein spezifisch feines Gewächs, daß in der Judengasse blühte und mit ihm verweht die Romantik der Judengasse. Ein prachtvoller Repräsentant dieses Typus war Karpel Lippe. Alt und Jung, Westeuropäer und östlicher Jude, Romantiker und Tatenmensch, irreligiös und gläubig, das war der alte Lippe. Und so werden wir seiner mit Wehmut gedenken, denn er wird uns fehlen bei unserer nächsten Arbeit. Weder er noch dieser Typus kann ersetzt werden. Wir nehmen traurigen Herzens Abschied von einem unserer ältesten, bravsten, besten Gesinnungsgenossen. * . * Das Leichenbegängnis Dr. Karpel L i p p e s fand Mittwoch, den 3. d. M. um 12 Uhr am Zentralfriedhofe in Wien statt. Dem Begräbnis wohnten außer der Familie eine Abordnung der Zionistischen Partei und zwar als Repräsentanten der galizisclien Zionisten Adolf Stand und Dr. F. Waschitz, als Repräsentant der westösterreichisclien Zionisten Reichsratsrevisor Tauss i g u. a. bei. In der Zcrcmonienhalle des Friedhofes hielt zuerst Rabbiner Dr. G r u n w a 1 d eine formvollendete Ansprache, in der er die Persönlichkeit Karpel Lippes kurz skizzierte. Nach inm sprach als Vertreter des zionistis eben Aktionskomitees Adolf Stand und hielt dem Verstorbenen einen tief empfundenen Nachruf, in welchem er die Verdienste des Verstorbenen eingehend würdigte. Zionisten im Eelöe. Kadett Julius Silberbusch, Mitglied des Bukowinaer Zionistischen Landeskomitees, wurde auf dem nördlichen Kriegsschauplatz verwundet. Am 28. Feber d. J. ist unser Gg. Ing. Heinrich Freund in den Karpathenkämpfen, nachdem er wie ein Held gekämpft hatte, ausgezeichnet mit dem signum laudis, gefallen. Ing. Freund war eia zurückhaltender Mensch, der es nicht liebte, seine Person in den Vordergrund zu schieben. Von Jugend auf war er ein begeisterter Anhänger unserer Idee. Als ein junger Student nahm er mit fünf gleichgesinnten Jünglingen den Kampf gegen die Hochburg der Assimilation in Proßnitz auf und half dort das Panier der nationalgesinnten Judenschaft aufzurichten. Damals wurde unter seiner Mithilfe der jüdische Studentenverein „Giskalah“ gegründet. Wenn er auch im späteren Leben sicli nicht hervorragend am Parteileben beteiligte, so blieb er doch immer ein treuer Anhänger der Organisation, was er bis zu seinem Tode bewiesen1, indem er unseres Nationalfonds im Momente, als er zu den Fahnen eilte, letztwillig gedachte. Alle die ihn kannten, seine Bb. Bb., Freunde und Bekannten, werden seiner stets ehrend gedenken. Gg. Heinrich Pollak, Fähnrich i. d. R. im k. u. k. Inf.-Reg. Nr. —, ist als junger Mensch von 22 Jahren am Dnjester gefallen. Ein stets arbeitsfreudiger, begeisterter Gesinnungsgenosse ist uns entrissen worden. Vier Jahre lang arbeitete er freudig in unserer Organisation in Proßnitz. Bereits einmal verwundet, ging er abermals ins Feld und fiel, nach Berichten seiner Freunde, “wie ein Held kämpfend, bei Erstürmung einer Höhe bei ..... Seinen Bundesbrüdern ein Warmer Freund, seinen Eltern die Verkörperung ihres Stolzes und ihrer Hoffnungen, hat er beide in tiefe Trauer versetzt. Tapfer, wie er seine Leiden ertrug, werden auch wir unseren Schmerz ertragen! Ihm, dem tapferen Helden, werden wir, seiner stets gedenkend, ein ehrendes Andenken bewahren. Kadett Paul März (a. B. der „Ivria“), wurde für tapferes Verhalten vor dem Feinde mit der silbernen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet und außerdem zum Fähnrich befördert. Kadett Walter Grün Wald (a. B. der „Ivria“), erhielt ebenfalls die silberne Tapferkeitsmedaille. Hermann Rosenberg, A. H. der jüd.- akad. Verbindung „Etnunah“-Bieliiz, hat das Al ilitär verdienstkreuz 3. Klasse mit der Kriegsdekoration erhalten. Einj.-Freiw. Abraham Rosner, Oberführer des jüdischen Wanderbundes „Blau-Weiß“ in Bielitz, ist auf dem nördlichen Kriegsschauplätze den Heldentod gestorben. Moritz Menkes, Mitglied der Verbindung „Judäa“-Lemberg, der seit Februar im Felde steht, Wurde vom Gefreiten zum Kadett-Aspiranten befördert. Eine ameriMüöisihe Untcrsutäungs: Kommission am Kriegssdiauplafz. Das „American Jewish Relief Committee“ Amerikanisch-Jüdisches Hilfskomitee) beschloß im Einvernehmen mit dem Verband der gaüz.ischen Juden in Newyork, eine Untersuchungskommission mit drei angesehenen Persönlichkeiten nach dem Kriegsgebiet zu entsenden, die die Lage der vom Krieg betroffenen Juden erforschen soll. An die Ausführung dieses Beschlusses wird geschritten werden, sobald die geeigneten Personen gewonnen und die erforderlichen Formalitäten erledigt sein werden. Generalversammlung Oes Jüöisdien Nafionalvereines. Am 1. August fand die Generalversammlung des Jüdischen Nationalvereines für Oesterreich statt, in welcher die gegenwärtigen Verhältnisse einer eingehenden Erörterung unterzogen wurden. Die Neuwahl des Ausschusses ergab folgendes Resultat: Obmann: Obering. Robert Stricker (Wien), Vizeobmänner: Heinrich Bard (Lemberg), Dr. Salomon Kassner (Czernowitz), Schriftführer: Dr. Fiscliel Waschitz (Lemberg), Kassier: Ingen. Oskar Kramer (Wien), ferner Abg. Dr. Benno Strauclier (Czernowitz), Adolf Stand (Lemberg), Adolf Böhm (Wien), Rev. Rudolf Taussig (Wien) und Dr. Hillel Sussmann (Sianislau). Palästina-Nachricht. Der bekannte palästinensische Agronom Aaronson hat den türkischen Behörden einen Plan zur Bekämpfung der Heuschrecken überreicht, die in ganz Palästina, auch in einer Reihe jüdischer Kolonien, Schaden angerichtet haben. Herr Aaronson hat von dem Oberbefehlshaber der 4. Türkischen Armee, Djemal Pascha, der seinen Plan genehmigte, ausgedehnte Vollmachten erhalten, um die Bekämpfung der Heuschrecken in den Vilajets Beirut, Jerusalem und Damaskus durchzuführen. Die jüdischen Institutionen, die in Palästina arbeiten, haben zu diesem Zwecke 10.000 Frcs. zur Verfügung gestellt, wovon die zionistische Palästina-Bank und das zionistische Palästina-Amt die Hälfte übernommen haben. An die Besitzer von Sammelbogen der Hilfsaktion! Viele unserer geehrten G.-G. die so gütig waren, sich durch Übernahme von Sammelbogen der Hilfsaktion des Zionistisch. Zentralkomitees für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina hilfsbereit zur Verfügung zu stellen, sind mit der Ablieferung der Bogen und Gelder im Rückstände. Wir ersuchen sie dringendst, das Versäumnis nachzuholen. ' natflrilcher ALKALISCHER SAUERBRUNN Meinus!£emarm£! Frische Kochung aus besten Früchten der jetzigen Ernte Jüdisches Archiv. Erschienen ist „Jüdisches Archiv“ Heft I der Mitteilungen des Jüdischen Kriegsarchivs. Aus dem Inhalt: Die Juden in Galizien und der Bukowina unter der russischer Invasion. (Authentische Originalberichte und dokumentarische Belege). Leiden der Juden in Russisch-Polen. (Original-Korrespondenzen).—Die Anteilnahme der österr.- (Patriotische Aktionen und Kundgebungen, hervorragende Einzelleistungen). — Juden als ungarischen Juden am Kriege Soldaten und Offiziere. (Listen der Ausgezeichneten, Anerkenungsschreiben, Episoden usw.). — Verschiedenes Preis: 60 Heller (50 Pfennig), mit Porto 80 Heller (60 Pfennig). Vorausbestellungen durch den Verlag R. LÖWIT, Wien, I. Rotenturmstraße 22 oder durch das JÜDISCHE KRIEGSARCHIV, Wien, II. Zirkusgasse 33.

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