Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1915-07-30 · 30 (30.7.1915) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
30 (30.7.1915)
Date
1915-07-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438521-2438551--4500-2444373
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

o NRTIDNRL -JUDI5CHE5 ORGAN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFÖNDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnähme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden B “ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abotmemenstspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K S.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. B Nr. 30 n, Freitag, den 30. Juli 1915. IX. Jahrgang. Im neuen Oesterreidi. Allem Mißmut und aller Zweifelsucht zum Trotz hat mit den herrlichen Erfolgen unserer Armeen auch der österreichische Staatsgedanke seinen Sieg davongetragen. Röhe Gewalt und dumpfes Müssen können nicht diesen sieghaften Geist in die Seelen der Tapferen strömen lassen, es muß das Bewußtsein wach sein, daß sie für die Idee ihrer Heimat, ihr großes Oestereich kämpfen und bluten. Eine kurzsichtige Geschichtsauffassung, die allzusehr tagespolitischen Strömungen untertan war, vielleicht sogar ihr das Entstehen verdankte, hat von einem zusammengeheirateten Oesterreich gesprochen, in bewußter Mißdeutung jenes friedvollen „bella garantalii tu felix Austria nube“. Es war nicht byzantinisches Zurechtbiegen der historischen Entwicklung, wenn ein Sinn gesucht und gefunden wurde in diesem scheinbar absichtslosen Zusammenschmieden von Völkern und Ländern zur mächtigen Habsburgermonarchie, wie sie schon durch die rein äußerliche oro- und hydrographische Gliederung vorgezeichnet war. Man möge immer bedenken, daß das dem Fürsten Bismarck zugesdhriebene Wort „gäbe es kein Oesterreich, es müßte geschaffen werden“, Franz PalaCky, dem chauvinistischen Vertreter der nationaltschechischen Historie entstammt und der Minister Kaizl in seinen Memoiren keine Gelegenheit vorübergehen läßt, seinen Volksgenossen vorzuhalten, daß wichtiger als alle Sonderbestrebungen die Voraussetzung derselben, der Bestand der Monarchie sei. Der Krieg hat die Zusammengehörigkeit der einzelnen Glieder zu der mächtigen und unteilbaren Ganzheit, wie es in der pragmatischen Sanktion zum Ausdruck kommt, erwiesen. Die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Beziehungen sind zu innig verknüpft, ganz abgesehen von den historischen Erinnerungen, die immer die Geschichte des ganzen Reiches umfassen. Nur Unfähige und Böswillige werden die wechselseitige Verquicktheit der Deutschen und Tschechen etwa veikennen, wie sie durch die gegenwärtigen Verhältnisse gegeben ist und der historisch Durchgebildete wird eine kulturelle Abhängigkeit der beiden Völker feststellen können, die der Laie bei der grimmen Verbissenheit der Oberfläche für ausgeschlossen gehalten hätte. Aber Oesterreich kennt fast nur eine tendenzwütige Geschichtsschreibung, die bald nach der nationalen, bald nach der kirchlichen Seite hin bis zur Ohnmacht gefesselt ist. Wer diese Voraussetzung der Zusammengehörigkeit unbeirrt ins Auge faßt, muß als wesentliche Grundlage österreichischer Innenpolitik einen Zentralismus bekennen, der über allen dezentra- Iistischen Tendenzen doch die Einheit des Ganzen wahrt. Die Völker Oesterreichs haben insgesamt solche von ihrer geographischen Lage, von ihrem rassenhaften Zusammenhang, von ihren geschichtlichen Erlebnissen und ihrem kulturellen Werdegang verursachte Sonderinteressen und -Tendenzen. Und es wäre Selbstmord, trüge die Regierung ihnen nicht Rechnung, denn die Völker sind die Elemente, aus denen sich das Staatsgefüge zusammensetzt. Aber eine feste und sichere Hand muß trachten, daß diese Sondertendenzen nicht zu zentrifugalen Kreisen werden, sondern sich zur machtvollen staatstreuen Energie verbünden. Daß das möglich ist, zeigt die unüberwindliche Einheit der Armee und die zeitweise mutfordernde Rücksichtslosigkeit der Heeresleitung, die sich durch kurzsichtige Forderungen einzelner nationaler und politischer Gruppen nicht beirren ließ und der nun die goldenen Früchte ihrer Ausdauer in den Scheiß fallen. Wir alle bewundern die kluge Energie, die in allen Teilen unserer Armee wirksam ist, in den technischen Stellen nicht minder als bei den kämpfenden Truppen. Und wir wünschen, daß diese Energie und Tatkraft, die uns Oesterreichern ganz abzugehen schien, in so hohem Maße vorhanden ist und Zucht und Ordnung schafft. Das aber wird umso notwendiger sein, als große Provinzen der Monarchie von den Greueln des Krieges arg durchwühlt wurden und zu erhoffen ist, dab neue Gebiete zur ehrwürdigen HabsburgermonarChie geschlagen'' Werden. Es kann den Bewohnern dieser Gebiete, Polen wie Juden nur nützlich sein, wenn an Stelle der gemütlichen Zivilregierung, die allzu reichlich Augenblickswünschen nachgab, die straffe und intelligente militärische Verwaltung, die sich während des Krieges so glänzend bewährt, bis zum Eintritt ruhiger Zeiten etabliert bleibt. Die friedliche Annexion Bosniens und der Herzegovina hat die Regierungsfähigkeit einer österreichischen Militärverwaltung in das beste Licht gerückt. Uns Juden hat allzulange ein doktrinärer Liberalismus verwirrt.- Wir müssen aus der dekadenten Systemlosigkeit Frankreichs, aus dem ewig gewinnlüsternen und darum gewissenlosen englischen Parlamentarismus die Inhaltslosigkeit gewisser nach Freiheit riechender Schlagworte kennen lernen und sie naCh ihrem wahren Werte prüfen; umsomehr als nicht der Zwang des berüchtigten preußischen Militarismus die herrlichen Siege erringt, sondern der treue und wahrhafte Geist des deutschen Volkes. Wir Juden werden die besten Stützen eines klugen und energischen Zentralismus sein — das Wort steht trotz seiner Vergangenheit nicht im Gegensatz zum Föderalismus —; wir haben unbewußt schon den österreichischen Staatsgedanken treu und uneigennützig getragen und wir werden unsere unwandelbare Liebe zur Habsburgermonarchie nach den Erfahrungen dieses Krieges umso inniger bewahren und verfechten gegen alle Bestrebungen, die unter dem Deckmantel der Treue zu einem der Völker die Bande der Zugehörigkeit zu lockern suchen. Im österreichischen Galizien und dem der Monarchie zugewachsenem Gebiete des einstigen Russisch-Polens werden die Juden aufrichtige Bekenner des Staatsgedankens sein. Bui zwei Stahlen. Es ist das Los der auf zwei Stühlen Sitzenden : während sie sichin ihrer Lage sicher ’ fühlen, werden sie fast unbemerkt an die L.nt gesetzt. Dieses unvermeidliche Schicksal mußte auch die zwischen Judentum und Polentum herumpendelnden galizischen Assimilanten ereilen. Ihre „Erklärung“ in der jüdisch-polnischen Frage, der sie einleitend ein objektives Gepräge zu geben sichbemühten, fand schon in den eigenen assimilatorischen Kreisen ablehnende Aufnahme, was die ausdrückliche Verweigerung der Unterschriften von seiten der Herren Samuel von Horovvitz, der Abgeordneten Dr. Gross und Rauch genügend beweist. Die übrige, nationalgesinnte Judenschaft weist diese Eiklärung natürlich mit Entschiedenheit zurück. Nun melden sich auch diee Polen zum Worte. In einer Artikelserie, betitelt „Die polnische Sache und die Juden“ befaßt sich die in Posen erscheinende polnische Tageszeitung „Kurjer Poznanski“ (Nr. 161—163; mit beregter Erklärung, die das polnische Pressbureau in Wien unter der Spitzmarke „Die Juden gegen die antipolnischen Ueberfälle“ an die Presse versandte. Von den elf Unterzeichnern der Erklärung nennt das Blatt nur einige, darunter auch den „von der Rydzyna-Affäre bekannten“ Natan Löwenstein. Das Blatt tadelt die Unterzeichner, daß sie sich mit einer bloßen Erklärung begnügten, während es „für die Juden, die Patrioten sind nicht nur in Gesten und Worten, sondern sich wirklich auch innerlich mit der polnischen Gesellschaft verbunden haben“, eine „dankbare Aufgabe“ wäre, gegen die Ueberfälle von Brandes, Bernstein und Konsorten „klar und unzweideutig“ zu protestieren, was die polnische Bevölkerung auch erwartete Das Solidaritätsgefühl der Unterzeichner mit den Herren Brandes und Bernstein sei aber stärker als ihr „polnisches Pflichtgefühl“. Warum aber das „polnische Pflichtgefühl“ die Unterzeichner gerade zu dieser Handlung verpflichten sollte, läßt das Blatt unerörtert. # Diesen nicht ohne Bissigkeit vorausgeschickten Bemerkungen folgt eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Hauptgedanken der „Erklärung“ — „vom polnischen Standpunkte“. Diese Auseinandersetzung ist für uns umso interessanter, als sie einerseits unsere vorwöchigen Ausführungen in dem Aufsatze „Etwas zur Erklärung“ teilweise bestätigt, andererseits die Karten ganz aufdeckt und uns die wahre Gesinnung auch dieses Teiles der polnischen Nation zeigt. Der „Kurjer Poinanski“ tritt zunächst der Behauptung der galizischen Assimilanten entgegen, wonach die Verschärfung der Judenfrage in Kongreßpolen lediglich auf die Politik der russischen Regierung und auf die antisemitische Agitation der gutorganisierten allpolnischen Partei zurückgeführt wird. Das Blatt behauptet entschieden, daß die Unterzeichner an diese ihre „ob.Tflächüche und einseitige Ansicht selbst nicht □ □ Der Schekel muß von jedem Zionisten bezahlt werden. Die Zionistische Organisation muß erhalten und gestärkt werden. Q □

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.