Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 30 (30.7.1915)
- Date
- 1915-07-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I * I Nr. 30 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 machen und so die Volksempörung auf den Sünden bock zu leiten. Man spricht in Rußland sogar davon, daß die Regierung entschlossen sei, die Juden auch aus Petersburg auszuweisen, wenn Riga von den Deutschen besetzt wird. Man hat dies schon früher tun wollen, aber auf die Intervention des Ministers des Auswärtigen aufgehoben. Die revolutionäre Stimmung des russischen Proletariats wachse, sogar Krankenschwestern seien unter dem Verdacht revolutionärer Agitation unter den Soldaten verhaftet worden. Die Mitteilung schließt, jeder Mann in Rußland fühle, daß man großen inneren Ereignissen entgegengehe.“ Die Intervention des Ministers des Auswärtigen ist natürlich von der Rücksichtnahme auf die neutralen Länder, insbesondere Amerika diktiert. Inzwischen hat aber auch trotz der vpn England beherrschten Kabel in . Amerika die öffentliche Meinung einen Eindruck erhalten, welchen entsetzlichen Verfolgungen die Juden in Rußland ausgesetzt sind. Aus der Tiefe ihres Jammers und ihrer Not haben die von den Russen verfolgten russisch-polnischen Juden einen herzzerreißenden Hilferuf an die Juden der Vereinigten Staaten von Amerika gerichtet. Sie klagen in ihrem Schreiben über die Barbarei der Russen und führten eine Reihe von Greueltaten an, die ihre Gewalthaber gegen sie begangen haben. So zerrten die Russen am Versöhnungstage bei Staszow zwölf Juden aus dem Bethaus heraus- und hängten sie auf. In Zamösza beschossen sie eine jüdische Abordnung, die zu ihrem Empfange erschien, mit Maschinengewehren. Die Gernt-inde Opola bei Josesow wurde von ihnen vernichtet. In Senna haben sie alle jüdischen Männer und kleinen Kinder zusammengetrieben, gebunder, geschlagen, eingesperrt, die Frauen geschändet und alles ausgeraubt. In Kliszczov bei Radomsk steckten sie alle Juden ins Gefängnis, in Lodz schlugen und beraubten sie die Juden vor dem Einrücken der Deutschen. Daß die Klagen der Juden: nicht erfunden oder übertrieben sind, haben die amtlichen Ermittlungen ergeben. Im Gegenteil ist erwiesen, daß das erwähnte Schreiben nur einige der vielen Fälle anführt, in denen sich die russischen Soldaten, insbesondere die Kosaken, zu unerhörten Schandtaten gegen die jüdische Bevölkerueng von Russisch-Polen hinreißen ließen. Erst durch das Vordringen des deutschen Heeres sind die russisch-polnischen Juden, wie sie dankbar anerkennen, von diesen Verfolgungen befreit worden. Die Veihältnisse haben sich in den letzten Wochen nicht verbessert, sondern verschlimmert. Ein Land, das die wildesten Horden_ zum Kampf aufruft, das nun schon die Kalmücken gegen die deutsche Barbarei zur Hülfe herbeizieht, kennt auch im eigenen Lande kein Gesetz und keine Gerechtigkeit. Eine schwere Depression herrscht unter den russischen Juden wegen des böswillig tendenziösen Geheimerlasses des Generalstabs. ln einem Erlaß sub Nr. 1193 befiehlt der Generalstab' allen Abteilungs-Chefs, antisemitisches Material gegen jüdische Soldaten zu sammeln und es an die höheren Instanzen weiterzugeben. Der raffinierte Erlaß Schließt mit der Aufforderung, einige Fälle würdigen Betragens der jüdischen Soldaten ebenfalls zu registrieren, damit, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, die oppositionellen Elemente nicht auf die Tendenziösität hinweisen können. Durch einen öffentlichen Anschlag in allen Städten des russischen "Reiches verkündet der Generalstab die Aufhängung von Aaron und Schlioma Salzmann sowie Boris Freidberg, .der angeblichen Komplizen des wegen Landesverrats Eingerichteten russischen Oberst Mjassojedow. Vergebens erwartete die Bevölkerung eine Begründung für die Verurteilung dieser ganz offenbar unschuldigen Menschen. Alle Welt weiß in Rußland, daß die unglücklichen Hingerichteten nie etwas mit Spionage zu tun hatten. Sie waren Emigrations-Agenten und als solche gaben sie dem hingerichteten Oberst Mjassojedow, der als Chef der Grenz-Gendarmerie die Emigration zu überwachen hatte, mehrfach Bestechungen. Aber die russische Regierung brauchte eine Judenhinrichtung. beste Nahrung für__ Säuglinge. Kinder. Rekonvaleszente nach Magen-u. Darmerkrankungen *s Jederzeit erhältlich. Probedose und lehrreiche ärztliche Broschüre über Kinderpflege gr-.tis durch die Nestle’s Kindermehl-Gesellschaft, Wien, I. Biberstrasse 1. Zionisten im Felde. Unser Gesinnungsgenosse Max Markus hat dieser Tage einen schweren Verlust . erlitten. Sein einziger Sohn, Einj.-Freiw. Zugsführer stud. jur. Georg Markus hat auf dem italienischen Kriegsschauplatz den Heldentod gefunden und wurde am 15. d. M. in Tarvis begraben. Wir drücken auf diesem Wege Gg. Markus, der zu den gesinnungstreuesten und opferfreudigsten Zionisten in Wien zählt, unser tiefstes Beileid aus. Dr. Jakob K a j o n, Leutnant im bosn.-herz. Inf.-tReg. Nr. , A. H. der akad. Verbindung „Esperanza“ in Wien, Advokaturskandidat in Sarajevo, wurde (bereits im Februar I. J. mit der silbernen Tapferkeitsmedaille 2- Klasse beteilt, und erhielt Ende Juni 1. J. für außerordentliches tapferes Verhalten vor dem Feinde auch die goldene Tapferkeitsmedaille. Gegenwärtig befindet er sich als Verwundeter in Pflege eines Militärspitales. Kadett Dr. Gustav Schön, A. H. der Ferialverb. „Massada“, Absolvent des Wiener Rabbinerseminars, wurde mit der silbernen T apferkeitsmedaille ausgezeichnet. Er stellte bei einem Angriffe die Verbindung zwischen Infanterie und der eigenen Batterie her, wodurch die erfolgreiche Abweisung des russischen Ansturmes ermöglicht wurde. Am 25. Mai starb Gg. Maurycy S p i e ge e I, Einj.-Freiw. Korporal, Mitglied des jüdischen Sportklubes „Makkabi“ und des „Jüd. Turnvereines“ in Krakau durch einen Kopfschuß auf dem nördlichen Kriegsschauplatz den Heldentod im Alter von 18 Jahren. Er Wurde schon vorher wegen hervorragender Tapferkeit in den Kämpfen am Dunajec mit der silbernen Tapferkeitsmedaille 2. Klasse ausgezeichnet. Am 30. Juni fiel am südwestlichen Kriegsschauplätze der Fähnrich Siegfried T i c h o im iNahkampfe bei Abwehr eines italienischen Sturmes in der Nähe von Monfalcone. Sein Grab wurde von seinen Freunden mit einem großen hölzernen Mögen David gekennzeichnet; neben •ihm. liegt der italienische Offizier, der. ihm die tödlichen Verwundungen (Achsel- und Brustschuß) beibrachte. Der, Gefallene war aktiver Bursch der „Veritas“ in Brünn und wegen seines hohen, feinfühlenden Idealismus, seines ehrlichen und uneigennützigen Charakters überaus geschätzt. Kadett Andor Zsoldos, Gründer des Budapester jüdischen Sportklubs V. A. C., der bereits zweimal verwundet wurde, ist mit der silbernen Tapferkeitsmedaille 1. Kl. ausgezeichnet worden. Eugen S c h m i d e g erhielt die silberne Tapferkeitsmedaille und Eugen Deri wurde im Auszeichnungswege zum Leutnant befördert. Beide sind Mitglieder des V. A. C. in Budapest. Assistenzärzte Dr. Julius Kraus, A. H. der „Mäkkabäa“ in Budapest und Dr. Leo Zsoldos, Budapest, erhielten das Signum laud i s. Dr. Zsoldos wurde nicht in Anerkennung seiner ärztlichen Tätigkeit, sondern als im Sturm gegen den Feind ausgezeichnet. Cand. jur. Wolf Fisch, Mitglied des Vereines zionistischer Hochschüler in Klausenburg, ist i m Alter von 22 Jahren auf dem nördlichen Kriegsschauplatz gefallen. PersonalnatMten. Am 26. d. M. fand die Vermählung unseres Gesinnungsgenossen des Herrn Supplenten Dr. Wilhelm Stein, Sekretär des Zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich mit Fräulein Greti Pick statt. Gg. Stanislaus S z t e n c e 1, A. H. der „Gisk aIah“ in Stanislau zu Doktoren der gesamten Heilkunde statt. Am 23. d. M. fand an der Wiener Universität die Promotion des Gg. Einj.-Freiw. med. Hugo Mandl, i. a. B. der jüd.-akad. Ferialverbindung „Massada“ und des Kleine NaAriAlen. London. „Jewish World“ tadelt in heftigen Worten „Board of Deputies“, die offizielle Vertretung der englischen Judenheit, die verweigert hat, sich der als feindliche Ausländer internierten Juden anzunehmen und ihr Schicksal zu erleichtern. Diese Feigheit und dieser Mangel an jüdischem Brudergefühl waren bei den reichen Assimilanten, die so gnädig sind, die höchsten Ehrenstellen der englischen Judenheit einzunehmen, zu erwarten. Inzwischen sind private jüdische Kreise bei der Regierung vorstellig geworden und es ist daraufhin ein Teil der Internierten wieder entlassen worden. Haag. Unter dem Vorsitz des Staatsrates Professor Dr. Oppenheim’ hat sich hier ein „Internationale:. Jüdisches Emigralionskomitee“ gebildet. Die Veran.assung zu der Gründung gab die Ansicht, daß nach dem Kriege eine Massenauswanderung osteuropäischer Juden ersetzen werde. Lausanne. Auf der am 11. Juli im hiesigen Rathaus stattgehabten, zahlreich besuchten Tagung der „Kommission zum Schutz bedrohter Menschheitsinteressen“ des „Bundes für Menschheitsinteressen und Organisierung menschlichen Fortschritts“ — Vorsitzender Professor Dr. R. Broda — wurde einstimmig folgende Resolution Dr. Klatzkin und Epstein angenommen: „Die Kommission appelliert an die intellektuellen und liberalen Schichten Rußlands, sie möchten sich dafür einsetzen, daß endlich den systematischen Grausamkeiten der russischen Regierung gegenüber der jüdischen Bevölkerung (Massenausweisungen, Plünderungen und Metzeleien — unter dem Namen Pogrom bekannt — sowie Mißhandlung der verwundeten jüdischc.i Soldaten), Wie sie seit Beginn des Krieges bis auf den heutigen Tag verübt werden, ein Ziel gesetzt werde.“ Odessa. David Frischmann ist schwer erkrankt und liegt im jüdischen Krankenhaus. Die angesehensten Schriftsteller und Journalisten besuchen ihn. Cafe „Marienbrücke“ .Ü. I., Rotenturmstraße 31. RENDEZVOUS DER ZIONISTEN. : Cafe Jägerhof (Weiss) 5 5 IX., Porzellangasse 22.; | Vornehmes Familien-Cafe ■ 2 modernst eingerichtet J ■ gut ventilierte Spielsäle. » ■ Zentral-Lokal der Zion. Ferialverbindungen. ■ i Sämtliche in- und ausländischen Zeitungen ■ ■ sowie alle Zion. Blätter liegen auf. J nrr! ■ RESTAURATION; „zur pumänifdien Küdie“ ■ Ch. Weiß vorm. Korn ■ Wien, 11., Hammerpurgstallg. 3. ■ Anerkannt vorzügliche polnische u. rumänische Küche. _ Jüdisches Hrchiv. Erschienen ist „Jüdisches Archiv“ Heft 1 der Mitteilungen des Jüdischen Kriegsarchivs. Aus dem Inhalt: Die Juden in Galizien und der Bukowina unter der russischer Invasion. (Authentische Originalberichte und dokumentarische Belege). Leiden der Juden in Russisch-Polen. (Original-Korrespondenzen).— Die Anteilnahme der österr.- ungarischen Juden am Kriege. (Patriotische Aktionen und Kundgebungen, hervorragende Einzelleistungen). — Juden als Soldaten und Offiziere. (Listen der Ausgezeichneten, Anerkenungssdireiben, Episoden usw.). — Verschiedenes. — Preis: 60 Heller (50 Pfennig), mit Porto 80 Heller (60 Pfennig). ~ Vorausbestellungen durch den Verlag R. LÖWIT, Wien, I. Rotenturmstraße 22 oder durch das JÜDISCHE KRIEGSARCHIV, Wien, II. Zirkusgasse 33. ..crausg. u. veramw. Redakteur: Alexander Geller. — Druck von Jos. Seywald, G. m. h. H. (verantw. O. Schneeweiß), II., Taborstraße 52b.