Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 29 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG rN'r. 29 Es ist wiederholt dankbar anerkannt wonden, daß die Regierung den Flüchtlingen, auch den jüdischen, weitgehendste Fürsorge angedeihen ließ und allen ihren Bedürfnissen tunlichst Rechnung zu tragen suchte. Der in seine Heimat rückkehrende Flüchtling bedarf dieser Fürsorge nicht minder. Nicht allein auf die Unterstützung für die ersten vier Wochen kommt es ihm an. In sehr vielen Fällen findet er sein ganzes Hab und Gut vernichtet, so daß er an die Schaffung einer neuen Existenz gehen muß. Hiezu braucht er nicht nur Unterstützung, sondern vor allem wohlwollendes Entgegenkommen seitens der Behörden. Die von der Zentralregierung für den Wiederaufbau Galiziens und der wirtschaftlichen Existenz seiner Bewohner getroffenen Maßnahmen sind zweifellos so geartet, daß auch den Juden Recht wird. Ist es doch gewiß gewiß kein bloß zeitliches Zusammentreffen, daß an dem Tage, an welchem die Aufforderung zur Rückkehr der Flüchtlinge erging, für Galizien ein neuer Statthalter, der General der Infanterie Hermann v. Colard, bestellt wurde. Als Militär ist er frei von politischen und nationalen Einflüssen, als Kenner von Land und Leuten kennt er auch die mit der früheren Verwaltung verknüpften Mängel. Er Word sie abstellen. Das ist die Hoffnung der jüdischen -Flüchtlinge und aller Juden Oesterreichs. Vorkämpfer des Fortschrittes und der Freiheit j Niemojewski und Swientochowski in den Chor 1 der Antiseemiten eingestimmt? Hat denn während j der Verhandlungen über die Vorlage der Autonomie für Russisch-Polen in der Duma das Petersburger Kolopolski, also die nationale Repräsentanz des polnischen Volkes in Rußland durch den Mund ihres Mitgliedes Jaronski nicht die Zustimmung zur Beschränkung der Rechte der Juden in Russisch - polen gegeben? Und erklärte denn nicht dieselbe nationale Repräsentanz der Polen in der Duma, als die Frage der Verifizierung des Mandates des polnischen Sozialisten Jagiello verhandelt wurde, daß sie im Falle der Bestätigung seines Mandates für die Folgen keine Verantwortung übernehme und nicht garantiere, ob in Russisch - Polen nicht Judenexzesse au sbrechen würden. Es ist jetzt nicht unsere Absicht, zu untersuchen, in welchem Maße gegen die Polen in Kongreßpolen erhobenen Beschuldigungen des Brandes und Konsorten zutreffen. Gewiß ist nur, daß durch die Erklärung der galizischen Assimilanten diesen Beschuldigungen am allerwenigsten entgegengetreten werden kann. Dieser „Liebesdienst“ kann daher den Polen kaum nützen und die Unterzeichner der Erklärung kaum ehren. M. Henisch. Etwas zur „Erklärung“. Die Glossen eines Oesterreichers zur Erklärung der galizischen Assimilanten in Nr. 2S der „Jüdischen Zeitung“ enthalten wohl manch treffliche Bemerkung, vermögen jedoch nicht, diese „Worte der Aufklärung“ gehörig zu beleuchten. Es wurde bereits darauf 'hingewiesen, daß die beregte Erklärung die günstigere Lage der Juden Galiziens — gegenüber der Lage der Juden in Russisch-Polen — hauptsächlich auf die Auj tonemie dieses Landes zurückführt. Zwar wird auch der Förderung, die der Gang der Dinge seitens der österreichischen Staatsverwaltung erfahren hatte, Erwähnung getan, aber nur ganz nebenbei jmd in einer Weise, als ob es sich hiebei tatsächlich bloß um Nebensächliches handeln würde. Zudem wird die österreichische Staatsverwaltung merkwürdigerweise gar als „außenstehender Faktor“ bezeichnet. Die Bemerkungen über die „vielen Mängel“ und darüber, daß „die politische und wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien noch vieles zu wün- . sehen übrig lassen“, die in diese Hymne schwerlich hineinpassen, verdienen besonders festgehalten zu werden. Was nun die Lage der Juden in Russisch- Polen betrifft, so wird zunächst die Boykottbewegung andeutungsweise erwähnt, die auf die infolge Zuwanderung aus Rußland entstandene „sprunghafte Verschiebung der gegenseitigen wirtschaftlichen Beziehungen“ zurückgeführt wird. Die Unterzeichner der Erklärung scheinen übersehen zu haben, daß die Anfänge dieser Bewegung in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückreichen und schon vor Jahrzehnten m der Warschauer „Rola“ ihren Vor- Vorkämpfer fanden. Diese Bewegung bestand somit tatsächlich seit langem und die polnische Bevölkerung -wurde auf sie trotz des „ungetrübten Verhältnisses“ zu den Juden vorbereitet.. Und es bedurfte nur eines äußeren Anlasses, wie es die Unterstützung der Kandidatur des polnischen Sozialisten Jagiello war, daß diese Bewegung mit besonderer Vehemenz einsetzte und alle Schichten der polnischen Bevölkerung (erfaßte. Daß die Unterzeichner die Ablehnung der Kandidatur des judenfeindliche« Kucharzewski seitens der Warschauer Juden als ein „Uebergreifen auf das nationale Gemeinleben“ der Polen wenn auch nur andeutungsweise bezeichnen, ist recht charakteristisch. Die .„wesensfremde, antisemitische Bewegung“ in Russisch-Polen wird in der „Erklärung“ der „rührigen und wohlorganisierten antisemitischen Partei“ zugesdirieben, wobei auch diese von der Beschuldigung der Pogromagitation reingewaschen wird. Allein, ist es wirklich nur d i e antisemitische Partei in Russisch-Polen, die den Judenhaß geschürt hat? Haben nicht etwa die .meines [ge mapm£! Frische Kochung aus besten Früchten der Jetzigen Ernte Maaca^f. MARMELADE Oie fllipolen beteuern ihre Eoyaiifät. Der Abgeordneie Glombinski, Führerder polnischen demokratisch-nationalen „allpolnischen“ Partei ersucht um den Abdruck folgender Erklärung, die er in der letzten Sitzung der parlamentarischen Kommission des Polenklubs^abgegeben hat: „Die polnische demokratisch-nationalePartei steht seit Anbeginn ihrer Gründung in Oesterreich im Dienste der polnischen nationalen Idee unter Wahrung der in ihrem Parteiprogramm ausdrücklich ausgesprochenen Loyalität der Dynastie und der österreichisch-ungarischen Monarchie gegenüber. Getreu diesem ihrem Programm und eingedenk der Gebote nationaler Würde, ist unsere Partei niemals mit Faktoren und El menten, welche die polnische Nation unterdrücken oder der Monarchie feindlich gegenüberstehen, in irgend eine Verbindung getreten und ha* immer aufrichtig und offen in prinzipiellen Fragen der nationalen Politik diesen ihren leilenden Grundsätzen Ausdruck gegeben. Die Partei kann daher für Auslassungen einzelner Personen, welche ihrem Programm und ihren Beschlüssen zuwideilaufen, keine Verantwortung übernehmen, ebenso für irrige und tendenziöse Deutungen ihre Beschlüsse und Absichten, sowie für Artikel und Aufsätze solcher Zeitungen und Schriften, die weder Eigentum der Partei bilden, noch durch deren Beschlüsse gebunden sind, wenn auch dieselben in der öffenlichen Meinung, wie z.B. das „Slowo Polskie“, irrtümlich für Organe der Partei gelten mögen.“ luden in der neuen städiisdien Selbstverwaltung RussisMokns. Wie bekannt, werden jetzt nach der neuen „Städteordnung“ für die unter deutscher Verwaltung stehenden Gebietsteile Russisch- Polens die Mitglieder des Magistrats ((Schöffen) und des Stadtverordnetenkollegiums bei der erstmaligen Bildung ernannt. In Lodz, Pabianice, Wieiun und vielen anderen Städten haben die Ernennungen schon stattgefunden. Wir hören aus bester Quelle, daß die jüdische Bevölkerung ihrer Stärke gemäß neben den anderen Naionalitäten bei der Bildung der städtischen Selbstverwaltungs - Körperschaften voll und ganz berücksichigt wird. So sind in Lodz uner den 10 Schöffen drei Juden Vertreten, nämlich die Herren Bankier Stanislaus Jarocinski, Fabrikbesizer Bielszowski und Kaufmann Sergius Hoffmann. Unter den 36 Stadtverordneten befinden sich 12 Juden. In Pabianice wurden zu Schöffen drei Deutsche, zwei Polen und ein Jude ernannt. Die 23 Stadtverordneten sind, wie wir hören, durch 12 Deutsche, 7 Polen und 4 Juden vertreten. In Wieiun befinden sich unter den Schöffen 4 Deutsche, 4 Juden und 4 Polen. Wir geben der Erwartung Ausdruck, daß auch in den unter österreichischer Verwaltung stehenden besetzten Teilen Russisch-Polens die Juden neben den Deutschen und Polen als gleichwertiger Faktor behandelt werden. 600.000 Huden in Bublanb oböadilos gemathf. Infolge der von den Militärbehörden angeordneten Massenvertreibungen hat die Zahl der obdachlos gewordenen Juden in Rußland nach einer vorsichtigen Berechnung des Petrograder Jüdischen Zentralhilfskomitees bereits die ungeheuerliche Ziffer von 600.000 überschritten. Das Massenelend dieser Opfer der russischen Sclirekkensherrschaft hat solche fürchterliche Dimensionen angenommen, daß das erwähnte Komitee auf seiner letzten Sitzung den- Beschluß fassen mußte, eine allgemeine Selbstbesteuerung der russischen Juden zugunsten der Unglücklichen durchzuführen ü. zw. derart, daß jedermann 5 Prozent seiner täglichen Ausgaben an die Hilfskasse abführt, abgesehen von besonderen höheren Spenden der vermögenden Schichten. Das Petrograder Zentralhilfskomitee war auch infolge seiner übermäßigen Inanspruchnahme gezwungen, den Heimatlosen in Warschau die bisher geleistete Unterstützung zu entziehen. Die Warschauer jüdische Gemeinde erwägt den Plan einer speziellen zwangsweisen Besteuerung ihrer Mitglieder zugunsten der Heimatlosen. Die russische Regierung hat 500.000 Rubel für die von der Heeresleitung vertriebenen Juden aus dem „Kriegsgebiet“ bewilligt. Diese Summe, die der ungeheueren Not gegenüber als Almosen bezeichnet werden muß, wird keinen vernünftigen Menschen über die wahren Absichten der russischen Regierung hinwegtäuschen, die fest entschlossen ist, die Juden zum Sündenhock für alle Sdiidksalsschläge des zusammenbrechenden Regimes zu machen. Der Jiiflistbe.s Verband im Kriege. . Zu den Organisationen, die durch den Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen wurden, gehört unstreitig auch der Jüdische Handlungsgehilfen- Verband. Schon anläßlich der allgemeinen Mobilisierung machte sich die Einberufung vieler Mitglieder sehr fühlbar, im Laufe des Krieges stieg die Zahl der eingerückten, beziehungsweise im Felde stehenden Mitglieder auf ungefähr SO °«. ln manchen Ortsgruppen ist überhaupt kein männliches Mitglied zurüdcgeblieben. Von den Mitgliedern der Verbandsleitung sind u. a. eingerückt: Die beiden Vizepräsidenten Benno Deutsch, Samuel Strauß, sowie die Herren Friedrich Spatz, Ernst Hirsch, Siegfried Kessler fBrünn), Karl Fried (Proßnitz), Isidor Fischer - (Mähr. Ostrau). Verwundet wurden u. a. Benno Deutsch, Leo Rothschild, Hermann Blatt (Wien), Salo Liebeskind (Mähr. Ostrau). Die Kollegen Josef Künstler und David Händel gerieten in Gefangenschaft, ersterer in serbisdie, letzterer in russische. Dem Kollegen Samuel Inslicht gelang es, in Galizien aus der russisdien Gefangenschaft zu flüchten und nach langen Irrwegen wieder in Wien einzutreffen. Er ist nunmehr wieder eingerückt und für eine Auszeichnung vorgeschlagen. Am 26. Juni 1Q15 fiel bei - einem Sturmangriff gegen die Russen eines der wackersten Mitglieder des J. H. V., der Kriegsfreiwillige Sigmund Salzer vom Inf. - Reg. Nr. , Beamter der Firma B. Spiegler & Söhne in Wien. Wiewohl erst seit ca. zwei Jahren Mitglied der Organisation nahm er doch an allen Veranstal- 0619239891