Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 30 (30.7.1915)
- Date
- 1915-07-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Nr 30 Seite 2 glauben und betrachtet die ganze „Lihvaken“- Frage als „bloßje Episode“ ih der Geschichte der jüdisdi-polnischen Beziehungen Russisch- Polens“, der Kern der jfidisühen Frage liege aber nach dessen Meinung viel tiefer. Der „Kurjer“ schreibt: „Dank der wirtschaftlichen Untätigkeit und Unbeholfenheit der Polen und dank der falsch aufgefaßten „Toloranzpolitik“ häuften sich mit der Zeit auf polnischem Boden solche Judenmassexi an, die ein fremdes Element in der polnische Bevölkerung bildend, alle wichtigsten Zweige des Handels und Gewerbes in ihre Hände nahmen. Und ist dies eine leider verspätete aber sehr gesunde und natürliche Reaktion gegen die bisherigen „anormalen Verhältnisse, wenn die polnische Bevölkerung Russisch-Polens letztens den Kampf gegen den übermächtigen Einfluß des Judentums aufnahm, einen Kampf übrigens, der durchaus zulässig und egal ist“ . „Oder, wolllen vielleicht die Herren Löwenstein Na tan und Konsorten den Polen in Russisch-Polen das Recht absprechen, gegen die alle gesündesten Säfte des Landes verbrauchende Judenmasse einen wirtschaftlichen Kampf führen zu dürfen?“. Das erwähnte Blatt sieht in der ganzen „sogenannten“ antisemitischen Aktion, d.h. m der Boykottbewegung das einzige Mittel gegen das Ueberhandnehmen des jüdischen Einflusses lind meint, daß von dessen Anwendung erst dann Abstand genommen werden könne, w e n n die galizisch-jüdischen Repräsen - tanten auf irgendein anderes, der Herabsetzung dieser ungeheuren Zahl des den Polen fremden und zum großen Teile ihnen sogar feindlichen Elementes dienenden Mittei zeigen würden (sic!) .... Als Illustration des für Russisch-Polen angestrebten idealen Zustandes Wird Preussen herangezogen, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen mehrweniger ähnlichen jüdischen Prozentsatz wie Ko.igreßpolen aufweisend, heute bloß 1.2 Prozent Juden zählt, gegen — über ca. 15 Prozent in Russisch-Polen. Der „Kurjer Poznanski“ kommt auch seltsamerweise auf Galizien zu sprechen und bemerkt: „Wenn jedoch die jüdisch-galizischen Vertreter die polnisch-jüdische Frage in Galizien als irgendwie gelöst betrachten, so mögen sie vielleicht vom Gesichtspunkte der Juden, die in Galizien ein vorzügliches Geschäft machen, Recht haben, nicht aber vom polnischen Gesichtspunkte. Nur die sprichwörtliche wirtschaftliche Unfähigkeit der polnischen Bevölkerung Galiziens, die in diese/ Hinsicht noch ärger daran ist, als die Bevölkerung Russisch-Polens, ermöglichte den Juden, zu einer solchen ökonomischen und politischen Macht heranzuwachsen, wie sie solche dort heute repräsentieren. Die Kriegszeiten eignen sich nicht zur Lösung solcher innerer Probleme. Aber auch für Galizien wird die Zeit kommen, wo man sich mit der jüdischen Sache ganz anders als bisher wird befassen müssen. Dann werden auch die Herren Löwenstein, Aschkenes und Koneorten einen klareren Standpunkt einneh'men können. Eine Lösung ,,) ü - d isch-polnisch wird es nicht mehr geben. Klar und unzweideutig wird sich jeder eiklären müssen bei der polnischen oder jüdischen Fahne“. So sehr und so entschieden wir dem Vorhaben und dem ganzen Gedanlkengange des „Kurjer Poznanski“ in Bezug auf die Judenfrage entgegentreten möchten, was wir jedoch im Hinblick auf (den gegenwärtigen Zeitpunkt verschieben müssen, anerkennen wir dennoch seine. ■Offenherzigkeit, mit der er seine Absichten verkündet. In feinem Punkte können wir ihm, wenn auch aus ganz anderen Motiven, sogar beipfiichten: Auch (wir wünschen, daß die Losung „jüdisch-polnisch“ Verschwinden möge. Wir mögen nicht das Sitzen auf . zwei Stühlen ünd verlangen auch wir nach einer klaren (und unzweideutigen Entscheidung für die jüdische oder für die polnische Fahne. Und von diesem Gesichtspunkte finden wir auch den Fußtritt, mit dem die Polen den Liebesdienst der galizischen AsSimilanten quittieren, begreiflich. Meier Henisch. Das Verhältnis öer Mn zu äen Polen. „Wiedenski Kurjer Polski“ vom 22. Ju.i 1915 schreibt: : — „Der Reiter der PrCssangelegenh eiten beim Armeeobeikommando Hindenburgs, der bekannte deutsche Publizist Herr Georg Cleinow gründete oder inspirierte in den durch' die Deutschen besetzten Gebieten des Königreiches Polen einige -jüdische Jargonzeitsdiriften. Anfang Juni 1. J. berief Herr Cleinow nach Lodz den bekannten deutschen Zionisten Rechtsanwalt Bode nlieira er aus Köln. Schon nach den ersten Wochen seines Aufenthaltes in diesen Gebieten lieferte 'Herr Bodenheimer unter den Auspizien des Herrn Cleinow den Beweis, wie er das Verhältnis der Juden zu den Polen auffaßt. Er »stützte sich sofort auf separatistische Elemente ,und forcierte bei den gegenwärtigen Nominierungen in den Lodzer Magistrat die Wabj Zweier Litwaken. Herr Bodenheimer schuf für die Lodzer Juden .einige Klubs mit wirtschaftlichen und kulturellen Zielen, alles unter dem Schlagworte der Separierung von den Polen- Diese Klubs erfreuen sich großer Freiheiten. Sie dürfen Zusammenkünfte und Vorlesungen veranstalten, (während es den bisher existierenden polnischen Bildungsvereinen bis zum Herbst verboten ist, auch nur Gesuche um Bewilligung wissenschaftlicher Vorträge einzubringen. Infolge dieser eigenartigen Politik, die Polen und Juden gegeneinander (verhetzt, herrscht in jüdischen Polenkreisen, die an die Zukunft denken, große Erbitterung.“ * Die deutsche Regierung bat in den besetz'en Teilen Russisch-Polens mit anerkennens werter Raschheit und Energie das Prinzip der. Gleichberechtigung aller diese Gebiete bewohnenden Nationen, auch der Juden, zur Durchführung gebracht. Diese Tatsache scheint den „Kuryer PcLlri“ — er ist das Organ des „Obersten polnischen N a t io nä 1 ra t e s“ — ganzaus dem Häuschen gebrachtzu haben. Er kann es nicht fassen, daß Juden nicht durch die Gnade der Polen, sondern dank gesetzlicher Maßnahmen in verantwortliche Stellungen berufen werden. Als ebenso schweres Verbrechen brandmarkt er es, daß Juden sich in eigenen Organisationen zwecks Erreichung ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Ziele zusammentun und in ihren Bestrebungen durch die deutsche Verwaltung nicht behindert werden. Freilich, den Intentionen des „Kuryer“ und seiner Hintermänner entspräche es besser, wenn die Deutschen die Juden so erniedrigend behandeln würden, wie es in den anderen Teilen „Polens“ üblich ist, wo die Polen die Herren sind. Denn das könnte doch manchem „ihrer“ Juden aus diesen Gebieten die Augen öffnen und ihm klar machen, daß es nicht so sein muß, wie es bisher war. Daß er nicht „Hausjude“, daß er ein freier Mann, daß er Jude sein könne .... Diese Erkenntnis würde wohl den Anstoß zur Verschiebung der Machtverbältnisse der unter den „Polen“ wohnenden Nationen geben, sie könnte aber dazu beitragen, daß jene Grundlagen geschaffen werden, auf denen die Regelung eines gedeihlichen Zusammenlebens von Juden und Polen erfolgen könnte. * Die Auslassungen der „Kurjer“ sind auch in anderer Hinsicht wertvoll. In Wien erscheint seit einigen Monaten noch ein anderes Organ des „Obersten polnischen Nationalrates“, die Zeitschrift „Polen“ in deutscher Sprache. Sie ist dazu bestimmt, die nichtpolnische Oeffentlichkeit . für die nationalen Bestrebungen der Polen zu präparieren. Einen breiten Raum nimmt in-ihren Erörterungen das Verhältnis der Polen zu der. Juden ein, das für sie erst seit den bekannten Anklagen von Georg Brandes und anderer wegen der Verfolgungen der., Juden in Russisch-Polen aktuell geworden ist. In zahlreichen Artikeln blüht sich „Polen“ .ab, den Nachweis zu erbringen, daß es „keinl zweites Land in Europa gibt, dessen Gesetzgebung den Juden gegenüber von so humanem Geiste erfüllt wäre, wie es in Polen stets der Fäll War.“ Wie diese „Gesetze“ in der Praxis gehandhabt wurden und werden, darüber gibt die eingangs zitierte Notiz des „Kurjer“ Aufschluß. „Polen“ ist für die nichtpolnische Oeffentlichkeit geschrieben, der „Kurjer“ dient dem eigenen Hausgebrauch. Um das Wahre Antlitz kennen zu lernen, muß man beide lesen. ISjEjMAPME] MARMELADE Frische Kochung aus besten fruchten der jetzigen Ernte 1 Die flllpolen Beteuern ihre Loyalität. Wir haben in der letzten Nummer eine uns zugekommene Erklärung des Führers der Allpolen G I o m b i n s k i Veröffentlicht, in welcher er die Verantwortung der allpolnischen Partei für Auslassungen einzelner Mitglieder ablehnt und die Oeffentlichkeit darüber aufklärt, daß das „Slowo Polskie“ irrtümlich für ein Organ der; Partei gehalten wird. Eine redaktionelle Bemerkung zu dieser Erklärung wurde von der Zensur unterdrückt. Das „Neue Wiener Tagb’att“ vom 27. Juli läßt sich nun hiezu aus P fc t r'ik a ufolgendes telegraphieren: „Mit Bezug auf die Erklärung des Abg. Dr. Glombinski, wonach die demokratischnationale Partei als solche für die Tätigkeit der einzelnen der parteiangehörenden Persönlichkeiten und Blätter keine Verantwortung trägt, schreibt das hiesige Tagblatt „Dziennfk Narodowy“: „Der ObmSnn der nationaldemokratischen Partei Jan Gwalbert P a w 1 i k o w s k i ist an dem denwürdigen 20. Juni (Befreiung Lembergs von der russischen Invasion) aus Lemberg weggefahren; auch Obmannstellvertreter Stanislaw Grabski hat Lemberg verlassen; noch früher ist der Parteisekretär K a s z n i c a abgereist. Weggefahren sind weiter: der Chefredakteur des Hauptorganes der Nationaldemokratie (,S'o\vo Polskie*) Zygmunt Wasiiewski; der Hauptagitator für die Organisation der Bauern Wierczak sowie das zu besonderen Dienstleistungen bestimmte Parteimitglied B i e g a. Der Obmann des parlamentarischen Klubs der Partei Graf-Sk a r b e k hält sich seit Monaten in der Schweiz auf.“ Der „Dziennik narodowy“ ist ein polnisches Blatt und weiß als solches in allen polnischen Fragen genau Bescheid. Wird Herr Glombinski jetzt wiederum „erklären“? Die Leiden der Mn in Ruftlanh. Die Evakuierung in Rußland wird fortgesetzt. Ueber den herzzerreißenden Jammer, den die Fortschaffung von über 280.000 Juden aus Kurland und Litlhauen zur. Folge hatte, haben wir berichtet. Inzwischen nimmt das Elend zu. Man evakuiert in Riga, in Warschau und, wie es scheint — genaue Nachrichten fehlen noch — im Süden. Je schwerer die Niederlagen sind, die die russischen Armeen erleiden, desto mutiger kämpft Rußland gegen seine Juden. Wie die Berner „Tagwacht“ aus Moskau erfährt, spricht man dort in den führenden Gesellschaftskreisen von einer völligen Niederlage Rußlands. „Auch die vom Kriegsschauplatz heimkehrenden Offiziere verzweifelten an einem günstigen Au sgang des Krieges. Für alle Niederlagen suche die Regierung die Juden verantwortlich zu